Alle Wege führen in den Nebel, nur einer nach Kufstein

Der heutige Tag begann wie der gestrige: der steile Anstieg sofort. Fünfhundert schweißtreibende Meter hoch gleich nach Frühstück. Dann ging es auf dem Bergkamm weiter.

Herbstalm

Herbstalm

Das Ziel: Österreich erreichen. Kufstein lag am nächsten. 25 Kilometer entfernt.

GPS-185-Bayrischzell

GPS-Gesamtstrecke bis 185

Um halb zehn aufgebrochen. Der Schlechtwettergott war aber früher aufgewacht und hatte den Wald schon eingenebelt. Er schickte mir Nieselregen als Dauerbegleiter.

Die Bauernhöfe am Berg massiv. Wie Trutzburgen. Aber doch auch elegant, stilvoll.

Wetterburg

Wetterburg

Alle Wege führten direkt in den Nebel hinein.

Nieselnebel

Nieselnebel

Egal, ob ich Berg hoch oder Berg runter lief.

Graunebel

Graunebel

Reichlich durchweicht erreichte ich eine (nicht sehr hoch liegende) Berghütte.
Der Kamin war bereits eingeheizt. Ich konnte meine Klamotten trocknen.
Die Wirtin servierte mir eine Flädle-Suppe. Das Fett schwamm in der Rindsbrühe. Schmeckte aber großartig.

In der Bauernstube wollten diesen Abend einige Volksmusiker eine Session veranstalten.

Bauernstube

Bauernstube

Ich bedauerte nicht dabei sein zu können.
Bei der wortkargen Stuben-Dame erkundigte ich mich, was das für ein merkwürdiges Instrument im Eck der Bauernstube sei.
„Teufelsgeige“ – die viersilbige Antwort.

Ich durfte sie fotografieren.

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Ein Gaudi-Instrument, an dem gute Musiker allerdings verzweifeln. Bratpfanne, Blechbüchse, Ratsche, Becken, Schellen und sonstiger Kleinkram schicken ziemlich krachlederne Töne hinaus.

Den Berg hatte ich inzwischen überquert und ich stieg durch Wald nach Kiefersfelden ab. Die Baumkronen waren gegen Regen imprägniert und hielten ihn fern von mir.

Regendach

Regendach

Und plötzlich hatte ich ihn vor mir: den Inn!

Wie fotografiert man Luft?

Wie fotografiert man Luft?

Ich freute mich. Ein bisschen war es wie Heimkommen. Auf der allerersten Etappe meiner Grenzwanderung war ich dem Inn bereits ein gutes Stück gefolgt.

Verhüllter Zuckerhut

Verhüllter Zuckerhut

Der Kreis begann sich zu schließen. Ich war nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt, Deutschland einmal zu umrunden.
7, 8 Tage fehlten jetzt noch.

Ich freute mich auch auf Österreich.

Beim Grenzübertritt begrüßte mich ein Kilometerstein mit einer Null.

Kilometer-Eichung

Kilometer-Eichung

Ziemlich genau um 17 Uhr überquerte ich den Fluss und betrat Kufstein.

Finde die Brücke

Finde die Brücke

Durst: Grüner Veltliner.
Hunger: Ochsenfleisch mit Kren, Kartoffeln und Gemüseallerlei. Ordentlich (aber nicht fein). 12,50 Euro.

T185-Essen-01

Kuhglockengebimmel und Donnergrollen treiben mich nach Pfronten

Immenstadt in der Kälte verlassen. Die Nächte werden langsam winterlich kühl.
Schnell aus dem Städtchen raus und die Iller überquert. Konturlos das Nebellicht.

(Mir kam der Spruch in den Sinn, den wir in der Schule in und auswendig lernen mussten: „Iller, Lech, Isar, Inn: fließen rechts der Donau hin. Altmühl, Naab und Regen: fließen ihr entgegen„).
Den ganzen Tag hatte ich Mühe, diesen Lern-Reim aus dem Kopf und den hartnäckigen Souffleur in mir zum Verstummen zu bekommen.

