Ein Ich-Tag, der sich bis Garding in die Länge zieht

Im Regen losgelaufen, im Regen angekommen.
Der Regen hat keinen Rhythmus, prasselt melodielos auf meine Kapuze, unentwegt: zermürbend.

Unterwegs nichts Aufregendes. Landschaft platt und nass. Auf dem Deich blies mich der Wind beinahe weg, also unten gelaufen, landeinwärts. Felder, Wiesen, Schafe. Ab und zu mal ein Haus.
Extrem dünn besiedelt Nordfriesland.

Unterwegs kein Geschäft, kein Imbiss, keine Gasstätte.
Und wenn doch einmal, wie der berühmte „Rote Haubarg“ beim Örtchen Witzwort (Kein Scherz! Das heißt wirklich so!), dann war Ruhetag.

Rot =Schwarz

Ein Haubarg ist das traditionelle Bauernhaus auf der Halbinsel Eiderstedt. Heu, Kinder, Vieh, Frau, Mann: alles unter einem Dach. Das größte (ehemalige) Bauernhaus soll der Rote Haubarg sein. Rot – weil es ursprünglich mit roten Ziegeln und nicht mit Reet bedeckt war.

Ich war früh losmarschiert, gegen halb 9 Uhr in Husum. Mein Tagesziel: irgendeine Unterkunft auf der Halbinsel Eiderstedt. Es gibt deren aber nicht viele. Also lief ich schließlich bis Garding. 41 km und 9 Stunden weit weg.

GPS-Gesamtstrecke bis 094

Irgendwo im Gebüsch: 2 Jäger (einer wollte sich nicht fotografieren lassen). Sympathische Kerle aus der Gegend. Auch sie froren im kalten Dauerregen.
Ich erkundigte mich, was sie eigentlich jagten. „Wildgänse„, die Antwort.
Am Horizont Schwärme von Wildgänsen, die sich nicht nähertrauten. Sie hatten die beiden Jägersleut wohl schon erspäht.

Warum sie denn die Vögel mit Schrot abschießen würden?
Weil die Bauern in der Gegend das so wollten. Die Wildgänse würden durch Verbiss und Herumtrampeln die Wintersaat auf den Feldern vernichten. An manchen Tagen kämen sie zu Tausenden.

Jäger kann kein Latein

Der Regen hörte einfach nicht auf. Zu fotografieren gab es nichts.
Meine Gedanken richteten sich nach innen und fanden den Weg nicht mehr hinaus.
Einer dieser Ich-Tage, an denen die eigene Zukunft radikal umgestaltet wird.

Ein Ich-Tag

Das einzige Landschaftsbild, das mir in Erinnerung blieb: Wiesen mit Schafen mit roten und gelben Hinterteilen.

Schafskälte

Mit der Dunkelheit (halb sechs) lief ich in Garding ein. Schnell ein Hotel (das einzige) gefunden.

Als ich mich auszog, um zu duschen, merkte ich erst, dass ich bis auf die Haut nass war. Unterwäsche, Socken, Fleeze: zum Auswringen!

Seltsam, dass mir das beim Wandern nicht aufgefallen war. Meine Regenkleidung hielt der Dauerberieslung nicht stand! Nicht gut!
Und auch nicht gut, dass ich das nicht wahrgenommen hatte. Ich war so in mich selbst versunken gewesen, dass nicht mal Körpersignale (Kalt! Nass! Grippegefahr!) es geschafft hatten, zu Gedanken oder Empfindungen zu werden.

Heiß geduscht und schnell ein Restaurant gesucht. Ein nettes rustikales Tapas-Lokal gefunden.

Hunger: Pimientos de Padrón, Albóndigas und einiges mehr. Sehr gut, original (spanisch) im Geschmack. Billig.
Dazu roter Landwein.

Unterkunft: 53 Euro (mit Frühstück).

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.

Wilderei und Walhall beschäftigen mich bis Frauenau

Tag 17 meiner Wanderung. Schneeregen. Wieder einmal. Nach den gestrigen Strapazen hatte ich mir einen einfachen Weg ausgesucht. Größtenteils durch den Wald, aber mehr oder weniger der Landstraße ST2132 folgend, ohne größere Steigungen. Ich wollte nach Frauenau, um dort das Glasmuseum zu besuchen. Etwa 16 km Gehweg.

GPS-Gesamtstrecke bis 017

Die Strecke war nicht sehr abwechslungsreich. Ich lief außerhalb des Nationalparks. Der Unterschied war auffallend: Kein Windbruch, kaum kranke Bäume, gepflegter Wald.

Wie aus dem Ei gepellter Wald

Erst jetzt verstand ich, was ich manchmal als Andeutungen in Gesprächen gehört hatte: Dass es in der örtlichen Bevölkerung immer noch starke Vorbehalte gegen das Nationalpark-Projekt gibt. Nicht nur, dass viele Holzfäller und Sägewerksbetreiber ihre einstige Lebensgrundlage verloren haben. Für Naturliebhaber sieht dort der Wald einfach krank und kaputt aus.

