Zum Himmel über Berchtesgaden

Blau ist er nicht: der Himmel über Ramsau.

Himmelsdach

Himmelsdach

Auch nicht voller Putenengel und Bergfeen.

Kleiner als gesehen

Kleiner als gesehen

Er wirkt eher schmerzerfüllt, leidend, gequält. Nicht wirklich ein Paradies. Würde ich gerne in den Ramsauer Himmel wollen?

Größer als gedacht

Größer als gedacht

Unten auch nicht besser. Da liegt eine Leiche! Einfach so an der Straße.

Täglich laufen an ihr Dutzende Kinder vorbei. Warum werden sie nicht traumatisiert? Ist das christliche Leiden derart als Puppenspiel akzeptiert, dass der tägliche Anblick eines gefolterten Menschen nicht einmal ein kleines Kind aufregt?

Auch Knirpse durchschauen also den Theatereffekt der katholischen Inszenierungen?

Größer als winzig

Größer als winzig

Merkwürdiges Ramsau.

Schon immer hatte mich der Name des Ortes fasziniert. Der Dorfkern winzig. Aber in den Hügeln: Hunderte von Ferienhäusern im Alpenstil.
Äußerst beliebt.

Ich hatte Zeit heute. Wollte „nur“ ins nahe Berchtesgaden gehen, mit dem unbedeutenden Umweg über den Königssee. Kaum mehr als 15 Kilometer insgesamt.

GPS-189-Ramsau

GPS-Gesamtstrecke bis 189

Ein bisschen Berg.

Was rieselt ist ein Riesling?

Was rieselt ist ein Riesling?

Ansonsten langweilige Siedlungsstraßen. Fast jedes Haus bot Ferienzimmer an.

Bald war ich am Königssee. Einer der mythischen Orte in Deutschland.

Der kleine Hafen natürlich überlaufen. Lange zögerte ich, ob ich mich in eines der überfüllten Boote begeben sollte. Kälte, keine Sicht, Hunderte Chinesen und noch mehr fußlahme, aber laute deutsche Senioren sprachen dagegen.

Ich fuhr dennoch nach Sankt Bartholomä.

Der Schicksalsberg Watzmann nicht zu sehen. Nebel hing/floss ins Tal.

Entensee?

Entensee?

Mystical sea

Mystical sea

Take a photograph of me

Take a photograph of me

Purple Rain

Purple Rain

Ich betrat weder XL-Restaurant, noch Fischstube, weder Schänke noch Wallfahrtskapelle.
Ich ließ die Horden in Ruhe.

Und tuckerte mit der Masse zurück.

Crowded

Crowded

Nach Berchtesgaden nicht mehr weit zu gehen.
In der kleinen malerischen Altstadt keine Lust gehabt, Fotos zu machen. Völlig überfüllte Straßen. Trotz Regentag.
Das war nicht Bayern. Das war Disney-County.

Durst: Wieninger Bier. Fast süßlich. Schmeckte mir nicht. (Privatbrauerei. Seit 1813.)

T189-Bier01

Hunger: Im Ganzen gebratener Saibling. Ordentlich. (Zu teuer.)

T189-Essen-01-01

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück.)

In die Chlorophyllhölle Baden-Baden

straight, todo derecho, grad aus

straight, todo derecho, grad aus

Viel Abwechslung bietet der Rhein auf dieser Strecke nicht. Ab und zu ein Last- oder Container-Schiff.

Trotzdem genoss ich den Spaziergang entlang des Ufers. Ich hörte die Kähne hinter mir, wie sie sich gegen die starke Strömung an mich heranarbeiteten. Ich schlenderte mehr, als dass ich lief. Vielleicht 4 Kilometer die Stunde. Die beladenen Schiffe brauchten erstaunlich lang, um mich einzuholen. Ich schätzte, dass sie vielleicht 6 km/h schnell (oder besser langsam) waren.

Es hatte etwas Kontemplatives, Einlullendes sich dem Rhythmus des Rheins anzupassen.

Ich hatte es nicht eilig. Die 20 km bis Baden-Baden waren einfach zu gehen. Um 11 Uhr morgens war ich aufgebrochen.

GPS-156-Plittersdorf

GPS-Gesamtstrecke bis 156

Altrheinarme und Minihäfen durchbrachen bisweilen die Monotonie.

