Mit blasphemischer Chuzpe nach Garmisch-Partenkirchen

Wespenalarm!
Morgens um 9!
Ein in Schutznetze eingehüllter Beamter kam mir auf dem Ammeruferweg fuchtelnd entgegen und bat mich, einen großen Umweg zu machen.
Sie würden gerade das Nest aggressiver Wespen ausheben. Es sei zu gefährlich weiter zu gehen.
Ein einheimischer Radler und Grantler protestierte. Das sei doch alles Unfug. Die Ammer flösse durch ein Naturschutzgebiet. Wie könne man da Wespen töten. Der Radler radelte weiter und ich machte einen Umweg.
Ich hatte anscheinend zuviel Respekt vor der wilden Natur!

eingefasst

eingefasst

Mein Weg heute: von Unterammergau nach Garmisch-Partenkirchen. Etwa 21 km.

GPS-180-Unterammergau

GPS-Gesamtstrecke bis 180

Trotz Umweg: Oberammergau war schnell erreicht.
Durch die Passionsspiele weltberühmt, ist es in Wahrheit ein eher langweiliger Ort.
Wäre da nicht der bayerische Sinn für Theatralik und barocke Bühnenbilder.

Kaum ein Haus ohne Giebelkreuz.

Grüß Gott

Grüß Gott

Kaum eine Fassade ohne ausschweifende Bemalung.

Giebel-Kunst

Giebel-Kunst

Ich fragte mich, in welche Inszenierung ich da geraten und welche Rolle mir zugedacht war?

Triptichon

Triptichon

Die Jesus Passion als Comic-Strip, Golgotha in die Ammergauer Alpen verlegt. Buben, die vor dem Gekreuzigten Schuhplattler tanzen. Die Monte Pythons hatten bei weitem nicht so viel Phantasie und blasphemische Chuzpe wie bayerische Lüftlmaler und Holzschnitzer.

Nirgendwo feiert sich das bajuwarische Klischee dermaßen ungeniert wie auf diesem Streckenabschnitt meiner Tour.

Gar lustig sind die ...Buam

Gar lustig sind die …Buam

Die Ammer jetzt rauer, nur manchmal hob sich der Nebelschleier und ich konnte ahnen, dass ich durch Gebirge wanderte.

Bach oder Fluss?

Bach oder Fluss?

Akt II der Inszenierung begann: Kloster Ettal. Eine mächtige Benediktiner-Abtei. Kein Ort der Stille. Japaner und vor allem Chinesen bevölkerten das Areal. Klar gibt es eine berühmte Basilika. Klar ist es ein Wallfahrtsort. Aber was suchen all die Menschenmassen selbst im Nebel hier?

Es ist das Gesamtkunstwerk bayerischer Mönche! Zum Kloster gehören große Bierschenken, Klosterbrauereien, Destillerien und eine Vielzahl von Souvenirläden. Vorgeführt wird das bajuwarische Lebensgefühl und die bayerische Sicht auf die Welt.

Gran Dios

Gran Dios

Ich sah mir die Basilika an.

Zangengriff

Zangengriff

Erst jetzt, als ich beim Anblick der Kuppelfresken das Wort „grandios“ murmelte, fiel mir etwas auf.
Ich musste verdammt alt werden, um so etwas Simples und Naheliegendes zu bemerken, dass „grandios“ nichts anderes bedeutet als „Großer Gott“ („Gran Dios“). Hijo, warum lauf ich nur so verblödet in der Welt herum.

Hinter dem Kloster folgte der Wanderweg einem alten Saumpfad, dem Kienbergweg. Schon im 14. Jahrhundert eine wichtige, aber auf diesem Abschnitt gefürchtete Handelsverbindung zwischen Venedig und Augsburg. Ein gefährlicher Pfad noch heute. Breit und gut begehbar ist er nur am Anfang. Danach wird er eng, steinig, steil und rutschig.

