Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

Oma Gerda verliert die Orientierung und ich bringe sie bis nach Annaberg

Das erste Schneeglöckchen auf meiner Wanderung.

Tränenreicher Abschied von Breitenbrunn

Der Frühling kommt doch. Auch im Erzgebirge!

Aber welch eine Täuschung. Ich war um 9 Uhr aus Breitenbrunn losgelaufen. Richtung Rittersgrün. Und schon nach einer Stunde war ich wieder von Schnee umgeben. (Gar nicht zu reden vom Nebel und Sprühregen.)

Plötzlich sah ich Gerda. Sie saß am Wegrand und schien zu vespern. Auf jeden Fall hatte sie Kaffee und eine Brotzeit dabei.

Oma Gerda vespert

Sie machte einen etwas verwirrten Eindruck. Ich fragte, wie sie denn hierher gekommen sei. Sie erinnerte sich nicht recht daran, flüsterte nur, dass sie ihre Senioren-Reisegruppe verlassen habe und spazieren gegangen sei und nun nicht mehr zu ihrem Hotel zurückfände. Es gäbe ja auch keine Wegkreuze hier, wo sie sich orientieren könne. Das sei alles zu „protestantisch“ hier und überhaupt auch zu teuer.

Ich gab ihr recht. Ich hatte ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass zumindest Unterkunft und Bier deutlich höherpreisiger waren als in der Oberpfalz oder in Niederbayern etwa.

Gerda fragte mich, ob ich sie nicht in ihr Hotel zurückbringen könnte. Ich wollte keine Zeit verlieren und bot ihr an, sie bis Oberwiesenthal mitzunehmen und sie von dort mit dem Bus nach Breitenbrunn zurück zu schicken. Sie war einverstanden.

Es sollte meine bislang längste Wanderung werden. 43 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 035

Schon nach wenigen gemeinsamen Schritten mit Gerda fing diese an zu reden (und hörte nicht mehr auf bis….).

Ob ich wisse, dass hierzulande alle Kinder mit blauen Augen geboren würden?
Und dass Sterbende auch wieder blaue Augen bekämen?
Erst vor kurzem habe sie bei ihrer siechen Schwester gesehen, dass auch diese ihre Augenfarbe geändert habe – ins Blau. Kurz vor dem Tod.
Sie, Gerda, sei auch schon über 80.
Ob ihre Augen denn jetzt auch blau seien?
„Nein“, entgegnete ich, „Sie haben braune Augen!“
Das beruhigte sie ein wenig.

Ob ich wisse, fuhr sie fort, dass die Seele eine Haut habe? Diese Haut könne Narben bilden, bei Verletzungen. Sie fühle ihre Narben ganz deutlich.

Ich versuchte mir das vorstellen: Seele mit Akne, mit Neurodermitis, mit Geschwüren und kleinen Warzen, mit Hornhaut. Welche Berufsfelder, Industriezweige und Produkte könnten neu entstehen: Seelen-Dermatologe, Seelenhautcremes (für Tag und Nacht), Seelen-Sonnenschirme, Seelenhautkuren. Man könnte aus der Seelenhaut Stammzellen gewinnen, um ganze Seelen zu klonen.

Wir liefen zusammen philosophierend immer weiter in den dichten Nebel hinein.

Road to nowhere

Gerda gefiel meine Armbanduhr. Vor allem der Höhenmesser. Ich gab sie ihr, damit sie genauer die Anzeige studieren konnte, immerhin waren wir schon auf 1.093m Höhe angelangt.

Keine Schleichwerbung! Es geht um die Höhenanzeige!

Und es ging immer noch weiter bergauf. Wir waren am Fichtelberg. Der höchsten Erhebung des Erzgebirges.

Auf dem Pass imposante Schneeverwehungen.

Als wär

Unterwegs ein Berghof. Ein Junge hackte Brennholz und meinte lapidar: Auch wenn es im Tal schon 15 Grad habe, bis hier hoch komme der Frühling nicht so schnell.

Mit der Axt lässt sich kein Winter vertreiben

Schließlich erreichten wir Oberwiesenthal, die höchst gelegene Stadt Deutschlands. Berühmter Ski-Ort. DDR-Helden wurden hier geboren/berühmt. Ich sagte Oma Gerda, dass ich sie jetzt zum Bus zu bringen würde, mit dem sie zu ihrer Seniorengruppe zurück fahren könne. Aber Gerda fand mich nett, wollte bei mir bleiben.
So legten wir eine kleine Pause in einem schönen Café, das schon zu DDR Zeiten für seine Konditor-Kunst berühmt war, ein. Ich trank einen Grog und Gerda naschte den berühmten Spitzkuchen (Mandeln). „Wenigstens das können sie hier, die Protestanten!„, schnaufte sie.

Gerda knabbert sich wie ein Biber durch den Kuchen durch

Noch lag der anstrengendste Teil des Tages vor mir: 23 km bis Annaberg. Überwiegend an der tschechischen Grenze entlang. Sie war nur ein paar Meter entfernt. Ich packte Gerda in den Rucksack zu meinen anderen Gästen und marschierte los.

