Pausengang nach Bregenz

Lindau unter einer Dunstglocke.

Nicht scharf zu kriegen

Nicht scharf zu kriegen

Meine Rückenmuskeln signalisierten mir, dass ich eine Wanderpause machen sollte. Ich gehorchte.
10 Kilometer trotzte ich dennoch meinem Körper ab. 2 1/2 Stunden von Lindau nach Bregenz.

GPS-174-Lindau

GPS-Gesamtstrecke bis 174

Auf dem gemütlichen Spaziergang nach Österreich ein paar Graffiti.

Heino-Frisur

Heino-Frisur

Anonymos kann sprayen!

Claudia Roth Frisur

Claudia Roth Frisur

Und er hat Sinn für leuchtende Farben.

Lauda Käppi

Lauda Käppi

In Bregenz eine dichte Nebeldecke.
Erst gegen Abend lichtete sich der Nebel etwas.

Mit der Pfänderbahn fuhr ich auf den Bregenzer Hausberg.

Aus dem Nebel in den Dunst

Aus dem Nebel in den Dunst

Morgen werde ich mir einen dieser Berge aussuchen. Dann geht es in die Alpen!

Höhere Sphären

Höhere Sphären

Hunger.
Vorspeise: Rheintaler Mostsuppe mit Gemüsestreifen. Sehr schmackhaft! 4,60 Euro.

T174-Essen-01

Hauptgericht: Wiener Schnitzel (Kalb). Viel und gut. 18,90 Euro.

T174-Essen-02

Unterkunft: 80 Euro (mit Frühstück).

In die Chlorophyllhölle Baden-Baden

straight, todo derecho, grad aus

straight, todo derecho, grad aus

Viel Abwechslung bietet der Rhein auf dieser Strecke nicht. Ab und zu ein Last- oder Container-Schiff.

Trotzdem genoss ich den Spaziergang entlang des Ufers. Ich hörte die Kähne hinter mir, wie sie sich gegen die starke Strömung an mich heranarbeiteten. Ich schlenderte mehr, als dass ich lief. Vielleicht 4 Kilometer die Stunde. Die beladenen Schiffe brauchten erstaunlich lang, um mich einzuholen. Ich schätzte, dass sie vielleicht 6 km/h schnell (oder besser langsam) waren.

Es hatte etwas Kontemplatives, Einlullendes sich dem Rhythmus des Rheins anzupassen.

Ich hatte es nicht eilig. Die 20 km bis Baden-Baden waren einfach zu gehen. Um 11 Uhr morgens war ich aufgebrochen.

GPS-156-Plittersdorf

GPS-Gesamtstrecke bis 156

Altrheinarme und Minihäfen durchbrachen bisweilen die Monotonie.

Auf Abruf

Auf Abruf

Waren keine Boote unterwegs, dann immerhin Schwäne. Der Nachwuchs wurde in Formationsschwimmen geschult.

Schwanflotte

Schwanflotte

Früher – so lernte ich von einer Schautafel – früher tummelten sich in den Auen zahlreiche Aalfischer.
Die genaue Bezeichnung: „Aalschokkerfischer“.
Schokker sind Fischereisegelschiffe.
Irgendwann sind die Aale abgewandert. 1989 gab der letzte Fischer auf und ließ sein Boot hier zurück.

Aal und Aalfischer ausgestorben

Aal und Aalfischer ausgestorben

An der Iffezheimer Schleuse bog ich ab.

Schleuse ohne Schleuser

Schleuse ohne Schleuser

Ich verließ den Rhein und die Rheinfräuleins unter den Brücken.

Blonde Frau Schau mich an

Blonde Frau Schau mich an

Noch immer durchschaue ich nicht die Codes der Graffiti.
Auch unter den Rheinbrücken wurde viel gekritzelt.
Vielleicht werden zukünftige Archäologen diese modernen Hieroglyphen entschlüsseln.
Aber wahrscheinlicher ist, dass sie gar keine Codes sind, sondern einfach nur fingerprints der jeweiligen Sprayer. Erkennungsmarken. Oder allenfalls Strichcodes, die mit einem App lesbar sind: Künstlername, Entstehung, Verfallsdatum.

Ich suchte mir in Iffezheim ein Lokal. Der Ort extrem langweilig. (Die berühmte Pferderennbahn etwas außerhalb).

Witzig aber das Pissoir.

Abfalltrennung

Abfalltrennung

Nach einem kurzen Schauer brannte jetzt am frühen Nachmittag die Sonne wieder sommerlich unerbittlich. Nur manchmal von schnell durchziehenden Wolken verdeckt.

