Durch den Seniorensommer nach Bad Säckingen

Weil am Rhein ist eine eigenartig unwirtliche Stadt. Das Zentrum wie ein lang gezogenes Straßendorf mit Einkaufszentren.
Die Restaurant-Dichte ist erstaunlich, aber es gibt fast ausschließlich Imbiss-Fast-Food. Türkisch, Chinesisch, Italienisch (alles zum Mitnehmen). Dazu eine Auswahl an 1 Euro Läden.

Viele Migrationshintergrund-Gesichter in den Straßen.
Viele Arbeiter-Gesichter. Gesichter, die andeuten, dass die Menschen nur kurz hierher kommen wollten und dann doch geblieben sind. Seit Jahrzehnten schon.
Sie haben Weil zur Grenzstadt gemacht. Unfreiwillig Deutschgewordene. Bald wohl die einzigen Sprecher des lokalen Dialektes. Herrlich ihr Badisch! Sie beherrschen selbst den kehligen Krachlaut der Schweizer.

Vom Zentrum Weils zur eidgenössischen Grenze ist es ein Katzensprung.

Seit die Schweizer ebenfalls Schengener geworden sind, gehören auch Zollhäuser zu den Immobilienleerständen.

Nutzlos

Nutzlos

Um 8 Uhr den Rucksack geschultert. 33 km lang war die Tagesetappe. Das Ziel: Bad Säckingen.

GPS-167-Weil

GPS-Gesamtstrecke bis 167

Der Grenzverlauf in der Weiler Gegend ist reichlich zickzackig.

Schon bald verließ ich wieder die Schweiz. Das letzte Haus vor der Grenze in Riehen: ein Museum, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte.
Eigentlich eine Gedenkstätte. Für Juden, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und von dort wieder nach Hitler-Deutschland zurückgeschickt worden waren.

Sehr spät bekennt sich die Schweiz zu ihrer Schuld am Tod von jüdischen Bürgern.

Sinnvoll

Sinnvoll

Das Museum hatte so früh am Morgen noch nicht geöffnet. Schade. Ich zog weiter Richtung Rhein.

Die Landschaft wurde hügelig. Basel und Weil verschmolzen aus der Ferne zu einer Stadt.

Nah und Fern

Nah und Fern

Obwohl nur 500 m hoch, fühlte ich mich manchmal wie auf Almen.

Der Berg ruft

Der Berg ruft

Der Schwarzwald ächzte unter der Last der Gewitterwolken.

Schwarzer Wald

Schwarzer Wald

Wieder im Tal, machte ich eine kurze Pause im Garten des Beuggener Wasser-Schlosses.

Sinksicher

Unsinkbar

Im Dorf Schilder vor Bäckerläden, die ich nicht verstand.
Was um Himmelswillen sind Waie? Oder Ziebele?

Ist das Alemannisch?

Ich versteh kein Ausländisch

Ich versteh kein Ausländisch

Auf dem Weg zum Rhein ein außergewöhnliches Kriegsdenkmal.
Aus dem Jahr 1815!

Martialisch

Martialisch

„Hier ruhen 3000 tapfere österreichische Krieger der Schwarzenbergischen Armee, zusammen mit Bayern, Sachsen, Preussen, Württembergern. Welche nach ruhmvollen Kämpfen in den Befreiungskriegen 1813-1815 im K.K. Feldspital Beuggen an ihren Wunden und am Nervenfieber den Heldentod starben.
Wer so wie wir den grossen Schwur gelöst! Wer so für Gott und Vaterland gefallen, der lebt im Herzen seines Volkes fort.“

Grenzgebiet! Und die Narben werden sichtbar! Auch hier an der Grenze mit der Schweiz.

Der Rhein trennt (und vereint) beide Nationen.

Uferbebauung

Uferbebauung

Endlich hatte ich wieder den Grenzfluss erreicht.
Ein Süßwasserkapitän steuerte sein Ausflugsboot genau auf der Grenzlinie.

Grenzdampfer

Grenzdampfer

Bis hierhin war der Rhein beidseitig dicht bebaut. Hinter Rheinfelden dann immer wieder kurze Naturufer-Einsprengsel.

Klein der Weg, groß der Fluss

Klein der Weg, groß der Fluss

Der Fluss wurde richtig schön.
Schwäne haben ihn kolonialisiert und Mensch und Schiff vertrieben.

