Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

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Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

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Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

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Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

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Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

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Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Hut ab bis Strasbourg!

Das Wetter hielt sich nicht an die Vorhersage. Statt Regen morgendliche Sonnengischt über den Feldern.

Morgenhauch

Morgenhauch

Halb neun auf die Straße gegangen. Das Ziel: Strasbourg im Elsass. Ca. 32 km entfernt.

GPS-158-Scherzheim

GPS-Gesamtstrecke bis 158

Die Rheinauen von zahlreichen Kanälen durchschnitten.

Badende Wolken

Badende Wolken

Ein einarmiger Fischer stocherte unsicher durchs Wasser. Später erzählte der Pensionär mir, dass er jeden Tag mit seinem Stocherkahn unterwegs sei, nicht nur um zu fischen, er würde auch Biber kontrollieren.

Biberstocherer

Biberstocherer

Außer mir fast niemand unterwegs. Nur sehr vereinzelt ein paar Radfahrer mit ihren vollgepackten Hightech Maschinen.
Satteltaschen aufgebläht.

Ein junger hübscher Bursche radelte an mir vorbei und grüßte mich höflich. Mit einer eleganten Bewegung zog er seinen modisch kleinen Trilby Hut. Ganz nach alter Sitte.
Ich war überrascht, gar gerührt von der Respektsbezeugung. Und fragte mich gleich, worin der Sinn dieser Kavaliersgeste lag?
Zeigt man sein Haar, dann zeigt man seine Unschuld? Seine reine Absicht?
(Pech, wer eine Glatze hat.)
Warum entblößt man sein Haupt, wenn man eine Kirche betritt oder zum Gebet niederkniet?
Warum machen das Männer, aber nicht Frauen?

Ich konnte die Frage nicht klären, zumal ich auf den Feldwegen keinen Handy-Empfang hatte und nicht googeln konnte.

Maisweg

Maisweg

Die Natur färbte sich langsam herbstlich.

Fall!! Obst!!

Fall!! Obst!!

Endlich am Rhein zurück!

Route Three O Nine

Route Three O Nine

Ab jetzt ging es kilometerlang am Ufer entlang.

Horizontverengung

Horizontverengung

Uferläufer.

Horizonterweiterung

Horizonterweiterung

Wer fischt eigentlich das Treibgut aus dem Fluss?

Ausgetrieben

Ausgetrieben

Nach 26 km lag Kehl vor mir. Ein kleines Städtchen, das nicht viel zu bieten hat. Dachte ich.

Himmelsbohrer

Himmelsbohrer

Aber die Restaurants, Cafés und Kneipen rund um den Marktplatz waren voller Franzosen.

Steinerner Gast

Steinerner Gast

Ganz offensichtlich ist es in Kehl billiger als in der elsässischen Hauptstadt, die nur einen Steinwurf entfernt lag.

Das Verbindende ist der Rhein

Das Verbindende ist der Rhein

Einmal über den Rhein und schon ist man in den Außenbezirken Straßburgs.

Modern Times 1

Modern Times 1

Neue urbane Zentren entstehen in Nähe zur vielbestaunten Altstadt.

Modern Times 2

Modern Times 2

Sie brauchen die Konkurrenz nicht zu scheuen.
Das französische Gefühl für Stadtästhetik ist dem deutschen ziemlich voraus.

Wenn auch das Altstadtzentrum reichlich deutsch wirkte. Puppenstube. Samt Münster.

Alte Zeit 1

Alte Zeit 1

Dafür wurde in einigen engen Gassen das Montmartre Lebensgefühl gepflegt und kein französisches Klischee ausgelassen.

Alte Zeit 2

Alte Zeit 2

Strasbourg ist auch Disneyland.

Bei Überfüllung geöffnet

Bei Überfüllung geöffnet

Solange man in der Altstadt ist.

In der Peripherie sieht es anders aus.