Ich hörte noch, wie Gerda Kuno fragte, ob er wisse ….

Ich schaltete innerlich ab und konzentrierte mich, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es gab keine andere Möglichkeit, als an der Bundesstraße entlang zu laufen.

Unterwegs ein paar Straßendörfer und (erstaunlicherweise) immer wieder mittelständische Betriebe. Anscheinend rappelt sich die Gegend wirtschaftlich doch etwas auf.
Auch wenn man es vielen Fassaden nicht ansieht.

Alte Propaganda

Keine Ahnung, was da für ein ausgestopftes Tier rechts unten in der Garage stand. Auch bei näherem Hinschauen konnte ich es nicht identifizieren.

Wolpertinger ?

Um 19 Uhr traf ich endlich im ziemlich dunklen Annaberg ein. Obwohl nicht kalt, war so gut wie niemand in den Straßen.
Ein Hotel war schnell gefunden.

Durst: Pils von Braustolz (2,80 Euro (0,5 l)). Gut. Oma Gerda fand es sogar „ziemlich“ gut.
Brauerei aus Chemnitz (seit 1868). Mittlerweile von Kulmbacher übernommen.

Oma Gerda genießt gerade das Leben

Hunger:
Vorspeise: Mit Thymianhonig gratinierter Ziegenkäse auf Rucola-Tomate (6,50 Euro).

Hauptgang: Erzgebirgische Pilzpfanne mit Zwiebel und Knoblauch. Dazu Böhmische Knödel (8,50 Euro). Sehr schmackhaft.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die Nächte werden langsam zu lebhaft – komm

(Ras-Pudding nähert sich langsam der Hüterin an, Kristyna ist erzürnt, Oma Gerda belabert Kuno und Oskar und Erika flöten sich an.)

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

Frühlingsbotin Rika will mit mir nur einen Ausflug nach Cheb unternehmen

Frühlingsbotin  (spärlich bekleidet für die Jahreszeit)

Rika stand einigermaßen ratlos da, mit leicht dümmlichem Gesichtsausdruck und auf jeden Fall overdressed (will sagen, für die Jahreszeit hatte sie definitiv zu wenig an). Sie hatte – genauso wenig wie ich – damit gerechnet, dass oberhalb von Marienbad noch Schnee lag. Dabei wollte sie nur schnell zu einer vornehmen Pension in den Bergen oberhalb des Zentrums spazieren. Nun stand sie da, schlotternd vor Kälte, aber immer noch bella figura machend.

Ich lud sie ein, mit mir zugehen. Zum einem gefielen mir ihre Sprossen im Sommergesicht, zum anderen hatte es ja Tradition, sich in einem berühmten Kurort wie Mariendbad einen Kurschatten zuzulegen.

Schon Johann Wolfgang  war (damals 72jährig!) mehrmals hierher gereist, um seine neueste Flamme (eine 17jährige (!)  mit Namen Ulrike von Levetzov) zu beglücken.

Der Weg aus Marienbad heraus schraubte sich erst einmal durch den Wald bis auf rund 800m hoch. Mit reichlich Schnee.

Wenigstens war geräumt

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen und hatte vor, durch das Egerland bis nach Cheb zu wandern. Rund 37 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 028

Die ersten 2 Stunden ging es durch Fichten-Wald einen Höhenweg entlang. Danach führte das Forststräßchen ziemlich entschlossen runter ins Egerland. Der Schnee schmolz dahin.

Schöne Alleen.

Wenn ich nicht bald mal lerne, Bäume an ihren Stämmen zu bestimmen! Platanen ?

Dazu ein Schloss des Fürsten Metternich

Königlich gelegen des Fürsten Schloss

Schließlich kleine Ortschaften in welliger Landschaft.

Um die Kirche drängt’s sich

Neben Ackerbau, sehr viel Viehwirtschaft. Was Nika überhaupt nicht gefiel. Seit wir das Schloss Kynžvart (früher: Schloss Königswart) der Metternichs verließen, stank es für sie in der Gegend nur ziemlich heftig nach Gülle. Als ich sie dann noch – weil ich ein paar Schafe fotografieren wollte – an einem Kuhstall abstellte, war das Maß für sie voll.

Prinzessin auf der Erbse

Sie erklärte, dass sie sofort zurück nach Marienbad wolle.
Ich fragte sie, was sie dort eigentlich mache?
Den Tag verbringen„, deutete sie an – und meinte, auf den reichen Prinzen warten.
Aber Marienbad sei doch todlangweilig, entgegnete ich: „Nur sieche Alte“. Und die hätten kaum Geld. Ich argumentierte, dass die Stadt lediglich mit ihrem früheren Glanz prahlte, von den Goethes, Metternichs und dem Geldadel. Jetzt aber sei die deutsche Mittelschicht und der deutsche Handwerker (der es als Selbständiger zu etwas gebracht hatte und seine Rente hier ausgab) eingezogen – und beide seien 1) knausrig 2) kleinbürgerlich bis spießig 3) nicht zu prinzlicher Großmut erzogen worden.

