Kein Abschied vor der Ankunft (Pause in Eupen)

Beim Aufwachen beschlich mich das Gefühl, dass mir zu wenig Zeit bliebe, um Belgien auch nur ein bisschen erschnuppern zu können. Zu kurz ist die gemeinsame Grenze mit Deutschland.
In zwei, drei Tagen würde ich durchmarschiert sein.
Das klang nach Abschied schon vor der Ankunft.

Kurzerhand beschloss ich, einen Pausentag einzulegen.
(Zudem würden meine Knie gut einen Tag Schonung vertragen, sie schmerzten ziemlich.)

Und überhaupt: Immer noch interessierte mich die Frage, wie diese Deutsch sprechenden Belgier, bei denen ich gerade weilte, sich selbst sehen. Sie wirkten auf mich so durch und durch wie meine Landsleute, dass ich wissen wollte, welchen Anteil das Belgische in ihnen hatte.

Also: Ich blieb noch einen Tag in Eupen. Es war Markttag.

Kleinstadtidyll

Kleinstadtidyll

Nichts Besonderes gab es an den Ständen: Gemüse, Fleisch, Fisch, regionale Produkte, gutes Brot, viele Blumen und einige Billigklamotten.

Der Markt war schon früh sehr belebt. Die Besucher schienen alle zu einer großen Familie zu gehören. Jedenfalls, sie kannten sich und sie schwätzten ausführlich miteinander. Zum ersten Mal hörte ich wie die Deutsch-Belgier privat reden. Ein rheinischer Einschlag (Aachen?). Ich verstand wenig.

Manche Damen wirkten eher französisch denn deutsch.

Madame spricht Deutsch

Madame spricht Deutsch

Madame hat kein Kleingeld

Madame hat kein Kleingeld

Aber je bäuerlicher die Gesichter, um so breiter der Dialekt.

Madames feilschen

Madames feilschen

Den größten Zulauf hatte ein Monsieur, der Uhren reparierte, Batterien und Zeiger austauschte und durch heftiges Aufklopfen der Uhr auf den Tisch dieselbige wieder zum Ticken brachte.

Monsieur sieht scharf

Monsieur sieht scharf

Voll der Markt, aber gespenstisch leer das große Einkaufszentrum direkt gegenüber.

Madame sitzt sich den Allerwertesten niemals platt

Madame sitzt sich den Allerwertesten niemals platt

Der mittlerweile abgewählte Stadtbürgermeister hatte das Projekt durchgeboxt. Eine riesige Mall auf mehreren Etagen. Extrem hässlich und extrem überflüssig. Kaum ein Laden offen. Fast nur heruntergelassene graue Rollläden.

Es scheint wie ein Naturgesetz zu sein: Minderheiten bauen sich größenwahnsinnige Zentren, um ihre vermeintliche Bedeutung zu erhöhen.

Es war Mittag und ich suchte mit Bedacht eine derbe Dorfkneipe.
Außer mir waren noch da: der Wirt und eine Runde knobelnder Einheimischer.

Monsieurs würfeln lieber

Monsieurs würfeln gerne

Mit dem Wirt kam ich ins Gespräch.
Er verstand meine Frage nicht, was das Belgische an diesen Deutschen in Eupen sei.
Erst nachdem ich weiter insistierte, meinte er, die Belgier seien „gemütlicher“ als die Deutschen.

Im Kern war das die gleiche Antwort wie die meiner Pensionswirtin. Sie meinte beim Frühstück, die Wallonen (französisch sprechende Belgier) seien ein wenig „hoddelig“. Sie meinte damit „ein wenig unordentlich“, ein wenig a la „laissez faire“, eben nicht so akkurat und (manchmal „engstirnig“) wie die Deutschen.

Mit den knobelnden Jungs und später – in einer anderen Kneipe – mit ein paar Eupener Jungrockern diskutierte ich das Ganze noch einmal. Alle waren außerordentlich gesellig und bereit Auskunft zu geben.

Und ich merkte, dass ich die falsche Frage gestellt hatte. Niemand hatte mit seiner eigenen Identität (Deutsch sprechen und Belgier sein) ein Problem. Niemand fühlte sich in irgendeiner Form hin und her gerissen zwischen deutscher und belgischer (bzw. französischer) Lebensform.

Sie waren so wie sie waren.