Go down

Go down

Teil III der Inszenierung: der Kreuzweg.

Obwohl hier sicher keine Rentner, nicht einmal im Senioren-Sommer, auch keine Japaner und Chinesen den Hang hinunter rutschen: Es war eine schlichte, aber beeindruckende Via Dolorosa. Ausdruck von Volksfrömmigkeit, die nicht auf das große Publikum zielt.
Aber eine Landschaft, ein versteckter Winkel ohne eine Inflation religiöser Symbole: in Bayern kaum erlebt.

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Auf halber Strecke ins Tal: ein alter Grabstein.

„Hier starb
mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 15. August 1875
Herr Franz Xaver Hauser
Steinmetzmeister aus München
geboren am 15. April 1812
Zu Binswang in Tirol.

Er wurde duch das Umstürzen
der zur Oberammergauer Kreuzigungs
Gruppe gehörigen Johanes Figur
deren Transport er leitete
getötet.“

Pech gehabt

Pech gehabt

Am Ende des Kreuzweges das Loisach-Tal.
Ich konnte die Feld-, Weg- und Fluss-Kreuze nicht mehr zählen, an denen ich heute vorbei gewandert war.

Platzhalter

Platzhalter

Nach 6 Stunden Garmisch-Partenkirchen erreicht.

Ludwigstrasse

Ludwigstrasse

Die Geschichte fing wieder von vorne an: Hausmalereien, Kreuze, Passionswege, Bajuwaren-Kitsch.

Augen Blick

Augen Blick

Ich hatte genug.
Ich setzte mich in ein Lokal und schloss die Augen. Ich wollte keine Dirndl, keinen Janker, Gambsbart, keine Lederhose oder Tracht, keine nach Luft schnappende Touristen und eigentlich überhaupt nichts mehr sehen. Ich war erschöpft.

Hunger: Ochsenbäckchen mit Kohlrabi und Semmelknödeln. 14 Euro. Naja.

T180-Essen-01

Unterkunft: 68 Euro (mit Frühstück).

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Ein grenzenlos schöner Tag bis Heinsberg

Glück gehabt gestern! Gelaufen, bis der ganze Körper nicht mehr konnte, und dann diese wunderschöne Unterkunft gefunden. Mit Ausblick zur Maas.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Mit Rücktür zur Burg.
Ein alter Wachturm aus dem 10. Jahrhundert ist der Kern der Anlage.
(Gibt es neben Wachtürmen auch Schlaftürme?)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zur Ruine geschossen.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Von der Frühstücksterrasse zum Ufer sind es ein paar Stufen.

Frühstücksblick

Frühstücksblick

Kurz nach 9 Uhr aufgebrochen. Mein heutiges Ziel: zurück nach Deutschland, nach Heinsberg.
33 Kilometer Fußweg.

GPS-130-Kessel

GPS-Gesamtstrecke bis 130

Die Maas wieder mit einer Fähre gequert (1 Euro).

Ping Pong Fähre

Ping Pong Fähre

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass dieser niederländische Fluss so pittoresk sein konnte.

Maas Romantik

Maas Romantik

Am anderen Ufer umschloss mich die Farbe Weiß.

Weite Wege Weite Felder

Weite Wege Weite Felder

Kilometerlange Blütenallee.

Die Farbe der Reinheit

Die Farbe der Reinheit

Nichts machen die Niederländer „klein“. Alles ist „big“!

Gigantische Spargelfelder, nicht enden wollende Obstplantagen, Tulpengewächshäuser, die in den Horizont hineinwachsen, Kuhställe so groß wie Flugzeugterminals, Einkaufszentren mit mehr Fläche als Kleinstädte.

Die Niederlande ist ein Masse-Land.
Small is beautiful, but small is not here.
(Habe z.B. nirgendwo einen kleinen Biohof gesehen.)