Der Schwarzwald am Dunsthorizont.

In the heat of the day

In the heat of the day

Die Rheintalorte, die ich durchlief, funktional, sauber, aufgeräumt, ohne Charme.

Kein Vergleich mit Baden-Baden, das ich gegen 16 Uhr erreichte. Das Kurstädtchen in einem Seitental der Oos liegt atemberaubend schön in einem grünen Meer. Man atmet Chlorophyll und nicht Sauerstoff.

Chlorophyllhölle

Chlorophyllhölle

Über 10 Jahre habe ich einst hier gelebt und gearbeitet.
Ich hielt mich nicht lange in den Straßen auf, ich besuchte Freunde.

Flair

Flair

Regentage zählen bis Sarreguemines

Erneut ein Regentag.

No volley on the beach

No volley on the beach

Niemand in den Straßen. Niemand am Saarbeach.

Sogar Bäume haben’s satt. Brauchen dringend Sonne.

Regentriebe

Regentriebe

Extra lang habe ich gewartet, dass der Regen vielleicht doch noch austrocknet. Nichts.
Um halb 12 Saarbrücken verlassen. Entlang der Saar.
Das Ziel: Sarreguemines. 18 Kilometer zu gehen.

GPS-150-Saarbruecken

GPS-Gesamtstrecke bis 150

Der Regen wusch die Wandschmierereien an den Uferbefestigungen und Schnellstraßenwänden sauber.

Mehr Wasser geht nicht

Mehr Wasser geht nicht

Gute Graffiti sind selten. Und noch seltener etwas Originelles.

Seh mich nicht so an!

Sieh mich nicht so an!

Franzosenschnorres.

Franzosenschnäuzer

Franzosenschnäuzer

Einige Kilometer hinter Saarbrücken befand ich mich plötzlich auf französischer Seite.
Es wurde schön. Besser: Es hätte schön sein können – mit ein wenig Frühlingsbeleuchtung.

Geordnete Bahn

Geordnete Bahn

Ich trottete heute nur vor mich hin. Ohne nachzudenken. Ich war froh, als ich nach 4 Stunden das Grenzstädtchen Sarreguemines betrat.

Straße mit Flügel

Straße mit Flügel

Das Zentrum menschenleer. Der Regen macht Bewohner zu Straßenflüchtlingen.
Der Sonntag auch. So gut wie alle Restaurants geschlossen. Nur einen Imbiss gefunden. Flammkuchen mit Munsterkäse gegessen. 6,50 Euro. Stank, war aber gut.

Dann aufs Zimmer gegangen, im einzigen Hotel, das offen hatte.

ZweiSterneLuxus.

Single Room

Single Room

Unterkunft: 55 Euro.

Mit Stubbis Hilfe bis Aachen

Das Schönste in Heinsberg ist die Straße, die hinausführt.

Klingt gemein, aber so war mein Eindruck.
Langweilige Innenstadt.
(Allerdings – das entnahm ich einem Faltblatt – sollte bald das „Internationale Gitarrenfestival“ in der Stadt beginnen. Immerhin!)

Und gut: Es gibt auch noch St. Gangolf mit einem Ritterturm, der die Stadt überragt.

Das Schönste von Heinsberg

Das Schönste von Heinsberg

Ich beeilte mich, wegzukommen. Um Viertel nach neun lief ich unterhalb der Burg Richtung Stadtausgang. Ziel: Aachen. 36 km entfernt.

GPS-131-Heinsberg

GPS-Gesamtstrecke bis 131

Wie Heinsberg, so auch die umgebende Landschaft. Nichts, was haften bleibt. Am Interessantesten noch die Kritzeleien an Straßenunterführungen.
(Graffito kann man das aber nicht nennen.)

Das Schönste an der Landschaft um Heinsberg

Das Schönste an der Landschaft um Heinsberg

Die Straßen endlos lang und endlos gerade.
Wie sich hier Unfälle ereignen können, ist mir ein Rätsel.
Aber junge Prolls in ihren getunten Wagen (davon sind eine Menge an mir vorbei gerast) treiben die lokale Polizei offenbar in die Verzweiflung.

Bekennerschreiben

Bekennerschreiben

Der Einfluss der Stadt Aachen war bereits deutlich zu spüren. Die Besiedlung wurde immer dichter.
Die Dorfplätze dafür allerdings immer leerer.

Wie belebt man ein totes Zentrum?