Nur gegen eine Gruppe grenzten sich beinahe alle ab: gegen die Flamen. „Die würden am liebsten die Wallonen aus Belgien herauskaufen.“

Es regnete inzwischen stark. Trotzdem schlenderte ich noch im Städtchen herum. Plötzlich sah ich etwas Merkwürdiges.

Irgendein Verrückter hatte die Schnapsidee gehabt, den Gekreuzigten mit Dornenkrone vor Taubenschiss zu schützen und hatte ihm unzählige weitere Dornen in Arme und Schulter getrieben.

Die zweite Kreuzigung Jesu.

Doppeltes Leid

Kein Mitleid

Die Tage wurden länger und länger und ich ging (gefühlt) früh zu Abend essen.

Ich hatte mir ein gutes Restaurant empfehlen lassen.

Amuse Gueul: Rindfleisch mit Meerrettichschaum (luftig).
Vorspeise: Variation von Klosterschwein, Couscoussalat und Minzpesto (klasse).

T134-Essen-10

Zwischengang: Waldfrüchte mit Woodberryschnaps (lecker).
Hauptgericht: Seeteufelfilet auf Püree mit jungem Gemüse (Luft nach oben).
Nachspeise: Erbeersorbet auf Rhabarber (gut).

T134-Essen-11

Während ich mein Menu verputzte, liefen im Hintergrund Lieder von Reinhard Mey auf französisch.
Ich hatte eine kurze Melancholieattacke, auch wenn ich den deutschen Barden (trotz seiner Formulierkunst) nur einmal alle 5 Jahre ertrage.

Larsens Weihwasser-Wallfahrt nach Goch

Hügel fühlen sich schon mit 50 Höhenmeter wie Berge an.
Offenbar bin ich zu lange im Flachland gelaufen. Kam heftig ins Schnaufen, als ich Nijmegen Richtung Süden verließ und die ersten Bodenwellen überwinden musste.

50 Meter Giganten

50 Meter Giganten

„Berg en Dal“ hieß anfänglich die Straße, die mich von Nijmegen Richtung Goch (Deutschland) führte, 35 km entfernt.

GPS-126-Nijmegen

GPS-Gesamtstrecke bis 126

Wie schön, mal nicht zu sehen, was mich auf den nächsten Kilometern landschaftlich erwartete. Es ging hügelig weiter.

In einer Kurve überholte ich Lars.

T126-Wallfahrer-01

Wohin er mit seinen leeren Eimer ginge?, neugierte ich.
Nach Deutschland – nach Goch„. (Ausgesprochen wie „noch“ nur mit „g“.)
Was er da wolle?
Weihwasser holen!

Warum und wieso, das erzählte mir der Junge nicht. Lars redete nicht gerne.
Ich wusste, dass Goch erst vor wenigen Jahren mit päpstlichem Segen zu einem neuen katholischen Wallfahrtsort aufgestiegen war. Viel mehr aber auch nicht.

In den Vororten Nijmegens auffallend häufig Verkaufsschilder vor den Häusern. (Niederländer sagen „zu kaufen“ (anpreisend!), während Deutsche etwas „zu verkaufen“ (wertlos geworden!) haben.)

Ausverkauf

Ausverkauf

Immerhin das erklärte mir Lars. In den Niederlanden sei es sehr leicht, an Bankkredite zu kommen. Häuser werden häufig zu hundert Prozent über Kredite finanziert (Als Sicherheit bürge das Objekt selbst). Nach Scheidung oder Jobverlust könnten viele Niederländer die Raten nicht mehr zahlen. Das sei gerade ziemlich schlimm.

Droht da dem nächsten Land eine Immobilienblase?

Lars war überhaupt ziemlich klug für sein Alter.

Die deutsche Seite war rasch erreicht. Nette kleine Grenzorte.

Dicker Turm

Dicker Turm

Ich war mir nicht sicher, ob ich immer noch durch das Münsterland lief. Auf jeden Fall, die Gegend war ziemlich katholisch. Und sie zeigte es!

Jeder, der Kranenburg betrat oder befuhr, musste erst einmal zu Kreuze kriechen.
(Oder zumindest um das Riesending am Stadteingang herumkommen).

Dem Kreuz entkommt niemand

Dem Kreuz entkommt niemand

Hinter dem Städtchen ging’s ab in den „Reichswald“. Ein Staatsforst. Wohl das größte zusammenhängende Waldgebiet Nordrhein-Westfalens.