I.L.I.I.

I.L.I.I.

Mein Tagesziel: weit kommen. Möglichst bis Pfronten. Mit Umwegen würden das 34 km werden.

GPS-177-Immenstadt

GPS-Gesamtstrecke bis 177

Der Herbst war erst eine Woche alt und doch schon kräftig. Trübnis draußen und innen drin. Kalt blieb es. Zumindest gefühlt. 18 Grad sollten es sein, ich spürte sie nicht.

18 Grad und doch kalte Stimmung

18 Grad und doch kalte Stimmung

Manchmal querte ich abgefressene Wiesen, um eine lange Wegbiegung abzukürzen.

Das Meer ist grün

Das Meer ist grün

Viel Autolärm von der nahen Bundesstraße. Und wenn mal nicht, bimmelten ständig Kuhglocken. Selbst wenn sich die Viecher auf den Weiden nicht bewegten.

Ich folgte erst Stunden einem Radweg, der sich Bodensee-Königssee Radweg nannte. Auf dem aber niemand radelte.
Dann büchste ich aus und schritt Wirtschaftswege ab, die mich in die Höhe spiralten.

Lichtlose und lustlose Blicke nach unten. Dabei: schöne Allgäuer Landschaft.
Nur ohne Sonne. (Ich wunderte mich selbst, wie empfindlich ich gerade auf Sonnenmangel reagierte!)
Dicke Regentropfen und ein dumpfes Gewittergrollen ließen mir keine Zeit, eine Rast einzulegen.

Grün=Kalt

Grün=Kalt

Dabei ist das Allgäu genau so wie es für sich wirbt.
Nutzte nichts, ich hatte den unbezwingbaren Wohnwagen-Blues: die Welt zu klein für mich! Wo gibt es eine größere oder zumindest andere?

Wohn-Wagen-Blues

Herzlich Willkommen, Welcome

Die Dörfer führten allesamt klingende Sportschau- oder Bierbrauer-Namen.
Aber eigentlich sahen sie heute alle aus wie Nesselwang: schnell durch!

Straße führt rein und wieder raus

Straße führt rein und wieder raus

Jemand pfiff mir Guildos Horn Lied hinterer: „Ich habe dich lieb.“ Piep Piep Piep.

Was soll das?

Was soll das?

Ich floh wieder auf Wiesen- und Waldwege. Ignorierte spöttische Kühe und war froh, als ich endlich nach 9 Stunden erfolgloser Stimmungsaufhellung Pfronten erreichte.

T177-Kuh-Siesta-01-imp

Wobei: Pfronten existiert ja eigentlich nicht. Ich hatte erhebliche Mühe, das Ortszentrum zu finden. Pfronten: Das sind eigentlich eine Handvoll (oder auch mehr) Minigemeinden, die zu einem Namen zusammengefasst sind.

Ich quartierte mich in einer Traditionswirtschaft ein.
Trank die Gaststube leer.
Zötler Bier. Gut! (Wahrscheinlich die älteste Privatbrauerei Bayerns. Seit 1447!!!!)

T177-Bier-01

Hunger: Leberknödelsuppe. Okay.

T177-essen-01

Hauptspeise: Schweinshaxe. Sensationell! (Ich brauchte jetzt keine Sonne mehr als Stimmungsaufheller.)

Yeah!

Yeah!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Pause in Passau

Ruhetag.

Wunden heilen, Blog schreiben, bisschen Füße vertreten.

Drei Flüsse umfließen die Stadt. Inn (gekommen), Donau (werd ich noch gehen) und Ilz (werd ich passieren).

Twins

Am heiligen Sonntag hatten die Souvenir-Läden offen. Rund um den Dom. Bajuwaren-Kitsch für die Welt. Gemischt mit Wehrmachtsromantik. Andernorts würde man so etwas unter’m Thekentisch verkaufen. In Passau geht das ganz offen.