Den Menschen, denen ich in den Dörfern begegnete, sah man keine bäuerliche Herkunft an, auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiteten. Das war mir eigentlich in der ganzen Region Limburg aufgefallen. Die Bewohner wirkten eher wie Kaufleute, Angestellte von mittelständischen Unternehmen, Dienstleister, nicht aber wie Ackerer, Landwirte, Knechte. Schwielen an den Händen sah ich keine.

Vielleicht hängt dies auch mit der Größe der Höfe zusammen, die eher wie Industriebetriebe geführt werden.

Eine eingezäunt Mühle aus dem 17.Jahrhundert. Erbaut 1604!

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Die Ortsdurchfahrten in den Niederlanden sind oft durch „Drempels“ geschützt.

Sprachschön

Sprachschön

In deutscher Behördensprache sind das „Bremsschwellen“ oder „Fahrbahnschwellen“.
Die schönste Bezeichnung stammt aus Belize: „sleeping policeman“.
In Frankreich: „dos d’âne“: Eselsrücken.
In Mexiko: „tope“.
In den USA: „Mexican bumps“.
In Peru: „rompe muela“: Backenzahnbrecher.
Im Westfälischen: „Bremshuppel“.
In der Bundeshauptstadt: „Berliner Kissen“.

In manchen Ortschaften fühlte ich mich beobachtet.

Wer hat Angst vor Virginia ?

Wer hat Angst vor Virginia ?

Zwischenstation in der Stadt Roermond.

Hier mündet die Rur (Roer) in die Maas. Roermond ist ein Einkaufszentrum mit einem enorm großen Outlet-Center. 2,8 Millionen Besucher kommen jährlich zum Shoppen. Die meisten aus dem nahen Deutschland.

Die Straßen wirken britisch.

Is it british?

Is it british?

Durst: Heineken. Stolzer Preis am Marktplatz: 4,70 Euro.

T130-Bier-01

Habe mir sämtlich erreichbaren Biere beim Nachbarn durch die Kehle laufen lassen: Heineken, Amstel, Grolsch, Brand.
Fast alle schmecken sehr ähnlich. Süffig, leicht konsumierbar. Wenig Nachhall. Kaum eigener Charakter. Auf Massengeschmack getrimmt.
Einzige Ausnahme: Jan Hertog!

Wegheilige und Wegkreuze hätte ich in den eigentlich calvinistischen Niederlanden nicht erwartet.
Aber sie gab es überall, in den Dörfern und besonders auch in den Städten.

Katholische Niederlande

Katholische Niederlande

(Ich hatte mich mal wieder geirrt. Die Katholiken bilden mittlerweile die größte Religionsgemeinschaft im Land.)

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Sint Odilienberg. Eine Abtei (aus dem 11. Jahrhundert !), von der aus die Christianisierung der Niederlande betrieben wurde.

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Kurz hinter Posterholt: die Grenze war erreicht.
Antje saß auf einer großen Fritten-Tüte, ziemlich genau auf der Grenzlinie.
Sie sagte, sie käme vom niederländischen Tourismusverband und wolle von mir gerne wissen, wie mir das Land gefallen habe. Jetzt, da ich es verließe.

Antje will's wissen

Antje will’s wissen

Ich erzählte Antje, dass ich mich entschieden hätte ihre Landleute wirklich zu mögen!
Ich hätte ausnahmslos nette, aufmerksame, kommunikative und sehr hilfsbereite Menschen erlebt.
Von Vorurteilen und Vorbehalten hätte ich nichts gespürt.

Ob mich denn wirklich gar nichts gestört hätte?

„Doch“, antwortete ich: „Eine Sache gab es! Die Rudelbildung. Wenn du alleine an einem Tisch im Biergarten oder auf einer Restaurant-Terasse sitzt, kann es sehr schnell passieren, dass du ungefragt von einer Herde gut gelaunter und sich laut unterhaltender Menschen umzingelt wirst. Sie nehmen einfach an deinem Tisch Platz. Etwas, was in Deutschland, Spanien oder Frankreich nie geschehen würde.“
Am Anfang hätte ich das rücksichtslos gefunden, mich dann aber gefragt, ob meine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht ist das einfach nur „unkompliziert“.
Antje lachte.

