Deutsch-Schweizer Uferlauf bis Waldshut

Grau – Die vorherrschende Farbe.
Ich hatte klein Glück mit dem Wetter.

long bridge

long bridge

In der langen Bad Säckinger Holzbrücke hatte ich noch um halb zehn morgens das Gefühl, ich durchliefe die Nacht. Zum Fürchten d unkel. Aber diesmal kamen mir wenigstens keine wilden Kerle entgegen.

Mein Tagesziel: Waldshut. 25 km entfernt.

GPS-168-Bad Saeckingen

GPS-Gesamtstrecke bis 168

Auf der Schweizer Seite fand ich Claudia, die sich auf einer Uferbank aus ihrem Schlafsack wickelte.
Sie hatte gestern Abend kein Zimmer gefunden und sich für den Nachthimmel als Schlafdecke entschieden.

T168-Claudia-01

Wir hatten den gleichen Weg und liefen eine ganze Weile stumm nebeneinander.

Auf der Schweizer Flussseite das gleiche Bild wie auf der Deutschen: schöne und gepflegte Anwesen.

Rasierte Vorgärten

Rasierte Vorgärten

Auf der Schweizer Seite vielleicht noch etwas geldiger. Und auf jeden Fall ohne Gartenzwergmuff.
(Stimmt nicht ganz – auch in der Schweiz gab es vereinzelt Liebhaber der Zwergenkultur.)

Hier wohnten jedenfalls auch Liebhaber der feinen Ironie!

Schweizer Arbeitsmoral

Schweizer Arbeitsmoral

Der Wanderweg meist sehr nah am Ufer, manchmal ging es durch Gestrüpp. Gut getarnt alte Bunker, mit denen die Schweiz wohl gegen die Nazis verteidigt werden sollte.

Schweizer Unbesiegbarkeit

Schweizer Unbesiegbarkeit

Nur selten ein größerer Ort. Der Hochrhein ist nicht wirklich dicht besiedelt.
Laufenburg: die Schweizer Variante.

Großes Tor zur kleinen Welt

Großes Tor zur kleinen Welt

Laufenburg: die Deutsche Seite.

Seitenwechsel

Seitenwechsel

Beide Städtchen glichen sich aufs Haar. Überhaupt war von Grenze überhaupt nichts zu spüren.
Deutsche und Schweizer wechselten die Seiten, als bewegten sie sich in ihrem eigenen Vorgarten.
Nicht einmal die Sprache trennte das eine Ufer vom anderen. Auf beiden Seiten der gleiche krachkehlige Dialekt.
„DanKKKKe“.

Der Hoch-Rhein meist idyllisch in viel Natur eingebettet, aber immer wieder auch industriell. Wasserkraftwerke machen aus dem Fluss einen Energiepark.

Ausgebeuteter Rhein

Ausgebeuteter Rhein

Ich näherte mich langsam meinem Ziel. Ich fragte Claudia, die unbedingt eine Tasse Kaffee trinken wollte, ob sie sich vorstellen könnte, noch ein zwei Stunden weiter zu laufen. Ich fühlte mich fit.

T168-Claudia-02

Claudia hatte keine Lust. Sie wollte endlich ein Zimmer mit Dusche. Also stoppten wir unsere Wanderung in Waldshut.
Als wir um 17 Uhr ankamen, brach zum ersten Mal ein wenig Sonne durch.

Glanzlichter

Glanzlichter

Durst: Tannenzäpfle. Badische Staatsbrauerei Rothaus. (Seit 1791.) Unschlagbar gut. Eines meiner absoluten Lieblingsbiere.

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Hunger: Tessiner Rösti. 12 Euro. Hätte ich besser in der Schweiz probieren sollen.

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Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Eurozwerg Stefan führt mich in den Zieleinlauf nach Furth im Wald

Tag 21 meiner Wanderung. Schlusstag. Ziel in Sicht. Gerade mal 16 km entfernt: Furth im Wald auf der deutschen Seite. Gemütliches Auslaufen. Start 9 Uhr 30, Ankunft 13 Uhr 30.