Wie belebt man ein totes Zentrum?

Das Marschieren fiel mir zunehmend schwer. Die vergangenen Tage mit Strecken von meist deutlich über 30 km hatten mich zermürbt.
Alle 2 Stunden hielt ich erschöpft an, um mich mit einen Stubbi aufzufrischen und wieder gehfähig zu machen.
„Stubbi“ nennen die Einheimischen hier ein kleines Bier.

Stubbitester

Stubbitester

Über Jahrzehnte war die Region durch Steinkohlebergbau geprägt. Geblieben sind noch Abraumhalden, inzwischen begrünt.

Hubbel

Hubbel

Das Flachland lag hinter mir. Es wurde wellig. Manchmal geradezu steil. Wie in den langweiligen Straßen von Herzogenrath.

Von nun an geht's bergab

Von nun an geht’s bergab

„Eurode“ – so nennt sich symbolisch die Städtepartnerschaft zwischen der deutschen Stadt Herzogenrath und der niederländischen Stadt Kerkrade.

Partner

Partner

Eigentlich waren beide einmal zusammen eine Gemeinde. Die Geschichte hat sie aber 1815 getrennt.
Zumindest symbolisch sind sie wieder zusammengewachsen.

Zum letzten Mal stand ich genau auf der Grenzlinie zwischen Deutschland und den Niederlanden.
Fast 450 km war ich diese Grenze entlang marschiert.

Jetzt war es genug.

Aachen war nur noch 11 km entfernt. 6 Kilometer schaffte ich noch zu Fuß. Dann nahm ich mir am Stadtrand einen Bus ins Zentrum.

Ich war kaputt. Aber zufrieden.

Durch Kodachrome braune Landschaft nach Ústí nad Labem

Hat alle Stürme überstanden und zeigt seine Wunden

Ich hatte sie schon vermisst: die Wegkreuze. Lange waren sie meine treuen Begleiter gewesen. Seit dem Grenzübertritt nach Sachsen waren sie aber verschwunden. Jetzt war ich erneut in Tschechien und das erste, was mir vor die Linse kam (nach den Asia-Markt-Buden selbstverständlich!), war dieses verwaschene (besseres Deutsch wäre „verwittertes“) Wegkreuz. Es stand in Cínovec, das früher einmal Zinnwald hieß. Also wieder mitten drin in der Sudetendeutschen/Tschechischen Geschichte.

Auf dem weiteren Weg passierte ich immer wieder Steinstümpfe ohne eisernes Kruzifix. Vandalen sind diese Strecke schon vor mir abgegangen.

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen (irgendwie ist das „meine“ Zeit geworden) und hatte 34 km vor mir bis nach Ústí nad Labem (Aussig).

GPS-Gesamtstrecke bis 040

Beim Grenzübergang wurde ich von zwei Bundespolizistinnen kontrolliert. Sie waren auf der Suche nach illegal eingereisten Ausländern oder Schleusern. Ich erkundigte mich nach den Hauptproblemen an der Grenze: „Drogen“ (aus den Asia-Märkten), „grenzüberschreitende Kriminalität“ (Einbrüche, Diebstahl). Das normale Sortiment. Zuständig dafür waren aber Zoll und Landespolizei. Die Bundespolizistinnen schienen etwas unterbeschäftigt. Aber sie waren sehr freundlich. Bin ja schließlich auch nicht illegal ausgereist! (Geht das überhaupt? Illegal ausreisen. Früher (DDR) ja? Aber heute?)

Auf der tschechischen Seite tappte ich den Bergkamm entlang. Fast 800m hoch. Es wehte ein frischer bis eisiger Wind. Aber die Sonne begleitete mich. Kleine (noch kahle) Birkenwälder auch.

Birken warten auf Birkenblüte

Aus den Wäldern draußen: fast amerikanische Weiten in Kodachrome-Braun.

Auf fast 800m Höhe weitet sich die Landschaft

Windbäume mit Windrädern

Nach 2 Stunden ging es den Berg runter. In steilen Serpentinen. Spektakuläre Aussichten auf das Tal, die ich aber nicht fotografieren konnte, weil der Dunst da unten alles einsuppte. Ich war sauer ob der verpassten Gelegenheit (dabei hätte ich froh und stolz müssen, dass das menschliche Auge (noch) der besten Kameralinse um das Millionenfache überlegen ist!).