Kulisse 1

Kulisse 1

In der untergehenden Abendsonne lief ich zurück nach Kehl. Die Hotel und Restaurant-Preise hatten mich über den Rhein zurückgetrieben.

Durst: Hefeweizen, 3,50 Euro.

Hunger: Maritimer Spieß mit Tintenfisch, Riesengarnelen, Lachs und ein wenig Languste. Bis auf den Tintenfisch fein gegrillt und schmackhaft.
Teuer. (Aber der Besitzer des Restaurants war ja schließlich Franzose. Trotzdem muss es selbst hier billiger sein als jenseits des Rheins. Die meisten Gäste waren ebenfalls Franzosen.)

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Morgen werde ich es testen. Dann wandere ich auf der französischen Seite weiter.

Unterkunft (Kehl): 55 Euro (mit Frühstück).

354 über 352 bis 339 (Plittersdorf)

As ships go by

As ships go by

Abschied von der Pfalz. Habe sie auf der anderen Seite des Rheins gelassen. Bin jetzt im Badischen gestrandet. Der Unterschied kam mir gewaltig vor. Einmal mit der Fähre den Fluss gequert und Deutschland fühlt sich anders an! Diese Sprache! Dazu der badische Akkusativ. Kann man sich daran gewöhnen?

Ja ich weiss, auch die Vorderpfälzer haben einen eigenartigen Singsang. Aus nordpfälzer Sicht (da, wo ich herkomme) hört sich das sehr nach verweichlichten Südländern an.

Das Badische klingt zwar verwandt, aber doch irgendwie einen Zacken eckiger, kantiger, knarziger, effektiver.

Im Biergarten des ehemaligen Zollhauses an der Anlegestelle der Fähre trank ich in einem Zug eine große Apfelschorle, zahlte und machte mich auf den Weg. Rund 19 km bis Plittersdorf lagen vor mir. 30 Grad schon am Morgen.

GPS-155-Neuburg

GPS-Gesamtstrecke bis 155

Der Rhein glich mehr einem überdimensionierten Kanal als einem Fluss. Tulla, der badische Ingenieur, hat in der Oberrheinischen Tiefebene ganze Arbeit geleistet.

Entlang der Altrheinarme große Kieswerke – auf deutscher und französischer Seite.

Der Kieselsteinschatz

Der Kieselsteinschatz

Der Himmel verbarrikadiert.

Kieselsteinübergang

Kieselsteinübergang

Kilometertafeln takteten meinen Weg. Noch 352 km bis zur Rheinquelle.

Route 352

Route 352

Der Strom floss schnurstracks, aber meine Route verlief alles andere als geradlinig. Ich musste mehr den verschlungenen Altrheinadern folgen und durchwanderte eine unter der Hitze ächzende Auenlandschaft.

Grad und Krumm

Grad und Krumm

Mückenschwärme vernebelten bisweilen die Sicht.
Ich mutierte zum Zappelphilipp und suchte den offenen Boxkampf mit der Plage.

Wenn ich Ruhe fand, teilte ich sie mit blauen Libellen.

Tulla-Libelle

Tulla-Libelle

Warum sinken eigentlich gewässerte Boote nicht?
Werden sie von Blicken gehalten?
Oder nageln sie die Fotografen mit Wasserstiften einfach fest? Fotokulisse für den nächsten Schnappschüssler, der kommt?

Das Grade wird krumm

Das Gerade wird krumm

Romantisch ist der Rhein auf dieser Strecke wirklich nicht.

Tullas Geraden-Tick

Tullas Geraden-Tick

Aber interessant.

Zuschauer über Zuschauer, die es sich auf Kiesinseln, Sandbänken und Uferbefestigungen bequem machten. Und dem Strom der vorbeifahrenden Lastkähne das Geleit gaben.

Fluss fließt, Zeit steht

Fluss fließt, Zeit steht

Immer wieder musste ich die Rheinauen kurz verlassen, um einen Zufluss (diesmal die Murg) zu queren.