Schwanengesang 1

Schwanengesang 1

Schwanengesang 2

Schwanengesang 2

Schwanengesang 4

Schwanengesang 3

Schwanengesang 4

Schwanengesang 4

Abgekämpft und reichlich durstig erreichte ich um halb sieben Bad Säckingen.

Die längste überdachte Holzbrücke Europas überspannt den Rhein nach Stein in der Schweiz.

bridge over water

bridge over water

Über die Brücke kamen auch diese wilden Kerle und machten mir gleich Probleme.
Gerade hatte ich dieses Foto geschossen, kam ihr Anführer auf mich zu und belehrte mich über das Presserecht. Kein Foto ohne Einwilligung!
Aber er ließ mir einen Ausweg: Mit einem „kleinen“ Beitrag könnte ich das Copyright am Foto erwerben.

I'm a hobo

I’m a hobo

Ich kaufte mich mit einer Spende und später mit einer Runde Bier frei und die Gesellen ließen mich noch zwei weitere Schnappschüsse machen.

Me hobo too

Me hobo too

Mindestens – so erklärten mit die jungen Dachdecker – drei Jahre und 1 Tag müsse man auf die Walz. Wenigstens einen Tag länger als die Ausbildung dauere. Das sei Tradition.

  • Auch Frauen zögen immer häufiger mit. Unterwegs hätten sie Schäferinnen, Kirchenmalerinnen, Steinmetze getroffen.
  • Die meisten seien mittlerweile weltweit auf der Walz. Ein Flugticket lasse man sich vom Arbeitgeber statt Lohn bezahlen.
  • Geschlafen hätten sie letzte Nacht im Eingang eines Supermarktes. Nicht immer finde man Meister oder Menschen, die einem Unterschlupf böten. Geld hätten sie eigentlich nie.
  • Dass Dachdecker und andere Berufsgruppen auf die Walz gingen, hinge damit zusammen, dass früher die Meister nicht genügend Arbeit für ihre Lehrlinge hatten und diese daraufhin in der Region herumschickten. Daraus sei diese Wanderbewegung entstanden.

Während wir uns unterhielten, kritzelten einige etwas in sehr dicke Tagebücher.
Wanderbuch“ stand auf den Klappen. Ich fragte, ob ich mir eines einmal anschauen könnte. Sie waren entsetzt. Das ist das Heiligste was sie hatten und das Intimste.
In den Wanderbüchern führen sie die Zeugnisse, Empfehlungen, Widmungen ihrer vielen Arbeitgeber mit. Auf den Buchseiten verewigen sie aber auch ihre Liebschaften, ihren Kummer und ihre Dummheiten.

Als ich mich von der Gruppe verabschiedete, bekam ich gerade noch mit, wie zwei miteinander ernsthaft verhandelten und dann etwas tauschten: eine fast leere Zahnpastatube gegen einen großen Wamsknopf.

Über das Gespräch mit den bunten Vögeln hatte ich fast vergessen, mir eine Unterkunft zu besorgen. Als ich von Hotel zu Hotel zog, wurde mir klar, dass diese Stadt völlig überbucht war.
Mit viel Glück fand ich doch noch ein freies Zimmer. Ich fragte den Portier was denn heute los sei?
„Wieso heute?“ antwortete er. Die Schul-Ferien seien zwar vorbei, aber jetzt habe eine andere Saison begonnen: der Seniorensommer!

Durst. Eines meiner Lieblingsbiere: Tannenzäpfle der Rothausbrauerei Freiburg. Nur Klasse!

T168-Bier-01

Hunger: Gebratene Forelle mit Couscous- und Kartoffelsalat. 12 Euro. Naja!

T168-Essen-01

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Fränzchens Sonnengesang dröhnt bis Venray

In Kevelaer gibt es noch mehr Devotionalienläden als Pilger. Vekaufsschlager ist, neben dem Gnadenbild Marias, der Heilige Franziskus.
Das hängt wohl mit der Wahl des neuen Papstes zusammen.

Pope I

Pope I

Auf jeden Fall habe ich mir morgens um 10 Uhr ein kleines Fränzchen in den Rucksack gesteckt.

Es sollte mich die 24 km bis Venray in den Niederlanden begleiten.
(Was vielleicht nicht die beste Idee war: Den ganzen Tag sollte Fränzchen mich mit seinem Sonnengesang nerven.)

GPS-128-Kevelaer

GPS-Gesamtstrecke bis 128

Niederländiche Landschaft ändert sich eigentlich nie: ausgedehnte Felder, Bauernhöfe, kleine Ortschaften.