Auf Abruf

Auf Abruf

Waren keine Boote unterwegs, dann immerhin Schwäne. Der Nachwuchs wurde in Formationsschwimmen geschult.

Schwanflotte

Schwanflotte

Früher – so lernte ich von einer Schautafel – früher tummelten sich in den Auen zahlreiche Aalfischer.
Die genaue Bezeichnung: „Aalschokkerfischer“.
Schokker sind Fischereisegelschiffe.
Irgendwann sind die Aale abgewandert. 1989 gab der letzte Fischer auf und ließ sein Boot hier zurück.

Aal und Aalfischer ausgestorben

Aal und Aalfischer ausgestorben

An der Iffezheimer Schleuse bog ich ab.

Schleuse ohne Schleuser

Schleuse ohne Schleuser

Ich verließ den Rhein und die Rheinfräuleins unter den Brücken.

Blonde Frau Schau mich an

Blonde Frau Schau mich an

Noch immer durchschaue ich nicht die Codes der Graffiti.
Auch unter den Rheinbrücken wurde viel gekritzelt.
Vielleicht werden zukünftige Archäologen diese modernen Hieroglyphen entschlüsseln.
Aber wahrscheinlicher ist, dass sie gar keine Codes sind, sondern einfach nur fingerprints der jeweiligen Sprayer. Erkennungsmarken. Oder allenfalls Strichcodes, die mit einem App lesbar sind: Künstlername, Entstehung, Verfallsdatum.

Ich suchte mir in Iffezheim ein Lokal. Der Ort extrem langweilig. (Die berühmte Pferderennbahn etwas außerhalb).

Witzig aber das Pissoir.

Abfalltrennung

Abfalltrennung

Nach einem kurzen Schauer brannte jetzt am frühen Nachmittag die Sonne wieder sommerlich unerbittlich. Nur manchmal von schnell durchziehenden Wolken verdeckt.

Der Schwarzwald am Dunsthorizont.

In the heat of the day

In the heat of the day

Die Rheintalorte, die ich durchlief, funktional, sauber, aufgeräumt, ohne Charme.

Kein Vergleich mit Baden-Baden, das ich gegen 16 Uhr erreichte. Das Kurstädtchen in einem Seitental der Oos liegt atemberaubend schön in einem grünen Meer. Man atmet Chlorophyll und nicht Sauerstoff.

Chlorophyllhölle

Chlorophyllhölle

Über 10 Jahre habe ich einst hier gelebt und gearbeitet.
Ich hielt mich nicht lange in den Straßen auf, ich besuchte Freunde.

Flair

Flair

Pause in Flensburg

Namenlose Möwe

Trotz Sündenregister und Punktedatei: Flensburg ist ein schönes Städtchen. Es könnte allerdings noch interessanter sein. Überall ist große Vergangenheit zu riechen. Herrliche Fassaden, Privathäuser aus dem 14. (!!) Jahrhundert, bezaubernde Innenhöfe.

Und doch hat der Kommerz gesiegt. die historische Altstadt eine einzige Einkaufsmeile. Fast überall habe ich das Gefühl in einer großen Open-Air-Mall zu sitzen. Respekt vor Geschichte sieht anders aus.

Einzige Ausnahme: das Hafengebiet. Hier gibt es noch Inseln der Urwüchsigkeit.

Hunger:
Grillhaxe mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. 14,90 Euro.
Ich wurde satt. Gut war die Haxe aber nicht. Viel zu trocken. (Bayern können das besser.)

Durst:
Hansen Bier. (0,4 l) 3,70 Euro. Naturtrüb, würzig. Überraschend schmackhaft. Brauhaus wurde erst 1990 in Flensburg gegründet.

Flensburger Pils: (0,5 l) 4 Euro. Durchschnittspils. (Brauerei seit 1888.)

Dazu einen Flensburger Rum („1878“). Sehr scharf, mit einer leicht süßlichen Note. Nicht wirklich eine Entdeckung.

(Flensburg hat eine über 200 Jahre alte Rum-Tradition. Sind allerdings Verschnitte.)

Auf zum Aal Essen in Kappeln!

Ich hasse Maiskörner im Gemischten Salat.
Diese Mode kam irgendwann in den 70er Jahren auf. Dosen-Mais-Körner. Wie grauenhaft.
Sollte damals wohl so etwas wie Moderne, Internationalisierung, Globalisierung signalisieren.