Trotzdem war sie kaum zu beruhigen – bis ich ihr versprach, dass wir morgen Franzensbad ansteuern würden, ein fast so bekannter Kurort wie ihr Marienbad. Das beruhigte sie vorübergehend.

Ach ja: die Schafe. Ich freu‘ mich schon auf das Osterlamm. Mal gespannt, ob die Sachsen (denn bei denen werde ich die Festtage vermutlich sein), das schmackhaft zubereiten können.

Geschmorte Lammschulter mit reichlich Knoblauch !

Nach mehreren Stunden Wanderung durchschritten wir ein kleines verträumtes Tal. Mit dem Weiler Salajna (früher Konradsgrün).

Beschauliches Dorf mit bewegter Geschichte

Der Großteil des Dorfes ist eher baufällig. Doch werden einige Gehöfte mittlerweile renoviert und strahlen fast schon wieder im alten bäuerlichen Glanz. Beeindruckende Fachwerkhäuser.

Beinahe mediterrane Farben

Giebel-Kruzifix

Paarweise wohnt es sich besser

Welch eine filigrane Pracht die an sich groben Ornamente ausstrahlen können. Fachwerk ist wohl das Sinnbild für „Tradition“. Und die Egerländer beherrschten dieses Handwerk aus dem f.f..

Ich kann schon verstehen, dass man um eine solche Heimat trauert, selbst wenn die Vertreibung schon über 6 Jahrzehnte zurückliegt.
(Auch wenn mir stets die meisten Vertrieben-Funktionäre (mit ihrem Revanchismus) mächtig auf den Keks gegangen sind und immer noch gehen.).

Langsam näherte ich mich Cheb (Eger). Am Rande eines vorgelagerten Sees. Ermüdende Kilometer-Rackerei. Schrebergarten reiht sich an Schrebergarten. Tausende kleine Datschen klumpen sich am Ufer.

Zwergenhäuser an der Eger

18:30 Uhr. Endlich Ankunft in Cheb. Mit brennenden Füßen. Die Stadt wie ausgestorben. Aber wunderschön.

Warum verkriechen sich alle hinterm Ofen und warten dort bis der Frühling kommt ?

Durst: Budweiser.

Hunger: Entenbrust mit Honig und Rosmarin. Dazu Knödel 9 (Euro). Sehr gut! Klasse gewürzt, selbst die Knödel hatten zum ersten Mal einen Eigengeschmack (und mussten ihn nicht erst durch die Soße auftanken).

Kein Zicklein auf dem Teller, aber eine Zicke auf dem Tisch

Nur Rika zickte wieder einmal herum. Ente mit Knödel war für sie derb bäuerliche Küche. Sie hätte gerne etwas Mediterranes bestellt. Languste oder Rotbarbe oder so. Ich hatte genug von dem Gemeckere und schmiss mit Salatblättern nach ihr.

Rika könnte damit in Ascot Aufsehen erregen

Ich muss gestehen. Sie trug es mit Würde. Selbst das Blattgrün stand ihr gut!

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

In den Armen Ras-Puddings war sie erstaunlich brav

Pause in Marienbad

Beeindruckende Kolonnaden

Pause. Muss Klamotten waschen, Füße entspannen, Schnupfen bearbeiten, mal meinen Blog weiter pflegen. Ansonsten nichts tun. Nichtmal wirklich fotografieren.

Außerdem war es schweinekalt. Nicht viele Gäste und noch weniger Kurschatten in den Straßen.

Ein paar Frauen in Nerz.

Nicht ganz stilsicher

Ein paar Frauen lustig angezogen.

Ziemlich stilsicher. Sie weiß, wie sie ausschauen will

Ein paar Paare Hand in Hand.

Haben gerade einePackung bekommen

Ansonsten: Altersheim mit fast ausschließlich deutschen Insassen (über 70!), die ausnahmslos dem Arzt ein Symptom verschweigen (was mich aber nervt): Tippelschritt.

Habe 12 Jahre Baden-Baden genossen, warum also nicht auch einen Tag hier.

Essen:
Konfitierter halber Fasan auf altböhmische Art mit Apfelrotkraut-Marmelade und böhmischen Knödelvariationen. (15 Euro.)

Nach 5 Minuten sah der Teller so aus!

Davor schon: Hummercapuccino mit Riesengarnele dekoriert und mit Brandy beduftet. (11 Euro.)

Dazu 3 Budweiser.

Ich geb zu, ich war in einem Feinschmeckerlokal. War richtig gut. (Nur die böhmischen Knödel haben mir ziemlich im Magen gelegen. Die hauen einfach rein.)

