Im Schweinsgalopp und von Fliegenden Mäusen begleitet Ramsau erreicht

Der Tag fing mit einer Verrücktheit an. Kaum losgelaufen, dachte ich für einen Moment, eine fliegende Maus zu sehen.
Dabei war es nur ein kleiner Vogel mit einem verstümmelten Schwanz. Er konnte nicht mehr richtig navigieren und stümperte durch die Luft.

Ich nahm das kurze Gaukelspiel meines Gehirns als vorsichtiges Zeichen, dass ich langsam mit meiner Grenzwanderung zu Ende kommen sollte. Diese Schlussetappe dauerte nun fast schon 5 Wochen. Nicht nur für die Füße anstrengend.

Gottseidank war das nächste Tier, das mein Hirn als Ziege identifizierte, tatsächlich eine Ziege.

Sie meckerte mich an. Eindeutig!

Kein Frechdachs - Frechiege!

Kein Frechdachs – Frechziege!

Extra früh aufgestanden. Schnell gefrühstückt. Und doch wieder lange gebraucht, bis der Rucksack gepackt und ich vollständig angeschirrt war. Halb 9 losgelaufen.

Ich hatte vor, nach Deutschland zurück zu kehren. Nicht klar war mir, dass es die längste Strecke dieser Etappe werden würde. 43 Kilometer bis nach Ramsau im Berchtesgadener Land.

GPS-188-Waidring

GPS-Gesamtstrecke bis 188

Der Herbst war noch nicht alt, aber er fühlte sich wie Ende November an. Grau, kalt, neblig.

Eigentlich will ich grad raus!

Eigentlich will ich grad raus!

Erst kurz eine überhaupt nicht befahrene Landstraße gegangen. Anschließend am Ufer des Loferbaches entlang.
Ziemlich genau auf der Grenzlinie zwischen Tirol und Salzburger Land stand ein Denkmal für die Tiroler Freiheitskämpfer.

1809 dem Kaiser gewidmet.

Tiroler Stolz

Tiroler Stolz

Geehrt wurden die „Hervorragenden Anführer“ und „Hervorragenden Landesvertheidiger“, die im Kampf gegen Napoleons Truppen und bayerische Besatzer ihr Leben gelassen hatten.

Tiroler Stolz 2

Tiroler Stolz 2

Ich ging nur auf einem Wanderweg und wurde doch bombardiert mit tirolerischem Freiheitspathos.
Stellenweise klang es nationalistisch.

Tiroler Stolz 3 (Langsam wird's langweilig. )

Tiroler Stolz 3 (Langsam wird’s langweilig. )

Wurden Tiroler mal ausnahmsweise nicht vom Feind gemeuchelt, dann schlug die Natur unbarmherzig zu.

It never stops

It never stops

„Christliches Andenken an Simon Biechl,
geb. 1808. …
Er wurde (1872) bei Holzarbeiten, von einem Stein erschlagen.
Das ewige Licht leuchte ihm!“

Kann mir jemand erklären, wer diesem unglücklichen Mann so lange öffentlich das Andenken hält? Und was sich dahinter verbirgt?

Nach 2 1/2 Stunden schnell einen Braunen in Lofer getrunken. Netter Ort.

Farbe der Reinheit

Farbe der Reinheit

Ab hier folgte ich der Saalach. Ein ausgesprochen schöner Weg begleitete den grün sprudelnden Bergfluss bis nach Deutschland.

Simply red

Simply red

Simply green

Simply green

Der Grenzübertritt war nicht markiert. Tirol und Bayern verschmolzen ineinander.

Tirol=Bayen

Tirol=Bayen

Wenn es überhaupt eine Abwechslung unterwegs gab, dann mal ein kleiner Wasserfall.

Klein=Fein

Klein=Fein

Oder eine kaputte Wanderbrücke, die mich zwang, durch den Bach zu waten, der aber ziemlich seicht war.

Danger!

Danger!

Unterwegs – ich erinnere nicht mehr genau wo – eine Leberknödel-Suppe bei einem Metzger gegessen.

T188-Essen-01

Ich hatte Energiebedarf. 6 Stunden war ich nun bereits „on the run“. Und noch immer hatte sich nicht mein sonstiges „Wandergefühl“ eingestellt. Eine Art kreative Leere. Ein Nichts Denken, Vieles Sehen, sich von Einfällen anfallen lassen.
Ich war unruhig, fast nervös. Wie in den letzten Tagen häufiger schon, hatte ich keine Lust mich mit Leuten zu unterhalten. Ich war einsiedlerisch geworden.

Ziemlich genau an der Schneizelreuther Kirche beschloss ich, nicht den kurzen Weg nach Bad Reichenhall zu laufen, sondern den langen Aufstieg nach Ramsau.

Kirche als Wegscheide

Kirche als Wegscheide

Top

Top

Ein Pfad führte mich an Heuschobern vorbei, an denen Schilder vor „Bissigen Kreuzottern“ warnten.

Hier otter es!

Hier ottert es!

Ich fragte mich, ob die Bauern nur verhindern wollten, dass irgendwer in ihrem Stroh nächtigen wollte?

Wunderschön der Uferweg entlang der Saalach. Aber leider nur kurz.

Que belleza!

Que belleza!

Danach musste ich auf die Deutsche Alpenstraße wechseln. Und es ging für zwei Stunden steil, steil, steil nach oben.
Ich wollte durch anstrengendes Laufen meine anstrengenden Gedanken befrieden. Es gelang vollständig.
Der Anstieg war so kräftezehrend, dass ich gar nichts mehr dachte. Ich lauschte nur noch meinem eigenen Schnaufen.

Die Täler immer schluchtartiger, der Abend immer dunkler, mein Wunsch nach einem Bier immer überwältigender.

Bick nicht nach unten

Bick nicht nach unten!

