Durch den Seniorensommer nach Bad Säckingen

Weil am Rhein ist eine eigenartig unwirtliche Stadt. Das Zentrum wie ein lang gezogenes Straßendorf mit Einkaufszentren.
Die Restaurant-Dichte ist erstaunlich, aber es gibt fast ausschließlich Imbiss-Fast-Food. Türkisch, Chinesisch, Italienisch (alles zum Mitnehmen). Dazu eine Auswahl an 1 Euro Läden.

Viele Migrationshintergrund-Gesichter in den Straßen.
Viele Arbeiter-Gesichter. Gesichter, die andeuten, dass die Menschen nur kurz hierher kommen wollten und dann doch geblieben sind. Seit Jahrzehnten schon.
Sie haben Weil zur Grenzstadt gemacht. Unfreiwillig Deutschgewordene. Bald wohl die einzigen Sprecher des lokalen Dialektes. Herrlich ihr Badisch! Sie beherrschen selbst den kehligen Krachlaut der Schweizer.

Vom Zentrum Weils zur eidgenössischen Grenze ist es ein Katzensprung.

Seit die Schweizer ebenfalls Schengener geworden sind, gehören auch Zollhäuser zu den Immobilienleerständen.

Nutzlos

Nutzlos

Um 8 Uhr den Rucksack geschultert. 33 km lang war die Tagesetappe. Das Ziel: Bad Säckingen.

GPS-167-Weil

GPS-Gesamtstrecke bis 167

Der Grenzverlauf in der Weiler Gegend ist reichlich zickzackig.

Schon bald verließ ich wieder die Schweiz. Das letzte Haus vor der Grenze in Riehen: ein Museum, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte.
Eigentlich eine Gedenkstätte. Für Juden, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und von dort wieder nach Hitler-Deutschland zurückgeschickt worden waren.

Sehr spät bekennt sich die Schweiz zu ihrer Schuld am Tod von jüdischen Bürgern.

Sinnvoll

Sinnvoll

Das Museum hatte so früh am Morgen noch nicht geöffnet. Schade. Ich zog weiter Richtung Rhein.

Die Landschaft wurde hügelig. Basel und Weil verschmolzen aus der Ferne zu einer Stadt.

Nah und Fern

Nah und Fern

Obwohl nur 500 m hoch, fühlte ich mich manchmal wie auf Almen.

Der Berg ruft

Der Berg ruft

Der Schwarzwald ächzte unter der Last der Gewitterwolken.

Schwarzer Wald

Schwarzer Wald

Wieder im Tal, machte ich eine kurze Pause im Garten des Beuggener Wasser-Schlosses.

Sinksicher

Unsinkbar

Im Dorf Schilder vor Bäckerläden, die ich nicht verstand.
Was um Himmelswillen sind Waie? Oder Ziebele?

Ist das Alemannisch?

Ich versteh kein Ausländisch

Ich versteh kein Ausländisch

Auf dem Weg zum Rhein ein außergewöhnliches Kriegsdenkmal.
Aus dem Jahr 1815!

Martialisch

Martialisch

„Hier ruhen 3000 tapfere österreichische Krieger der Schwarzenbergischen Armee, zusammen mit Bayern, Sachsen, Preussen, Württembergern. Welche nach ruhmvollen Kämpfen in den Befreiungskriegen 1813-1815 im K.K. Feldspital Beuggen an ihren Wunden und am Nervenfieber den Heldentod starben.
Wer so wie wir den grossen Schwur gelöst! Wer so für Gott und Vaterland gefallen, der lebt im Herzen seines Volkes fort.“

Grenzgebiet! Und die Narben werden sichtbar! Auch hier an der Grenze mit der Schweiz.

Der Rhein trennt (und vereint) beide Nationen.

Uferbebauung

Uferbebauung

Endlich hatte ich wieder den Grenzfluss erreicht.
Ein Süßwasserkapitän steuerte sein Ausflugsboot genau auf der Grenzlinie.

Grenzdampfer

Grenzdampfer

Bis hierhin war der Rhein beidseitig dicht bebaut. Hinter Rheinfelden dann immer wieder kurze Naturufer-Einsprengsel.

Klein der Weg, groß der Fluss

Klein der Weg, groß der Fluss

Der Fluss wurde richtig schön.
Schwäne haben ihn kolonialisiert und Mensch und Schiff vertrieben.

Schwanengesang 1

Schwanengesang 1

Schwanengesang 2

Schwanengesang 2

Schwanengesang 4

Schwanengesang 3

Schwanengesang 4

Schwanengesang 4

Abgekämpft und reichlich durstig erreichte ich um halb sieben Bad Säckingen.