Hosenlatztiroler Karl geht nur mit Keuschheitsgürtel nach Zelezna Ruda

Karl nannte ich ihn. Weiß nicht warum. Er sah auch nicht aus wie ein Bayer. Der Tracht nach zu urteilen (aber da kenne ich mich nicht wirklich aus), konnte er aus dem Schwarzwald stammen oder auch aus Tirol. Und Tiroler, die Lederhosen tragen, heißen nun mal Hosenlatztiroler.

Karl hat sich schick gemacht für die tschechischen Mädels

Auf die andere Seite zu gehen, war weniger als ein Katzensprung. Zelezna Ruda wird auch „Böhmisches Eisenstein“ genannt und liegt rund 3 1/2 km Fußweg von „Bayerisch Eisenstein“ entfernt. Eine Stunde gemütliches Schlurfen.

GPS-Gesamtstrecke bis 019

Der Grenzbahnhof: Ein bisschen wie ein Museum. Auf deutscher Seite: Ausrangierte Nostalgie-Waggons.

Nostalgie in Betrieb

Auf tschechischer Seite: Alte Loks noch in Betrieb.

Deutsch-Tschechische Grenze

Dass hier einmal der eiserne Vorhang herunter gelassen war, kann man kaum noch glauben. Ein kurzer Schritt und schon ist man „drüben“. Klasse dieses Europa.

Ich war vor rund 40 Jahren das erste und einzige Mal in der damaligen Tschechoslowakei. Ich gestehe, dass ich auch über das neue, moderne europäische Tschechien erschreckend wenig weiß. Mein nicht ganz vorurteilsfreies Basis(halb)Wissen: Roma-Diskriminierung, Rechtsextreme in Parlament und Verwaltung, ein einigermaßen skurriler Präsident (Klaus), der ab und zu beim Kugelschreiber-Klauen erwischt wird (kein Witz – es gibt Youtube-Videos!) und der längste Rotstrich der Welt entlang der deutschen/tschechischen Grenze.

Aus letzterem Grund war mein Klaus gekommen. Ich hatte ihn aber gewarnt, er solle sich benehmen!

Nach der Grenze zuerst ein Schild mit deutsch-tschechischem Sprachkurs!

Praktisches Wörterbuch für unterwegs

Dann gleich in voller Größe die Einstimmung für diesen Samstag.

100 Meter auf tschechische Gebiet

Ich machte mir Sorgen um Karl.

Das Dörfchen Zelezna Ruda deutlich belebter als sein bayerisches Pendant.
Cafés waren geöffnet, an jeder Ecke ein Spielkasino und überall Asia-Läden als kleine wilde Straßenmärkte. Und wie immer, egal wo auf der Welt, kaum ist der Fotoapparat gezückt, verschwinden die asiatischen Verkäufer als seien sie nur Schatten, die sich im Licht sofort auflösen. Die (AllerWeltsSehrBillig)Ware scheint wohl nicht ganz legal zu sein. (Weiter drin immer Zigaretten und Alkohol!)

Eigentlich waren hier 4 - 5 Vietnamesen (?), als ich die Kamera zückte

Zweitausend Einwohner bevölkern das Grenzstädtchen und, soweit ich gezählt habe, mindestens ein halbes Dutzend Puffs.

Erwerbszweig Tourismus

Ich fragte Karl wie viele Synonyme er für „Huren“ kenne.
Nutte, Prostituierte, Strichmädchen, Damen des horizontalen Gewerbes, Flittchen, leichtes Mädchen: Es sprudelte nur so aus ihm heraus.
Ich fragte ihn dann, wie viele Bezeichnungen er für „Freier“ kenne.
Schweigen.

Wir brachen das Gespräch ab.

Die Nacht graute. Frühe Ausgehzeit. Karl und ich beschlossen, einige der Etablissements zu besuchen. Aber zur Sicherheit band ich Karl einen rot-weißen (Tiroler !!!!) Keuschheitsgürtel um. Sein Protest nutzte nichts! Hinten zugeschweißt!

Unglücklicher Karl

Der Abend verlief wie so viele solcher Abende verlaufen. Warten, dass etwas geschieht.

Karl wurde immer unruhiger. Die Mädchen boten sich an. Die Hälfte von ihnen kamen aus der Ukraine. Ein Viertel irgendwo aus dem ferneren Osten und das andere Viertel aus Pilsen. Ungewöhnlich viele hatten schon einmal in Deutschland gearbeitet: München, Nürnberg, Stuttgart, Köln. Aber die Konkurrenz dort war zu stark, immer mehr jüngere zogen nach. Die, die in diesen Clubs waren, waren wieder zurück gezogen. Sie wurden älter. Hatten Kinder zu versorgen.

Die Freier: Ausschließlich Deutsche. Einige ältere Herren. Manch kleine Jugendgruppe, die mal schnell den Trip über die (nicht vorhandene) Grenze gemacht hatte. Diskos und Clubs gab es in ihren gottesfürchtigen niederbayerischen Dörfern ja nicht. Nur Tankstellen (selten) zum Vor- und Ausglühen.

