Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

T117-Juliana-02

Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

T117-Juliana-03

Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Pause in Annaberg

Ruhe-Ort in ruhiger Stadt

Annabergs Zentrum ist wunderschön restauriert. Es gibt gut gemachte Museen (Bergbaugeschichte), Besucherbergwerke, eine sagenhaft schöne Kirche (spätgotische Hallenkirche) , eine fantastische Berglage (Toskana Dörfer könnten neidisch werden), tolle Kunsthandwerksgeschäfte, sogar ein, zwei wirklich gute Restaurants.

Dennoch ist Annaberg völlig tot.

Ich bin morgens auf den Marktplatz gegangen: Leer. Ich habe die kleine Fußgängerzone abgelaufen: Niemand in der Straße. Ich habe mich in Cafés gesetzt: Ich blieb allein. Das gleiche mit den Restaurants. Ab 8 Uhr abends sind alle entvölkert. Manche schließen sogar um diese Zeit.

Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Ich habe Kellnerinnen, Geschäftsleute, Museumsführer befragt. Alle meinten, es läge nicht an wirtschaftlicher Not. Die Leute gingen einfach nicht aus. Und zum Einkaufen führen sie in die großen Malls am Rand der Stadt. Die einzige Kundschaft seien Touristen, die sich aber auch nicht in großer Zahl nach Annaberg verirrten.

Seltsames Erzgebirge.

Personal Feelings

Hunger: Wiesentholer Pelzflasch (Schweinebraten mit gebratenen Pilzen, Sauerkraut und böhmischen Knödeln). 9,80 Euro.
Schmeckte zu Beginn überraschend gut. Mit der Dauer verlor die ungewöhnliche Zusammenstellung aber ihren Reiz und wurde geschmacklich eher langweilig.
Trotzdem gut, dass überhaupt Neues riskiert wurde.

Mönch Augustus badet in Bier und geht nur widerwillig mit nach Schönsee

Ein Turm so hoch wie ein Drachenhals

Nebel und Nieselregen nach dem ersten Rausgehen um halb 9. Das Wetter wie gemalt für ein echtes Drachenabenteuer. „Drachenturm“ heißt der Mittelpunkt des Örtchens Treffelstein in der Oberpfalz. Nur, ich fand dort kein schnaufendes Ungetüm vor, sondern einen vor Kälte zitternden, halb nackten Mönch. (Auch wenn „Augustus“ wie ein Engel aussah: In seinem irdischen Leben war er ein fetter prassender Betbruder gewesen.)

Auch aus Mönchen werden Engerl

Ich wärmte ihn in der Tasche meiner Regenjacke und stiefelte los. Ab nach Schönsee, immer dicht an der tschechischen Grenze entlang. Am Ende wurden es wieder einmal rund 29 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 023

Nach ein paar Stunden erreichte ich Schwarzach. Direkt an der tschechischen Grenze. Schöne bäuerliche Kulturlandschaft mit einem Hauch von Frühling.

Wolkenspiel über Scholle

Im verschlafenen Grenzstädtchen: ein Kaufhaus, wie aus der Zeit gefallen. Stammt wohl noch aus der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders und wurde baulich nie verändert.

Diese Fassade erzählt Wirtschaftsgeschichte

Die Tür war zu. Aber wenigstens eine Telefonnummer war angegeben.

Wie praktisch, dass Frau Vogl so nah wohnt.

Frau Vogl kam auch gleich und führte mich in ihr Zauberland. Drinnen im Kaufladen: unfassbar schöne Stoffe in allen Größen. Alles aufwändigste filigrane Klöppelarbeiten. Leider ließ die Hausherrin mich nicht fotografieren, gestattete mir jedoch, die Schaufenster abzulichten.

