Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Frühlingsbotin Rika will mit mir nur einen Ausflug nach Cheb unternehmen

Frühlingsbotin  (spärlich bekleidet für die Jahreszeit)

Rika stand einigermaßen ratlos da, mit leicht dümmlichem Gesichtsausdruck und auf jeden Fall overdressed (will sagen, für die Jahreszeit hatte sie definitiv zu wenig an). Sie hatte – genauso wenig wie ich – damit gerechnet, dass oberhalb von Marienbad noch Schnee lag. Dabei wollte sie nur schnell zu einer vornehmen Pension in den Bergen oberhalb des Zentrums spazieren. Nun stand sie da, schlotternd vor Kälte, aber immer noch bella figura machend.

Ich lud sie ein, mit mir zugehen. Zum einem gefielen mir ihre Sprossen im Sommergesicht, zum anderen hatte es ja Tradition, sich in einem berühmten Kurort wie Mariendbad einen Kurschatten zuzulegen.

Schon Johann Wolfgang  war (damals 72jährig!) mehrmals hierher gereist, um seine neueste Flamme (eine 17jährige (!)  mit Namen Ulrike von Levetzov) zu beglücken.

Der Weg aus Marienbad heraus schraubte sich erst einmal durch den Wald bis auf rund 800m hoch. Mit reichlich Schnee.

Wenigstens war geräumt

Ich war um 9 Uhr aufgebrochen und hatte vor, durch das Egerland bis nach Cheb zu wandern. Rund 37 km.

GPS-Gesamtstrecke bis 028

Die ersten 2 Stunden ging es durch Fichten-Wald einen Höhenweg entlang. Danach führte das Forststräßchen ziemlich entschlossen runter ins Egerland. Der Schnee schmolz dahin.

Schöne Alleen.

Wenn ich nicht bald mal lerne, Bäume an ihren Stämmen zu bestimmen! Platanen ?

Dazu ein Schloss des Fürsten Metternich

Königlich gelegen des Fürsten Schloss

Schließlich kleine Ortschaften in welliger Landschaft.

Um die Kirche drängt’s sich

Neben Ackerbau, sehr viel Viehwirtschaft. Was Nika überhaupt nicht gefiel. Seit wir das Schloss Kynžvart (früher: Schloss Königswart) der Metternichs verließen, stank es für sie in der Gegend nur ziemlich heftig nach Gülle. Als ich sie dann noch – weil ich ein paar Schafe fotografieren wollte – an einem Kuhstall abstellte, war das Maß für sie voll.

Prinzessin auf der Erbse

Sie erklärte, dass sie sofort zurück nach Marienbad wolle.
Ich fragte sie, was sie dort eigentlich mache?
Den Tag verbringen„, deutete sie an – und meinte, auf den reichen Prinzen warten.
Aber Marienbad sei doch todlangweilig, entgegnete ich: „Nur sieche Alte“. Und die hätten kaum Geld. Ich argumentierte, dass die Stadt lediglich mit ihrem früheren Glanz prahlte, von den Goethes, Metternichs und dem Geldadel. Jetzt aber sei die deutsche Mittelschicht und der deutsche Handwerker (der es als Selbständiger zu etwas gebracht hatte und seine Rente hier ausgab) eingezogen – und beide seien 1) knausrig 2) kleinbürgerlich bis spießig 3) nicht zu prinzlicher Großmut erzogen worden.

Trotzdem war sie kaum zu beruhigen – bis ich ihr versprach, dass wir morgen Franzensbad ansteuern würden, ein fast so bekannter Kurort wie ihr Marienbad. Das beruhigte sie vorübergehend.

Ach ja: die Schafe. Ich freu‘ mich schon auf das Osterlamm. Mal gespannt, ob die Sachsen (denn bei denen werde ich die Festtage vermutlich sein), das schmackhaft zubereiten können.

Geschmorte Lammschulter mit reichlich Knoblauch !

Nach mehreren Stunden Wanderung durchschritten wir ein kleines verträumtes Tal. Mit dem Weiler Salajna (früher Konradsgrün).

Beschauliches Dorf mit bewegter Geschichte

Der Großteil des Dorfes ist eher baufällig. Doch werden einige Gehöfte mittlerweile renoviert und strahlen fast schon wieder im alten bäuerlichen Glanz. Beeindruckende Fachwerkhäuser.

Beinahe mediterrane Farben

Giebel-Kruzifix

Paarweise wohnt es sich besser

Welch eine filigrane Pracht die an sich groben Ornamente ausstrahlen können. Fachwerk ist wohl das Sinnbild für „Tradition“. Und die Egerländer beherrschten dieses Handwerk aus dem f.f..

Ich kann schon verstehen, dass man um eine solche Heimat trauert, selbst wenn die Vertreibung schon über 6 Jahrzehnte zurückliegt.
(Auch wenn mir stets die meisten Vertrieben-Funktionäre (mit ihrem Revanchismus) mächtig auf den Keks gegangen sind und immer noch gehen.).

Langsam näherte ich mich Cheb (Eger). Am Rande eines vorgelagerten Sees. Ermüdende Kilometer-Rackerei. Schrebergarten reiht sich an Schrebergarten. Tausende kleine Datschen klumpen sich am Ufer.

Zwergenhäuser an der Eger

18:30 Uhr. Endlich Ankunft in Cheb. Mit brennenden Füßen. Die Stadt wie ausgestorben. Aber wunderschön.

Warum verkriechen sich alle hinterm Ofen und warten dort bis der Frühling kommt ?

Durst: Budweiser.

Hunger: Entenbrust mit Honig und Rosmarin. Dazu Knödel 9 (Euro). Sehr gut! Klasse gewürzt, selbst die Knödel hatten zum ersten Mal einen Eigengeschmack (und mussten ihn nicht erst durch die Soße auftanken).

Kein Zicklein auf dem Teller, aber eine Zicke auf dem Tisch

Nur Rika zickte wieder einmal herum. Ente mit Knödel war für sie derb bäuerliche Küche. Sie hätte gerne etwas Mediterranes bestellt. Languste oder Rotbarbe oder so. Ich hatte genug von dem Gemeckere und schmiss mit Salatblättern nach ihr.

Rika könnte damit in Ascot Aufsehen erregen

Ich muss gestehen. Sie trug es mit Würde. Selbst das Blattgrün stand ihr gut!

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

In den Armen Ras-Puddings war sie erstaunlich brav