Diese (ich dachte längst ausgestorbene) Marotte hat sich hier im hohen Norden erhalten.
Immer wieder wird mir in „gutbürgerlichen“ Lokalen solcher Unsinn serviert.

Mittlerweile wächst auch in Deutschland Mais nicht mehr aus Dosen sondern in Feldern.
Massenhaft.

Maispreis = Spritpreis

Der Mais landet aber nicht auf dem Teller, sondern in Biogas-Anlagen und im Benzintank.
Vielleicht doch pervers: Lebensmittel, mit dem wir Auto fahren.

Endlos die Maisfelder, an denen ich vorbei wanderte.

Um 9 Uhr hatte ich wieder den ersten Schritt getan. Mein Ziel: Kappeln. 34 km weit weg.

GPS-Gesamtstrecke bis 085

Ich liebe alte Häuser. Fassaden, die ihre Geschichte erzählen.
Ob hier schon die Ur-Ur-Ur-Ur-Großeltern der Eigentümer gewohnt haben?
Erbaut 1799! Vor 213 Jahren! Allen Stürmen getrotzt!

1799

Das Gehen fiel mir heute leicht. Eher grauer Tag. Eher kühl.

Stets ein bauliches Kleinod am Wegrand: Gut Ludwigsburg.

Nordischer Schick

Ende des 14. Jahrhunderts eine Ritterburg. Dann Sitz von Baronen, heute ein Landwirtschaftliches Gut mit Hofladen und Café.

Landschaftlich wenig Abwechslung. Maisfelder, Rübenfelder, zackernde Bauern, kleine Dörfer.

Leicht wellig die Gegend. Mir fiel auf, dass – wie bereits lange auf meiner Wanderung -, nicht mehr Kirchturmspitzen Dörfer ankündigten, sondern Windräder. Nicht unbedingt schön. Bedenkt das eigentlich ein Gemeinderat?

Gegen 18 Uhr in Kappeln angekommen. Überaus reizvolle Lage an der Schlei. Schade, dass das Wetter immer mieser wurde.

Das Tor weit offen

Hunger:
Am Hafen war ein originelles Fischrestaurant.
Es gab keine Speisekarte. Der Koch präsentiert in einer Auslage die frischen Fische und erklärt, auf welche Weise er sie zubereiten könnte.

Ich wählte Aal. Hatte ich noch nie gegessen.
Der Koch meinte, die beste Zubereitung sei einfach „braten“.
Er hatte recht.

Die Haut kross gebraten, das Fleisch sehr zart. (Wenn auch – wie befürchtet – aaltypisch ein wenig fett.)
Fein gewürzt. Sehr gut. Ein ganzer Aal fast zuviel für eine Person.

Zusammen mit einem exzellenten Salat 23 Euro.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Ein Tag zum Verlieben schön, der erst in Eckernförde dämmert

Wie wenig es braucht, um den Tag zu beschwingen.

Um 9 Uhr vom Hotel losgezogen, Stadt auswärts, schon halb draußen ein wunderschönes kleines Café gerochen. Dem Duft gefolgt und ein Italien-Juwel entdeckt.
Sophia Loren Bilder, Mastroianni Fotos, Fernandel Porträts. Und die beste Tasse Kaffee Kiels.

(Warum finde ich solche Pretiosen immer erst beim Verlassen einer Stadt?!)

Und dann diese thüringische Bedienung.

Morgenstund mit Lächeln

Ein Lächeln, ein kurzes Gespräch: Der ganze beschwerliche Tag wurde mir leicht.
Die folgenden Stunden spürte ich kein Gewicht auf meinem Buckel, der (sonst so schwer drückende) Rucksack lastete über Kilometer nicht.
(Ein Phänomen, das mich immer wieder irritiert. In der Millisekunde des Glücks gibt es keine Körperlichkeit. Und lange danach auch nicht. Die Einbildung schafft sich eine eigene Welt. Der Schein bestimmt das (Schwer/Leicht) Sein.)

Und es wurde erneut ein langer Tag. 35 km bis Eckernförde.

GPS-Gesamtstrecke bis 084

Navi, Google-Map (und weiß nicht welche Quellen ich noch konsultierte) sagten mir, es gäbe nur eine Möglichkeit, nach Norden zu Fuß zu gehen, indem ich den Eider-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) überquerte. Das schien mir komisch, denn ich musste mich weit von der Küste weg bewegen. Doch ich wurde entschädigt.