Ziemlich genau um 19 Uhr in der Ortsmitte von Ramsau einen Gasthof gefunden. Nach 43 Kilometern und 10 1/2 Stunden Marschieren im Schweinsgalopp total ausgepumpt.

Riesendurst: Helles. Hofbrauhaus Berchtesgaden. (Seit 1645!!). Ausgesprochen schmackhaftes Bier.

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Hunger: Garniertes Sauerkraut. Mit Wellfleisch, Hausgeräuchertem, Würstl und Knödel. 8,90 Euro. Absolut klasse zubereitet!

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Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

An des Kaisers Nacktem Arsch vorbei nach Waidring

Der Wilde Kaiser zeigte sein altes Wolkenkleid. Ich hätte es ihm gerne ausgezogen, um seine nackte Pracht zu sehen.
Er sträubte sich – fast den ganzen Tag.

Dabei sieht der blanke Fels mit den markanten Zacken so großartig aus.
„Bergsteigers Grab“ wird ein Aufstieg genannt. Am Nackten rutschen viele aus.

Go Pink

Go Pink

Zufrieden hatte ich um 10 Uhr meine Unterkunft verlassen. „Glückshotel“ hatte sich der Betrieb genannt. Eine bleistiftschlanke Empfangsdame hatte mir gestern Abend einen Sonderpreis gemacht (Doppelzimmer ohne Einzelzimmerzuschlag) und sofort die Endorphinausschüttung in mir verdreifacht.
Am Frühstückstisch fand ich heute zudem einen Korb mit Wanderproviant vor (Flasche Sprudel, Snacks, vier Minitüten Gummibärchen und etwas Obst).
Ich merkte mit Erschrecken: Ich war emotional bestechlich.

Mein heutiges Ziel: Waidring. Ungefähr 26 Kilometer zu laufen.

GPS-187-Ellmau

GPS-Gesamtstrecke bis 187

Den zweiten Tag durchwanderte ich jetzt schon dieses Tal. Die meisten Häuser: reine Fassaden-Idyllen. Außen Bauernromantik. Innen Tourismusindustrie.

Und dennoch: Es gab die Erinnerung daran, wie es einmal war.
Blütenpracht auf den Balkonen.

Fleurop war hier

Fleurop war hier

Viele stattliche Häuser mit Giebelkreuz, Giebelhahn und Giebelglocke geschmückt.

Besser ein Hahn auf dem Dach

Besser ein Hahn auf dem Dach

Sogar noch bewirtschaftete Heuschober wirkten museal.

Alt geworden

Alt geworden

Was für ein Gefühl wäre es, so ein Haus das ganze Jahr zu bewohnen?

Balkonien

Balkonien

Oder so eines?

Sunny Side

Sunny Side

Oder vielleicht hier?

Traumlage

Traumlage

Wäre das Glück? Ein bisschen? (Oder ist Glück immer nur absolut und nie „ein bisschen“?)

Der Herbst schmierte seine Leuchtfarben verschwenderisch in die Blätterlandschaft.

Fallende Blätter = Fall

Fallende Blätter = Fall

„Blätter weg – Winter kommt“ sagte Wastl lakonisch. Fast hätte ich ihn überhört und ich war auch nicht sicher, ob er zu mir oder zu seiner Braut gesprochen hatte. Wastl war ein Tiroler Wetterfrosch, der aus allerlei kruden Anzeichen eine Klimaprognose erstellen konnte. Für übermorgen sagte er Schnee in den höheren Berglagen voraus und pustete aus vollen Backen schon mal ein paar Flocken hinaus.

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Ich packte Wastl samt Freundin in den Rucksack.Vielleicht konnte er mir noch nützlich sein.

Nach zweieinhalb Stunden stand ich im Zentrum von St. Johann in Tirol. Pittoresk.

Stadt-Bild

Stadt-Bild

Häuser wie Theaterkulissen.

Kunstvoll

Kunstvoll

Ich trank einen Grünen Veltliner und sah bestiefelten Damen zu, wie sie sich für den Winter präparierten (Mützenkauf!).

Danach erneut auf die Walz. Berg rauf, Tal runter. Aber meist einfaches Gehen.

Bequemer Weg

Bequemer Weg

Ab und zu fühlte ich mich beobachtet.

Big Cow is watching you

Big Cow is watching you

Mit der Landschaft war ich nun vertraut. Es gab kaum Abwechslung. Umso mehr weckten kleine „Kulturgüter“ mein Interesse. Wegkreuze. Oder Schilder wie dieses:

Gedenken

Gedenken

„Anno 1809, den 12. Mai, wurden Simon Stöckl, Witwer zu Bergstett,
Wofgang Oberhauser, Wirt zu Brixen, Christian Telfer,
Stefan Koller, Schickenlapp, Getraud Kogler, Dirn
am Weizenbichl, von Feindeshand hingemordet u. hier bestattet.
Vor der Geißel des Krieges bewahre uns o Herr! R.I.P.“

Einen Steinwurf weiter: Eine Kleinstkapelle mitten auf einer Wiese.

Gedenken 2

Gedenken 2

Erst als ich eintrat, entdeckte ich, dass sie den loalen Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet war.

Ist diese Art von namentlicher Erinnerung an die Toten aus 2 Jahrhunderten mehr als nur Warnung vor dem Blutzoll eines Krieges?

Gedenken-3

Gedenken-3

Ich wollte Wastl nach dieser Art der Tiroler Vergangenheitskultur befragen, aber Wastl war in neckische Spiele mit seiner Braut vertieft. Er funktionierte mein volles Bierglas zu einem Spiegelkabinett um.

Breites Grinsen

Breites Grinsen

Ärgerlich zog ich den Wetterfrosch hinter dem Glas hervor und sah erst jetzt, dass er ein Paradetiroler war. Hosenlatz, feste Bergschuhe, Tiroler Hut.
Mir wurde klar, dass die Tiroler vielleicht noch bessere Image-Vermarkter sind als die Oberbayern.
Das Besondere an den Tirolern. Sie pflegen ihr Bild eines rebellischen Bergvolkes.