Erst fiel der Eiserne Vorhang und dann die deutsche Hose!

Später in der Nacht wechselten Karl (frustriert) und ich in die einzige offene Kneipe, die
a) kein Casino und
b) kein Striplokal war.
Hier saßen nur Einheimische. Und nur tschechische Jugendliche und so gut wie nur Jungs.
Karl fiel auf, dass sie körperbetonter waren als seine deutschen Freunde. Ständig drückten sie sich an die Brust, küssten sich auf die Backe, kippten einen unbekannten Schnaps und lachten und grölten.
Manchmal warfen sich zwei von ihnen zwischen den Tischen mit dem Rücken auf den Boden und versuchten sich in Fußhakeln. Was in Bayern Armdrücken ist, ist in Zelezna Ruda anscheinend Beindrücken. Die Haxn werden ineinander verhakt und dann versucht einer des anderen Extremität auf den Boden zu drücken. Gegröle, Geschrei, noch ein Schnaps und noch ein Backenkuss mit einem Klitschko-Lächeln.

Durst: Pilsener Urquell (scheint landesweit Identitäts-stiftend zu sein). Gezapft. Süffig. 1,50 Euro.

Hunger: 1/4 gebratene Ente mit Knödelvariation (meinen ersten Brotknödel gegessen) und Rot- und Weißkraut. Gut. 6,50 Euro.

Unterkunft: 24 Euro (inkl. Frühstück – Rührei mit Speck).

Zum „Gans Ausspielen“ nach Mauth

Der Wetterbericht hatte zum wiederholten Mal Schneeregen angekündigt. Wieder kein Fototag. Darauf war ich eingestellt, als ich um 9 Uhr aufbrach. Schneeregen gab es tatsächlich und das im doppelten Sinn, natürlich und künstlich – sozusagen.

Oberhalb von Mitterfirmiansreut (was für ein Name) baut ein privater Förderverein eine Schneekirche.  Zum Gedenken an das legendäre Original, die die frommen Bauern vor genau hundert Jahren aus Eisblöcken konstruiert hatten –  als Protest gegen den verbonzten Pfarrer, der sich im harten Winter selten hatte blicken lassen.

Die immer noch frommen – aber nicht mehr so armen – Mitterfirmiansreuter investieren 160.000 Euro in diese vergängliche Konstruktion.

Rohbau der Schneekirche in Mitterfirmiansreut

Das Holzgerüst steht schon, seit gestern schieben Schneeraupen immer mehr Schnee an die Baustelle.

Schneeraupen schieben das Baumaterial herbei

Mit einer Schneefräse wird der verklumpte und vereiste Schnee dann pulverisiert und auf die Holzkonstruktion gesprüht.

Schneefräsen schleudern den Schnee auf den Rohbau

Etwa eine Woche lang wird so in Mitterfirmiansreut  ein künstlicher Schneeregen niedergehen. Bis Kirchturm und Halle vollständig umschlossen sind.

Ist alles schließlich vereist, wird der Holzkern entfernt und die Schneekirche wird selbsttragend sein – bis zur ersten Frühlingssonne.

Mein Weg heute: von Mitterfirmiansreut bis Mauth. Dort beginnt der Nationalpark Bayerischer Wald.  Mit Auto wären das etwa 8 – 9 Kilometer. Gewandert bis ich allerdings rund 16 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 012
Die Wanderwege im Wald fast unpassierbar. Bei jedem Schritt sackte man zwanzig, dreißig Zentimeter ein. Anstrengend.

Winter im Bayerischen Wald

So lief ich meist auf noch nicht gespurten Skiloipen, die einen besseren Halt gaben, mich allerdings auch häufig im Kreis führten.

Mühsame Wege

Mit jeder weiteren Stunde versuppte die Sicht.

Milchige Sicht

Zum ersten Mal auf meiner Tour dachte ich an gar nichts. Die Landschaft auf dem ganzen Weg weißgrau tapeziert. Es war still, kein Vogelgezwitscher, kein Warnruf irgendeines Tieres, nur ab und zu das Fallgeräusch eines besonders dicken SchneeRegenTropfens auf meinen Rucksack.

Gegen 14 Uhr 30 kam ich in Mauth an. Immerhin hatte dort ein Gasthaus offen. Auf mein Zimmer musste ich allerdings mehr als eine Stunde warten. Die Wirtin war einerseits mit Kochen für eine Abendveranstaltung (Weihnachtsfeier des Gesangvereins) beschäftigt und andererseits reichlich wortkarg.

Bier: LangBräu. Schon wiederholt getrunken, scheint in dieser Region weitverbreitet.

Essen: 1/4 Gans mit selbstgmachtem Kartoffelknödel und Blaukraut. Sensationell !! (15 Euro.)

(Irgendwie hatte sich meine Dreinamenshex KittiKattiKatharina schnell noch etwas von dem Gänsefett unter der knusprigen Haut gesichert. Zu was auch immer sie das noch brauchen würde.)