Kanal Voll

Das hatte ich bisher nur bei einer Elbbrücke in Tschechien gesehen: Schlösser am Brückenzaun. Treueschwüre für den Geliebten, Glücksversprechen für die Angehimmelte, eine Geste am Valetinstag.

love and chain

Obwohl ich wußte, wieviel Strecke noch vor mir lag, hielt ich mich eine geraume Zeit auf der Brücke auf. Meiner Kameralinse präsentierten sich so viele Motive auf kleinstem Raum wie selten zuvor.

Alte Stahlkonstruktionen sind unschlagbar schön.

Vielleicht hätte ich die Schärfe doch auf die endenden Linien legen sollen und nicht auf die Schrift.

Noch Stunden hätte ich mich austoben können, doch ich mußte weiter. Eine Straßenunterführung – und dann wieder freien Blick.

Ich bin eine Kanalratte

Noch immer wogen die 16 Kilogramm meines Rucksack nichts. Ich fühlte nicht einmal die Tragriemen.
Ich fragte mich, wie das sein konnte.
Noch kurz nach dem Aufstehen hatte ich mich unter höllischen Schmerzen bewegt. Meine Füße brannten, die Schuhe anzuziehen war ein Qual, die Blasen am (rechten) kleinen Zeh und an der (linken) Ferse machten es zur Tortur, selbst Strümpfe überzuziehen.
Ich weiß, um Schmerzen zu überwinden, muss man gegen den Schmerz anlaufen. Irgendwann vergisst der Körper, dass da etwas weh tat (tut).
Doch der Körper vergisst nichts – es ist der Kopf, der vergisst.

Ich kam immer tiefer ins Philosophieren, nahm die schöne Holsteinische Landschaft um mich herum kaum wahr. Es war Nachmittag geworden und ich bewegte mich bei Noer entlang der Eckernförder Bucht.

Die Förde fest im Blick

Wie ein bloßes Glücksgefühl bewirkt, dass körperliche Strapazen nicht wahr genommen werden, noch immer war ich beim Thema.
Ich verstieg mich in den Gedanken, dass der Körper im schlechtesten Fall nur ein Störenfried für das Empfinden ist (dann, wenn die Knochen sich doch mit ihren Schmerzen zurückmelden und das Empfinden „erden“). Im besten Fall aber benutzt das Glücksgefühl den Körper wie ein Werkzeug zur Steigerung seiner selbst. Es geht immer weiter nach oben.
Das Glück himmelt gerne.
(Was für ein schönes Wort: „himmeln“. Gibt es das schon? Muss ich die Duden-Redaktion verständigen?)

Meerwiesen

Ich hatte Durst und Gottseidank lag zur richtigen Zeit eine Gaststätte am Wegrand.
„Der grüne Förster“.

Ein Prosit der Jagd!

Die Einrichtung grün, das Bier hell und natürlich fehlte nicht die Bestie überm Türrahmen.

Holsteinischer Wolpertinger

Ich wollte von der Bedienung wissen, ob das Viech denn auch einen Namen habe, hier hoch im Norden Deutschlands. Sie wusste nicht recht, was ich meinte.
Ich bohrte nach, ob diese Mini-Monster hier oben denn auch wie im Bayerischen „Wolpertinger“ genannt würden.
Sie wusste es nicht.

Mich würde überhaupt einmal interessieren, aus welchen Elementen ein Tierausstopfer so ein Ungetüm herstellt: Dachskopf? Katzenkörper? Fuchsschwanz?
Ich muss das mal recherchieren.

Langsam ließ mein Endorphinausstoß nach und mein Körper meldete sich zurück. Ich quälte mich die letzte Stunde bis Eckernförde. Die ersten Werftanlagen waren bereits zu sehen.

Denkmalwürdige Industrieanlage

So ziemlich genau mit Sonnenuntergang, Viertel nach sieben, lief ich über die Brücke des alten Hafens.

VielfarbenHafen

Was für ein Farben-Kaleidoskop boten die sich spiegelnden Kutter und Boote:

Hundert Wasser Hundert Farben

Mehr Glückslinien als auf einer Hand

Die Glückshormome hatten wieder zu tun.