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„Alles Quatsch“ – hörte ich Wastl murmeln.

Kaiserwetter am Nachmittag. Wohl der letzte Sonnentag für längere Zeit.

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Von der Ferne konnte ich plötzlich den Wilden Kaiser sehen. Er zeigte mir die Rückseite. Den nackten Arsch sozusagen. (Auf der Vorderseite war er war er wohl immer noch schamhaft verhüllt.)

Backside

Backside

Wiesen wie Meere, aus denen bewaldete Inseln aufstiegen.

Greenland

Greenland

Nach 7 1/2 Stunden erreichte ich Waidring. Das Dorf umgeben von Retortensiedlungen im Tiroler Landhausstil.

Retorten Dorf

Retorten Dorf

Durst: Ich blieb beim Grünen Veltliner.

Hunger: Geschmorter Wildschweinbraten mit Serviettenknödel, Rotkraut und Speckchips. Sehr gut. 12,90 Euro.

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Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

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Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

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GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

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Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

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Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Pause in Kiel

Kiel ist nicht schön.
Im Krieg zerstört, schrecklich wieder aufgebaut. Die Bausünden schrecken heutige Architekten immer noch nicht ab. Es geht gerade so weiter.

Den ganzen Tag nichts anderes getan als Wunden pflegen, Sohlen heilen, Blasen-Pflaster kaufen, Wäsche mit Rei in der Tube waschen (Wundermittel!), Schleswig-Holstein Führer in Büchereien durchblättern, Zeitung zerpflücken, Kaffee trinken und möglichst wenig gehen!

Am Abend kurz das Kieler Bier getestet in einem Brauhaus (sah innen dem Münchner Hofbäuhaus ähnlich). Brauhaus gibt es seit 1980 (wie auch das dazugehörige Bier).
Busladungen von Touristen kamen rein und fingen gleich an Shanties und Seemannslieder zu grölen.
(Grölen eigentlich nur Touristen oder manchmal auch Einheimische?)

Kieler Bier: naturtrüb, leicht süßlicher Ton (sehr malzig), aber geschmacksstark. 3,00 Euro (0,4 ).

Hunger: Holsteiner Sauerfleisch mit Remoulade und Bratkartoffeln, 12,90 Euro.
Große Portion, ordentlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Vergeltungswaffen, Zwiebelsuppe und Deutsche Soldatenfriedhöfe zum Abendessen in Dassow

Brüder zur Sonne zum Bier!

Richtig geärgert habe ich mich. Über mich selbst! Den ganzen gestrigen Tag bin ich durch die Altstadt Wismars geschlendert, habe bei Trödlern und Souvenirhändlern nachgefragt, ob nicht irgendwer ein DDR-Andenken, eine Plakette, eine Honecker-Büste, eine FDJ-Devotionalie oder ein Geldschein im Angebot habe. Nichts!

Wie verschwunden das DDR-Andenken.

Und dann laufe ich beim Verlassen Wismars an einer Kneipe mit dem Namen „Volkskammer“ vorbei, die bis an die Decke mit allem Tand zugekleistert war, den der DDR-Sozialismus je hervorgebracht hat.
Niemand hatte mir einen Tipp gegeben.

Fluchtkoffer mit DDR-Währung

Ab 9 Uhr war Wandern angesagt. Ziel war, in die Nähe von Travemünde zu kommen. Gepackt habe ich es bis Dassau. 41 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 079

Mir war klar, dass es mein vorletzter Tag auf ehemaligem DDR Gebiet war. Ich wollte ein wenig über die Wiedervereinigung nachdenken, über immer noch bestehende Unterschiede, Missverständnisse, Unverständliches, Narben. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, es gelang mir aber nicht. Meine Knie, meine Beine funktionierten, mein Kopf keineswegs. Er kam nicht in Gang.

Ich marschierte größtenteils auf Fahrradwegen, die wenig befahrene Straßen begleiteten. Ich wunderte mich, dass immer wieder getunte Opels an mir vorbei rauschten.

tiefer gelegt

Als ich Wohlenhagen an der Ostsee erreichte, wusste ich warum: Jahrestreffen der Opel-Fan-Vereine!
Tausende (im Ernst: Tausende) Mantas und Opel-Popel waren wie auf einem riesigen Campingplatz wie glitzernde Blech-Perlen nebeneinander aufgereiht.

Das Chassis niemals höher als die Grasnarbe

Die Fahrer und Beifahrer teils tiefer gelegt als ihre Karren.

Gemeinsam durch Dick und DÜnn

Der Aufbau Ost floss bei diesen Jugendlichen ausschließlich in das Tuning.
Einen Manta (war das ein Manta?) mit Flügeltüren hatte ich jedenfalls noch nicht gesehen.

Opel verleiht Flügel

Radkappen, Ablagen und Steuerknüppel aus Katzengold.

Golden Trophy

Schade, dass ich Musik nicht fotografieren kann. Aus diversen Lautsprechern dröhnte prollige Tussi-Busen-Arsch-Musik. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Fans damit nicht selbst verballhornten oder ob das das tatsächliche Niveau beschrieb. Assi-Toni lässt grüßen.

Deswegen gibt es Keinohrhasen, weil Opelaner die Löffel geklaut haben.

Ich verließ jetzt die Küste und lief landeinwärts Richtung Klütz. Mein Reiseführer versprach einen Ort der Ruhe und die schönste Barockanlage Norddeutschlands.
Mag stimmen, aber als ich ankam, war das Schloss komplett eingerüstet, ein Teil des Parkes umgegraben. Pech.

Entschädigt wurde ich auf dem weiteren Weg durch schöne, fast liebliche Kulturlandschaft.