Geparkt

Geparkt

Ab und zu Pferdeweiden.

Gebändigt

Furyland

Eine nette kleine Fähre brachte mich auf die andere Seite der Maas.

Maasvoll

Maasvoll

Was für die Deutschen der Rhein ist, ist für die Niederländer die Maas.
Sie lieben ihren Fluss.

Frau am Steuer

Frau am Steuer

Ich hätte Lust gehabt, eine kleine Schippertour zu unternehmen und mich irgendwohin treiben zu lassen.

Maas ohne Überlaufventil

Maaslos

Ich hatte einen faulen Tag erwischt und musste mich zur Lauf-Disziplin zwingen. Trotzdem war Venray schnell erreicht.

Ein äußerst sympathisches Kleinstädtchen mit schönem Zentrum.
Ein herrlicher Frühlingsnachmittag!

Viele volle Maas

Keine Maas

Beim Bier war mir aufgefallen, dass sich Honoratioren der Stadt versammelten. Ich fragte die Kellnerin, ob eine besondere Veranstaltung geplant sei?

Sie wies mich daraufhin, dass heute der 4. Mai sei!
Bei Sonnenuntergang würde im ganzen Land der Toten des Zweiten Weltkrieges gedacht. Am Vorabend der Befreiung der Niederlande.

Eine sehr würdige Veranstaltung.

Respect I

Respect I

Veteranen, die einst gegen das Hitler-Deutschland gekämpft haben.

Respect II

Respect II

Für mich überraschend, wie stark die kurze militärische Zeremonie besucht war.
Und wie lebendig die Erinnerung gehalten wird.

Respect III

Respect III

Am Fuß des Mahnmals der Weltkriegstoten brannte eine Kerze für die neuen Toten der neuen Kriege.
(Es hört einfach nicht auf!)

Respect IV

Respect IV

Hunger:
Köstliche Tapas, die – um es mit Loriot zu sagen – auf ziemlich übersichtlichen Tellern serviert wurden.

T128-Essen-01

Unterkunft: 70 Euro.

Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Mit Schutzengel Loisl zu Besuch beim Nachbarn

Loisl hab ich ihn genannt. Jemand hat mir für die Wanderung einen Schutzengel geschickt, einen weiß-blauen Schluri. Ein anderer Name fiel mir nicht ein. Gabriel, Uriel, Michael: Das klingt so gar nicht nach Bayern. Also: Erzengel Loisl! Ein Schlitzohr, aber netter und geselliger Kerl, mit seltsamen Neigungen allerdings. Doch das sollte ich erst später bemerken.

Loisl will mich heute begleiten, wenn es rüber geht zu den Nachbarn, zu den Österreichern.

Die haben rot-weiß in ihrer Flagge. Da ist weiß-blaue Unterstützung vielleicht nicht das Verkehrteste.

Loisl auf Austria-Farben

Beim Wandern taumeln mir manchmal die Gedanken weg. So habe ich mich die ganze Wegstrecke über gefragt, ob wir beim Eintritt ins Paradies das Geschlecht verlieren. Und welchen Sinn es dann macht, dass Dschihad-„Märtyrer“ sich ins Elysium zu sprengen (wegen der Jungfrauen, sagen sie), wenn sich  – na ja – so gar nichts mehr regt.

Bei Loisl konnte ich das nicht überprüfen. Die Hose ist angewachsen und sie lässt sich nicht lupfen. Oder ist es doch ein Hosenröckchen?

Wenn ich zurück bin, veranlasse ich mal ’ne Röntgenuntersuchung.

Loisl jedenfalls war heute mehr fürs Bummeln als fürs Losmarschieren. Erst um halb neun wollte er starten, über die Grenzbrücke – an seiner Chefin vorbei – ins Österreichische.

Maria bewacht die deutsch österreichische Grenze

Obwohl jetzt beim Nachbarn, ging der Blick erst einmal zurück. Unglaubliches Panorama von BURGhausen.

Die größte Burg Europas ?

Burghausen mit Salzach Brücke

Burghausen

Loisls Ursprungsidee war, entlang der Salzach nach Braunau zu wandern.

GPS-003-Burghausen-Foto

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Doch schon nach einem Kilometer war Schluss. Der Weg hörte einfach auf. Fühlte mich wie vor den Kreidefelsen vor Dover.

Salzach Klippen

Ruhepause.

Ich

Die Wege in Österreich scheinen nicht so perfekt ausgeschildert wie bei meinen Landsleuten auf der anderen Seite. Alles ein bisschen mehr Laissez-faire. Quer durch den Wald schleppte mich Loisl dann Richtung Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen. Der Wald allerdings ein rot-weißes Farbenmeer.