Ich fand ein ausgesprochen nettes und bezahlbares Hotel am Hafen.

Hunger: Butt gebraten. (Sehr gut, zartes Fleisch, noch leicht glasig. Gut gewürzt.) / Dazu Salzkartoffeln und ein sehr großer gemischter Salat. Später noch ein Apfelstrudel mit Walnusseis. Alles zusammen 15,90 Euro.

Durst: Kakabellenbier. Eine Eckernförder Spezialität. Eine Art Zwickel. Naturtrüb. Guter Geschmack, der aber schnell nachläßt. Herrliche Flasche!

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Der kleine Franz findet alles „Toll“ wahlweise auch „Uiuiuiuiui“ bis Barth

Um 9 Uhr aufgebrochen.
Stralsund noch einmal durchquert. Ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Der Stadt-Hafen noch nicht durchgestylt, schöne Blicke, normales Leben.
Die historische Altstadt wie auf einer kleinen Insel gelegen.
Wie hätten die Romantiker und Schwärmer einst gesagt: „allerliebst“.

Dazu einige teils naturbelassene Teiche noch in der Kernstadt.
Schön.

Stadt Land Teich

Die heutige Tour sollte mich bis Barth führen. 30 km etwa. Absichtlich lief ich durch das Hinterland der Küste. Ich suchte etwas Abwechslung. (Zumindest optisch.)

GPS-Gesamtstrecke bis 072

Stoppelfelder kündeten den Herbst an. Es roch strohig, leicht modrig.

Wohin rollen diese Strohwalzen?

Die Dörfer still, halb verlassen, nur (manchmal etwas eigenartige) Alte.

Blick ins Schwarze Loch

Es war Samstag, da zieht ein geborener Ossi den Blaumann an, schneidet den Rasen, pinselt oder putzt den Zaun oder säubert die Dachrinnen.

Blaumann

Schon lange will ich einmal nachfragen, warum fast alle, die vor dem Haus arbeiten, einen Blaumann tragen? Woher kommt diese Tradition?

Und warum sehen hier so viele Vorgärten aus wie eine Disney-Film-Kulisse?

Bambis Familie

Die erhoffte optische Abwechslung blieb aus. Stundenlanges Gehen in immer braun-grüner Landschaft. Maisfelder, Stoppelfelder, frisch gesäte Äcker.

Ab und zu mal ein übergroßer Pilz.

Doppeldecker

In einem quietsche etwas. Als ich näher kam, entdeckte ich Franz. Im Zentrum des Pilzes hatte sich Regenwasser gesammelt wie ein kleines Pfützchen und Franz planschte hörbar vergnügt.

Am PilzPool

Franz behauptete er sei der kleine Bruder der großen Schwimmerin Von Almsick und er bereite sich auf die nächsten Olympischen Spiele vor. „Super“ sei das. Und er werde bestimmt Gold holen, was seine Schwester ja leider nie geschafft hätte.
Ich packte ihn ein. „Toll“, „Toll“ – hörte ich ihn in meinem Rucksack quietschen.

Im nächsten Dorf überraschend ein kleines Bio-Café.
Den Beeren-Quark-Kuchen mit einem großen hungrigen Schluck verspeist. Samt Sahne.

KaffeePause

Ich wanderte weiter durch reichlich uninteressantes Gelände.
Nach einer Weile wurde mir das Gequietsche in meinem Rucksack zuviel. Ich ließ Franz noch einmal ‚raus, um sich in einer Schlammpfütze zu verlustigen.

Pool aus Schlammloch

„Uiuiuiuiui”, “Das freut mich jetzt total“. „Waaaahnsinnig toll geschwommen“.
(Irgendwie hatte ich dieses penetrante Gequassele in hoher Stimmlage schon einmal gehört. Kam das nicht von der ARD Kommentatorin Von Almsick bei den Londoner Olympischen Spielen?
Anscheinend ist der Wortschatz der Familie Almsick ziemlich begrenzt.)
„Uiuiuiuiui.”

Gegen 17:30 Barth erreicht. Ziemlich abgekämpft.

Zimmer mit Ausblick

Hunger: Gebratener Dorsch mit Bratkartoffeln und Schrimps. (12,90 Euro.)
Fisch war frisch und einfach, aber ehrlich zubereitet. Ok.