Kultur=Landschaft

Landschaft=Kultur

KUH-Ltur

Als ich die Kühe auf mein digitales Zelluloid bannen wollte und nach einem Filter wühlte, entdeckte ich IHN in meiner Hosentasche!

Alle Alte Schweden heißen „Alter Schwede“

Ich fragte den Alten Schweden, was das solle, wieso er sich in meiner Hosentasche versteckt hatte?
„Wie soll ich mich sonst aus Wismar fortbewegen. Ich habe ja schließlich keine Beine!“
Er benutzte mich also als sein Wirtstier, das ihn durch die Welt tragen sollte.

Ich packte ihn wieder ein und lief noch stundenlang weiter bis die Sonne verschwand.

Hin und wieder wollte der Alte Schwede raus aus der Tasche. Nörgelte schrecklich. Hatte einen Kommandoton, wie ihn nur ein Alter Schwede haben konnte. Ich setzt ihn daraufhin auf eine Schnecke und drohte ihm, ihn mit seinem Transporttier allein zu lassen. Vielleicht käme er so in einigen Jahren an sein Ziel.

Mein Ziel Dassau erreichte ich gegen halb acht Uhr. Ein kleiner Ort in einer winzigen Bucht, an dem der Ostseeboom bisher vollständig vorbeigegangen ist.
Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Pension. Und auch ein offenes Restaurant. Das einzige.

Hunger: Dassauer Fischsüppchen. 5,90 Euro.
Ausgesprochen feiner Geschmack.

Das Hauptgericht Steak (ich hatte zum ersten Mal wieder Fleischhunger) war nicht der Rede wert.

Als ich das Gasthaus fast schon verlassen wollte, hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung.

Ein älterer Herr, der sich trotz Gehstock sehr wackelig bewegte, fragte, ob ich er sich an meinen Tisch setzen könnte.
Er hieß Jan. Er war Belgier, 84 Jahre alt, sprach ausgezeichnet Deutsch, lebte seit zwei Jahren in einem Altersheim in Antwerpen und hatte sich vor zwei Tagen kurzentschlossen ein Auto gemietet, um nach Peenemünde in Usedom aufzubrechen. Er wollte unbedingt das Museum mit der V1 und V2 Rakete besuchen.

Das waren Waffen, die mich fast getötet hätten!

Jan war ehemaliger Architekt. „Kein Künstler“, sagte er, „ich bin praktisch. Zuerst der Zweck, dann die Schönheit!

Seine Tochter fand, er sei zu alt und gebrechlich, um so eine lange Reise allein zu unternehmen. Mehr als 900 km.

Doch Jan hatte sich durchgesetzt. Er wollte ihr und sich beweisen, dass
er das noch konnte. Außerdem wartete er noch auf die Antwort auf eine Frage, die er sich seit bald 70 Jahren stellte.

„Vergeltungswaffen“

Ich habe sie fliegen gesehen, wie ein Mini-Flugzeug sah sie aus: die Vergeltungswaffe 1. Als sie das erste Mal in Antwerpen einschlug (1943?), wusste niemand woher sie kam. Wie kann eine Bombe auf die Stadt niedergehen, über die kein deutsches Flugzeug geflogen war?
Erst langsam lernten wir, dass das eine neue Waffe der Deutschen war, ein unbemanntes Flugzeug, das gleichzeitig Bombe war. Immer und immer wieder schlug sie in Antwerpen ein.
Ich war 16 Jahre. Trotz der Gefahr, die von der V1 ausging, ich wollte sie fliegen sehen. Fasziniert habe ich ihren Lauf verfolgt.
Beinahe hätte sie mir den Tod gebracht. Ich wollte in keinen Bunker und wenige hundert Meter von meinem Platz entfernt, von dem ich den Himmel beobachtete, schlug sie wieder ein. Splitter, Steine, ein Knall. Mir war nichts passiert.

Später kam die Vergeltungswaffe 2 dazu. Eine Rakete. Mit ungleich höherer Sprengkraft. Meine Schwester ist richtig traumatisiert von ihr. Heute noch. Die V2 erzeugte immer zwei Explosionen.
Die erste, wenn der Sprengkopf mit aller Wucht einschlug und detonierte. Die zweite unmittelbar danach. Sie kam aus der Luft, aus dem Himmel. Die Treibstofftanks der Rakete explodierten über der Stadt. Dieses Geräusch war es, das meine Schwester hysterisch werden ließ.

Bis heute stelle ich mir die Frage, wie schafften es die deutschen Ingenieure damals, mit einfachen Mitteln erst die fliegende Bombe V1 und dann die Rakete V2 ins Ziel zu steuern?

Deswegen wollte Jan also ins Museum nach Peenemünde. Er wollte sich Gewissheit verschaffen, auf welch technischem Niveau die Ingenieure um Wernher von Braun 1943/44 gewesen waren.

Ich fragte ihn, ob er die Deutschen hasse?

Nein“, seine knappe Antwort, „aber das ist eine lange Geschichte“.

„Schwäbische Zwiebelsuppe“

Als die Deutschen sich in Belgien auf die Angriffe der britischen Invasionsarmee vorbereiteten, gruben sie sich in unseren Feldern ein. Kilometerlang buddelten sie Schützengräben aus.

Das Haus meiner Schwester war von den Deutschen beschlagnahmt worden und meine Schwester musste für sie kochen. Unter den Deutschen befand sich ein Schwabe, er kam aus Stuttgart. Beim Ausheben der Schützengräben hatte er immer und immer wieder reife Zwiebeln auf seiner Schippe. Er brachte es nicht fertig, sie alle wegzuwerfen.

So kam er eines Tages mit einer Tasche voller frischer Zwiebeln zu meiner Schwester und bat sie, für ihn eine Zwiebelsuppe zu kochen. Wir kennen das eigentlich nicht in Belgien. Aber er brachte es meiner Schwester bei.
Seitdem isst unsere gesamte Familie immer wieder Zwiebelsuppe.