Dass ich Gans aß, war purer Zufall. Ich hatte meine Wirtin gefragt, was es denn am Abend zu Essen gäbe. Ihre mundfaule Antwort: Wiener Schnitzel mit Pommes. Ich erwiderte, dass ich aber gesehen hätte wie sie gerade einige Gänse zubereitet habe. Sie meinte, die seien reserviert für die „geschlossene“ Abendgesellschaft im Nebenzimmer. In der Vorweihnachtszeit spiele die das traditionelle „Gans Ausspielen“. (Dahinter verbirgt sich, dass 4 Kartenspieler (Schafkopf oder Watten) um die Gans spielen. Das ganze Feder-Vieh kostet 60 Euro. Der Gewinner (oder das Gewinnerpaar)  darf umsonst schlemmen.)  Die Wirtin fand offenbar Gefallen an meiner Hartnäckigkeit und versprach, mir ausnahmsweise ein Viertel einer Gans zurückzuhalten.

Und sie schmeckte köstlich. Knusprig die Haut, fast leicht das Fleisch, auf den Punkt gewürzt. Klasse die Soße, gut entfettet (ohne Mehlverdicker!!! endlich!!!). Die selbst gemachten Knödel ein Gedicht.

Am Schluss hab ich sogar die Knochen abgeknabbert und abgelutscht und mich gründlich überfressen.

Unterkunft: 34 Euro.

Glücksgefühl beim Verlassen von Gottsdorf

Glücksgefühl am Morgen. Schnee lag noch. Tolle Wetterstimmung beim Verlassen von Gottsdorf.

Gottsdorf in der Früh

Gottsdorf immer noch früh

Einsame Sträßchen, praktisch kein Verkehr. Immer wieder Grenzschilder: Österreich eine gute Spuckentfernung weg.

Grenze verläuft durch Innenhöfe von Bauernhöfen

Eher einfache Route heute: Von Gottsdorf (mit ein paar Umwegen) nach Wegscheid. Maximal 18 Kilometer. Keine schwierigen Höhenunterschiede.

GPS-Gesamtstrecke bis 009

Niemand zu sehen, nicht auf den Straßen, nicht in den Dörfern. (Was machen eigentlich Bauern im Winter? Euro-Subventions-Richtlinien studieren, am warmen Herd?). Immerhin rauchten fast alle Schornsteine. Es wird viel Holz verfeuert. Angenehmer Geruch nach Lagerfeuer.

Meine einzigen Begleiter: Wegkreuze.

Treue Begleiter: Wegkreuze

Und immer noch ein Glücksgefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Es hing wohl mit der Natur zusammen. Sie war nicht grandios. Doch zauberhaft still und anmutig (gar nicht wuchtig, wie ich für den Bayerischen Wald vermutet hätte).

Glück ist ein merkwürdiges Gefühl. Jedenfalls mehr als purer Endorphin-Ausstoß.

Ich weiß, das viele dazu neigen, angesichts eines überwältigenden Naturerlebnisses den Schöpfer zu bemühen und die Nichtigkeit des eigenen kleinen Wesens zu betonen. Und aus einem Glücksgefühl, aus einer Naturüberwältigung, gleich einen Gottesbeweis zu machen. Wieder so ein kultureller Reflex, der sich automatisch zwischen den Synapsen ereignet. 2000 Jahre Christentum haben den meisten von uns den Horror Vacui eingebleut. Die Angst vor dem absoluten Nichts. Nur weil wir den Abgrund des Nichts sehen, sollen wir an Gott glauben. Alles definiert sich demzufolge über sein Gegenteil, nichts existiert ohne sein Antonym. Das hat aber einen Haken. So würde Gott auch nur existieren, wenn es ebenfalls einen Teufel gäbe. Hat also Gott den Teufel geschaffen, um sich selbst zu erzeugen?
Wer den Teufel abschafft, vernichtet Gott?

Komisch, über was ich so nachdenke, wenn ich ständig an irgendwelchen Kruzifixen vorbeimarschiere und an seltsamen Nikolaus-Leichen.
Dieser Himmels-Postbote war offensichtlich erfroren: Wiederbelebung zwecklos. Schokolade auch nicht mehr genießbar.

Irgendetwas stimmt mit der Ausrüstung der Nikoläuse nicht

Danach ein plötzlicher Wetterumschwung. Mehr SchneeRegen als Schnee. Wind. Graupel. Ungemütlich. Wegscheid war allerdings nah. Und ein Landgasthof. Ankunft 15 Uhr 30. Pressspan-Möbel im 60er Jahre Stil. Rustikal-Charme. Knorriger (aber dennoch überaus freundlicher) Wirt. Zwei ältere Bauern am Stammtisch, die auch wieder über die ertrunkenen Angler diskutierten. Konnten aber auch nicht klären, warum sie nicht schwimmen konnten.

Durst: Innsstadt Helles. 2,20 Euro.