„Ich finde Euch cool!“ schmeichelte ich ihr und verabschiedete mich.

Zwei Stunden fehlten noch bis Heinsberg.
Meine Fußsohlen brannten und ich hätte Lust gehabt, meine Füße in einem der vielen Baggerseen abzukühlen.

Der Maianfang fühlte sich bereits wie Sommer an.

Sommer im Frühling

Sommer im Frühling

Spring in the city

Spring in the city

Ankunft nach 9 1/2 Stunden. Erschöpft.

Die Auswahl der Restaurants in Heinsberg schwankt zwischen türkisch, griechisch, italienisch und italienisch griechisch, türkisch.

Ich wählte griechisch.

Hunger: Gegrillter Schafskäse (in Flüssigform). Pikant gewürzt. Gut.

T130-Essen-02

Dazu etliche Biere (Veltins), um mich herunter zu kühlen.

Unterkunft: 47 Euro.

Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

T117-Juliana-02

Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

T117-Juliana-03

Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Schweigeengel Eugenie hält das Wort bis Görlitz

Klösterlicher Dunstschleier

Früh aufgestanden, um einen jungfräulichen Blick vom Kalvarienberg auf das Kloster zu werfen.
Schön wie das monasterio daliegt! Nur die Nonnen suchen selten dieses Vergnügen. So gut wie nie verlassen sie die Klostermauern.

Gut: Ich hatte den jungfräulichen Ausblick und die Schwestern ihre Jungfräulichkeit hinter beschützenden Mauern.

Dann noch ein Klosterfrühstück (von Männern serviert) für 7 Euro (Bio!).

Vom Orden der Schweigeengel

Er stand auch auf meinem Tisch: Glücksengel Eugenie. Ich wollte ihn eigentlich übersehen.
(Warum sage ich immer „er“/“der“ Engel, wenn es doch eine „sie/die“ ist?)
Er/Sie war beharrlich.

„Schau“, sprach er/sie mich an: „Ich habe das Hufeisen, das du gestern geschenkt bekamst, auf Mini geschmolzen. So wiegt es nichts. Ich tat es für dich!“

Okay. Gewonnen. Eingepackt und mitgenommen. Aber ich nahm ihm/ihr noch eine Schweigegelübde ab. Nix reden(!) bis Görlitz. Dahin wollte ich auf meiner heutigen Tagestour. Gegen 9 Uhr lief ich los. 22 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 048.

Mir klangen noch die Worte der Bedienung in der Klosterschänke (von gestern Abend) nach.
Selbst sie bekäme die Nonnen fast nie zu sehen.
Einmal im Jahr verließen die Schwarz-Weiß-Verhüllten ihre Burg und vesperten im Biergarten der Schänke. Das sei ein Spektakel für die anwesenden Gäste.
Die älteste der Betschwestern gehe auf die 84 Jahre zu und habe bis vor kurzem in der klostereigenen Bäckerei gearbeitet. Die jüngste sei wohl Mitte Zwanzig. Insgesamt wohnten da unten ein wenig mehr als ein Dutzend Gottesanbeterinnen.

Die Bedienung bezeichnete sich selbst als Nicht-Gläubige. Sie war Angestellte des Klosters und hatte damit kein Problem.

Ich fragte sie nach der Befindlichkeit der Ostdeutschen. Immerhin liefe ich durch eine Gegend, der auch der „Hartz-IV Gürtel“ genannt wurde. Einer der ärmsten Regionen Deutschlands.
Nur, sagte ich ihr, ich sähe davon nichts. Alles, selbst die kleinsten Dörfer, wirke sehr proper, aufgeräumt.