Frühlingsbegrünung

Frühlingsbegrünung

Welch ein Genuss, nach Deichlandschaften, Sand, flachen Schafsweiden und Bodenwellen mit ein paar Heidebüschen wieder durch Baumlandschaften zu spazieren!
WALD!!!

Hätte ich die Gabe vorbeiflatternde Schmetterlinge zu fotografieren, diese Seite wäre voll damit!
„Hüpfendes Laub“ nannte Lars die Flugkünstler, die in der Tat kaum von welken und heruntergefallenen Herbstblättern zu unterscheiden waren. Nur, dass sie eben in der Luft tanzten.

Welch ein Genuss, wieder geschnittenes Holz zu riechen!

Wenn man Bilder riechen könnte

Wenn man Bilder riechen könnte

Am frühen Nachmittag sah ich zwei ältere Herren einigermaßen orientierungslos um einen Haufen fauliger Blätter herumlaufen.
Es waren niederländische Pensionäre, die, wie sie mir in schönem Rudi-Carell-Deutsch erklärten, eine GPS-Schnitzeljagd unternahmen.

Fitte Senioren

Fitte Senioren

Mittels eines GPS-Gerätes und vorher im Internet recherchierter Koordinaten suchten sie einen Behälter, den jemand hier irgendwo versteckt hatte und der eine für sie bedeutende Nachricht enthielt.
„Geocoaching“ nannte sich dieser Zeitvertreib wohl. (Ganz begriffen habe ich es noch nicht).
Die beiden Senioren schienen glücklich damit.

Ein GPS-Gerät hätte ich bei meiner Wanderung durch den Klever Staatswald gut gebrauchen können. Es gab nämlich keine ausgeschilderten Wege durch den Forst.

Mehrmals stand ich überraschend vor Hindernissen, die ich nicht einfach niedertrampeln wollte!

No Go

No Go

Also musste ich einige Male Umwege gehen, um offene Gatter zu finden.

Renaturiert

Renaturiert

Der Wald wird vom Flüsslein Niers begrenzt.
Ein ehemals begradigter Bach, jetzt aber wieder mit viel Aufwand renaturiert.
Die Biber freut’s.

Lumber for Biber

Lumber for Biber

Stadt, Feld, Fluss: abwechslungsreich die Landschaft im Westfälischen.

1000 Furchen führen zum Ziel

1000 Furchen führen zum Ziel

Gegen 18 Uhr erreichten Lars und ich endlich Goch. Der Niersbach führte uns direkt zur Wallfahrtskirche.

Beeindruckend schlicht

Beeindruckend schlicht

Lars erklärte mir, dass Goch der jüngste Wallfahrtsort in Deutschland sei. 2003 war der Missionar Arnold Jannsen, der in dieser Kirche getauft worden war, von Papst Johannes Paul II heilig gesprochen worden. Das Städtchen Goch wurde dann 2008 zum Wallfahrtsort erhoben.

Heiliges Eck

Heiliges Eck

Seitdem kamen (an Seele oder Körper) gebrechliche Menschen hierher, um sich durch ein Wunder heilen zu lassen.

Ob das Weihwasser wirklich solche Kraft hat?
Lars bejahte das. Er sollte es schließlich für seine kranke Mutter holen. (Immerhin, dieses Motiv seiner Wallfahrt nannte er mir!)

Holy Water

Holy Water

Ich hatte genug von derlei Geschichten und außerdem Hunger. Lars durfte auswählen.

Er bestellte Wiener Schnitzel mit Pommes. (Wie alle Niederländer die nach Deutschland reisten, sagte er!) (Qualität: Na ja!)

T126-Wallfahrer-02

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!

Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

Meine einzigen Begleiter bis nach Breitenberg sind Wegkreuze

Früh aufgestanden, aber spät gestartet. Das geht so zusammen:

Gestern, als ich Wegscheid betreten hatte, war mir ein Schild aufgefallen: „Handweberei“. Seit langem sammle ich schönes Kunsthandwerk.
Also ging ich heute morgen sehr früh zur Werkstatt. Und fand ein lebendiges Museum.
Wohl die letzte nicht industrielle Weberei im Bayerischen Wald.

Ein überaus sympathischer Kerl (einer der Brüder, die das Unternehmen leiten) gab mir eine kurze Einführung in die Weberei-Geschichte der Region.