Im Dörfchen Steinmauern feierte der Bulldogverein sein Jahresfest. Die Mitglieder nennen sich selbst „Landmaschineninfizierte“ und konservieren altes landwirtschaftliches Gerät.
Und wie beim Keinohrhasenzüchterverein oder sonst einem eingetragenen Club steht vor dem Spaß die Registratur. Wir sind in Deutschland!

Ordnung beim Feiern

Ordnung beim Feiern

Castingshow für alte Trecker, Bulldogs, Zugmaschinen.

Maschinen-Registratur

Maschinen-Registratur

Das Meiste aus den 50er Jahren.

Maschine und Handarbeit

Maschine und Handarbeit

Good Old Germany. Die Nachkriegs- und Aufbaugeneration feiert sich noch einmal selbst.

The last German Cowboy

The last German Cowboy

Kein Miniaturspielzeugtraktor kommt an das Original ran!

Bulldog für Rechtshänder

Bulldog für Rechtshänder

Nach 6 Stunden endlich in Plittersdorf angekommen. Ich kannte den Namen bisher nur aus den Verkehrsnachrichten. Etwa wenn Hoch- oder wahlweise Niedrigwasser den Fährbetrieb behindert.

Come together

Come together

Ich lernte, dass es Gierseilfähren gibt. Dass „Gier“ nicht immer nur ein sehr menschliches Verlangen beschreibt, sondern auch einen technischen Vorgang!

Plittersdorf lud am Abend zum Dorffest ein. Die lokale Feuerwehr feierte.

Meister des schlechten Geschmacks

Meister des schlechten Geschmacks

Das Unterhaltungsprogramm: ein grottenschlechtes Gesangsudo.

Liedzeilen, wie: „Mit meiner Balalaika bin ich der König auf Jamaika„.
Zwischenmoderationen á la: „Gott schütze uns vor Hagel, Sturm und Wind und Lieder, die der Hansi Hinterseer singt„.
Ungenierte Schwulenwitze, die sich immer auf „After nun“ reimten.

Niemand lachte, niemand tanzte, die meisten gähnten, die Festhalle halb leer.

Wohin war ich nur geraten?

Ist das die badische Provinz? Im Jahr 2013?

Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Regentage zählen bis Sarreguemines

Erneut ein Regentag.

No volley on the beach

No volley on the beach

Niemand in den Straßen. Niemand am Saarbeach.

Sogar Bäume haben’s satt. Brauchen dringend Sonne.

Regentriebe

Regentriebe

Extra lang habe ich gewartet, dass der Regen vielleicht doch noch austrocknet. Nichts.
Um halb 12 Saarbrücken verlassen. Entlang der Saar.
Das Ziel: Sarreguemines. 18 Kilometer zu gehen.

GPS-150-Saarbruecken

GPS-Gesamtstrecke bis 150

Der Regen wusch die Wandschmierereien an den Uferbefestigungen und Schnellstraßenwänden sauber.

Mehr Wasser geht nicht

Mehr Wasser geht nicht

Gute Graffiti sind selten. Und noch seltener etwas Originelles.

Seh mich nicht so an!

Sieh mich nicht so an!

Franzosenschnorres.

Franzosenschnäuzer

Franzosenschnäuzer

Einige Kilometer hinter Saarbrücken befand ich mich plötzlich auf französischer Seite.
Es wurde schön. Besser: Es hätte schön sein können – mit ein wenig Frühlingsbeleuchtung.

Geordnete Bahn

Geordnete Bahn

Ich trottete heute nur vor mich hin. Ohne nachzudenken. Ich war froh, als ich nach 4 Stunden das Grenzstädtchen Sarreguemines betrat.

Straße mit Flügel

Straße mit Flügel

Das Zentrum menschenleer. Der Regen macht Bewohner zu Straßenflüchtlingen.
Der Sonntag auch. So gut wie alle Restaurants geschlossen. Nur einen Imbiss gefunden. Flammkuchen mit Munsterkäse gegessen. 6,50 Euro. Stank, war aber gut.