Da steht er in der Mitte

Sieht aus wie ein finaler Schuss

Hat sich wohl doch nicht so viel geändert seit den Tagen des „Schrecklichen Mädchens“, das als Schülerin in Passau über die braune Vergangenheit recherchieren wollte und (ich erinnere mich nicht mehr genau) aus der Stadt gemobbt wurde.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch deutsche Engelchen!

Freibier für alle

und Charivaris für Frauen

Ach ja,

Durst hatte ich dann doch:

Arcobräu Urfaß Helles  (2,60). Hansi konnte gar nicht genug davon in sich hinein schütten. Nutzte seine Flöte als Strohhalm. War ganz schön bedudelt.

Danach: Zwickl Bier auch von Arcobräu (2,80 Euro). Zwickl ist ein naturtrübes Bier. Nochmal besser als das normale Helle. Erfrischend auch der letzte Tropfen im Glas.

Arcobräu gibt es seit 1567. War gräfliche Brauerei.

Hunger: Deftiger Lammbraten in Knoblauch-Rosmarin Sauce mit  Petersilienkartoffeln (11,20 Euro). Klasse gutbürgerliches Essen.

Hansi dudelt mir das Ohr voll auf dem langen Weg nach Passau

Hansi, so wollte er nach seinem großen Vorbild genannt werden, auch wenn er bürgerlich Martin hieß.

Hansi hatte mich gestern Nacht kurz nach dem Bezahlen meiner Rechnung abgepasst. Er war der jüngste der Volksmusik-Combo und fragte mich, ob er mich morgen begleiten könnte. Er hätte den gleichen Weg. Nach Passau. Dummerweise willigte ich ein.

Hansi weckte mich bereits kurz nach 7 Uhr, um nach dem Frühstück gleich mit mir loszumarschieren. Es sollte die längste Tour der letzten Tage werden. Rund 37 km. Verdammt lang. Verdammt hart.

Im Grunde ging es die ganze Zeit immer auf dem Inn-Damm entlang. Oft kerzengerade. Kilometer für Kilometer. Ganz selten ein kleines Kürvchen

Noch 2 Schritte bis zum Horizont

Ich war guter Laune – noch! -, hatte gut geschlafen, war erholt; ich lief wie von selbst. Hansi flötete leise vor sich hin. Auf irgendeine Weise hatte es ihm das österreichische Engerl angetan. Nur die Musik, mit der er es zu umgarnen versuchte, hatte gar nichts Himmlisches. Außerhalb einer bayerischen Traditionskneipe hört sich Volksmusik einfach nur wie Lärm an. Gleichwohl: Namenlos ertrug es leidlich, eine Weile jedenfalls.

Almdödler bezirzt Engerl

Also geradeaus. Immer den Inn entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 005

Nach dem Sonnenaufgang grandiose Scherenschnitte links und rechts. Leichter Nebel, Schilf, Gebüsch, Auwald und spiegelndes Wasser.

Längster Scherenschnitt / Guinness verdächtig

Mit der Zeit glich sich alles, jede Spiegelung, jede Kurve, jeder Fernblick. Ich wollte nur noch Kilometer machen. Schritt für Schritt nach vorn.

Die Gedanken aber gingen zurück, Richtung gestern Nacht.

Unausgesprochen stand bei allen Gesprächen, denen ich im Gastzimmer meines Landgasthofes zugehört hatte, ein Thema im Mittelpunkt: das Sterben (auch wenn niemand dieses Unglückswort in den Mund genommen hatte). Die Kur, die die Gäste machten, diente nicht zur Heilung, sondern nur zur Linderung eines Schmerzes, der den Tod ankündigt. Noch gar nicht so alte Frauen, von Medikamenten aufgeschwemmt, entstellt. Nicht mehr junge Männer, in Rollstühlen, zentnerschwer. Aber alle aufblühend, solange die Musik schrammte, manche sangen sogar mit. Alle dankbar, dass sie noch atmeten. Die Musik gab ihnen ein Gefühl dabei zu sein, im Leben. Wenn auch am Rand.