Wochen dauert es so ein kleines Kunstwerk herzustellen

Puppenstube mit Spindel und Klöppelzeug

Frau Vogl war eine freundliche ältere Dame, die schnell auf ihr Lebensthema kam: die Vertreibung. Sie erklärte mir, dass ich mich gerade in Bayerisch Schwarzach befände. Auf der anderen Seite gab es einmal das sudetendeutsche Pendant: Böhmisch Schwarzach. Die Tschechen hätten das Dorf  nach dem Krieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen platt gemacht. Wie so viele grenznahe Weiler. Sogar ein kleines Schlösschen hätten sie niedergewalzt, um alle Spuren einer ehemals deutschen Besiedlung zu beseitigen. Die geflohenen Sudeten hatten nicht viel mehr als ihr Kunsthandwerk mit auf die bayerische Seite gebracht. Hier hätten früher nur wenige Frauen geklöppelt. In den 50er und 60er Jahren habe es dann aber sogar mehrere Klöppelschulen gegeben. Mit dem Wirtschaftswunder habe sich dann alles wieder verändert. Das Handwerk sei mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Heutzutage könnten nur noch wenige Alte, so wie sie, einen komplizierten Stoff klöppeln. Es sei absehbar, dass diese Kunst auch in dieser Gegend bald aussterben würde.

Sprach’s und ließ mich zurück.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Meine Wanderung entlang der Grenzen Deutschlands hat neben allem Abenteuerlichen auch etwas eminent Politisches. Ich bekomme mehr und mehr die Narben unserer Geschichte zu sehen. Vielleicht liegt es an der „Grenze“. Grenzen trennen, wo vorher ein Ganzes war. Ein (geopolitischer) Strich genügt, um urplötzlich aus „Nah“ „Fern“ zu machen. Aus Nachbar wird: Ausländer, aus Familienmitglied: „Der da drüben“, aus Freund: Feind, aus Verständnis: Unverständnis. An den Grenzen eines Staates spielen sich die wesentlichen geschichtlichen (und familiären) Dramen ab. Hier – so merke ich immer mehr – ist die Vergangenheit wie mit einem Degenhieb eingehauen. Und hier erinnert man sich deutlich länger (als in den Städten im Bauch Deutschlands).

Wenn Grenzen einem Land die Kontur geben, so ist mein Heimatland ein schlecht vernarbtes, pockiges, immer noch nicht ausgeheiltes „scarface“.  „Scarface Deutschland“:  Das Bild gefällt mir.

Ich zog weiter mit meinem maulenden Mönch in der Tasche. Hatte aber keine Lust auf Unterhaltung. Ließ ihn nicht raus.

Erreichte um die späte Mittagszeit das Dörfchen Stadlern. Sympathisch kleiner Grenzort. Hatte nur Schwierigkeiten, etwas Wasser zu besorgen: (fast) alles geschlossen.

Dorfzentrum: natürlich die Kirche.

Sauber aufgeräumt - nur noch ein paar Schneekleckse

Weiter oben ein Kalvarienberg, wie ich ihn – für so ein kleines Kaff – noch nicht gesehen habe.

Gekonnte Aufstellung: Bäume mit Stelen

Will jetzt nicht Monte Python zitieren

Was für ein majestätischer Kulissenaufbau

In einiger Entfernung der, den sie „Gottvater“ nennen. Sein Blick! Ist er barmherzig, ist er streng, strafend,  ist er wissend oder verachtend? Ist er gütig, mitleidig, verzeihend oder nur egomanisch?

Ein Krieger oder ein Versöhner ?

Oder ist er – noch immer bewege ich mich im „Drachenland“ – lediglich ein ordinärer KreuzRitter. Dafür spräche ein anderes Denkmal im Zentrum der Ortschaft: ein ziemlich junges sogar aus dem Jahr 1990. Ein Ritter soll „Gott zur Ehr“ gereichen und den normalen Bürger beschützen.

Was soll das ? Heute ?

Beim Sinnieren über Ritter erinnerte ich mich an meine Gäste in der Hosentasche. Ich ließ Kuno und Augustus etwas Luft schnappen, während ich fotografierte. Auf einmal setzte ein grauenhaftes Geschrei an. Die beiden konnten einfach nicht miteinander. Kuno hatte Augustus das Krönchen vom Kopf gehauen und war kurz davor ihn mit seinem „Instrument“ zu kitzeln.

Kuno spießt einfach am liebsten auf

Ich befreite Augustus (eigentlich: Dummer August!) aus seiner Not, steckte beide wieder in die Hosentasche und marschierte los in die Oberpfälzer Berge.

Jahrmillionen dauert es solche Gneis Formationen zu modellieren

Ab 600 Meter Schnee. Auf 800 Meter Höhe: Tiefschnee. Ich sank manchmal unangenehm tief ein. Der Aufstieg wurde zur Qual.