Wenn meine Schwester vom Ursprung dieses leckeren Gerichtes erzählt, muss sie stets weinen – heute noch. Wir wissen nicht, ob sie wegen des Schwaben weint oder wegen des Zwiebelschneidens. Sie verrät es uns nicht.

Ich fragte Jan, ob er Flame sei.
Ja“ antwortete er, „aber das tut nichts zur Sache. Die Flamen standen damals auf der falschen Seite.

Jan erzählte einfach weiter.

„Deutsche Soldatenfriedhöfe“

Dort, wo ich wohne, gibt es viele Soldatenfriedhöfe. Der britische ist sehr pompös. Jedes Jahr kommen englische Veteranen, blasen Trompete, machen Zinnober.
Wir haben einen französischen und belgischen Soldatenfriedhof. Der schönste aber ist der deutsche. Ich glaube sogar, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof außerhalb Deutschlands. Ein ästhetischer Ort. Einfach, direkt, würdig, sehr gut gepflegt.

Jedes Jahr im Herbst laufe ich durch die Anlage. Ich will dann in Ruhe über den Krieg nachdenken. Krieg ist schrecklich. Immer.

Ich sah Jan lange ins Gesicht: Schöne wache Augen, eine Stirn mit erstaunlich wenig Falten, die Mundwinkel spöttisch angezogen, die Lippen schmal. Ein Mann, der viel Sympathie aussandte.

Ich fragte Jan noch einmal, warum er denn die Deutschen nicht hasse?
Er antwortete nicht.

Stattdessen verabschiedete er sich von mir, griff mit der rechten Hand seine Gehhilfe und stützte sich mit der Linken auf den Stuhllehnen, um die Balance beim Gehen nicht zu verlieren.

In den folgenden Tagen kaufte ich die Ostsee-Zeitung und las aufmerksam die lokalen Unfall-Nachrichten. Keine Meldung über einen verunglückten Belgier!
Ich atmete auf.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Butje spielt Pirat und macht Faxen bis nach Glowe

Frohgemut (wie alt klingt das Wort) aufgestanden. Mit Vorfreude auf die heutige Wanderung zu den berühmten Kreidefelsen Rügens.

Um 9 Uhr brannte mir bereits die Sonne in den Rücken und trieb mich zum schnelleren Gehen an. Gut 26 km sollte ich heute laufen. An der Steilküste entlang bis zum Dörfchen Glowe.

GPS-Gesamtstrecke bis 069

Kieselsteinstrand (wie schön klingt die Alliteration).

Die ersten weißen Kalkfelsen ließen mich anstandslos passieren, ohne mit Geröll nach mir zu werfen.
(Jede Menge Hinweisschilder warnten vor der Gefahr des Hangabbruchs und Steinschlags.)

Kieselsteinbucht

Ein aus der Zeit gefallener Typ machte mit einer Art lautem Kichern auf sich aufmerksam und strampelte dazu mit den Füßen, als wollte er Wind machen.

Butje tickt nur kopfüber richtig

Butje nannte er sich. Er spielte Pirat. Ich fragte ihn, warum er denn einen Flaschenöffner im Kopf habe.

Einen „Saufunfall“ gab er als Begründung an.

Eigentlich sei er Schauspieler. Mitglied des Störtebeker Ensembles, das auf Rügen den ganzen Sommer Piratengeschichten aufführte.

Bei einem Thekenstreit habe ihm ein Kollege den Flaschenöffner in den Kopf gerammt (nachdem er ihm einen Bierkrug über den Schädel gezogen hatte). Jetzt trage er eben das Ding mit sich herum und sei – bekannte er freibeuterisch – auch ein bisschen plemplem.

(Die Störtebeker Festspiele sind für den Norden so etwas ähnliches wie die Karl May Festspiele. Störtebeker war ein berühmter Pirat.)

Butje mag’s nicht wirklich aufrecht

Gleich drauf buddelte Butje einen Feuerstein aus. Mit Loch wurden sie hier oben „Hühnergötter“ genannt. Und Butje lebte vom Verkauf der Glücksbringer an ältere pensionierte esoterisch angehauchte ewig-verwitwete Lehrerinnen.

Butje sagte, dass es gar nicht ungefährlich sei, am Strand nach Steinen zu graben. Viele suchten etwa nach Bernstein. Der war aber leicht mit Resten von Phosphorbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu verwechseln, die immer wieder an die Küste angeschwemmt würden. Erstmal getrocknet entzündeten sich die Phosphorstückchen (etwa in der Hosentasche) von selbst. Jedes Jahr zögen sich Touristen schwere Verbrennungen zu.

Seltsam, bald 70 Jahre nach Ende der Krieges, ist der Krieg immer noch anwesend.

Mittlerweile hatte ich den Strandweg verlassen und war auf dem Höhenwanderweg angelangt.

Buchenwald mit Ausblick

Die Strecke war einigermaßen beschwerlich. Ein ständiges Auf und Ab, manchmal über langgezogene Holztreppen.

Butje interessierte sich nicht für die Caspar David Friedrich Motive. Da ich seinen ständigen Plappereien keinerlei Beachtung schenkte, unterhielt er sich eben selbst mit seinem albernen Kichern.

Butje tanzt an einem Treppenpfosten

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Ständig eine andere grandiose Sicht.

Caspar David hätte Stunden hier verbracht

Ich musste aufpassen, dass mir die Kamera nicht ans Auge anwuchs, zu überwältigend waren die Ausblicke im Minutentakt.

Mit jedem Schritt wird die Kreideküste noch schöner

Ich kann mich nicht erinnern, auf all meinen Reisen durch die Welt, jemals eine schönere Küste gesehen zu haben.

Verweile doch, der Anblick ist so schön

Caspar David hat mit seinem Pinsel übers Foto gestrichen

Am frühen Nachmittag hatte das Wunder schließlich ein Ende.