„Ja!“ bestätigte die Bedienung. „Vor ein paar Jahren fuhr ich in die Oberpfalz (zu einer Kloster-Tagung). Es war schrecklich. So viel zerfallen dort, schmuddelig und unordentlich!“

In unseren Dörfern – fuhr sie fort – achteten die Leute auf ihren Vorgarten. Das Private wäre ihnen immer schon wichtiger als das Öffentliche gewesen. Am Abend oder am Wochenende packe der Mann seinen Blaumann aus, jäte das Unkraut, putze das Auto, kehre den Gehweg.

Schöner Tetzlaff-Osten.
(Schon seit geraumer Zeit hegte ich den Verdacht, dass es hier manchmal noch eine Spur spießiger und kleinbürgerlicher ist als in den Westdörfern).

Egal. Ich musste weiterkommen.
Ich lief im Prinzip immer den ausgeschilderten Neiße-Radweg entlang. Mal betoniert, mal (selten) unbefestigt. Den Fluss bekam ich selten zu sehen, meist plätscherte er hinter Dämmen versteckt. Wenigstens hörte ich ihn.

Ab und zu: Winzdörfer auf der polnischen Seite.

Unspektakulär

Auf sächsischer Seite ebenfalls Winzsiedlungen. Ich achtete besonders auf die Vorgärten. Immerhin, einige hatten Witz:

Schöner Gag

Früher war hier Braunkohle-Abbau. Stillgelegt nach der Wende. Nur in Polen buddeln sie weiter.
Aber die Erinnerung bleibt:

Wenn ich als Kind so einen Bagger geschenkt bekommen hätte - ich wäre immer Sandkastensieger gewesen!

Viele Friedhöfe auf dem Weg. Noch einen Tick aufgeräumter als die Vorgärten.

Blumen für mein Grab

Am frühen Nachmittag erreichte ich Görlitz. Die Stadt der Latte Macchiato Rentner. Für mich war es die Stadt der Türme.

Babel in Görlitz

Eine fantastisch restaurierte Altstadt, durch die heute der Wind kalt und eisig pfiff, wenn auch die Sonne schien.

Dicker Turm in Görtlitz

Ich bin bereit, noch ewig den Soli zu bezahlen (den löhnen die Ossis ja auch!), wenn Stadterneuerung so aussieht.
Immerhin sollte zu DDR-Zeiten selbst die (damals heruntergekommene) Altstadt abgerissen werden, um Braunkohlebaggern Platz zu machen.

Babelsberger Kulisse in Görlitz

Früh ging ich essen. Ich hatte verdammt Hunger.

Hunger: Schlesisches Himmelreich (Kasseler und Backobst in Sahne, mit böhmischen Knödeln). 11,90 Euro.
War überraschend gut, auch wenn mir das Backobst auf Dauer zu dominant war.

Und Eugenie hatte Wort gehalten. Während der gesamten Wanderung war kein Wort über ihre Lippen gekommen. Mir imponieren eingehaltene Versprechen. Ich gab ihr die Hälfte meines Tellers ab.

Durst: Das Übliche: Landskron. Ist das sächsische Nationalbier.

Zur blauen Stunde ging ich noch einmal in den kalten Wind: den Dicken fotografieren.

Dick und Schön: Kein Widerspruch

Nachtruhe für alle!

Zwei haben sich selig

Pastorensöhnchen Achim will den wilden Frühling durchs Land tragen und predigt mich platt bis St. Marienthal

Es musste sein! Ich verabschiedete mich von meiner Rasselbande. Fast vier Wochen bin ich nun mit ihnen unterwegs und sie rumpeln dermaßen im Rucksack, dass ich sie fast nicht mehr (er)tragen kann. Also ging ich zur Post, kaufte mir einen Karton, packte meine Wintersachen (vorbei! vorbei! ) hinein und oben drauf  MY FAMILY.