Hunger: Wildschweinbraten mit Knödel. Standard (Mehlschwitze ist hier wohl auch Standard). 10,80 Euro.

Mehlschwitze ist Saucen-Standard

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück). Klasse Preis.

Tut mir leid Nikolaus, ich geh bis Gottsdorf

Völlig verregneter Tag. Fing in Obernzell harmlos mit ein bisschen Nieselregen an. Das Wasserschlösschen (einst fürstbischöflich) fotogen trotz Schmuddelwetter.

Obernzeller Wasserschlösschen

Die Fähre rüber nach Österreich fuhr ohne Passagiere. Wahrscheinlich schmeckte dem Kapitän der kleine Braune dort besser als der Espresso bei uns (warum nur taucht bei den geliebten Nachbarn so oft das Wort „braun“ auf (Braun-au, Braun-er (für Kaffee))). Will jetzt nicht weiter assoziieren).

Verregnetes Spiegelbild

Die Donau lag da, träge und braun.

Donau (auf deutscher Seite braun) (auf österreichischer blau)

Auch heute wieder etwas spät aufgebrochen. Gegen neun Uhr in der Früh. Wollte der Donau folgen bis zum deutsch-österreichischen Schlagbaum und dann Richtung Bayerischer Wald aufsteigen. Hier macht die Grenze ein Eck.

Deutsch-Österreichisches Eck

Zumindest bis Gottsdorf wollte ich heute kommen.

GPS-Gesamtstrecke bis 008

Traf ich auf meinen bisherigen Wanderungen niemanden, so war hier überhaupt niemand unterwegs. Nur ich und meine Familie (im Rucksack).

Regnet halt stark

Kurz vorm Aufstieg passierte ich ein kleines Wasserloch mit einer merkwürdigen Wasserleiche: Ein Nikolaus war abgesoffen, hatte wohl den Temperatur- und Wetterumsturz bei seiner Erdenfahrt nicht mit einkalkuliert.

Ab jetzt „Ade! Servus! Tschüss!“ Flüsse. Erst der Salzach entlang (Grenze mit Österreich), dann dem Inn (Grenze mit Österr.), schließlich der Donau (Grenze mit Öst.) gefolgt und nun hinauf in die Berge (und immer noch Grenze mit Ö). Von oben ein letzter Blick ins total verregnete Donautal mit Engelhartszell auf der österreichischen Seite.

Blick zurück und dann nach vorn

Mit jedem Meter Auftsieg wurde der Regen kälter, plötzlich waren es Flocken.
Schnee wie Puder.

Erster Schnee im Dezember 2011

Dann richtiger Schnee! (Am Nikolaustag!)

Erst der Anfang !

Und wieder geschah etwas Seltsames:

Unter meinem Schritt spürte ich ein seltsames Geräusch, etwas Matschiges, etwas Seufzerähnliches, Röchelndes und schnell Verstummendes.

Ich hatte – ohne Absicht – einen Nikolaus zertreten.
Es tat mir aufrichtig leid. Nikolaus, wie er da lag mit zertretenem Schokoladen-Gesicht. Hätte er sich früher bemerkbar gemacht: Ich hätte ihn in meine Familie aufnehmen und in meinen Rucksack stecken können. Auf einen mehr oder weniger wäre es nicht angekommen. Pech.

Jämmerlicher Anblick

Nach 18 km und 5 Stunden Laufen: Ankunft in Gottsdorf auf rund 660m Höhe.
Toller Landgasthof.

Durst: Unertl Hefeweizen! (Neben der Schneider-Weiße das beste Weißbier Bayerns.) Privatbrauerei. 2,80 Euro.

Zu meiner Überraschung hatte sich doch wieder ein Nikolaus ins Restaurant geschlichen und zu mir gesellt. Scheinen unverwüstlich oder geklont zu sein. An jeder Ecke vorhanden. Und stehen wie die Untoten immer wieder auf.

Most Braten mit Niki

Hunger: A‘ geschmackiger Mostbraten (in Mostsud geschmorter Rinderbraten 
mit gebackenen Sauerrahmknödeln und Wurzelgemüse) € 9,20.
Sehr gute Landgasthaus-Küche. Dazu ein Innstadt Helles.

Gut bedient schlafen gegangen, so gegen 23 Uhr.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Wirklich billig. Der Gasthof war frisch renoviert und von einem Innenarchitekten sehr ästhetisch und großzügig ausgebaut worden. Internet inklusive (das ermöglichte mir endlich wieder etwas zu posten).

Nicht schon wieder: Auch Leopold will mit bis nach Obernzell!

Erster Nieseltag. Luft dauernass. Halb neun losgegangen. Froh, dass ich mal einen Tag wandern konnte, ohne einen neuen Begleiter. Meine Familie hatte ich in einem speziellen Fach im Rucksack verpackt. Die Quälgeister hatten es kommod. Ich hatte (endlich) meine Ruhe.

Wollte nicht zu weit gehen, knapp 17 km bis Obernzell an der Donau.

