Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Etappenschluss Sylt

Mondlandschaft mit Heide, karibisch weißer Strand zum Frösteln, peitschendes Meer, das sich für Stunden demütig verkriecht: Sylt ist aufregend! Und größer als vorgestellt.

Vergiss Westerland, Kampen, Gosch und Austern mit Schampus!

Reiche und Möchtegerne bewegen ihren Arsch nicht. Ich war stundenlang allein unterwegs (fast).

Gewitterstrand

Der Himmel schüttete Wasserkübel über mir aus, Thor jagte mir Stürme hinterher, immer wieder durchbrach die Sonne jedes Farbschema, tauchte Insel, Horizont und Firmament ins Unwirkliche. Um nach Sekunden ins Allerleigrau zu wechseln.

Ich wollte zur nördlichsten Ortschaft Deutschlands. Nach List. 17 km Fußweg. Durch Dünen, Heide, Einheitsdörfer, über Strand, Holzstege, betonierte Fahrradwege.

Gewitterwege

Ich wollte an mein Etappenziel gelangen.

Am Strand verfolgte ich fasziniert eine Möwe, die sich anstrengungslos vom Aufwind hochheben und nach oben tragen ließ. Ohne einen einzigen Flügelschlag.

Genießt eine Möwe ihre Flugkunst, ihre Schwerelosigkeit?
Genießt ein Löwe seine Kraft? Ein Pfau seine Schönheit? Eine Katze ihren Gang?

Setzt Genießen Wissen voraus?
Wissen Denken?
Denken Fühlen?

Fühlen Möwen wie gut sie fliegen können?

Herrliche Dünenlandschaft.

Gewitterstege

Heide.

Gewitterstraßen

Nach 5 Stunden langsamen Trottelns den nördlichsten Punkt meines Grenzgangs erreicht: List auf Sylt.
Ein seelenloser Ort.
Jedes Haus an der Hauptstraße ein Nobelladen – oder tut zumindest so.

Manchmal verstehe ich wie Klassenhass entsteht.
(Sind Sozialschmarotzer eigentlich nicht die 10 Prozent, auf die nach oben umverteilt wird? Was sagt der Armutsbericht der Bundesregierung dazu?)

Hunger: Gosch ausprobiert. Hobo in feiner Gesellschaft.

Rotbarsch gebraten, auf Spinat, mit Krustentiersauce. 17,50 Euro.

Fisch für Sylter Verhältnisse nicht einmal überteuert. Gosch ist eine Art nobles Nordsee-Ketten-Restaurant.

Dann noch einmal eine halbe Stunde allein mit mir. Auf einer Bank im Stillen Ozean Nordsee.

Gewitterbank

Meine vierte Etappe war vorbei. Die Ost- Nordsee Etappe. 640 km gelaufen von der polnischen Grenze die Ostsee entlang bis zur Nordsee. In knapp vier Wochen.

Viel fehlt nicht mehr, dann hab ich Deutschland nicht nur gelängst, sondern auch gequert.

Bisher in 90 Tagen 2.132 km zurückgelegt.

Im Winter geht es weiter!

Pink-Tramp will nach Dresden und macht mit mir einen Umweg nach Olbernhau

Der erste frühe Blick aus dem Fenster: Die Farbe Blau dominierte!
Endlich! Die Sonne hatte das Erzgebirge erreicht!

Ich brach um Viertel vor neun auf. Ich hatte mir einen langen Marsch vorgenommen. Mindestens bis Olbernhau.

Es wurden 44 mühsame, aber wohlgelaunte Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 037

Am Stadtrand von Annaberg sah ich ein verrücktes Huhn, das versuchte, Autos anzuhalten. Mit dem Daumen der rechten Hand nach oben.
Früher hätte man das „Trampen“ genannt. Aber den Autostop gibt es ja in Zeiten der Billigflüge nicht mehr und das Wort ist gleich mit ausgestorben.

Tramp-Vamp

Die junge Dame versuchte sich also im Hitchhiking (klingt auch antiquiert).

„Pinkie“ nannte sie sich und wollte nach Dresden. Das war im Prinzip sogar meine Richtung, auch wenn ich ein paar Mäander lief. Sie fand es „cool“, dass ich eine so lange Wanderung unternahm und schloß sich mir an (nur bis Dresden!). Autos hielten ja sowieso nicht, meinte sie: So wie sie aussehe.
Wie denn?, fragte ich.
Wie ein Assi“ ihre Antwort.
Quatsch!