Weiß, das blendet

Von nun an ging‘s bergab. Runter in die Touristenwirklichkeit Rügens.
Es fiel mir schwer, in dieser für den Touristen konfektionierten Ferienlandschaft etwas (Ein)Heimisches zu entdecken.

Glowe, ein Dörfchen, in dem vermutlich nicht ein einziges Haus keine Feriengäste beherbergt.

Das Übliche: Strand.
(Ein Hefeweizen kostete in einem Küstenlokal 4,50 Euro!!!!)

Strandleben

Ein bisschen Hafen.

Hafenleben

Dorfleben, das keines ist: Auch diese alten Reethäuser sind zu mieten.

Dorfleben

Überhöhte Zimmerpreise und – leider – diesmal ziemlich schlechtes Essen.

Gegen vier Uhr hatte ich endlich ein Bett in einer Pension gefunden.

Hunger: Dorschfilet gebraten mit hausgemachter Remoulade und Bratkartoffeln. 12,90 Euro.

Schmeckte wie zu groß geratene Iglu-Stäbchen. Nämlich nach nichts.

Butje gab mir dafür den Ratschlag, das Ganze mit zwei ausgepressten Zitronen zu würzen. Dann würde das wenigstens ein wenig nach Limonade munden. Witzbold! (Fast hätte ich ihm noch ‚was in den Schädel gerammt!)

Unterkunft: Total überteuert.
Aber meine kleinen Begleiter schliefen gut. (Wenn auch Knut immer noch schnarchte. Wachte der denn nie mehr aus seinem Rausch auf?)

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.

Frontberichte entlang der Neiße verfolgen mich bis Guben

Beim Frühstück kam mein Herbergsvater aufs Thema: „Hier stand die Front!
Ich hatte ihn eigentlich nur danach gefragt, warum Forst so ausgesprochen hässlich aussah.

Forst hatte vor dem Krieg einen Stadtteil (7 000 Einwohner) östlich der Neiße. Zu Kriegsende verschanzten sich dort die Russen und feuerten auf die Kernstadt.
Dort saß wiederum die Wehrmacht und ballerte zurück.
Das Ergebnis: Der Stadtteil, der heute auf polnischem Gebiet läge, existiert nicht mehr. Er wurde von der Wehrmacht dem Boden gleich gebombt.

Brückenruinen im Neiße-Bett:

Brücken sind dafür gedacht zu verbinden

Das alte Zentrum von Forst ist heute eine grässliche Ansammlung von Plattenbauten.

Mein Herbergsvater gab mir dazu und zu den polnischen Nachbarn folgende Erläuterungen:

  • Die DDR hat nie Interesse an Wiederaufbau gehabt. Im Gegenteil, sie hat immer hemmungslos weiter abgerissen und dafür die Plattenbauten hingerotzt.
  • Auf polnischer Seite war das im Landesinnern zumindest völlig anders. Da wurden vormals deutsche Städte wieder aufgebaut.
  • Nur im direkten Grenzstreifen zu Deutschland wurde nichts investiert. Alle glaubten, die vertriebenen Deutschen kämen irgendwann zurück. Das änderte sich erst mit dem Kniefall Willy Brandts. Ab da gewannen die Polen Vertrauen, dass sie das Land dauerhaft besitzen und bewirtschaften konnten. Langsam, ganz langsam begännen die Polen nun auch auf ihrer Neiße Seite zu investieren. Trotzdem sähe es da an manchen Orten immer noch aus wie direkt nach 1945.
  • Mittlerweile kauften wohlhabende Polen sogar einige der noch existierenden Gründerzeitvillen in Forst und restaurierten sie. Die Jugend und die gut Ausgebildeten seien schon lang aus Forst weg in den Westen. Damit auch das Geld. Wobei – gerade herrsche hier wieder Mangel an Arbeitskräften.

Ich dankte ihm für die kurze Einführung in die Geschichte Forsts. An den Grenzen sind die Narben der Geschichte besonders hässlich. Wieder wurde mir das drastisch vor Augen geführt.

Ich machte mich um 9 Uhr auf den Weg nach Guben. 34 km lagen vor mir.

Die Neiße änderte einfach nicht ihr Gesicht. Fast jeder Kilometer sah gleich aus.

Wer zweimal in den selben Fluss guckt, sieht doch immer denselben

Rote Milane am Himmel und in den Wiesen gefiederte Stelzengänger.

Kraniche (?) fischen im Schwarm

Auch Schwäne suchten nach etwas Essbarem.

Ich hab' noch nie Schwäne singen hören

Ab und zu eine Gruppe plaudernder Birken.

Bäume stehen im Rudel

Manchmal seltsame Rindviecher auf den Wiesen.

Bullen sind einsam

Es begann zu regnen. Aprilwetter. Ein alter Bauer (zumindest roch er danach) radelte an mir vorbei, grüßte und verlangte Auskunft, was ich hier herumlaufe. Ich erklärte es ihm.
Er fragte mich, ob ich keine Arbeit hätte, dass ich so viel Zeit zum Herumlungern verschwenden würde, ob ich keine Frau und keine Kinder versorgen müsste?
Ich schilderte das Notwendigste.

Dann fing er ohne Vorwarnung an von der Front zu sprechen.

Acht Wochen seien die Russen hier an der Neiße gestanden. Sein Dorf sei da drüben (im jetzigen Polen) gewesen. Sie seien vor den Russen geflohen. Schon am 2. Mai 1945 – bevor der Krieg offiziell vorbei gewesen war – sei er wieder zurück in sein Haus, das noch stand. Am 17. Mai sei dann die polnische Armee eingerückt. Innerhalb von Minuten habe er alles verloren. Nicht einmal einen Löffel habe er mitnehmen können. Am 17. Juni sei seine Cousine dort drüben erschossen worden.

