Japanische Stille an bayerischen Seen und auf dem Weg nach Unterammergau

Füssen ist ein babylonischer Ort. Vielfältige Sprachen in den Straßen.
Sicher kommen die Touristen nicht aus der weiten Welt hierher, um sich das eher langweilige Städtchen anzuschauen. Es gibt schönere in Bayern.

Rote Kapelle

Rote Kapelle

Füssen ist Ausgangspunkt für die Tour zu den Königsschlössern des verrückten Ludwig II.

Und genau das hatte ich mir heute auch vorgenommen: eine Wanderung zu zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands.
Die Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein. Danach wollte ich noch ein wenig weiterlaufen. Es wurde schließlich ein sehr langer Tag und rund 40 Kilometer, die ich marschieren musste.

GPS-179-Fuessen

GPS-Gesamtstrecke bis 179

Um 9 Uhr hatte ich Füssen verlassen und mich über einen kleinen bewaldeten Hügel zum Schwansee aufgemacht.

Märchenwald

Märchenwald

Der Nebel sollte den ganzen Tag mein Begleiter sein.

Swansee

Swansee

„Japanische“ Stille um den Teich.

Variation von Swansee

Variation von Swansee

Schilf, Gras, Seerosen meditierten und bewegten sich dabei nicht.

Sweet Rose of Bayern

Sweet Rose of Bayern

Windlose Stille.

KeinVorgartenteich

Kein Vorgartenteich

Von der Ruhe zum Tumult war es jedoch nicht weit. Eine halbe Stunde nur bis zu den Burganlagen. Und das babylonische Sprachgewirr schwoll orkanartig an. Tausende Menschen hatten sich an diesem kalten und grauen Sonntagmorgen aufgemacht, Traumfotos in ihre digitalen Tagebücher zu kleben.
Nur: Zu sehen bekamen sie fast nichts.

Hohenschwangau in Nebel gehüllt.

Fog Castle

Fog Castle

Neuschwanstein fast unsichtbar.

Edgar Wallace was here

Edgar Wallace was here

Ich hätte heute in vielen Sprachen das Wort „Scheiße“ lernen können. Hatte aber nicht die Geduld, mir die enttäuschten Schnappschüssler länger anzuschauen und zog weiter.

Ludwig II war Japaner!

Ludwig II war Japaner!

Ausgesprochen schöne Herbst-Wanderwege durch die bayerische Provinz.

All along the ...

All along the …

Die Dörfer kompakt, nicht zersiedelt.

Bavaria

Bavaria

Manche mit wunderschönen alten Bauernhäusern.

Bavaria Ausschnitt 1

Bavaria Ausschnitt 1

Bavaria Ausschnitt 2

Bavaria Ausschnitt 2

Bauern bekam ich nicht zu Gesicht weder in den Straßen noch auf den Feldern.
Nur ein paar verspielte Kinder auf Fassaden.
Bayern weiß sich zu inszenieren!

Bavaria Ausschnitt 3

Bavaria Ausschnitt 3

Erstaunlicherweise fiel mir das Gehen leicht heute. Nicht einmal Pausen brauchte ich. Sehr gleichmäßig mein Schritt.

Alle Wege führen zum Kreuz

Alle Wege führen zum Kreuz

Ich genoss die Ruhe. Der Nebel nahm der Landschaft die Akzente.

Kein weg net ohne Vieh

Kein weg net ohne Viech

Kontrastarm auch meine Gedanken. Sie marschierten so mit meinen Füßen mit. Irgendetwas dachte in mir, aber schon im nächsten Moment konnte ich mich daran nicht mehr erinnern.

Manchmal eine seichte Furt und ein kleiner Zweifel: Which way to go?

Which way?

Which way?

Es wurde spät und dunkel.

Finsternis sah mit Hundert schwarzen Augen aus den Tannenbäumen. (Frei nach Goethe.)

Wegmarke

Wegmarke

Das Hochmoor glühte sich noch einmal warm für die kalte Nacht, die jetzt hereinbrach.

Lieber Herbst

Lieber Herbst

Nach 11 Stunden und in ziemlicher Dunkelheit erreichte ich Unterammergau.

Durst: Paulaner Bier. (Nicht gerade meine Lieblingssorte.)

Hunger:
Brätsuppe: 3,50 Euro. Deftig und schmackhaft.

T179-essen-02

Allgäuer Kässpätzle. 7,50 Euro, Preis gut. Essen leider nicht.

T179-essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).
(Mit dem Zug war ich ins 4 km entfernte Oberammergau gefahren und hatte mir dort ein Quartier gesucht.)

Spät saß ich noch in einer Wirtschaft und sah den heimischen Stammtischbrüdern beim Watten zu.
Ein ziemlich schlitzohriges Kartenspiel.

