Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).

Pause in Passau

Ruhetag.

Wunden heilen, Blog schreiben, bisschen Füße vertreten.

Drei Flüsse umfließen die Stadt. Inn (gekommen), Donau (werd ich noch gehen) und Ilz (werd ich passieren).

Twins

Am heiligen Sonntag hatten die Souvenir-Läden offen. Rund um den Dom. Bajuwaren-Kitsch für die Welt. Gemischt mit Wehrmachtsromantik. Andernorts würde man so etwas unter’m Thekentisch verkaufen. In Passau geht das ganz offen.

Da steht er in der Mitte

Sieht aus wie ein finaler Schuss

Hat sich wohl doch nicht so viel geändert seit den Tagen des „Schrecklichen Mädchens“, das als Schülerin in Passau über die braune Vergangenheit recherchieren wollte und (ich erinnere mich nicht mehr genau) aus der Stadt gemobbt wurde.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch deutsche Engelchen!

Freibier für alle

und Charivaris für Frauen

Ach ja,

Durst hatte ich dann doch:

Arcobräu Urfaß Helles  (2,60). Hansi konnte gar nicht genug davon in sich hinein schütten. Nutzte seine Flöte als Strohhalm. War ganz schön bedudelt.

Danach: Zwickl Bier auch von Arcobräu (2,80 Euro). Zwickl ist ein naturtrübes Bier. Nochmal besser als das normale Helle. Erfrischend auch der letzte Tropfen im Glas.

Arcobräu gibt es seit 1567. War gräfliche Brauerei.

Hunger: Deftiger Lammbraten in Knoblauch-Rosmarin Sauce mit  Petersilienkartoffeln (11,20 Euro). Klasse gutbürgerliches Essen.