Er schaute zu Boden, als er mit mir sprach. Er wirkte fast scheu. Er wollte reden. Dann kam der ganze Hass heraus, den er empfand. Er schimpfte über die Polen. Dann über die Alliierten, die sie im Stich gelassen hätten. 15 Millionen Vertriebene, die sich eine neue Heimat hätten aufbauen müssen. Ein Unrecht, dass nie wieder gut zu machen sei. Er hörte gar nicht mehr auf.

In den alten BRD-Ländern hätte man ihn einen Revanchisten genannt, in der DDR war er vermutlich ein Schweiger, heute ist er wahrscheinlich NPD-Wähler.

Und doch tat der Alte mir leid. Er stand vor mir, ungepflegt, seine weißen Brusthaare quollen aus dem blauen Hemdausschnitt, seine buschigen Augenbrauen ließen kaum seine traurigen Augen erkennen. Er erzählte mit gesenktem Blick seine persönliche Geschichte und zitterte in seiner Erinnerung. Alles hätten sie in seinem Dorf gehabt: 2 Bäcker, 1 Tischler, 1 Schlachterei, 1 Schule. Alles sei gut gewesen.

Als ich ihn fragte, ob er manchmal nach drüben ginge, die Grenze sei doch offen, giftete er mich an: Niemals!

Was dieser Krieg und diese verdammte Nazi-Gesellschaft angerichtet haben! Wieder lief ich durch schwieriges Terrain. Und mir wurde klar, dass ich bald auf der polnischen Seite weiter wandern musste.

Um 5 Uhr nachmittags erreichte ich Guben. Ich hatte zwei Stunden Kampf gegen Regen, Sturmböen, Hagel und jetzt auch noch Schnee hinter mir und war erschöpft.

Schnee im April gehört amtlich abgeschafft

Durst: Becks-Bier (Es gibt offensichtlich keine Regionalbrauereien in diesem Teil von Brandenburg).

Hunger: Ich war zu müde mir ein Restaurant zu suchen. Im Hotel war eine von Einheimischen gut besuchte Cocktail-Bar und ich aß ein paar Snacks. U.a. Kartoffelpuffer mit Graved Lachs. War okay.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Diotima flieht vor lüsternen Greisen mit mir nach Bad Muskau

Fesch und dynamisch die neue Landarztgeneration

Diotima nannte sich die Ärztin und wollte nur noch raus aus Rothenburg. Ich hatte sie um 9 Uhr morgens zufällig vor der Apotheke getroffen. Meine Knie schmerzten immer noch und ich hatte mir Voltaren besorgen wollen. Aber vor mir drängelten sich tippelnd zwei Dutzend greiser Menschen, deren erster Gang sie morgens nicht zum Bäcker führt, sondern in die Apotheke.

Blutdrucksenker, Blasenteststreifen, Cholesterinsenker, Pillen gegen Panikanfälle, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Windeln wg. Inkontinenz … und ich kam und kam nicht dran.

Also drehte ich um und Diotima sprach mich plötzlich auf der Straße an, was ein junger Mann (sie war wohlerzogen!) denn in der Alten-Apotheke wolle? „Voltaren!“ sagte ich – „und dann schnell weg von hier“.

„Genau wie ich“, stimmte sie ein, „schnell weg! Nimm mich mit!“

Okay. Ich tat es.

Unterwegs fragte ich sie, warum sie denn so fluchtartig Rothenburg verlasse.

Sie bedeutete mir, dass sie seit 3 Jahren hier als Landärztin arbeite. Sie habe es gemacht, um überhaupt eine Praxis eröffnen zu können. Sie habe aber nicht geahnt, dass sie es ausschließlich mit Greisen zu tun haben würde – und mit lüsternen noch dazu. Jede zweite Woche bekäme sie einen Heiratsantrag von einem Methusalem und der wolle gleich noch einen Freifahrschein für Viagra.
Jetzt sei es genug!

Ich verstand.

Wir liefen zusammen los. 41 km weit, bis nach Bad Muskau. Immer links der Neiße.

GPS-Gesamtstrecke bis 050

In ihrem Unterlauf wurde der Grenzfluss ansehnlicher, manchmal richtig schön. Nur das Wetter war es nicht.

Auch sie mäandert

Der Himmel verhangen, der Wind kalt, als würde es herbsten und nicht Frühling werden. Ich war wieder dick eingepackt.

Schöne Waldwege

Bisweilen verließ der gut ausgebaute Wander und Fahrrad-Weg den Neiße-Damm und führte mal durch Nadel-, mal durch Mischwald. Absolute Stille bis auf gelegentliches (kurz und gepresstes) Vogelgezwitscher (Kohlmeisen?).

Manchmal kam Wind auf, dann rauschte es im Wald. Aber was rauschte da?
„Blätterrauschen“ konnte es nicht sein – die Bäume waren kahl.
„Nadelrauschen“ der Tannen? Nee.
Einige Laubbäume zeigten die ersten Triebe. Also „Triebrauschen“?
Das Wort gefiel mir. Ich muss unbedingt im Duden nachschlagen, ob es den Ausdruck schon gibt, wenn nicht, werde ich mir die Urheberrechte sichern.

Es behagte mir, allein durch den Wald zu strolchen. Es muss ein deutsches Gen für Genuss von Waldeinsamkeit geben. Ich besaß es wohl ebenfalls.
Auch wenn es ein Allerwelts-Wald war, ich schritt fast andächtig durch ihn durch.

Mir kam eine Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn, in der sich eine schwärmerisch veranlagte junge Dame namens „Diotima“ (sie hieß so wie meine Ärztin – welch ein Zufall) besonders poetisch und romantisch ausdrücken will:
„Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“ ?!
Der sinngemäße Kommentar ihres Begleiters Ullrich: „Die staatliche Forstindustrie“!

Geschenkt, ich war trotzdem ergriffen.