T179-Stammtisch-01

Pink-Tramp will nach Dresden und macht mit mir einen Umweg nach Olbernhau

Der erste frühe Blick aus dem Fenster: Die Farbe Blau dominierte!
Endlich! Die Sonne hatte das Erzgebirge erreicht!

Ich brach um Viertel vor neun auf. Ich hatte mir einen langen Marsch vorgenommen. Mindestens bis Olbernhau.

Es wurden 44 mühsame, aber wohlgelaunte Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 037

Am Stadtrand von Annaberg sah ich ein verrücktes Huhn, das versuchte, Autos anzuhalten. Mit dem Daumen der rechten Hand nach oben.
Früher hätte man das „Trampen“ genannt. Aber den Autostop gibt es ja in Zeiten der Billigflüge nicht mehr und das Wort ist gleich mit ausgestorben.

Tramp-Vamp

Die junge Dame versuchte sich also im Hitchhiking (klingt auch antiquiert).

„Pinkie“ nannte sie sich und wollte nach Dresden. Das war im Prinzip sogar meine Richtung, auch wenn ich ein paar Mäander lief. Sie fand es „cool“, dass ich eine so lange Wanderung unternahm und schloß sich mir an (nur bis Dresden!). Autos hielten ja sowieso nicht, meinte sie: So wie sie aussehe.
Wie denn?, fragte ich.
Wie ein Assi“ ihre Antwort.
Quatsch!

Für mich war sie ein Tramp. Ein Pink-Tramp

In weiter Ferne jetzt schon der Fichtelberg, den ich noch vor 2 Tagen zusammen mit Oma Gerda schnaufend überquert hatte. Gut eingeschneit.

Wie harmlos sieht er von weitem aus!

Aber Schnee, das war gestern – heute war ein Frühlingstag.

Selbst die schwarzen Erzgebirgsdörfer schmiegten sich zahm an die Hänge und strahlten Wärme ab.

Wieviel freundlicher sähe das wohl mit roten Ziegeln aus ?

Die Wäsche auf den Leinen war ein untrügliches Zeichen, dass die Eiszeit vorbei war. Die erzgebirgische Hausfrau braucht dazu nicht Schwalben, nicht Spatzen, nicht zurückkehrende Kraniche!

Wer da normalerweise in den Klamotten steckt ?

Ich lief stundenlang durch Waldwege, Lieder summend. Ich spürte meinen Rucksack nicht. Ich dachte nichts. Ich sog die Sonnenstrahlen auf.

Plötzlich stoppten mich Warnschilder im Wald: „Betreten verboten!“ „Weiterlaufen verboten!“ „Der Staatsanwalt wird dich bis nach Hause verfolgen!“ „Strafrechtlich!“

Die Bundeswehr hat hier einen Schießübungsplatz, verlegt Probeminen, schießt scharf, praktiziert Krieg. Und wie in jedem Krieg, ist es für unbeteiligte Zivilisten am gefährlichsten. Ich stolperte also nicht ins Areal.

Hindukusch im Erzgebirge

Ich musste das weitläufige Gelände vollständig umlaufen. Vier Kilometer Umweg für die Landesverteidigung (oder geht es hier um Rettung des Hindukuschs?).

Pink-Tramp erzählte mir, dass sie auf eine Party wolle. In Annaberg sei nichts los, nur in den großen Städten. Alles, was jung ist, fahre an den Wochenenden dort hin… Ich hatte das schon gehört und ließ sie reden, ohne zuzuhören. Vielleicht merkte sie das, doch es störte sie nicht, sie plapperte weiter.

Auf 800 m Höhe gab es wieder Schnee, nicht viel, aber stellenweise knietief. Pink-Tramp nervte jetzt. Sie wollte schneller vorankommen und sank doch immer wieder ein.

Wir befanden uns in einem glitzernden Hochmoor. (Die „Mothäuser Heide“ ist Heimat der Kreuzotter, die lag (Gott sei’s gedankt) noch im Winterschlaf.)

Die Wege waren tückisch. Man sank in Schnee ein und stand im Wasser!

Pink-Tramp plapperte immer noch. Diesmal vom Wegfahren. Sie hatte Freunde in Berlin, alles Punks oder so. Die würden sie auf einen Trip nach Portugal mitnehmen.
Ich fragte sie, ob ihre Eltern früher – vor dem Fall der Mauer – auch gereist seien?
Keine Ahnung„, sagte sie. „Ich bin jünger als der Mauerfall“.
Fragst du nicht, wie es war – damals?
Nee„.

Und dann kam Pinke vom Weg ab und fiel prompt in eine tiefe Pfütze.

Tramp-Nixe

Komisch, dass ich erst jetzt bemerkte, dass Pink-Tramp Flossen hatte. Oder konnte sie Füße schnell in Flossen verwandeln?