Durst: Lübzer Pils. Mecklenburgische Regionalbrauerei. 1977 gegründet.
Ein schmackhaftes Bier, wenn auch der Geschmack sehr schnell nachlässt. (Ein Weinkritiker würde sagen: Kein langer Abgang). 3,20 Euro (0,4 l).

Bierpool

Eh ich mich versah, war Franz vom Glasrand in den BierPool gesprungen: „Toll“, „Super“ hörte ich ihn tauchend blubbern.

Unterkunft mit Sicht auf den Hafen. „Uiuiuiuiui.”
Teuer.

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!

Butje spielt Pirat und macht Faxen bis nach Glowe

Frohgemut (wie alt klingt das Wort) aufgestanden. Mit Vorfreude auf die heutige Wanderung zu den berühmten Kreidefelsen Rügens.

Um 9 Uhr brannte mir bereits die Sonne in den Rücken und trieb mich zum schnelleren Gehen an. Gut 26 km sollte ich heute laufen. An der Steilküste entlang bis zum Dörfchen Glowe.

GPS-Gesamtstrecke bis 069

Kieselsteinstrand (wie schön klingt die Alliteration).

Die ersten weißen Kalkfelsen ließen mich anstandslos passieren, ohne mit Geröll nach mir zu werfen.
(Jede Menge Hinweisschilder warnten vor der Gefahr des Hangabbruchs und Steinschlags.)

Kieselsteinbucht

Ein aus der Zeit gefallener Typ machte mit einer Art lautem Kichern auf sich aufmerksam und strampelte dazu mit den Füßen, als wollte er Wind machen.

Butje tickt nur kopfüber richtig

Butje nannte er sich. Er spielte Pirat. Ich fragte ihn, warum er denn einen Flaschenöffner im Kopf habe.

Einen „Saufunfall“ gab er als Begründung an.

Eigentlich sei er Schauspieler. Mitglied des Störtebeker Ensembles, das auf Rügen den ganzen Sommer Piratengeschichten aufführte.

Bei einem Thekenstreit habe ihm ein Kollege den Flaschenöffner in den Kopf gerammt (nachdem er ihm einen Bierkrug über den Schädel gezogen hatte). Jetzt trage er eben das Ding mit sich herum und sei – bekannte er freibeuterisch – auch ein bisschen plemplem.

(Die Störtebeker Festspiele sind für den Norden so etwas ähnliches wie die Karl May Festspiele. Störtebeker war ein berühmter Pirat.)

Butje mag’s nicht wirklich aufrecht

Gleich drauf buddelte Butje einen Feuerstein aus. Mit Loch wurden sie hier oben „Hühnergötter“ genannt. Und Butje lebte vom Verkauf der Glücksbringer an ältere pensionierte esoterisch angehauchte ewig-verwitwete Lehrerinnen.

Butje sagte, dass es gar nicht ungefährlich sei, am Strand nach Steinen zu graben. Viele suchten etwa nach Bernstein. Der war aber leicht mit Resten von Phosphorbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu verwechseln, die immer wieder an die Küste angeschwemmt würden. Erstmal getrocknet entzündeten sich die Phosphorstückchen (etwa in der Hosentasche) von selbst. Jedes Jahr zögen sich Touristen schwere Verbrennungen zu.

Seltsam, bald 70 Jahre nach Ende der Krieges, ist der Krieg immer noch anwesend.

Mittlerweile hatte ich den Strandweg verlassen und war auf dem Höhenwanderweg angelangt.

Buchenwald mit Ausblick

Die Strecke war einigermaßen beschwerlich. Ein ständiges Auf und Ab, manchmal über langgezogene Holztreppen.

Butje interessierte sich nicht für die Caspar David Friedrich Motive. Da ich seinen ständigen Plappereien keinerlei Beachtung schenkte, unterhielt er sich eben selbst mit seinem albernen Kichern.

Butje tanzt an einem Treppenpfosten

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Ständig eine andere grandiose Sicht.

Caspar David hätte Stunden hier verbracht

Ich musste aufpassen, dass mir die Kamera nicht ans Auge anwuchs, zu überwältigend waren die Ausblicke im Minutentakt.

Mit jedem Schritt wird die Kreideküste noch schöner

Ich kann mich nicht erinnern, auf all meinen Reisen durch die Welt, jemals eine schönere Küste gesehen zu haben.