GPS-Gesamtstrecke bis 021

Direkt an der Grenze erwartete mich Euro-Zwerg Stefan. Er war aus irgendeinem böhmischen Gartenidyll entlaufen und wollte sich an meiner Foto-Tour beteiligen.
Er stellte mir noch ein paar schöne Aufnahmen in Aussicht, zu guter Letzt.

Euro-Zwerg

Zu viel versprochen. Vielleicht lag es an meinen müden Augen, aber ich entdeckte kaum noch ein Motiv. Wollte ankommen.

Links lag der Bayerische Wald, den ich hinter mir gelassen hatte.

Weit weg die großen dunklen Berge

Rechts begann der Oberpfälzer Wald, ein weiteres Mittelgebirge, das ich aber jetzt nicht mehr in Angriff nehmen werde.

Schon nah, das nächste (aber nicht mehr so hohe) Mittelgebirge

Ich war müde.

Ob so ein Mensch nach 21 Tagen Wandern stinkt ?

Seltsamerweise geschieht mir das immer auf der Wanderung. Ich kann stundenlang gehen, meine Füße schreiten Schritt für Schritt, es tut nicht weh. Auch nicht nach acht Stunden. Doch sobald ich das Ziel sehe, und seien es nur noch zwei Kilometer, verlassen mich die Kräfte und der Weg wird mühsam, manchmal zur Qual. Dabei hätte ich gedacht, dass der Körper zum Schluss noch einmal alles mobilisiert, um endlich an die Tränke zu kommen. Bei mir verhielt es sich umgekehrt.

So war es auch heute. Das Ziel vor Augen fühlte ich mich ausgebrannt, bewegte mich immer langsamer.

Ob ich so jemanden in meinem Auto mitnehmen würde ?

Ankunft dann Gott sei Dank nicht zu spät.

Durst: Helles. Further Hofbräu. Durchschnittsbier (gehört wohl der Dimpfl-Gruppe?).

Hunger: Maronensuppe mit Rothirsch-Pflanzerl (Ein Genuss! Feinste Schaum-Suppe und fantastischer Geschmack der Wild-Frikadellen). 4,90 Euro.

Endlich mal wieder ein kulinarisches Highlight. Schon Beim Lesen der Speisekarte beschloss ich, den Geldbeutel weit aufzumachen.

Hauptgericht: Zweierlei vom Fasan mit Perigord-Trüffel und Kartoffel-Kürbis-Püree. (Klasse, sehr schmackhaftes Püree, Fasan war sehr gut. Trüffel – naja – bin da kein Kenner, überzeugten mich nicht wirklich.) 22 Euro.

Unterkunft mit Frühstück: 34 Euro.

Zum Schluss noch einmal meine versammelte Familie: Die Rasselbande hatte sichtbar Spaß gehabt und freut sich jetzt, mein Zuhause kennen zu lernen.

Dort angekommen, werde ich dann – bei einer guten Fasche Rotwein – Bilanz der ersten Etappe meiner Grenzwanderung ziehen. Ich habe schon Lust auf die zweite!

Marie unternimmt mit mir einen Marathon bis Vseruby

Mal wieder früh aufgebrochen. Halb neun. Die Sonne konnte sich nicht entscheiden Licht oder Schatten zu schicken. Zelezna Ruda im Tiefschlaf. Die Berge eingeschneit. Der Schnee allerdings nass. Er lastete bleischwer auf den Feldern und auch auf mir. Seltsam, dass ein Landschaftseindruck sofort auf‘s Gemüt schlägt. Sehen die Augen vielleicht gar nicht, sondern fühlen?

Die ersten zwei Stunden ging es nur bergauf. Immer der Straße folgend (auf denen nur wenige Autos fuhren). Bis auf einen Pass in etwa 1.150m Höhe.