Vor Jahren wurde in der Gemarkung in (fast) jedem Bauernhof gewebt. Das Wegscheider Leinen war europaweit begehrt. Nach dem Krieg starb das Handwerk praktisch aus. Bis auf diese Weberei. (Es gibt nur noch zwei, drei Frauen in der Gegend, die per Hand spinnen und auch privat weben.) In der Webfabrik arbeiten neben BruderUndBruder ein halbes Dutzend angelernter Frauen aus Wegscheid (halbtags). Sie produzieren fantastische Stoffe.

Weberinnen in Wegscheid

Fingerfertigkeit am Handwebstuhl

Feinste Handarbeit in Wegscheid

In der Weberei habe ich mir übrigens einen Kissenbezug (Schwedenstern-Muster) und einen Tischläufer gekauft. Faire Preise.

(Habe das Video mit meiner neuen Spiegelreflex gedreht, bekomm’s aber nicht gescheit konvertiert. Werde mich damit beschäftigen, wenn ich mal Pause mache.)

Mehr zur Geschichte der Webkunst auf der Webseite der Handweberei:

http://www.handweberei-moser.de/startseite.html

Hatte mir vorgenommen, heute bis nach Breitenberg zu gehen. Ca. 17 km. Halb zehn spazierte ich los. Der Weg führte größtenteils parallel zur österreichischen Grenze.

GPS-Gesamtstrecke bis 010

Mieses Wetter. Konnte sich nicht entscheiden zu regnen oder zu schneien. Ziemliches Rumgerutsche. Immer wieder Glatteis. Hatte ab und zu Angst um meine Fotoausrüstung (bei einem Sturz).

Nur selten kam mal etwas Sonne durch. Dann aber prächtige Stimmungen.

Blaue Flecken in Wolkenwand

Die treuesten Wegbegleiter – wie immer – Wegkreuze. Diesmal gab es ganz besondere Exemplare. Kunsthandwerklich anspruchsvoll.

Die ganze Bibel in einem Kreuz

(Wenn ich es recht verstehe, stehen all die Werkzeuge, die hier rund um den Gekreuzigten modelliert sind, für die Instrumente, mit denen Jesus gefoltert (Geißel), nach Golgotha geschleppt (Kette), ans Kreuz geschlagen (Leiter, Hammer) und gemeuchelt wurde (Schwert, Lanze). Plus die gesamte Verrats-Geschichte.

Kunstfertige Schnitzereien am Wegrand

Schön arrangiertes Wegkreuz mit Birken

Werde auf meinem Blog demnächst eine Seite (unter „Galerie“) einrichten, nur mit den Wegkreuzen, die ich passiere. Es sind viele und ich nehme jedes einzelne auf. Habe kaum Zeit, sie besonders abzulichten. Schnappschüsse, aber sie erzählen genug über die Volksfrömmigkeit in dieser Gegend.

Zur Abwechslung (wenn schon keine Menschen auf den Wegen) mal ein paar Viecher.

WeissBraunes Paar

Zahnpflegewerbung

Paartanz

Langsam wurde es Abend. Eine Polizeistreife hielt mich kurz vor Breitenberg auf. Ich machte mich durch bloßes Wandern verdächtig. Ist ja sonst niemand zu Fuß unterwegs. Die Beamten waren reichlich unhöflich, ließen mich aber wieder laufen – Pass war gültig und deutsch.

Noch einmal grandioses Landschaftsbild mit Häuserdach.

Weiss in Weiss mit Grau

15:30 Uhr Ankunft in Breitenberg.

Durst:
Erstes Bier ein Hutthurmer Helles (Brauerei im Bayerischen Wald, gegründet 1557!!!!). 2,40 Euro.

War gut. (Hab‘ allerdings langsam den Verdacht, dass in manchen Gasthäusern nicht richtig gezapft wird. Oft wirken die Biere abgestanden. Wissen die Wirte eigentlich, welchen Frevel sie begehen?)

Hunger:
Wildteller (Keule vom Wildkaninchen, Wildschwein- und Rehfleisch) mit Kroketten und Salat.

War okay. (Ich werd langsam bescheiden oder ich bin zu anspruchsvoll. Was könnte man nicht alles aus diesem Fleisch machen!) (16,90 Euro)

Dazu ein Wolferstetter Hefeweizen. (2,40 Euro.) Bitte Etikett beachten!!

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).