Da ich nicht knipsen konnte, hatte ich Zeit Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht mehr warum, aber mir fiel der Skinhead ein, den ich vor über einer Woche kurz vor Aš gesehen hatte. Ein junger Mann mit extrem grobschlächtigem Gesicht, mit prekärem und aggressivem Blick. Ich dachte damals: Es ist die schlichte Dummheit, der IQ von unter 80, der ihn zum Skinhead gemacht hat (ich weiß, es gibt intelligente Skins). Das Verlangen, irgendwie zu irgendwem zu gehören.

Jetzt stellte ich mir die Frage: Kann jemand, der in allem, was er tut, „grob“ ist: wie er geht, wie er sich benimmt, wie er spricht, wie er wütet, wie er blickt, wie er spricht – kann so jemand auch „fein“ fühlen?
Jedem Hund, jeder Katze, billigen wir schnell Feinfühligkeit zu. Aber einem Grobschlächter?

Ich grübelte darüber, ob lediglich das fühlbar, was auch ausdrückbar ist?
Kann ein Proll auch galant sein? Klingt das paradox?

Wenn aber ich nur das fühlen, was ich (und sei es nonverbal) aussprechen kann, folgt daraus zwingend, dass Gefühle im Kern Gedanken sind – also Illusionen und bloße Konstrukte? (Will ich das glauben?)

Bevor ich weiter philosophieren konnte, erreichte ich Krupka (Graupen). Ein altes ehemals bedeutendes Bergbaustädtchen in Nordböhmen. Fast alle Bewohner (weil Deutsch-Böhmen) wurden nach dem Krieg vertrieben. Die leeren Häuser wurden an Familien aus dem tschechischen Landesinnern vergeben, die nie zuvor diese Gegend betreten hatten. (Ob sie mittlerweile Wurzeln geschlagen haben?)

Buntes Sudetendorf

Und immer noch führte der Serpentinenweg steil nach unten. Bis ich es endlich geschafft hatte. Von fast 800m Höhe auf 130m.

Die Berge lagen fürs Erste hinter mir.

Als wärn's die Rocky Mountains

Braun die Stoppelfelder, aber die Knospen der Weiden öffneten sich bereits. Weidenkätzchen würden bald ins Feld springen. Ich konnte es fühlen.

Vor mir dir Vorboten der Stadt Ústí nad Labem. Fast Hunderttausend Einwohner benötigen Energie und Trinkwasser. Hier gab es beides: Wasserspeicher und Kraftwerk.

Cote d'Azur Blau

Zwei Stunden fehlten noch, dann hatte ich die outskirts von Ústí nad Labem erreicht. Der Eintritt in die Stadt wie die Einfahrt in ein Chemiewerk.

Orangene Stadt

An den Werksmauern Graffiti, die ich nicht deuten konnte. (Immer schlecht, wenn Bilder nicht für sich sprechen – oder fehlt mir einfach der kulturelle Hintergrund ? Bin ja schließlich kein Tscheche!)  Wer ist dieser einokulare Mensch ? Guckt er grimmig, wütend, gerissen, nachdenklich, dreist, wissend, draufgängerisch, gleich losschlagend, resigniert?

Sag mir, was soll das bedeuten !

Aber eins begriff ich (obwohl ich noch keinen interkultureller Deutsch-Tschechisch-Kurs gemacht hatte) sofort: Guck hier in den Straßen immer nach unten! Jede zweite Gullyabdeckung fehlte. Einbruch-Gefahr!

Blick nie nach oben richten !

In der Stadtperipherie unzählige Armensiedlungen (nicht Slums wie in Lateinamerika, aber äußerst heruntergekommene Straßenzüge).

Trotzdem Lebensfreude!

Hinterhofspaß

Zusammen hat einer allein mehr Freunde

Ankunft im Stadtzentrum gegen 17 Uhr 30.

Durst: Pilsener Urquell, wie fast immer – und wie immer gut und billig.

Hunger: Da kein einheimisches Lokal geöffnet hatte (Montag?), bin ich in ein kubanisches Restaurant gegangen. Ich war der einzige Gast. Auf der Karte gab es ein einziges kubanisches Gericht. Aber dafür lief ständig Buena Vista Social Club als Blubbermusik.

Essen sollte sein: „Pollo santiaguero“ – war aber ein in Ketchupsauce ertränktes rachitisches Industrie-Hühnchen. Immerhin mit kubanischem Bohnenreis („Congris“) – wenn auch zu nass. (9 Euro.)

Kubanisch ist nur das Congris

Unterkunft: Leider viel zu teuer (hatte auf die Schnelle kein anderes Hotel gefunden als das einer amerikanischen Kette).