Rot-Weißer Wald

War da die Wehrsportgruppe Österreich unterwegs?

Grenzwertiges an der Grenze

Grenzwertig. So ein zur Schau gestellter Patriotismus wäre auf der deutschen Seite zum Glück unmöglich.

Haben die Österreicher eigentlich auch weltweit die Verbotsschilder und Wegschranken designt?

Austria-Design weltweit

Kurz vor Verlassen des Waldes war Loisl plötzlich verschwunden. Ich hatte ihn in der Hosentasche mitgeführt. Aber da war er nicht mehr. Hat eben Flügel. (Können Engel eigentlich schneller fliegen als Vögel? Haben sie Wanderrouten? Winterrastplätze?)

Schlug mich von nun an ohne göttlichen Beistand durch, stapfte stundenlang eine langweilige, Gott sei Dank aber wenig befahrene Bundesstraße Richtung Braunau entlang. Ab und zu ein paar Gartenzwerge und Spießerhäuschen.

Österreichischer Zwerg (rotweiß natürlich)

So gar nichts Anarchisches

Ein Weg hinunter zur Salzach gab es nicht. Schließlich ein grandioser Blick von oben: Zusammenfluß Salzach und Inn. Für die Kamera leider zu versuppt.

Zusammenfluss Salzach / Inn

Ab jetzt ging‘s wieder runter zum Wasser auf den Inn-Damm. Ab und zu Vögel, die sich nicht fotografieren lassen wollten. Waren einfach immer zu weit weg.

Erneut verschätzt. Die Nacht kam schneller als gedacht. Wieder zuviel gelaufen. Schätzungsweise 29 Kilometer. Vermisste meinen Loisl. Die letzt Stunde tat ziemlich weh. Spürte zum ersten Mal eine Blase am rechten Fuß.

Night Falls

In Dunkelheit zur Inn-Staustufe. Um 18 Uhr dann endlich am Ziel: Gasthaus Mayrbräu im Zentrum Braunaus.

Zu meiner Überraschung tauchte plötzlich Loisl wieder auf. Stand vor der Gasthof-Tür, hielt die Hand vor den Mund und druckste verlegen rum.

Ich fuhr ihn barsch an, er solle rausrücken, was los sei und er solle endlich die Hand von der Gosch wegnehmen.

Loisl gestand verschämt, daß er als Tourist zum Geburtshaus des Großen Diktators geflogen war (wohin gar nicht so wenige Deutsche pilgern) und sich entsprechend geschminkt hatte. Sollte ein Witz sein. Ein ziemlich geschmackloser jedenfalls. Er beteuerte, er habe nur Charlie Chaplin nachahmen wollen. Und jetzt bekam er das Oberlippen-Bärtchen nicht mehr ab.

Loisl am Hinterausgang des Geburtshauses des Großen Diktators

Rot-Weiß und Weiß-Blau gab bekanntlich mal die Farbmischung Braun. Der Große Diktator war österreichischer Bayer oder umgekehrt. Scheint weiterhin Sympathisanten zu haben. Nicht nur durch Österreichs (und auch Deutschlands) Wälder schleichen immer noch einige Braunhemd-Gruppen.

(Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, wieso der Große Diktator ausgerechnet die Farbe Braun für seine BRAUNauer-Münchner Bewegung aussuchte? Billige Assoziation mit dem Namen seiner Heimatstadt?)

Loisl schämte sich jedenfalls für den schlechten Schmink-Gag, aber das Bärtchen blieb. Damit ich mit ihm, ohne einen Skandal zu provozieren, ausgehen konnte, mußte ich ihm das Maul samt Oberlippe verbinden.

Loisl schämt sich

Durst: Salzburger Stiegl Bier  (Goldbräu vom Fass). Allerweltsbier, rasch getrunken, ohne besonderen Nachgeschmack. 3,20 Euro.

Loisl kann heute nichts essen

Hunger: Wiener Tafelspitz mit Semmelkren, Röstkartoffeln und Marktgemüse. Fleisch: gute Hausmannskost. Röstkartoffeln allerdings wie eingeweicht. Kren (vulgo Meerrettich) zu sanft. Auch Fleisch hätte etwas Meersalz (vielleicht mit Kräutern?) vertragen. Koch hatte Angst vor Schärfe. 14,50 Euro.

A Rua iss !

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).