Sieht nett aus, war aber tierisch anstrengend

Noch immer fehlten 100 Meter bis zum Gipfel. Dort steht der Böhmerwald-Aussichtsturm. Ein Monstrum.

Auf 898 Meter Höhe geht es noch mal aufwärts

142 Treppen. Und was sieht man als erstes: den nächsten Turm!

Kein Plattenbau - Der Plattenberg !

Diesmal auf tschechischer Seite. Die ganze Grenze entlang ragen haufenweise mächtige Grenzlandtürme in den Himmel. Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Was immer man von dort beobachten konnte, es kann nicht wirklich interessant gewesen sein. Heute sind die meisten Grenzlandtürme tolle Aussichtsmöglichkeiten. Schwerter zu Pflugscharen!!!

Beim Abstieg (mit ziemlich aufgeweichten Hosen, hab doch gut gefroren!) machte ich noch einen kleinen Umweg. Nach Bügellohe. Direkt an der Grenze gelegen. Man konnte nach Tschechien spucken. Ein Geisterdorf. Zerfallen, von Wald überwuchert. Nur noch ein Haus nicht völlig eingestürzt.

Das Dach trotzt dem Winter seit 60 Jahren

1946 waren vertriebene Sudetendeutsche hierher geflohen, hatten Notunterkünfte errichtet, in der Hoffnung zurück kehren zu können, hatten bald bemerkt, dass das nicht möglich war und schufen eine Siedlung mit Massiv-Häusern. Allerdings ohne Strom, Wasser und öffentliche Verkehrswege. Nach und nach gaben die Neusiedler auf, zu unwirtlich die Höhe. Mitte der 70er verließ der Letzte das Dorf. Zurück blieb eine Geisterstätte.

Denkmal der Vertreibung

Ab ins Tal. Durchlaufen bis Schönsee. Tristes Kleinstädtchen. War extrem schwierig überhaupt eine Unterkunft zu finden. Viele Herbergen sind für immer geschlossen. Ich musste im Ort viel herumfragen, bis ich einen Gasthof fand, der zwar außen nicht beleuchtet, dafür aber offen war. 17:30 endlich am Ziel!

Durst: Mönch Augustus war mir zuvor gekommen. Hatte sich in das Glas gestürzt, als wollte er sich im Gerstensaft ersäufen. Ich hatte Mühe, ihn herauszuziehen. Er wehrte sich gewaltig.

Im himmlischen Delirium

Haberl-Bier. Saugut! Einige Minuten gezapft – wie ein Pils. Mit lang haltender Schaumkrone und noch länger nachhallendem Geschmack -und dazu weich am Gaumen! Respekt!

Der Wirt erzählte mir, dass sein Schwager diese Brauerei betrieb. Ein 3 Mann Unternehmen: Brauereimeister, Gehilfe und Ausfahrer. Aber wie alle Kleinbrauereien kämpfe der Schwager ums Überleben. Die Großen der Branche kauften nicht mehr – wie früher – die Kleinbetriebe auf, um die Konkurrenz zu erledigen. Heute warteten sie nur noch ab, bis die siechen Unternehmen still und leise dahinschieden. Ich wurde beinahe melancholisch.

Hunger: Schweinsbraten klassisch mit selbstgemachtem Semmelknödel und Salat. 8,50 Euro. Alles bestens.

Klassischer Schweinsbraten

Um Mitternacht in die Kiste! Merkwürdigerweise vertrugen sich Kuno und Augustus wenigstens im Schlaf.

Kuno schläft, auch wenn ein bisschen angespannt

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück).

Meine einzigen Begleiter bis nach Breitenberg sind Wegkreuze

Früh aufgestanden, aber spät gestartet. Das geht so zusammen:

Gestern, als ich Wegscheid betreten hatte, war mir ein Schild aufgefallen: „Handweberei“. Seit langem sammle ich schönes Kunsthandwerk.
Also ging ich heute morgen sehr früh zur Werkstatt. Und fand ein lebendiges Museum.
Wohl die letzte nicht industrielle Weberei im Bayerischen Wald.

Ein überaus sympathischer Kerl (einer der Brüder, die das Unternehmen leiten) gab mir eine kurze Einführung in die Weberei-Geschichte der Region.