Für mich war sie ein Tramp. Ein Pink-Tramp

In weiter Ferne jetzt schon der Fichtelberg, den ich noch vor 2 Tagen zusammen mit Oma Gerda schnaufend überquert hatte. Gut eingeschneit.

Wie harmlos sieht er von weitem aus!

Aber Schnee, das war gestern – heute war ein Frühlingstag.

Selbst die schwarzen Erzgebirgsdörfer schmiegten sich zahm an die Hänge und strahlten Wärme ab.

Wieviel freundlicher sähe das wohl mit roten Ziegeln aus ?

Die Wäsche auf den Leinen war ein untrügliches Zeichen, dass die Eiszeit vorbei war. Die erzgebirgische Hausfrau braucht dazu nicht Schwalben, nicht Spatzen, nicht zurückkehrende Kraniche!

Wer da normalerweise in den Klamotten steckt ?

Ich lief stundenlang durch Waldwege, Lieder summend. Ich spürte meinen Rucksack nicht. Ich dachte nichts. Ich sog die Sonnenstrahlen auf.

Plötzlich stoppten mich Warnschilder im Wald: „Betreten verboten!“ „Weiterlaufen verboten!“ „Der Staatsanwalt wird dich bis nach Hause verfolgen!“ „Strafrechtlich!“

Die Bundeswehr hat hier einen Schießübungsplatz, verlegt Probeminen, schießt scharf, praktiziert Krieg. Und wie in jedem Krieg, ist es für unbeteiligte Zivilisten am gefährlichsten. Ich stolperte also nicht ins Areal.

Hindukusch im Erzgebirge

Ich musste das weitläufige Gelände vollständig umlaufen. Vier Kilometer Umweg für die Landesverteidigung (oder geht es hier um Rettung des Hindukuschs?).

Pink-Tramp erzählte mir, dass sie auf eine Party wolle. In Annaberg sei nichts los, nur in den großen Städten. Alles, was jung ist, fahre an den Wochenenden dort hin… Ich hatte das schon gehört und ließ sie reden, ohne zuzuhören. Vielleicht merkte sie das, doch es störte sie nicht, sie plapperte weiter.

Auf 800 m Höhe gab es wieder Schnee, nicht viel, aber stellenweise knietief. Pink-Tramp nervte jetzt. Sie wollte schneller vorankommen und sank doch immer wieder ein.

Wir befanden uns in einem glitzernden Hochmoor. (Die „Mothäuser Heide“ ist Heimat der Kreuzotter, die lag (Gott sei’s gedankt) noch im Winterschlaf.)

Die Wege waren tückisch. Man sank in Schnee ein und stand im Wasser!

Pink-Tramp plapperte immer noch. Diesmal vom Wegfahren. Sie hatte Freunde in Berlin, alles Punks oder so. Die würden sie auf einen Trip nach Portugal mitnehmen.
Ich fragte sie, ob ihre Eltern früher – vor dem Fall der Mauer – auch gereist seien?
Keine Ahnung„, sagte sie. „Ich bin jünger als der Mauerfall“.
Fragst du nicht, wie es war – damals?
Nee„.

Und dann kam Pinke vom Weg ab und fiel prompt in eine tiefe Pfütze.

Tramp-Nixe

Komisch, dass ich erst jetzt bemerkte, dass Pink-Tramp Flossen hatte. Oder konnte sie Füße schnell in Flossen verwandeln?

Ich steckte das frierende Etwas in den Rucksack zu meiner Rasselbande und wanderte vergnügt weiter. Bis die Dunkelheit hereinbrach.

Ankunft in Olbernhau gegen 19 Uhr. Mit Glück ein schönes Hotel gefunden.

Durst: Pils Erzgebirgs-Premium 2,60 Euro (0,4).
Olbernhauer Brauerei (120jährige Tradition).
Löschte den Durst. Es fehlte aber etwas Besonderes. (Wie im übrigen viele Biere hier im Erzgebirge zwar süffig sind, schnell aber „lebsch“ werden (=fad). So ganz haben es die Sachsen noch nicht geschafft, an die glorreiche Tradition vor dem Krieg und der DDR anzuknüpfen.)

Hunger:
Erzgebirgische Waldpilzsuppe. Sehr fein! Herber Pilzgeschmack! Gut gewürzt. (4,20 Euro.)

Danach: Forelle Müllerin. (Frisch erschlagener Fisch. Das war zu schmecken. Zubereitung: eher Standard) (12,80 Euro).

Unterkunft: 47 Euro.

Pinkie-Socke

Pink-Trmp war immer noch nass und ich hängte sie zum Trocknen neben meine Hand gewaschenen Socken.
She was not amused.