Behmischer Wald so scheen wie Bairischer Wald

Ab dann führte der Weg steil bergab.

Von nun an ging’s bergab

Eigentlich hatte ich mir zum Ziel gesetzt, etwa bis Mittag zu wandern und mir dann eine Herberge zu suchen. Aber der Tag wurde zunehmend schöner, das Marschieren fiel mir ausgesprochen leicht und ich lief einfach drauf los, bis es plötzlich keine Unterkünfte mehr gab (weil kein Touristengebiet) und sich die Tour zur bisher längsten meiner Grenzwanderung auswuchs. Am Ende (sich quälend hinziehende) 41 km bis Vseruby.

GPS-Gesamtstrecke bis 020

Das Tal tief eingeschnitten. Auf niederen 550 m praktisch kein Schnee mehr. Kahle Felder. Sonst nichts. Aber schöne weite Blicke.

Farben am grauen Tag

Und Gartenzwerg-Idylle. Eigenartig, dass es offenbar nichts Europäischeres gibt als Gartenzwerge. Auf all meinen Wegen (Österreich, Bayern, Tschechien) sind sie mir bisher begegnet. Europa als Zwergenvereinigung.

Wo die ganzen Zwerge nur geboren werden ?

Die Weiler unterwegs winzig. Ein paar Höfe. In einem dieser Dörfchen: Ein fast verschämtes Gedenken an das Leid, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg über Böhmen gebracht hatten.

Verschämtes Gedenken

Welch ein Kontrast zum großspurigen, triumphalistischen „Helden“-Gedenken in vielen Ortschaften des Bayerischen Waldes. Dort: Immer noch feinst gepflegteste Kriegs-Denkmal-Anlagen. Hier: Trauriges und verschämtes Vergessen des eigenen Leids. Vergessen die Opfer.

Die Deutschen werden gebraucht. Die tschechische Wirtschaft boomt, aber sie hängt symbiotisch von der deutschen ab. Die Nachbarn bringen das Geld. Auch in kleine Grenzdörfer.

Wieder eines dieser Lust-Häuser mitten in der böhmischen Pampa.

House of the rising sun

House of the fallen girls

Das Grenzgebiet gleicht einem großen Service-Gelände für Verdruckste, die sich Zuhause schämen und hier gutbayerisch und hemmungslos die Sau rauslassen.

Marie, die mich in einem Asia-Shop angesprochen und die ich einfach mitgenommen hatte, hatte ich vorsorglich die Augen verbunden. Wollte sie nicht allzu sehr schocken. Sie hatte mit ihrem Leiergesang auch etwas von der Heilsarmee.

House of hope

In jedem bayerischen Souvenirshop findet man traditionelle Figürchen wie den Sepp mit Sepplhut, die Resi als Oktoberfestbedienung mit einem halben Dutzend Maß Bier usw.. Diese Souvenirs sind (nicht nur für Touristen) so etwas wie Charakterbilder des Deutschen. (Auch wenn diese Figuren manchmal wie Karikaturen wirken.) Auf tschechischer Seite nichts dergleichen. Nur internationaler Kitsch-Klimbim (in Asien gefertigt). Bin noch nicht schlau geworden, über was sich in dieser Gegend Tradition und Selbstverständnis manifestiert (außer über das allgegenwärtige „Pilsner Urquell“).

Noch ein Unterschied. Die Wegkreuze. Es gibt sie auch im vorwiegend atheistischen Tschechien. Aber in jämmerlichem Zustand. Seit Jahrzehnten offenbar nicht mehr gepflegt.

Wegkreuz

Die Nacht kam schneller als erwartet. Plötzlich ein langer gemeiner Anstieg, der mir die Luft nahm.

Gemeiner Anstieg

Wetterleuchten in der Ferne um das Arber-Massiv auf deutscher Seite.

Tag lehnt sich gegen Nacht auf!