Vor Jahren wurde in der Gemarkung in (fast) jedem Bauernhof gewebt. Das Wegscheider Leinen war europaweit begehrt. Nach dem Krieg starb das Handwerk praktisch aus. Bis auf diese Weberei. (Es gibt nur noch zwei, drei Frauen in der Gegend, die per Hand spinnen und auch privat weben.) In der Webfabrik arbeiten neben BruderUndBruder ein halbes Dutzend angelernter Frauen aus Wegscheid (halbtags). Sie produzieren fantastische Stoffe.

Weberinnen in Wegscheid

Fingerfertigkeit am Handwebstuhl

Feinste Handarbeit in Wegscheid

In der Weberei habe ich mir übrigens einen Kissenbezug (Schwedenstern-Muster) und einen Tischläufer gekauft. Faire Preise.

(Habe das Video mit meiner neuen Spiegelreflex gedreht, bekomm’s aber nicht gescheit konvertiert. Werde mich damit beschäftigen, wenn ich mal Pause mache.)

Mehr zur Geschichte der Webkunst auf der Webseite der Handweberei:

http://www.handweberei-moser.de/startseite.html

Hatte mir vorgenommen, heute bis nach Breitenberg zu gehen. Ca. 17 km. Halb zehn spazierte ich los. Der Weg führte größtenteils parallel zur österreichischen Grenze.

GPS-Gesamtstrecke bis 010

Mieses Wetter. Konnte sich nicht entscheiden zu regnen oder zu schneien. Ziemliches Rumgerutsche. Immer wieder Glatteis. Hatte ab und zu Angst um meine Fotoausrüstung (bei einem Sturz).

Nur selten kam mal etwas Sonne durch. Dann aber prächtige Stimmungen.

Blaue Flecken in Wolkenwand

Die treuesten Wegbegleiter – wie immer – Wegkreuze. Diesmal gab es ganz besondere Exemplare. Kunsthandwerklich anspruchsvoll.

Die ganze Bibel in einem Kreuz

(Wenn ich es recht verstehe, stehen all die Werkzeuge, die hier rund um den Gekreuzigten modelliert sind, für die Instrumente, mit denen Jesus gefoltert (Geißel), nach Golgotha geschleppt (Kette), ans Kreuz geschlagen (Leiter, Hammer) und gemeuchelt wurde (Schwert, Lanze). Plus die gesamte Verrats-Geschichte.

Kunstfertige Schnitzereien am Wegrand

Schön arrangiertes Wegkreuz mit Birken

Werde auf meinem Blog demnächst eine Seite (unter „Galerie“) einrichten, nur mit den Wegkreuzen, die ich passiere. Es sind viele und ich nehme jedes einzelne auf. Habe kaum Zeit, sie besonders abzulichten. Schnappschüsse, aber sie erzählen genug über die Volksfrömmigkeit in dieser Gegend.

Zur Abwechslung (wenn schon keine Menschen auf den Wegen) mal ein paar Viecher.

WeissBraunes Paar

Zahnpflegewerbung

Paartanz

Langsam wurde es Abend. Eine Polizeistreife hielt mich kurz vor Breitenberg auf. Ich machte mich durch bloßes Wandern verdächtig. Ist ja sonst niemand zu Fuß unterwegs. Die Beamten waren reichlich unhöflich, ließen mich aber wieder laufen – Pass war gültig und deutsch.

Noch einmal grandioses Landschaftsbild mit Häuserdach.

Weiss in Weiss mit Grau

15:30 Uhr Ankunft in Breitenberg.

Durst:
Erstes Bier ein Hutthurmer Helles (Brauerei im Bayerischen Wald, gegründet 1557!!!!). 2,40 Euro.

War gut. (Hab‘ allerdings langsam den Verdacht, dass in manchen Gasthäusern nicht richtig gezapft wird. Oft wirken die Biere abgestanden. Wissen die Wirte eigentlich, welchen Frevel sie begehen?)

Hunger:
Wildteller (Keule vom Wildkaninchen, Wildschwein- und Rehfleisch) mit Kroketten und Salat.

War okay. (Ich werd langsam bescheiden oder ich bin zu anspruchsvoll. Was könnte man nicht alles aus diesem Fleisch machen!) (16,90 Euro)

Dazu ein Wolferstetter Hefeweizen. (2,40 Euro.) Bitte Etikett beachten!!

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).