Die Rotzjungs und -mädchen jammerten fürchterlich, aber ich beruhigte sie: Wir würden uns an Ostern wiedersehen. Zumindest Ostermontag würde auch ich Zuhause feiern.
Ich versprach, ihnen noch einige „Brüder und Schwestern“ mitzubringen. Ein wenig konnte ich sie damit zähmen und sie verabschiedeten sich freundlich.

They were not amused

Zurück auf der Post wog mir eine Angestellte das Paket: 3,7 Kilogramm, die ich weniger zu tragen hatte!
Mal gespannt, ob jetzt meine Knie abschwellen würden, sie waren schon bedenklich dick und schmerzten. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne meiner Kniekehlensehnenscheiden zu spüren.

Ich verließ gegen Mittag (endlich allein!) Zittau, folgte zunächst dem Bach Mandau, der am Stadtrand in die Neiße mündete.

Zwei Bächlein treffen sich

Neiße: Das klang nach Ostverträgen, ideologischem Kampf auf Spitz und Knopf im Bundestag um eine neue Ostpolitik. Und der Bach – mehr war es noch nicht – dümpelte so unspektakulär vor sich hin, dass ich lange auf meinem Weg gar nicht begriff, dass ich an der Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang schlich.

Mein Tagesziel war das Kloster St. Marienthal bei Ostritz. Ca. 19 km entfernt. (Mehr ließen meine Knie im Moment nicht zu.)

GPS-Gesamtstrecke bis 047

Nur: Allein blieb ich nicht lange. Am Neißeufer, direkt unter einer Brücke, die nach Polen führte, fand ich den traurigen Achim.

Mit Angeln Brücken bauen

Ich erkundigte mich, was für eine Art Angel er in seinen Händen hielt.
„Keine Angel, das ist ein Blumenstil!“
Und wo ist die Blüte?

Der gelbe Blütenkelch war ihm abgebrochen und er konnte ihn nicht finden.
Achim war untröstlich, er hatte den Frühling ins Land hinaustragen wollen und stand nun mit leeren Händen da.

Ich nahm ihn mit.
(Was im Nachhinein ein Fehler war. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines berühmten Pastoren war und seinen Vater in der Kunst der Predigt (einer redet, alle hören zu) noch zu übertreffen trachtete.)

Die Neiße floss träge, was mir Zeit gab, einen kleinen Abstecher nach Dittelsdorf zu machen, ein Weiler mit für die Oberlausitz typischen Umgebindehäusern.

Schöner als in Werbeprospekten

Mit Stolz gezeigt

In einem dieser Wunderfachwerkhäuser wurstelte Herr Arnold vor sich hin. Ein Pensionär der galanten Sorte. Schmied in der vierten Generation und noch immer musste er täglich in seiner Werkstatt sein, auch wenn er nur noch „zum Vergnügen“ arbeitete.

Wunderwelt einer nie aufgeräumten Werkstatt

Herr Arnold erteilte mir eine weitere Deutschstunden-Lektion.

  • Nach dem Krieg gab es auch in der DDR urplötzlich keine Nazis mehr. Und nach der Wende auf einmal keine Kommunisten. Damit diese armen Burschen nicht völlig in der geschichtlichen Versenkung verschwänden, habe er sie an seiner Wand verewigt.

  • Zumindest die Jugend sollte sich dieser lupenreinen Herren noch erinnern. Aber das sei eigentlich zwecklos. Es gäbe ja keine Jugend mehr im Dorf. Alles weg in den Westen. Gleich nach der Wende. Seine eigene Werkstatt werde bald das Tor für immer zumachen. Auch sein Sohn wolle hier nicht arbeiten.
  • Ganz schlimm sei es in Görlitz. Die Hälfte der Bevölkerung sei abgehauen. Fast alle Jungen. Die Stadt sei wunderschön restauriert. Und die Regierung unternehme viel, damit die Wohnungen nicht zu teuer würden, um Familien in der Stadt zu halten. Jetzt kämen aber die edlen Wessi-Rentner und würden alles wegmieten oder gleich wegkaufen. Weil es ja so schön billig sei.