Hier erst wurde mir klar, dass ich nun den Bayerischen bzw. Böhmischen Wald endgültig überwunden und den (beginnenden) Winter bezwungen hatte. Ich näherte mich dem Ende meiner ersten großen Etappe. Auch wenn das Tagesziel, Vseruby, immer noch weit entfernt lag. Anstrengende zweieinhalb Stunden weg.

Tag verliert gegen Nacht

In schwärzester Dunkelheit kam ich dort gegen 18 Uhr 30 an.
Durst: Ein sehr gutes Budweiser! (Das Echte !) Erfrischend. 1,50 Euro.

Und noch eins!

Hunger: Teufelsklaue (Schweinegeschnetzeltes mit sehr scharfer Sauce und Bratkartoffeln). Fantastischer Geschmack. Gut gewürzt. Große Portion. 5,50 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Riesen-Frühstück). Was hatte ich ein Glück, mitten in der Nacht eine einzig verfügbare Herberge gefunden zu haben. Und noch so eine gute!

Mit Schutzengel Loisl zu Besuch beim Nachbarn

Loisl hab ich ihn genannt. Jemand hat mir für die Wanderung einen Schutzengel geschickt, einen weiß-blauen Schluri. Ein anderer Name fiel mir nicht ein. Gabriel, Uriel, Michael: Das klingt so gar nicht nach Bayern. Also: Erzengel Loisl! Ein Schlitzohr, aber netter und geselliger Kerl, mit seltsamen Neigungen allerdings. Doch das sollte ich erst später bemerken.

Loisl will mich heute begleiten, wenn es rüber geht zu den Nachbarn, zu den Österreichern.

Die haben rot-weiß in ihrer Flagge. Da ist weiß-blaue Unterstützung vielleicht nicht das Verkehrteste.

Loisl auf Austria-Farben

Beim Wandern taumeln mir manchmal die Gedanken weg. So habe ich mich die ganze Wegstrecke über gefragt, ob wir beim Eintritt ins Paradies das Geschlecht verlieren. Und welchen Sinn es dann macht, dass Dschihad-„Märtyrer“ sich ins Elysium zu sprengen (wegen der Jungfrauen, sagen sie), wenn sich  – na ja – so gar nichts mehr regt.

Bei Loisl konnte ich das nicht überprüfen. Die Hose ist angewachsen und sie lässt sich nicht lupfen. Oder ist es doch ein Hosenröckchen?

Wenn ich zurück bin, veranlasse ich mal ’ne Röntgenuntersuchung.

Loisl jedenfalls war heute mehr fürs Bummeln als fürs Losmarschieren. Erst um halb neun wollte er starten, über die Grenzbrücke – an seiner Chefin vorbei – ins Österreichische.

Maria bewacht die deutsch österreichische Grenze

Obwohl jetzt beim Nachbarn, ging der Blick erst einmal zurück. Unglaubliches Panorama von BURGhausen.

Die größte Burg Europas ?

Burghausen mit Salzach Brücke

Burghausen

Loisls Ursprungsidee war, entlang der Salzach nach Braunau zu wandern.

GPS-003-Burghausen-Foto

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Doch schon nach einem Kilometer war Schluss. Der Weg hörte einfach auf. Fühlte mich wie vor den Kreidefelsen vor Dover.

Salzach Klippen

Ruhepause.

Ich

Die Wege in Österreich scheinen nicht so perfekt ausgeschildert wie bei meinen Landsleuten auf der anderen Seite. Alles ein bisschen mehr Laissez-faire. Quer durch den Wald schleppte mich Loisl dann Richtung Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen. Der Wald allerdings ein rot-weißes Farbenmeer.

Rot-Weißer Wald

War da die Wehrsportgruppe Österreich unterwegs?

Grenzwertiges an der Grenze

Grenzwertig. So ein zur Schau gestellter Patriotismus wäre auf der deutschen Seite zum Glück unmöglich.

Haben die Österreicher eigentlich auch weltweit die Verbotsschilder und Wegschranken designt?