Die längste überdachte Holzbrücke Europas überspannt den Rhein nach Stein in der Schweiz.

bridge over water

bridge over water

Über die Brücke kamen auch diese wilden Kerle und machten mir gleich Probleme.
Gerade hatte ich dieses Foto geschossen, kam ihr Anführer auf mich zu und belehrte mich über das Presserecht. Kein Foto ohne Einwilligung!
Aber er ließ mir einen Ausweg: Mit einem „kleinen“ Beitrag könnte ich das Copyright am Foto erwerben.

I'm a hobo

I’m a hobo

Ich kaufte mich mit einer Spende und später mit einer Runde Bier frei und die Gesellen ließen mich noch zwei weitere Schnappschüsse machen.

Me hobo too

Me hobo too

Mindestens – so erklärten mit die jungen Dachdecker – drei Jahre und 1 Tag müsse man auf die Walz. Wenigstens einen Tag länger als die Ausbildung dauere. Das sei Tradition.

  • Auch Frauen zögen immer häufiger mit. Unterwegs hätten sie Schäferinnen, Kirchenmalerinnen, Steinmetze getroffen.
  • Die meisten seien mittlerweile weltweit auf der Walz. Ein Flugticket lasse man sich vom Arbeitgeber statt Lohn bezahlen.
  • Geschlafen hätten sie letzte Nacht im Eingang eines Supermarktes. Nicht immer finde man Meister oder Menschen, die einem Unterschlupf böten. Geld hätten sie eigentlich nie.
  • Dass Dachdecker und andere Berufsgruppen auf die Walz gingen, hinge damit zusammen, dass früher die Meister nicht genügend Arbeit für ihre Lehrlinge hatten und diese daraufhin in der Region herumschickten. Daraus sei diese Wanderbewegung entstanden.

Während wir uns unterhielten, kritzelten einige etwas in sehr dicke Tagebücher.
Wanderbuch“ stand auf den Klappen. Ich fragte, ob ich mir eines einmal anschauen könnte. Sie waren entsetzt. Das ist das Heiligste was sie hatten und das Intimste.
In den Wanderbüchern führen sie die Zeugnisse, Empfehlungen, Widmungen ihrer vielen Arbeitgeber mit. Auf den Buchseiten verewigen sie aber auch ihre Liebschaften, ihren Kummer und ihre Dummheiten.

Als ich mich von der Gruppe verabschiedete, bekam ich gerade noch mit, wie zwei miteinander ernsthaft verhandelten und dann etwas tauschten: eine fast leere Zahnpastatube gegen einen großen Wamsknopf.

Über das Gespräch mit den bunten Vögeln hatte ich fast vergessen, mir eine Unterkunft zu besorgen. Als ich von Hotel zu Hotel zog, wurde mir klar, dass diese Stadt völlig überbucht war.
Mit viel Glück fand ich doch noch ein freies Zimmer. Ich fragte den Portier was denn heute los sei?
„Wieso heute?“ antwortete er. Die Schul-Ferien seien zwar vorbei, aber jetzt habe eine andere Saison begonnen: der Seniorensommer!

Durst. Eines meiner Lieblingsbiere: Tannenzäpfle der Rothausbrauerei Freiburg. Nur Klasse!

T168-Bier-01

Hunger: Gebratene Forelle mit Couscous- und Kartoffelsalat. 12 Euro. Naja!

T168-Essen-01

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).

Mönch Augustus badet in Bier und geht nur widerwillig mit nach Schönsee

Ein Turm so hoch wie ein Drachenhals

Nebel und Nieselregen nach dem ersten Rausgehen um halb 9. Das Wetter wie gemalt für ein echtes Drachenabenteuer. „Drachenturm“ heißt der Mittelpunkt des Örtchens Treffelstein in der Oberpfalz. Nur, ich fand dort kein schnaufendes Ungetüm vor, sondern einen vor Kälte zitternden, halb nackten Mönch. (Auch wenn „Augustus“ wie ein Engel aussah: In seinem irdischen Leben war er ein fetter prassender Betbruder gewesen.)

Auch aus Mönchen werden Engerl

Ich wärmte ihn in der Tasche meiner Regenjacke und stiefelte los. Ab nach Schönsee, immer dicht an der tschechischen Grenze entlang. Am Ende wurden es wieder einmal rund 29 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 023

Nach ein paar Stunden erreichte ich Schwarzach. Direkt an der tschechischen Grenze. Schöne bäuerliche Kulturlandschaft mit einem Hauch von Frühling.