Weil Herr Arnold nicht wie ein Kind von Traurigkeit aussah, fragte ich ihn nach meinem Lieblingsthema. Warum es hier in den sächsischen Dörfern keine Stammtische gäbe?

  • „Doch!“, widersprach er, „die gab es“. Nicht in jedem Dorf, aber in manchem. „Wir hatten in Dittelsdorf mehrere Kneipen mit Stammtischen. Ein Stammtischbruder heißt bei uns SAUFSCHNAUZE und davon gab‘s ne Menge. Früher!“

Zum Schluss schenkte mir Herr Arnold noch einen kleinen Glücksbringer, ein selbstgeschmiedetes Mini-Hufeisen. „Weil wir ja so schön gesprochen haben“.

Ich bedankte mich aufrichtig, auch wenn mein Rucksack bereits wieder anfing, schwerer zu werden.

Die Neiße, die ich inzwischen wieder erreicht hatte, war ein bisschen breiter geworden, rutschte aber immer noch träge durch die (liebliche) Landschaft. Ein schöner Wanderweg lief parallel zur deutschen Uferseite (und damit auch zur polnischen).

Zahmes Friedensflüsschen

Beim Stichwort „polnisch“ fing mein Pastorensohn im Rucksack erneut an zu quasseln. Wie wichtig es sei, dass Grenzen überwunden würden und dass auch die Schlesier ….

Ich hielt mir die Ohren zu. Nicht schon wieder die Vertriebenen-Problematik. Gerade hatte ich das Sudeten-Thema hinter mir.

Der kahle Winterwald machte bald den Blick frei für St. Marienthal

Warum nur finden Äbte oder Äbtissinnen immer die schönst möglichen Stellen für ein Kloster ?

Bevor wir in das Heiligtum eintraten, entdeckte ich eine Klosterschänke außerhalb der Mauern und bestellte mir ein Hefeweizen. Zwar nicht von hier. (Die Klosterbrauerei war ausgelagert.) Dafür aus dem bayerischen Kloster Andechs. Spiritueller Genuss garantiert!

Allein, meinem Pastorensohn missfiel der Zwischenstopp. Er wollte gleich in das Kloster, auch wenn es ein katholisches war. Er trank (Protestant!) nichts.

Zisterzienserinnen bevorzugen dicke Mauern

St. Marienthal ist von Nonnen bewohnt, die dem Zisterzienser Orden angehören. Ein sehr zurückgezogen lebender Konvent.
Es ist das älteste ununterbrochen bewohnte Frauenkloster Deutschlands (seit 1234). Es hat ein Dutzend Kriege, die Reformation, Überfälle, Hochwasser, die Nazis, die DDR und den Unglauben überlebt.

In den Außengebäuden vermieten die Nonnen (ohne selbst aufzutauchen!) Zimmer für Wanderer, Pilger und Ungläubige wie mich.

Meine Unterkunft war in der ehemaligen Mühle (deren Mauern ebenfalls Jahrhunderten getrotzt haben).

Als ich eintrat und das kleine Plastiktütchen auf dem Bett sah, dachte ich unwillkürlich an Hotels in Lateinamerika, in denen selbstverständlich Kondome auf den Laken lagen.

Entsetzt (ob meiner blasphemischen Assoziation) schrie mein Pastorensöhnchen auf und spießte das Säckchen auf seinen Blumenstil – als Beweis, dass es sich nur um harmlose Gottschalk-Bärchen handelte.

Ohne meinen spaßfeindlichen Pastorensohn zog ich noch einmal los in die Klosterschänke.

Hunger:
Lammbraten nach Klosterart mit Kartoffelklößen. 9,80 Euro. Im Prinzip gut, gewöhnungsbedürftig war der geriebene Käse auf dem Fleisch. Hab‘ aber mit klösterlicher Milde darüber hinweg gesehen.

Unterkunft: 38 Euro (ohne Frühstück).