Das Sterben hat mit dem Alter allerdings wenig zu tun. Außer dass es statistisch mit jedem Tag wahrscheinlicher wird.

Dem Sensemann ein Schnippchen schlagen, das wollen vor allem die, die das Alter als Krankheit mißverstehen. Auch davon gab es am gestrigen Abend reichlich Anhänger. Solche, die eine Kur gegen das Altern machten: liften, Fango packen, vegan ernähren (geht das in einer bayerischen Kneipe?). Siebzigjährige Zwillingsschwestern aus Hessen, Mittsechziger aus Köln: Niemand wollte mehr das Zauberberglein (das nahe Kurstädtchen Bad Füssing) verlassen, in der Hoffnung, die verewigte Jugend zu konservieren, aber ahnend, dass er/sie hier sterben würde. Und trotz aller echter Fröhlichkeit am gestrigen Volksmusikabend: Es lag doch eine spürbare Traurigkeit im Raum (oder in mir?).

Ich fing mit Hansi Streit an, ich hatte das ewige Gedudel satt. Wer will schon freiwillig ständig Bayerischen Rundfunk hören. Dieses Heimatgesülze wurde mir unerträglich. Während einer Pause packte ich schließlich die Ohrstöpsel meines Smartphones aus und verpaßte Hansi eine volle Dröhnung: Charles LLoyd, Trombone Shorty, Roland Schaeffer. Meine Lieblings-Jazzer und virtuose Blech-Bläser! Mit grandioser Musik.

Hansi bekommt Charles Lloyd zu hören

Hansi wurde vorlaut, meinte frech: Das sei Kunst. Die brauche er nicht zum Leben. Volksmusik sei etwas anderes. Da gehe es nicht um Erhabenes, Kunstfertiges, sondern um Geselligkeit. Deswegen funktioniere Volksmusik außerhalb der Wirtschaft und der Biergärten auch nicht richtig. Außerdem gingen jeden Tag in einem bayerischen Dorf mehr Menschen in die Wirtschaft als sonstwo in Deutschland in ein Jazz-Konzert. Und ich sei doch freiwillig nach Bayern gekommen, also müsse ich auch das Brauchtum und die traditionelle Musik aushalten.

Ab nun stopfte ich mir die Ohrstöpsel selbst in den Gehörgang, um diesen Quark nicht länger ertragen zu müssen und genoss die Fußball-Bundesliga Konferenzschaltung (auch wenn Kaiserslautern einfach nicht mehr siegen kann! Abstiegskandidat!).

FCK Ball im Wasser

Unterwegs ein Fisch-Lehrpfad, auf dem ich lernte, dass Hechte nicht nur Karpfen oder Wasservögel mögen. Sie haben sogar kleine Säugetiere, sofern sie sich im Wasser aufhalten, auf der Speisekarte. Hat das schon mal jemand gefilmt? Ein Hecht, der eine Wasserratte reißt? (Reißen Hechte? Oder schnappen sie?)

Deutsche wandern nicht nur einfach durch die Natur, sie lernen auch noch etwas dabei.

Auf einmal Ohren betäubender Lärm wie aus dem Nichts. Diesmal war es nicht Hansis Dauergedudele, sondern die nahe Inntal-Autobahn auf der österreichischen Seite, die bis an das Ufer heranführte.

Betonlandschaft Inn

Engel Namenlos fing nun auch an zu nerven. Hatte sich offenbar vom Dauer-Minne-Sänger Hansi betören lassen und jauchzte ununterbrochen „Hosianna“, so dass ich beschloss, auch Namenlos, sowie vorher Loisl, den Mund zu verbinden. Dazu war aber eine Engelzertrümmerung nötig:

Namenlos erschrak sich durch diese Aktion so sehr, dass es für eine Weile stumm blieb. So ersparte es sich die Mundbinde!

Befreiter aber stummer Engel

8 Stunden inzwischen gelaufen und immer noch 10 km zu gehen. Gut zwei Stunden fehlten noch bis Passau. Der Himmel graute schon. Noch ein paar schöne Fotos am wieder ruhigen, fast romantisch stillen Inn.