Verweile doch, der Anblick ist so schön

Caspar David hat mit seinem Pinsel übers Foto gestrichen

Am frühen Nachmittag hatte das Wunder schließlich ein Ende.

Weiß, das blendet

Von nun an ging‘s bergab. Runter in die Touristenwirklichkeit Rügens.
Es fiel mir schwer, in dieser für den Touristen konfektionierten Ferienlandschaft etwas (Ein)Heimisches zu entdecken.

Glowe, ein Dörfchen, in dem vermutlich nicht ein einziges Haus keine Feriengäste beherbergt.

Das Übliche: Strand.
(Ein Hefeweizen kostete in einem Küstenlokal 4,50 Euro!!!!)

Strandleben

Ein bisschen Hafen.

Hafenleben

Dorfleben, das keines ist: Auch diese alten Reethäuser sind zu mieten.

Dorfleben

Überhöhte Zimmerpreise und – leider – diesmal ziemlich schlechtes Essen.

Gegen vier Uhr hatte ich endlich ein Bett in einer Pension gefunden.

Hunger: Dorschfilet gebraten mit hausgemachter Remoulade und Bratkartoffeln. 12,90 Euro.

Schmeckte wie zu groß geratene Iglu-Stäbchen. Nämlich nach nichts.

Butje gab mir dafür den Ratschlag, das Ganze mit zwei ausgepressten Zitronen zu würzen. Dann würde das wenigstens ein wenig nach Limonade munden. Witzbold! (Fast hätte ich ihm noch ‚was in den Schädel gerammt!)

Unterkunft: Total überteuert.
Aber meine kleinen Begleiter schliefen gut. (Wenn auch Knut immer noch schnarchte. Wachte der denn nie mehr aus seinem Rausch auf?)

Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge

Schmierbauch Knut verweigert mir das Gespräch und schnarcht sich durch bis Peenemünde

Schon früh am Morgen war die Spätsommersonne erstaunlich kraftvoll. Die Planken der Zinnowitzer Seebrücke bereits gut aufgeheizt.

Prächtige Bäderarchitektur

Mir brannten noch die Oberschenkel von der gestrigen Wanderung. Ich konnte es heute langsam angehen lassen.

Aufbruch 9 Uhr 30, Ziel: Peenemünde am äußersten Westzipfel Usedoms. Kaum 15 km Weg, überwiegend am Strand entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 066

Die Badestrände nicht mehr so überfüllt. Diese Ecke der Insel nicht so überlaufen. Dennoch, allein mit mir war ich selten.

Famiienurlaub

Die Ostsee erstaunlich flach, die Badenden standen manchmal noch hundert Meter vom Ufer entfernt kaum knöcheltief im Wasser.

Flachgewässer

Knut hatte sich in seine selbstgebaute Sandburg gelegt und ließ sich den Bierbauch rot braten. Er roch nach Bier, schnarchte. Und schlief noch, als ich ihn einpackte und einfach mitnahm. Ich weiß selbst nicht warum, vielleicht hatte ich Lust zu reden. Je mehr Menschen unterwegs waren, umso schwerer fiel es mir, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

Prachtvoller Wanst

Gegen Mittag wurde mir die Hitze zuviel und ich suchte Schatten im Wald.

Flucht in den Schatten

Vorbei an einer kleiner Ferienhaussiedlung in Karlshagen im traditionellen Stil. Reetgedeckte Dächer.

Reetidyll

Reetidyll dicht an dicht

Auf dem Weg nach Peenemünde alle 100 Meter ein Warnschild: „Munitionsbelastetes Gebiet. Lebensgefahr“.

Nicht Ost-Zone, sondern Sperr-Zone

Ich fragte Knut, ob er wisse, welche Munition da herumlag und von wem die tödliche Hinterlassenschaft stammte?
Seine Antwort: schnarchen. Er schlief weiter seinen Rausch aus.

Offenbar war das Gelände von den Briten 1943 großflächig mit einem Bombenteppich ausgelegt worden (wie niedlich das klingt, muss mal bei OBI nachfragen, ob es dort auch Bombenteppiche im Angebot gibt).

Die Angriffe galten den Peenemünder Raketenforschern und Bombenbauern. Unter dem Waldboden soll es noch von Phosphorgranaten wimmeln.