Wolkenspiel über Scholle

Im verschlafenen Grenzstädtchen: ein Kaufhaus, wie aus der Zeit gefallen. Stammt wohl noch aus der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders und wurde baulich nie verändert.

Diese Fassade erzählt Wirtschaftsgeschichte

Die Tür war zu. Aber wenigstens eine Telefonnummer war angegeben.

Wie praktisch, dass Frau Vogl so nah wohnt.

Frau Vogl kam auch gleich und führte mich in ihr Zauberland. Drinnen im Kaufladen: unfassbar schöne Stoffe in allen Größen. Alles aufwändigste filigrane Klöppelarbeiten. Leider ließ die Hausherrin mich nicht fotografieren, gestattete mir jedoch, die Schaufenster abzulichten.

Wochen dauert es so ein kleines Kunstwerk herzustellen

Puppenstube mit Spindel und Klöppelzeug

Frau Vogl war eine freundliche ältere Dame, die schnell auf ihr Lebensthema kam: die Vertreibung. Sie erklärte mir, dass ich mich gerade in Bayerisch Schwarzach befände. Auf der anderen Seite gab es einmal das sudetendeutsche Pendant: Böhmisch Schwarzach. Die Tschechen hätten das Dorf  nach dem Krieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen platt gemacht. Wie so viele grenznahe Weiler. Sogar ein kleines Schlösschen hätten sie niedergewalzt, um alle Spuren einer ehemals deutschen Besiedlung zu beseitigen. Die geflohenen Sudeten hatten nicht viel mehr als ihr Kunsthandwerk mit auf die bayerische Seite gebracht. Hier hätten früher nur wenige Frauen geklöppelt. In den 50er und 60er Jahren habe es dann aber sogar mehrere Klöppelschulen gegeben. Mit dem Wirtschaftswunder habe sich dann alles wieder verändert. Das Handwerk sei mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Heutzutage könnten nur noch wenige Alte, so wie sie, einen komplizierten Stoff klöppeln. Es sei absehbar, dass diese Kunst auch in dieser Gegend bald aussterben würde.

Sprach’s und ließ mich zurück.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Meine Wanderung entlang der Grenzen Deutschlands hat neben allem Abenteuerlichen auch etwas eminent Politisches. Ich bekomme mehr und mehr die Narben unserer Geschichte zu sehen. Vielleicht liegt es an der „Grenze“. Grenzen trennen, wo vorher ein Ganzes war. Ein (geopolitischer) Strich genügt, um urplötzlich aus „Nah“ „Fern“ zu machen. Aus Nachbar wird: Ausländer, aus Familienmitglied: „Der da drüben“, aus Freund: Feind, aus Verständnis: Unverständnis. An den Grenzen eines Staates spielen sich die wesentlichen geschichtlichen (und familiären) Dramen ab. Hier – so merke ich immer mehr – ist die Vergangenheit wie mit einem Degenhieb eingehauen. Und hier erinnert man sich deutlich länger (als in den Städten im Bauch Deutschlands).

Wenn Grenzen einem Land die Kontur geben, so ist mein Heimatland ein schlecht vernarbtes, pockiges, immer noch nicht ausgeheiltes „scarface“.  „Scarface Deutschland“:  Das Bild gefällt mir.

Ich zog weiter mit meinem maulenden Mönch in der Tasche. Hatte aber keine Lust auf Unterhaltung. Ließ ihn nicht raus.

Erreichte um die späte Mittagszeit das Dörfchen Stadlern. Sympathisch kleiner Grenzort. Hatte nur Schwierigkeiten, etwas Wasser zu besorgen: (fast) alles geschlossen.

Dorfzentrum: natürlich die Kirche.

Sauber aufgeräumt - nur noch ein paar Schneekleckse

Weiter oben ein Kalvarienberg, wie ich ihn – für so ein kleines Kaff – noch nicht gesehen habe.

Gekonnte Aufstellung: Bäume mit Stelen

Will jetzt nicht Monte Python zitieren

Was für ein majestätischer Kulissenaufbau

In einiger Entfernung der, den sie „Gottvater“ nennen. Sein Blick! Ist er barmherzig, ist er streng, strafend,  ist er wissend oder verachtend? Ist er gütig, mitleidig, verzeihend oder nur egomanisch?

Ein Krieger oder ein Versöhner ?

Oder ist er – noch immer bewege ich mich im „Drachenland“ – lediglich ein ordinärer KreuzRitter. Dafür spräche ein anderes Denkmal im Zentrum der Ortschaft: ein ziemlich junges sogar aus dem Jahr 1990. Ein Ritter soll „Gott zur Ehr“ gereichen und den normalen Bürger beschützen.