Herrliche Abendstimmung

Blaue Stunde auch für weiße Schwäne

Kaputt wie selten gegen 19 Uhr in Passau eingelaufen.

Hansi hörte endlich auf, die Flöte zu traktieren und rang sich sogar zu einem Lob durch. Das hätte er einem Städter wie mir nicht zugetraut. Mit 16 kg Gepäck fast 40 Kilometer zu marschieren. Das stimmt. Ich war selbst stolz auf mich. Nur – wiederholen möchte ich die Tor(Tour) so schnell nicht. Muss in Zukunft kürzere Strecken gehen.

Riesendurst: Helles von Hacklberg. Passauer Brauerei (seit 1618). Würzig, leicht süßliche Note. Gut (2,80 Euro). Hacklberg ist wohl im Besitz des Passauer Bistums. Also ein sehr katholisches Bier!

Gleich drauf: Ein Bio Bier / Helles.
Gutsbräu Straßkirchen (3 Euro). Deutlich besser als das Hacklberg. Würziger, das Malz nicht so süßlich. Bier hatte langen Abgang (wie der Weinkenner sagen würde). Hat wohl höheren Alkoholgrad. Muss das im Internet nachforschen.

Riesenhunger: Fisch mit Senfsauce, Brokkoli und Reisbällchen. Totaler Reinfall. War zwar Bio-Restaurant, schmeckte aber nach Iglu-Stäbchen. Donaufisch gab es eh nicht, also Scholle. Schlechter kann man nicht kochen, ohne Salz, ohne Gewürze, ohne Pfiff. Grauenhaft und überteuert (11,80 Euro). Hab mich seit langem mal wieder beschwert.

Mitternacht:

Es wird langsam eng im Bett

Unterkunft in der Altstadt: 55 Euro (mit Frühstück).

Ein namenloses Wesen begleitet mich nach Aigen

Immerhin ein Warn-Stein!

Warnstein in Braunau

Hier, in diesem Haus hinter dem Stein, wurde nicht der Nationalsozialismus geboren, aber der größte Verbrecher der Neuzeit.

Das Geburtshaus des Großen Diktators scheint weitgehend unbehaust zu sein.
(Wer könnte mit so einem Gespenst zusammen wohnen?)

Die Braunauer tun mir leid. So wie ein Dachauer immer wird begründen müssen, wie er in seiner Stadt mit solch einer Vergangenheit wohnen kann, so werden auch die Braunauer den Spuk niemals los.

Ich fand keinen einzigen Souvenir-Laden in der Stadt. Welches Andenken will man auch hier verkaufen? An was soll man sich hier gern erinnern?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so gruselig fühlen würde. Tut mir leid Braunauer, der Abstecher über die Grenze war eine schlechte Idee. Ich will schnell wieder zurück auf die andere Seite.

Auf dem Weg zurück passierte ich noch in Braunau einen Mini-Weihnachtsmarkt. Ein Engerl zwinkerte mir zu, signalisierte, dass er auch schnell weg möchte. Ich nahm in mit. Weil er ein sympathischer österreichischer (rot-weißer / oder besser rosa-weißer) Seraph war.

Namenloser Cherub

Namenlos, bei diesem Namen beließ ich es gleich. Ich gebe zu, ich war froh, dass das Engerl in einem Glashaus gefangen war.

Es bestand also keine Gefahr, dass er entfleuchen und irgendeinen Unsinn wie Loisl anstellen konnte. Bei den Österreichern weiß man ja nie.
Und zudem: Er führte ein wenig Schnee mit! Während es draußen so um die 6 bis 8 Grad PLUS waren. Kälte, Schnee, Winter – vielleicht im Himmel. Auf Erden aber nicht.

Seltsame Jahreszeit.