Und ich stellte mir eine unsinnige Frage. Kann ein Wald Sonnenbrand bekommen? Mein Nadelwald, den ich gerade durchlief, war jedenfalls im oberen Stammbereich intensiver braun gefärbt als im unteren.

Können Wälder Sonnenbrand haben ?

Noch etwas war eigenartig in diesem Wald. Alle paar Meter sah ich Baumstämme wie Totempfähle. Irgendjemand macht irgendwas mit der Rinde. (Rindenschnitzer? Rindendiebe? Baumschänder?)

War Winnetou hier ?

Gut, ich geb‘ zu, ich phantasiere. Vielleicht tut Waldeinsamkeit nicht jedem gut.

Aber kaum aus dem Wald raus, erregte in einem kleinen Dorf schon wieder etwas meine Phantasie: ein Denkmal, dem 1870/71 Krieg gewidmet. Die Widmung endet mit: den „gebliebenen Kriegern“

Wessen Erinnerung geht zurück bis 1871 ?

Welch ein Wort: „Krieger“: Das klingt nach Samurei, Komantsche, Kreuzritter, nach Ernst Jünger.
Jedenfalls ehrlicher als „Soldat“! (Als würde der nur wegen des Solds in den Krieg ziehen.)

Ganz nebenbei fragte ich meine Diotima (die Ärztin), ob sie nicht ein wenig Voltaren dabei habe, immer noch schmerzten mich meine Knie. Ich hatte meinen „Fünfer-Schritt“ drauf: Fünf Kilometer pro Stunde. Aber es war erst die Hälfte der Strecke geschafft: 21 km seit Rothenburg. 20 km noch bis Bad Muskau.

Halbe Wegstrecke

Ich bat Diotima dringlich mir keinesfalls mit einer Therapie zu kommen, die da lautet, weniger Bier zu trinken und Fleisch zu essen (wie Gabi mir neulich in einem Blog-Beitrag vorgeschlagen hatte).

Diotima musste lachen, kramte Voltaren aus ihrer Tasche und rieb mir die (jetzt frierenden) Knie ein.

Langsam bekam ich Hunger, hatte aber das Pech (wie eigentlich immer auf meiner Wanderung), mich am falschen Tag, zur falschen Uhrzeit oder außerhalb der Saison zu bewegen. Zwei Uhr schlug die Kirchturmglocke – und dieser Krämerladen würde erst in einer Stunde öffnen. Tante Emma schlief wohl noch.
Also hungrig weiter!

Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort

Begleitet von Häme.

Und dann noch blasierte Blicke kassieren!

Das Wetter schlug endgültig um. Orkanartige Windböen, sogar kleine Schneeflocken mischten sich in den immer stärker nervenden Regen. Trotz frierender Hände musste ich noch ein Foto einer ungewöhnlichen Kapelle machen: Eine Fachwerkkapelle, das hatte ich noch nicht gesehen.

Fachwerksschönheit

Ab jetzt hieß es: gegen Gegenwind und Regen anlaufen.

Verdammt nass !

Diotoma fror und wurde immer schweigsamer. (Bereute sie ihre Entscheidung?)

Falsch gewandet

Gegen halb sechs erreichten wir endlich Bad Muskau. Völlig platt. Aber meine Knie hatten gehalten.

Die einfachen Gasthöfe waren geschlossen (noch keine Saison!). Die einzige offene Unterkunft, die ich im Zentrum fand, war ein Kurhotel.

Durst: Landskron Pils. Es gibt tatsächlich seit langem nichts mehr anderes. Die Bierbrauer-Dichte nimmt bedenklich ab.

Hunger:
Vorspeise: Schlesische Biersuppe mit Graubrot (4,50 Euro). Interessant. Auf Schwarzbiergrundlage. Leicht süßlicher Grundton. Eigentlich mag ich keine gebundenen Suppen, aber die war fein.

Hauptgericht: Klittener Karpfenfilet unter einer Traube-Speck-Kruste mit Kräuterkartoffeln und Champagnerkraut. (14,50 Euro). Klang besser, als es schmeckte. Die Kruste überdeckte völlig den Fischgeschmack.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das sich die ganze Zeit anschwieg. Nur die Dame schien telepathische Fähigkeiten zu haben und die Gedanken ihres Mannes lesen zu können. Alle paar Sekunden stimmte sie ihm mit einem bestimmten und gut hörbaren „hmmm!“ – zu.
Das „hmmm!“ so kurz und knarzend herausgepresst, fast wie ein „Ja!“.

Ich war erst irritiert, weil ihr Ehepartner ja nichts äußerte, aber das „hmmm!“ kam so regelmäßig, dass ich an mir zweifelte und genau aufpasste, ob ihr Mann nicht doch irgendwie zu ihr sprach.

„hmmm!“

Ich konnte nichts feststellen. Er schwieg. Aber sie stimmte ihm ständig zu.
„hmmm!“

Auf Dauer machte mich das kirre. Ich war froh, wenn draußen ein Auto (besser ein Lastwagen) vorbeifuhr, um dieses „hmmm!“ zu ersticken.

Und ich hörte es doch!

Ich bat Diotima um Q-Tips, um wenigstens mein Abendessen ungestört genießen zu können, aber Diotomia verstand mich nicht, sie hatte sich schon die Stöpsel ihres Stethoskops in die Ohren gesteckt.

„hmmm!“

Um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, verlangte ich die (zu teure) Rechnung und verabschiedete mich Richtung Bett.

Kaum geduscht und unter der Decke, drang aus dem Nachbarzimmer ein herzhaftes und bestimmtes „hmmm!“ zu mir.

Mir wurde klar, dass das eine furchtbare Nacht werden würde. Und zum erstmal während meiner Wanderschaft befiel mich der Blues.
„O Lord, O Lord have mercy!“ summte ich mich in den Schlaf (frei nach Janis Joplin).

„hmmm!“

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).