Was soll das ? Heute ?

Beim Sinnieren über Ritter erinnerte ich mich an meine Gäste in der Hosentasche. Ich ließ Kuno und Augustus etwas Luft schnappen, während ich fotografierte. Auf einmal setzte ein grauenhaftes Geschrei an. Die beiden konnten einfach nicht miteinander. Kuno hatte Augustus das Krönchen vom Kopf gehauen und war kurz davor ihn mit seinem „Instrument“ zu kitzeln.

Kuno spießt einfach am liebsten auf

Ich befreite Augustus (eigentlich: Dummer August!) aus seiner Not, steckte beide wieder in die Hosentasche und marschierte los in die Oberpfälzer Berge.

Jahrmillionen dauert es solche Gneis Formationen zu modellieren

Ab 600 Meter Schnee. Auf 800 Meter Höhe: Tiefschnee. Ich sank manchmal unangenehm tief ein. Der Aufstieg wurde zur Qual.

Sieht nett aus, war aber tierisch anstrengend

Noch immer fehlten 100 Meter bis zum Gipfel. Dort steht der Böhmerwald-Aussichtsturm. Ein Monstrum.

Auf 898 Meter Höhe geht es noch mal aufwärts

142 Treppen. Und was sieht man als erstes: den nächsten Turm!

Kein Plattenbau - Der Plattenberg !

Diesmal auf tschechischer Seite. Die ganze Grenze entlang ragen haufenweise mächtige Grenzlandtürme in den Himmel. Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Was immer man von dort beobachten konnte, es kann nicht wirklich interessant gewesen sein. Heute sind die meisten Grenzlandtürme tolle Aussichtsmöglichkeiten. Schwerter zu Pflugscharen!!!

Beim Abstieg (mit ziemlich aufgeweichten Hosen, hab doch gut gefroren!) machte ich noch einen kleinen Umweg. Nach Bügellohe. Direkt an der Grenze gelegen. Man konnte nach Tschechien spucken. Ein Geisterdorf. Zerfallen, von Wald überwuchert. Nur noch ein Haus nicht völlig eingestürzt.

Das Dach trotzt dem Winter seit 60 Jahren

1946 waren vertriebene Sudetendeutsche hierher geflohen, hatten Notunterkünfte errichtet, in der Hoffnung zurück kehren zu können, hatten bald bemerkt, dass das nicht möglich war und schufen eine Siedlung mit Massiv-Häusern. Allerdings ohne Strom, Wasser und öffentliche Verkehrswege. Nach und nach gaben die Neusiedler auf, zu unwirtlich die Höhe. Mitte der 70er verließ der Letzte das Dorf. Zurück blieb eine Geisterstätte.

Denkmal der Vertreibung

Ab ins Tal. Durchlaufen bis Schönsee. Tristes Kleinstädtchen. War extrem schwierig überhaupt eine Unterkunft zu finden. Viele Herbergen sind für immer geschlossen. Ich musste im Ort viel herumfragen, bis ich einen Gasthof fand, der zwar außen nicht beleuchtet, dafür aber offen war. 17:30 endlich am Ziel!

Durst: Mönch Augustus war mir zuvor gekommen. Hatte sich in das Glas gestürzt, als wollte er sich im Gerstensaft ersäufen. Ich hatte Mühe, ihn herauszuziehen. Er wehrte sich gewaltig.

Im himmlischen Delirium

Haberl-Bier. Saugut! Einige Minuten gezapft – wie ein Pils. Mit lang haltender Schaumkrone und noch länger nachhallendem Geschmack -und dazu weich am Gaumen! Respekt!

Der Wirt erzählte mir, dass sein Schwager diese Brauerei betrieb. Ein 3 Mann Unternehmen: Brauereimeister, Gehilfe und Ausfahrer. Aber wie alle Kleinbrauereien kämpfe der Schwager ums Überleben. Die Großen der Branche kauften nicht mehr – wie früher – die Kleinbetriebe auf, um die Konkurrenz zu erledigen. Heute warteten sie nur noch ab, bis die siechen Unternehmen still und leise dahinschieden. Ich wurde beinahe melancholisch.

Hunger: Schweinsbraten klassisch mit selbstgemachtem Semmelknödel und Salat. 8,50 Euro. Alles bestens.

Klassischer Schweinsbraten

Um Mitternacht in die Kiste! Merkwürdigerweise vertrugen sich Kuno und Augustus wenigstens im Schlaf.

Kuno schläft, auch wenn ein bisschen angespannt

Unterkunft: 25 Euro (mit Frühstück).