Blühende Landschaften im Dezember:

Winterblüte

Braunau lag rasch hinter uns. Auch wenn Namenlos mich ein wenig aufgehalten hatte und ich erst gegen halb neun loskam, hatten wir doch das Ziel bis am Abend in Aigen am Inn zu sein. Schätzungsweise 27 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Noch auf der österreichischen Seite: wunderschöne Innlandschaften, Auen, Schilf. Die Route folgt einem internationalen Fern-Rad-Weg.

Inn Idylle

Schlösschen Hagenau

Acker und Au

Bei Frauenstein bringt mich Namenlos zurück nach Bayern. Empfangen von einem Wegkreuz. Eines von vielen auf meinem Weg.

Ziemlich katholische Gegend

Sumpf. Kaum begehbare Wege die ersten zwei Kilometer.

Auenwald am Inn

Schmaler Trampelpfad ins Nichts

Schatten und Original:

Ich, der Schatten

Ich, das Original

Wie viele Kilometer ich dann geradeaus auf dem Damm gehen mußte, erinnere ich nicht mehr. Nur noch daran, wie unendlich anstrengend es ist, sich auf den „rechten“ Weg zu begeben. Wenn das Ziel immer gleich entfernt bleibt, der Horizont sich keinen Millimeter nähert, unendlich unendlich bedeutet. Wieviel motivierender ist es, wenn man Haken schlagen, Umwege laufen kann. Ich glaube, daß die Geometrie irrt, wenn sie behauptet, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei die Gerade. In der Landschaft stimmt das nicht. Der schnellste Weg führt über Umwege. Davon gab es reichlich. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Blick nur nicht nach vorn zu richten, sondern ständig meinen Füßen zuzuschauen, wie sie sich selbständig bewegten, einen Schritt vor den andern setzten. Die Gedanken richteten sich nach diesem Rhythmus, ein Gedankensplitter folgte dem andern.

Aber ich will nicht jammern: Stille, nur leichtes Windrauschen, ab und zu das heißere Gekrächze eines Raben oder das Geschnatter einiger Donau-Enten (schmeckt eigentlich Wildenten-Fleisch? Mit Orangensauce?). Ganz nebenbei: Ich bin ornithologisch und – was Natur anbelangt – sprachlich ungebildet. Schnattern eigentlich Enten oder schnattern Gänse oder beide? Krächzen Raben und was machen dann Krähen? Oder Schwäne, Graureiher gar? Es gibt Sprachen, für die noch kein Wörterbuch geschrieben wurde.

Weg in die Unendlichkeit

Links und Rechts Augenweiden

Ankunft in Aigen mit „night falls“.

Nette kleine Pension in einem alten Bauernhof. Die Gaststätte füllte sich ab 18 Uhr rasch. Kaum Einheimische. Fast nur Kurgäste. Aus dem 10 Kilometer entfernten Bad Füssing. Der Gasthof war anscheinend berühmt für seine Speisekarte und für zünftige Unterhaltung. Unter den Gästen alles, was einem Pathologen Spaß macht: Fußkranke, Athrotische, Halb-Gelähmte, Schüttelgelähmte, Sprachgelähmte, Krankhaftlacher, Fangoanwender, Berufspensionäre mit eingewickeltem Dackel, alles, nur keine Kassenpatienten. Eine Gaststätte als Sanatorium. Die Gespräche kreisten nicht um Gott und die Welt, sondern ausschließlich um Tod und Kur. Schließlich kam auch noch der ehemalige Pfarrer aus Bad Füssing, der in dieser Gaststätte seinen Lebensabend verbringt und kein Wort spricht. Er ist ja auch nicht mehr im Innen-Dienst.

Ab 19 Uhr dann Volksmusik. Sympathische Dorfband. Schien ein Familienunternehmen zu sein.  Bayerische Gassenhauer. Holzfällerbub’n und so weiter. Der ältere Musikant benutzte ein Rhythmus-Instrument, das ich nicht kenne. Eine Art Ratsche? Schnarre?

Durst: Wolferstetter Helles (Traditionsbrauerei aus Vilshofen). Sehr schmackhaft, mit schön dezenter Würze. 2,80 Euro.