Austria-Design weltweit

Kurz vor Verlassen des Waldes war Loisl plötzlich verschwunden. Ich hatte ihn in der Hosentasche mitgeführt. Aber da war er nicht mehr. Hat eben Flügel. (Können Engel eigentlich schneller fliegen als Vögel? Haben sie Wanderrouten? Winterrastplätze?)

Schlug mich von nun an ohne göttlichen Beistand durch, stapfte stundenlang eine langweilige, Gott sei Dank aber wenig befahrene Bundesstraße Richtung Braunau entlang. Ab und zu ein paar Gartenzwerge und Spießerhäuschen.

Österreichischer Zwerg (rotweiß natürlich)

So gar nichts Anarchisches

Ein Weg hinunter zur Salzach gab es nicht. Schließlich ein grandioser Blick von oben: Zusammenfluß Salzach und Inn. Für die Kamera leider zu versuppt.

Zusammenfluss Salzach / Inn

Ab jetzt ging‘s wieder runter zum Wasser auf den Inn-Damm. Ab und zu Vögel, die sich nicht fotografieren lassen wollten. Waren einfach immer zu weit weg.

Erneut verschätzt. Die Nacht kam schneller als gedacht. Wieder zuviel gelaufen. Schätzungsweise 29 Kilometer. Vermisste meinen Loisl. Die letzt Stunde tat ziemlich weh. Spürte zum ersten Mal eine Blase am rechten Fuß.

Night Falls

In Dunkelheit zur Inn-Staustufe. Um 18 Uhr dann endlich am Ziel: Gasthaus Mayrbräu im Zentrum Braunaus.

Zu meiner Überraschung tauchte plötzlich Loisl wieder auf. Stand vor der Gasthof-Tür, hielt die Hand vor den Mund und druckste verlegen rum.

Ich fuhr ihn barsch an, er solle rausrücken, was los sei und er solle endlich die Hand von der Gosch wegnehmen.

Loisl gestand verschämt, daß er als Tourist zum Geburtshaus des Großen Diktators geflogen war (wohin gar nicht so wenige Deutsche pilgern) und sich entsprechend geschminkt hatte. Sollte ein Witz sein. Ein ziemlich geschmackloser jedenfalls. Er beteuerte, er habe nur Charlie Chaplin nachahmen wollen. Und jetzt bekam er das Oberlippen-Bärtchen nicht mehr ab.

Loisl am Hinterausgang des Geburtshauses des Großen Diktators

Rot-Weiß und Weiß-Blau gab bekanntlich mal die Farbmischung Braun. Der Große Diktator war österreichischer Bayer oder umgekehrt. Scheint weiterhin Sympathisanten zu haben. Nicht nur durch Österreichs (und auch Deutschlands) Wälder schleichen immer noch einige Braunhemd-Gruppen.

(Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, wieso der Große Diktator ausgerechnet die Farbe Braun für seine BRAUNauer-Münchner Bewegung aussuchte? Billige Assoziation mit dem Namen seiner Heimatstadt?)

Loisl schämte sich jedenfalls für den schlechten Schmink-Gag, aber das Bärtchen blieb. Damit ich mit ihm, ohne einen Skandal zu provozieren, ausgehen konnte, mußte ich ihm das Maul samt Oberlippe verbinden.

Loisl schämt sich

Durst: Salzburger Stiegl Bier  (Goldbräu vom Fass). Allerweltsbier, rasch getrunken, ohne besonderen Nachgeschmack. 3,20 Euro.

Loisl kann heute nichts essen

Hunger: Wiener Tafelspitz mit Semmelkren, Röstkartoffeln und Marktgemüse. Fleisch: gute Hausmannskost. Röstkartoffeln allerdings wie eingeweicht. Kren (vulgo Meerrettich) zu sanft. Auch Fleisch hätte etwas Meersalz (vielleicht mit Kräutern?) vertragen. Koch hatte Angst vor Schärfe. 14,50 Euro.

A Rua iss !

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).