Peenemünde selbst ist nur eine Ansammlung weniger schmuckloser Häuser samt einem kleineren Hafen. Dominiert von einem alten Sowjet-U-Boot, das hier wie ein gestrandeter Wal auf die Ausschlachtung wartet.

Russische Hinterlassenschaft

Die Russen sind mittlerweile weg. Die Bildzeitung hat sie 1989 vertrieben!

BRD Hinterlassenschaft

BILD als „täglicher Bedarf“? Hat es dafür die Wende gebraucht?

Am Hafen ein paar Souvenirshops und mittenmang immer wieder Broschüren über „Wernher von Braun“. Es überraschte mich doch, dass er immer noch als „Vater der modernen Raumfahrt“ gilt. Selbst hier in Peenemünde, wo die Einwohner es besser wissen müssten.

Immer noch Held und nicht Teufel

Wernher von Braun war ein Mann, der die Bombe liebte.

Er leitete hier die Heeresversuchsanstalt. Er war ein Pionier der Raketentechnik und stellte sein Können in den Dienst der Nazis. Er ließ von tausenden KZ-Arbeitern die ersten Cruise Missiles der Geschichte herstellen. Dann auch noch die V2 Rakete. London und Antwerpen wurden von den „German Wunderwaffen“ teilweise in Schutt und Asche gebombt.

In Peenemünde erinnert nicht viel an die Untaten des deutschen Jekyll und Hyde.
Am Ortseingang ein zerfallenes Gebäude, in dem Braun einst flüssigen Sauerstoff für seine Raketen fertigen ließ. Hunderte vo Zwangsarbeiter wurden bei der teilweise in unterirdische Stollen verlegten Rüstungsproduktion zu Tode gequält.

Gewünschter Zerfall

Eigentlich skandalös, dass in Peenemünde nicht großflächig eine Mahnstätte eingerichtet wird. Stattdessen ein paar „verdruckste“ Erinnerungsstücke auf dem Gelände des technischen Museums.

Die V2-Rakete ragt in den Himmel als pure Touristenattraktion.

Vorläufer der Mondrakete und Englandbomber

Solche Raketen wurden am Ende des Krieges auf England abgeschossen.

Todesengel

Laut Hinweisschild ist diese leichtbekleidete Dame Teil der Originalbemalung der Rakete.
Wurde der orangene Engel ebenfalls auf London losgeschossen?
Perfide, perfide.

Fliegende Bombe

Höllenhund nannten die Nazis diesen ersten Marshflugkörper der Geschichte. Ein weiteres „Kunststück“ aus der Hand Wernher von Brauns.

Ich hatte dringenden Gesprächsbedarf, aber Knut hatte es sich auf der Abschußrampe der V1 bequem gemacht und sonnte sich immer noch laut schnarchend.

Bombenbauch

Ihn interessierten diese „ollen Kamellen“ einfach nicht. Ich war wütend. Beinahe hätte ich die Rampe aktiviert und Knut in den Orcus befördert. Aber nicht einmal in der Hölle wäre er aufgewacht.

Als ich 13 Jahre alt war, noch im gleichen Monat der ersten Mondlandung, schrieb ich einen Autogrammwunsch an die amerikanische Weltraumbehörde NASA. Ich wollte unbedingt die Unterschrift eines gewissen Wernher von Braun. Er wurde damals verehrt als Begründer der bemannten Raumfahrt. Er hatte für die Amis die Saturn-Rakete entwickelt.

Nazi geht zur NASA

12 Monate später hatte ich das Autogramm

Erst Jahre später wurde mir klar, dass ich einen Massenmörder um ein Autogramm gebeten hatte.
Von Braun war der typische opportunistische „deutsche Wissenschaftler“, der den Bund mit dem Teufel eingegangen war und selbst zum Teufel mutierte. Erst im Dienst für die Nazis, dann im Dienst für die USA.

Peenemünde ein Ort zum Gruseln.

Hunger: Flunderfilet Finkenwerder Art. 11,50 Euro.

Ich hätte den Rat Heraklits befolgen sollen: Verspeiß nicht zweimal das gleiche Essen.
Wie grauenhaft die Panade (feucht und penetrant), triefend die Speckstippen, ersoffen die Bratkartoffeln.
Welch ein Unterschied zur gestrigen Scholle auf Finkenwerder Art. Der Koch gehört entlassen!

Unterkunft zudem total überteuert.
O Peenemünde!