Auch Namenlos ruft Halleluja beim ersten Bier

Hunger: Gitti’s Bras’l in der Rain / Schwein’s und Surbrat’l mit Semmel- und Kartoffelknödel, dazu Sauerkraut (9,80 Euro). So war’s im Original geschrieben. Und es schmeckte fantastisch. Auf den Punkt gewürzt! Kompliment.

(Surbaten, das hab ich nun gelernt, ist leicht gepökeltes Fleisch.)

Saftig

Müde und kaputt um 23 Uhr schlafen gelegt. Es war gut, dass Namenlos in seiner Glasglocke blieb. Der österreichische Engel konnte so die kleinen Gemeinheiten des bayerischen Kollegen Loisl gut ignorieren, dem es langsam auf den (Heiligen) Geist ging, ständig die Gosch verbunden zu haben. Er krächzte etwas wie ein heißerer Rabe (?? krächzt der ??).

Familienbett

Unterkunft: 38 Euro ( mit Frühstück).

Mit Schutzengel Loisl zu Besuch beim Nachbarn

Loisl hab ich ihn genannt. Jemand hat mir für die Wanderung einen Schutzengel geschickt, einen weiß-blauen Schluri. Ein anderer Name fiel mir nicht ein. Gabriel, Uriel, Michael: Das klingt so gar nicht nach Bayern. Also: Erzengel Loisl! Ein Schlitzohr, aber netter und geselliger Kerl, mit seltsamen Neigungen allerdings. Doch das sollte ich erst später bemerken.

Loisl will mich heute begleiten, wenn es rüber geht zu den Nachbarn, zu den Österreichern.

Die haben rot-weiß in ihrer Flagge. Da ist weiß-blaue Unterstützung vielleicht nicht das Verkehrteste.

Loisl auf Austria-Farben

Beim Wandern taumeln mir manchmal die Gedanken weg. So habe ich mich die ganze Wegstrecke über gefragt, ob wir beim Eintritt ins Paradies das Geschlecht verlieren. Und welchen Sinn es dann macht, dass Dschihad-„Märtyrer“ sich ins Elysium zu sprengen (wegen der Jungfrauen, sagen sie), wenn sich  – na ja – so gar nichts mehr regt.

Bei Loisl konnte ich das nicht überprüfen. Die Hose ist angewachsen und sie lässt sich nicht lupfen. Oder ist es doch ein Hosenröckchen?

Wenn ich zurück bin, veranlasse ich mal ’ne Röntgenuntersuchung.

Loisl jedenfalls war heute mehr fürs Bummeln als fürs Losmarschieren. Erst um halb neun wollte er starten, über die Grenzbrücke – an seiner Chefin vorbei – ins Österreichische.

Maria bewacht die deutsch österreichische Grenze

Obwohl jetzt beim Nachbarn, ging der Blick erst einmal zurück. Unglaubliches Panorama von BURGhausen.

Die größte Burg Europas ?

Burghausen mit Salzach Brücke

Burghausen

Loisls Ursprungsidee war, entlang der Salzach nach Braunau zu wandern.

GPS-003-Burghausen-Foto

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Doch schon nach einem Kilometer war Schluss. Der Weg hörte einfach auf. Fühlte mich wie vor den Kreidefelsen vor Dover.

Salzach Klippen

Ruhepause.

Ich

Die Wege in Österreich scheinen nicht so perfekt ausgeschildert wie bei meinen Landsleuten auf der anderen Seite. Alles ein bisschen mehr Laissez-faire. Quer durch den Wald schleppte mich Loisl dann Richtung Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen. Der Wald allerdings ein rot-weißes Farbenmeer.

Rot-Weißer Wald

War da die Wehrsportgruppe Österreich unterwegs?

Grenzwertiges an der Grenze

Grenzwertig. So ein zur Schau gestellter Patriotismus wäre auf der deutschen Seite zum Glück unmöglich.

Haben die Österreicher eigentlich auch weltweit die Verbotsschilder und Wegschranken designt?