GPS-Gesamtstrecke bis 007

Der Weg entlang der schönen grauen Donau eher langweilig. Direkt neben einer Bundesstraße. Aber immerhin am Ufer entlang. Ab und zu tuckerte ein Frachter vorbei.

Donau Uferstraße

Donau-Verkehr

Unterwegs: Häuser wie eine Warnung: „Wenn du weitergehst, mach dich auf härtere Zeiten als bisher gefasst!“ Private Trutzburgen, in denen Menschen mit Panzerhäuten leben mussten, die sich maximal via Satelittenschüssel am sozialen Leben beteiligen. Selbst der Wind fühlte sich hier kälter an.

Trutzburgen mit Sat-Empfang

Kann wohnen schöner sein ?

Die Sonne brach noch einmal minutenkurz durch die Wolken. Eine Wegkreuzung und plötzlich stand Leopold da mit seiner Kuh. Ich wollte ihm ausweichen, er sah aus wie deppert: Mitten im Winter mit kurzen Lederhosen, Sepplhut und Kalb(?). Ich hatte allerdings Mitleid, half ihm über die Straße und das interpretierte er als Einladung mit mir zu ziehen.

Leopold will eigentlich Anzüge mit Krawatte tragen.

Ich fragte ihn nach seinem komischen Outfit, direkt wie aus einem Souvenirladen aus der nahen Stadt Passau. Leopold erwies sich als pfiffiges Bürschchen. Damit verdiene er sich ein paar Euros. Die Amerikaner wollten das so, sie zahlten auch gut für ein Foto. Eigentlich würde er lieber in einem Anzug herumlaufen wie ein Rechtsanwalt, ein Professor oder ein Banker. Aber er brauche Geld und mit seiner Tracht ließe sich doch einiges verdienen.

Ich fragte ihn, warum er überhaupt arbeite, warum er nicht zur Schule ginge und was seine Eltern dazu sagten.

Leopold erklärte mir dann das Übliche. Vater Bauer, der über „Bauer sucht Frau“ eine Maid gefunden hatte, die sich gut bezahlt schwängern ließ, nach der Geburt Fersengeld gab und zur nächsten Show pilgerte. Der Vater jetzt Alkoholiker, Assi-Poldi, der ihn schlug. Also sei er selbst abgehauen und habe sich im „Tourismus/Souvenirhandel“ selbständig gemacht. Sein Traum sei Arzt, Apotheker, Professor – auf jeden Fall irgendwas mit Anzug zu werden.

O.k.

Wieder ein Problem am Hals. Die Familie wuchs.

Obernzell kündigte sich mit den ersten Häusern an. So verlassen wie die ganze Dorfstraße.

Glanz vergangener (Geschäfts-)Jahre

Das Dörfchen hatte mal goldene Zeiten erlebt. Hier legten bis vor 200 Jahren die Donauschiffe aus dem Süden der K. und K. Zeit an. Hier stiegen die Passagiere auf Kutschen um. Goldene Epoche. „Es iss vorbeii, ois vorbei“ (Copyright Wolfgang Ambros).

Ich fand ein wunderbares ehemaliges K. und K. Hotel. Alte Post. Einstige KutschenumstiegsStation. Jetzt von zwei älteren Damen betrieben. Liebevoll konserviert. War der einzige Gast (für Leopold musste ich nicht extra zahlen, für die Kuh (Kalb?) auch nicht).

Im Dorf gibt es etwa ein halbes Dutzend Kneipen. Bis auf eine alle zu. Es war Montag und zudem keine Saison. (Saison ist Sommer, wenn tausende Fahrradfahrer über den internationalen Fernweg nach Süden rauschen.)

Mit Bier zieht man Kinder groß!

Durst:
Helles, Innstadt Brauerei (Passau) 2,40 Euro. Allerwelts-Helles, aber billig.

Ich war früh in Obernzell angekommen (so gegen 15 Uhr) und hatte Stunden damit verbracht, eine offene Gaststätte zu finden. Entsprechend groß war der Durst. Drei weitere Halbverdurstete im Gasthof. Sprachen die ganze Zeit über drei Angler, die gestern auf einem nahen Weiher in einem Boot bei etwas Wind verunglückt und zwei davon ersoffen waren. (Können Angler eigentlich nicht schwimmen?)

Der Hungrige verschlingt alles

Hunger: Waidlertopf mit Stockpilzen (Reh-, Hirsch- und Wildschweinfleisch mit Knödeln, Preiselbeeren und Gemüse), 11,60 Euro. Fürchterliche Mehlsauce. Fleischsorten waren nicht unterscheidbar. Aber egal. Riesenhunger und sonst gab es nichts im Dorf. Bin zufrieden in mein Privathotel getapert.

Brauch bald ein Doppelbett für meine Familie

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück und Gespräch mit zwei herrlichen älteren Damen, die aus München stammten, das Hotel aber seit Jahrzehnten(?) managten).