Ich steckte das frierende Etwas in den Rucksack zu meiner Rasselbande und wanderte vergnügt weiter. Bis die Dunkelheit hereinbrach.

Ankunft in Olbernhau gegen 19 Uhr. Mit Glück ein schönes Hotel gefunden.

Durst: Pils Erzgebirgs-Premium 2,60 Euro (0,4).
Olbernhauer Brauerei (120jährige Tradition).
Löschte den Durst. Es fehlte aber etwas Besonderes. (Wie im übrigen viele Biere hier im Erzgebirge zwar süffig sind, schnell aber „lebsch“ werden (=fad). So ganz haben es die Sachsen noch nicht geschafft, an die glorreiche Tradition vor dem Krieg und der DDR anzuknüpfen.)

Hunger:
Erzgebirgische Waldpilzsuppe. Sehr fein! Herber Pilzgeschmack! Gut gewürzt. (4,20 Euro.)

Danach: Forelle Müllerin. (Frisch erschlagener Fisch. Das war zu schmecken. Zubereitung: eher Standard) (12,80 Euro).

Unterkunft: 47 Euro.

Pinkie-Socke

Pink-Trmp war immer noch nass und ich hängte sie zum Trocknen neben meine Hand gewaschenen Socken.
She was not amused.

Auf hohen Umwegen bis Spiegelau

Ich wollte noch einmal probieren, auf einem Höhenweg des Bayerischen Waldes – und ziemlich nah an der tschechischen Grenze – zu wandern. Bin gegen halb neun aufgebrochen. Ziel war auf jeden Fall, abends in Spiegelau aufzuschlagen.

GPS-Gesamtstrecke bis 015

Durch den Wald bei Neuschönau, über das Hochmoor bei Altschönau hoch zu dem winzigen Bergdorf Waldhäuser. Auf etwa 1.050 m Höhe. Ganz früher war das mal eine Übernachtungsstation für „Säumer“. Säumer waren Transporteure, die mit Tragetieren (Säumtiere) hier im Bayerischen Wald vor allem Salz über Pässe runter zu den wohlhabenden Städtern brachten.

Haus im Dorf Waldhäuser

Waldhäuser wird heute von wichtigen Wanderrouten gekreuzt. U.a. vom berühmten Goldenen Steig.

Goldener Steig

Wie mir eine Parkwächterin noch unten im Tal sagte, werden aber die meisten Wanderrouten im Winter für Wanderer nicht geräumt. Deshalb auch, um die Reviere der Auerhähne zu schützen. Das Vorankommen auf dem Höhenweg erwies sich als extrem mühsam. Ständiges Einsacken. Ich gab den Plan rasch auf, auf dem Höhenweg weiterzukommen und stieg wieder Richtung Tal ab. Der Schnee wurde weniger. Die Bäume allerdings ebenfalls. Manchmal sieht hier der Wald eher bemitleidenswert aus. Extremer Windbruch und der fresssüchtige Borkenkäfer sorgen für apokalyptische Stimmungen.

Apokalypse Wald

Nach insgesamt rund 17 km Fußmarsch kam ich gegen 15 Uhr in Spiegelau an. Eigentlich ein bekannter Ort im Bayerischen Wald, berühmt für seine einstigen Glashütten. Selten aber so ein totes und abweisendes Dorf erlebt. Ich steuerte zielstrebig auf ein Landgasthaus zu. Es war offen, fand sogar eine „Rezeptionistin“. Sie erklärte mir, dass sie mir kein Zimmer vermieten könne, obwohl alle Räume leer standen. Begründung: Die Zimmer seien schon für die Weihnachtsgäste hergerichtet, die in einer Woche kommen würden. Da könne sie jetzt keine „Unordnung mehr gebrauchen“.

Da war wieder diese niederbayerische Mentalität, die, vorsichtig umschrieben, als mindestens  unflexibel zu charakterisieren wäre.

Es kostete mich eine geschlagene Stunde eine Unterkunft zu finden. Die restlichen 2 oder 3 Pensionen des Ortes waren noch geschlossen (bis Weihnachten). In einem Privathaus fand ich schließlich eine Gästezimmer-Bleibe.

Durst im besagten Landgasthaus gelöscht. Ich war der einzige Gast (wohl auch im ganzen Dorf). Klasse Helles: Langanhaltender Geschmack! Brauerei Aldersbacher. Urkundlich zum ersten Mal 1268 erwähnt! Also mindestens 743 Jahre Brauereiwissen in diesem Bier!!! (Gehörte natürlich lange den Mönchen, heute den Freiherren von Aretin.) 2,50 Euro.

Essen: Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln. War deftig und gut. 10,80 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).