Austria-Design weltweit

Kurz vor Verlassen des Waldes war Loisl plötzlich verschwunden. Ich hatte ihn in der Hosentasche mitgeführt. Aber da war er nicht mehr. Hat eben Flügel. (Können Engel eigentlich schneller fliegen als Vögel? Haben sie Wanderrouten? Winterrastplätze?)

Schlug mich von nun an ohne göttlichen Beistand durch, stapfte stundenlang eine langweilige, Gott sei Dank aber wenig befahrene Bundesstraße Richtung Braunau entlang. Ab und zu ein paar Gartenzwerge und Spießerhäuschen.

Österreichischer Zwerg (rotweiß natürlich)

So gar nichts Anarchisches

Ein Weg hinunter zur Salzach gab es nicht. Schließlich ein grandioser Blick von oben: Zusammenfluß Salzach und Inn. Für die Kamera leider zu versuppt.

Zusammenfluss Salzach / Inn

Ab jetzt ging‘s wieder runter zum Wasser auf den Inn-Damm. Ab und zu Vögel, die sich nicht fotografieren lassen wollten. Waren einfach immer zu weit weg.

Erneut verschätzt. Die Nacht kam schneller als gedacht. Wieder zuviel gelaufen. Schätzungsweise 29 Kilometer. Vermisste meinen Loisl. Die letzt Stunde tat ziemlich weh. Spürte zum ersten Mal eine Blase am rechten Fuß.

Night Falls

In Dunkelheit zur Inn-Staustufe. Um 18 Uhr dann endlich am Ziel: Gasthaus Mayrbräu im Zentrum Braunaus.

Zu meiner Überraschung tauchte plötzlich Loisl wieder auf. Stand vor der Gasthof-Tür, hielt die Hand vor den Mund und druckste verlegen rum.

Ich fuhr ihn barsch an, er solle rausrücken, was los sei und er solle endlich die Hand von der Gosch wegnehmen.

Loisl gestand verschämt, daß er als Tourist zum Geburtshaus des Großen Diktators geflogen war (wohin gar nicht so wenige Deutsche pilgern) und sich entsprechend geschminkt hatte. Sollte ein Witz sein. Ein ziemlich geschmackloser jedenfalls. Er beteuerte, er habe nur Charlie Chaplin nachahmen wollen. Und jetzt bekam er das Oberlippen-Bärtchen nicht mehr ab.

Loisl am Hinterausgang des Geburtshauses des Großen Diktators

Rot-Weiß und Weiß-Blau gab bekanntlich mal die Farbmischung Braun. Der Große Diktator war österreichischer Bayer oder umgekehrt. Scheint weiterhin Sympathisanten zu haben. Nicht nur durch Österreichs (und auch Deutschlands) Wälder schleichen immer noch einige Braunhemd-Gruppen.

(Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, wieso der Große Diktator ausgerechnet die Farbe Braun für seine BRAUNauer-Münchner Bewegung aussuchte? Billige Assoziation mit dem Namen seiner Heimatstadt?)

Loisl schämte sich jedenfalls für den schlechten Schmink-Gag, aber das Bärtchen blieb. Damit ich mit ihm, ohne einen Skandal zu provozieren, ausgehen konnte, mußte ich ihm das Maul samt Oberlippe verbinden.

Loisl schämt sich

Durst: Salzburger Stiegl Bier  (Goldbräu vom Fass). Allerweltsbier, rasch getrunken, ohne besonderen Nachgeschmack. 3,20 Euro.

Loisl kann heute nichts essen

Hunger: Wiener Tafelspitz mit Semmelkren, Röstkartoffeln und Marktgemüse. Fleisch: gute Hausmannskost. Röstkartoffeln allerdings wie eingeweicht. Kren (vulgo Meerrettich) zu sanft. Auch Fleisch hätte etwas Meersalz (vielleicht mit Kräutern?) vertragen. Koch hatte Angst vor Schärfe. 14,50 Euro.

A Rua iss !

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).