Going fast nach Going

Kühe, Industrie, Berge.
Erfolgsrezept Österreichs.
Ziemlich reich das Land. Auch wenn ständig gemeckert wird.

City Limits

City Limits

Brückenwochenende für die Deutschen. Sie hatten über ihren Nationalfeiertag (3. Oktober) den Nachbarn kurzzeitig wieder besetzt (friedlich).

Jetzt – Sonntag – strömten sie zurück (nicht friedlich). Ich versuchte den Autopuls zu messen. 30 gesehene und gehörte Karossen pro Minute! Alle zwei Sekunden pusteten ein VW, Daimler, BWW, Skoda und auch ein paar Motorräder ihre Abgase in die Alpen.

Out of limit

Out of limit

Die Alpen sind zuallererst Wirtschaftsraum und graue Steine, wenn man in sie hineinbohrt.

Deep down

Deep down

Heute hatte ich mir Zeit gelassen. Ich war müde, schon beim Aufstehen. Es gibt solche Tage. Erst um halb zehn hatte ich mir den Rucksack aufgebunden. Ich hatte mir vorgenommen bis Going zu laufen. Ich schaffte es nicht, suchte kurz davor eine Unterkunft: in Ellmau.
24 Kilometer weit weg.

GPS-186-Kufstein

GPS-Gesamtstrecke bis 186

Unfreiwillig hatte ich den schwierigen Weg gewählt. An manchen Tagen gelingt mir wenig.

1904 schuf ein kaiserlicher Ingenieur eines der ersten Hochdruck Kraftwerke in den Alpen.

Up Up to the sky

Up Up to the sky

Dummerweise folgte ich den alten Röhren und musste über Leitern, herausgehauene Stiegen und mit Drahtseilen gesicherte Minipfade mich in die Höhe wuchten. Ich verfluchte meine Entscheidung.

Stairways

Stairways

Kam aber an. Mit klopfendem Puls.
Jesus!

Schön da oben.

Wish to be here

Wish to be here

Schon bald zeigte sich das Ziel des ganzen Kraftwerksaufwandes. Der Hintersteinersee. Ein eiszeitlicher Gebirgssee, aus dem in der Neuzeit Strom gewonnen wird.

Liegt wunderschön.

Sea Sight

Sea Sight

Vor dem Abstieg zu ihm stärkte ich mich in einer Almhütte mit Apfelschorle und Weißbier.
Dann runter.
Meist aber nahm mir der Wald die direkte Sicht auf das Wasser.

Wald-Zaun

Wald-Zaun

Nur selten freie Schussbahn für meine Kamera.

So?

So?

Ich versuchte den Fotoapparat gerade auszurichten.

Oder So?

Oder So?

Spät gelang es mir.

Oder doch so ?!

Oder doch so ?!

Am Uferwald ein Andachtsort.
Die Gottesmutter (eigenartig stilisiert) am Fuß eines mächtigen Baumes, umgeben von merkwürdig aufgeschichteten Kieseln.
Offenbar mischte da jemand christliche und germanische Motive.

Was nun?

Was nun?

Er war es nicht. Er schipperte mit seinem seltsamen Traktor lediglich die Genossenschaftsmilch an die Sammelstelle.

Er stand nicht Kopf

Er stand nicht Kopf

Um halb fünf entschied ich mich, mein Quartier in Ellmau aufzuschlagen.
Hundemüde war ich und hatte noch nicht einmal eine Erklärung dafür.

So normal

So normal

Durst: Gösser Bier. Wässrig, kaum Geschmack. Obwohl die Brauerei eine unglaubliche Tradition hat. Schon 1459 in Dokumenten erwähnt!!!

T186-Bier-01

Hunger:
Tiroler Bauernschmaus. Selchfleisch, Schweinefleisch, Würstl, Speck, Sauerkraut, Semmelknödel. Sättigend. 11,90 Euro.

T186-Essen-01

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Sehr zufrieden.

Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!