Stimmt ja auch, aber die Philosophie ist, die Natur sich selbst zu überlassen. Sie wird den Borkenkäfer irgendwann zum Normalparasiten machen, der nicht weiter wehtut, vielleicht sogar nützt.

Im übrigen Wald, außerhalb des Nationalparks, werden vom Borkenkäfer befallene Bäume gefällt und samt Rinde „entsorgt“, um die Baumplantagen „sauber“ zu halten.

Apropos Natur sich selbst überlassen. Gestern, beim Abstieg vom Rachelsee, war mir ein Jeep mit Anhänger aufgefallen, auf dem zwei erlegte Rothirsche transportiert wurden. Wenn ich’s recht sah, gehörte das Auto der Nationalparkverwaltung. Im Nationalpark gilt striktes Schießverbot. Wie kann es also sein, dass Hirsche erlegt werden?

Ich habe ein paar Leute angespochen und es scheint so zu sein, dass Rothirsche sowieso von den Jägern sofort geschossen werden, wenn sie auch nur einen Zentimeter die Nationalparksgrenze übertreten. Angeblich weil sie zu großen Schaden durch Verbiss anrichten. (Oder ist es wegen der Trophäen/Geweihe?) Aber auch im Nationalpark selbst werden, so das Geraune, Rothirsche „angefüttert“ und immer wieder in ein Gatter gelockt, um sie dort zu schießen. Wohl um den Bestand zu dezimieren. Wenn das stimmt, führt sich der Nationalpark selbst ad absurdum.

Und noch ein Gerücht ist Besorgnis erregend. Wie es aussieht, gibt es mehr Luchse im Park als offiziell statistisch ausgewiesen werden. Eigentlich ist der Park mit Luchsen „gesättigt“. Diese Raubtiere brauchen ein großes Revier und verspeisen pro Woche mindestens ein Reh. Ist der Park „voll“, ziehen die „neuen“ Luchse weiter in andere Gebiete. Dort werden sie aber plötzlich nie mehr von irgendeinem Jäger gesehen (und gemeldet). Die Vermutung liegt mehr als nahe, dass diese schönen Wildkatzen, die die Nationalparksgrenzen verlassen, ebenfalls abgeschossen werden. Erstens weil sie für den Jäger eine Konkurrenz sind (sie dezimieren den Reh-Bestand). Zweitens, weil auch sie eine begehrte (illegale) Trophäe sind. Mit anderen Worten, es wird kräftig gewildert in und um den Bayerischen Wald. Ein Skandal.

Beim weiteren VormichHingehenundNachdenken fragte ich mich, warum es keinen Horst Stern mehr im Fernsehen gibt, diesen begnadeten Polemiker und Filmemacher, der sich in „Sterns Stunde“ genau um diese Skandalthemen gekümmert hat. Stattdessen die immer gleichen HochglanzNatur-AlleWeltistHeilundSchön-Filme in ARD und ZDF.

Ordentlicher Wald

Auf meinem Weg kreuzte ich nur zwei Ortschaften. U.a. den Weiler Klingenbrunn. Nicht zum ersten Mal fiel mir mitten in einem Dorfzentrum – an sehr prominenter Stelle – ein Heldendenkmal auf. Für die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

Merkwürdige Verehrung

Für was wird hier gedankt? Dass die Soldaten für Hitler gefallen sind? (Für den Ruhme Deutschlands bestimmt nicht.) Wer weiß, ob sich unter den namentlich in Stein Gemeißelten nicht auch Schwer-Verbrecher befinden, SS-Schergen?

Ist im Bayerischen Wald die Diskussion über die Gedenkkultur völlig vorbeigegangen, die in den 60er und 70er Jahren solche „Denk“male in Frage stellten? Haben nicht die Wehrmachtssoldaten erst die Massenverbrechen im Dritten Reich möglich gemacht (um eine alte Blümsche These wieder aufzunehmen).

Stattdessen in so manch einem Dorf ein gespenstisches Walhall.

Walhall in vielen Ortschaften

Nach gut 5 Stunden Wanderung gegen 14 Uhr 30 schließlich in Frauenau angekommen.

Es erübrigt sich von selbst, zu erwähnen, dass das Glasmuseum, das ich besuchen wollte, zu war (keine Saison), so gut wie keim Laden geöffnet hatte und ich nur mit Schwierigkeiten ein offenes Hotel fand. (Ist eben keine Saison.)

Durst: Leider nur schlechtes Innstadt Helles (2,50 Euro).

Hunger: Die Speisekarte gab nicht wesentlich mehr her als ein Wiener Schnitzel mit Pommes (Das Hotel hatte gerade den ersten Tag wieder geöffnet, die Küche war noch nicht richtig angelaufen). Panade labbrig. Hatte aber Hunger und hab alles verputzt: 8,50 Euro.

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück und grauenhafter Kaffee-Brühe).