Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

T117-Juliana-02

Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

T117-Juliana-03

Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.