Dann aufs Zimmer gegangen, im einzigen Hotel, das offen hatte.

ZweiSterneLuxus.

Single Room

Single Room

Unterkunft: 55 Euro.

Pause in Saarbrücken

Nichts ist einfacher, als mit Saarländern ins Gespräch zu kommen.

Alles, was ich über sie gelesen habe, stimmt. Sie sind gesellig, offen, trinkfreudig, gehen gerne aus, kennen sich anscheinend alle, scheinen untereinander verschwägert.

Niemand scheut sich, breitestes Platt zu schwätzen.
Nur der Satzbau ist gewöhnungsbedürftig: („Isch hätt könne länger bleiwe“).

Ob es eine (lafontainsche) Untiefe, gar ein Geheimnis im saarländischen Charakter gibt?

O troubadour

O troubadour

Jedenfalls: Die Stadt war am Wochenende voller Franzosen und Luxemburger.
Saarbrücken ist tatsächlich eine Brückenstadt! Kulturbrückenstadt.

Chanson mit Tango verquirlt: herrlich melancholische Klänge.

Chercher Marlène

Chercher Marlène

Hunger: Sardinenfilets in Oliven und Kräutern gebraten. (Fein). 14,90 Euro.

T149-Essen-01

Juliette schenkt mir Pralinen für den Weg nach Überherrn

Die Wolken hatten einen Dauerbruch. Aus dem Himmel wurde Wasser abgepumpt. Mal ganz stark, mal noch stärker.

Meine Wanderung unterbrach ich schon nach 10 Minuten in einem Innestadtcafé von Bouzonville.

Glücksritter

Glücksritter

Wenn es überhaupt jemand auf die Straße zog, dann hierher. Nicht wegen eines Café au lait oder eines Frühstücksbiers. Die meisten spielten Lotto. Mit hohem Einsatz. In der halben Stunde, die ich hier Regenschutz suchte, gingen Hunderte von Euros über den Tresen. Ausnahmslos Männer leerten ihre Portemonnaies. Einige sahen aus, als verspielten sie ihre Stütze.

Um 10 Uhr verließ ich Bouzonville. Mein Minimalziel: Überherrn im Saarland. 19 km weit weg. Den Inhalt meines Rucksacks, Klamotten, Laptop, Kameraausrüstung, alles hatte ich noch einmal extra in Plastiktüten gepackt, um sie vor der durchdringenden Nässe zu schützen.

GPS-147-Bouzonville

Immer wieder suchte ich Schutz unter Bäumen oder – in einem Dorf – unter vorstehenden Dächern.

Bereits im ersten Weiler, in Alzing, machte ich wieder einen Stopp.

Juliette hatte mich eingeladen. Eine 92jährige, die mich von ihrem Fenster aus ansprach.

Se invites me

Se invites me

Juliette wohnte allein, ihre zwei Kinder weit weit weg. Sie brauchte jemanden zum Reden.

Sie goss mir (am frühen Morgen!) einen Mirabellen-Schnaps ein und schüttete ihre Geschichte über mich aus. Sie wechselte zwischen Lothringischem Platt und Hochdeutsch.

Guten Morgen Schnaps

Guten Morgen Schnaps

Im Krieg war der Bauernhof ihrer Familie niedergebrannt worden. Sie wurde nach Viennes deportiert. Von wem und warum, das brachte sie nicht mehr recht zusammen.

Long time ago

Long time ago

Nach dem Krieg kehrten sie nach Alzing zurück. Ihr Mann arbeitete bei der Bahn in Dillingen. Der saarländische Ort gehörte damals zu Frankreich. Bis 1957.

Schön war sie, schön ist sie

Spiegel in die Vergangenheit

Wenn Juliette den Kopf schüttelte sagte sie immer „Mein lieber Mann!„.

Sie zeigte mir Fotos. Als sie klein war habe sie oft eine Schlaufe im Haar gehabt. Schön sei sie gewesen.

Zeit steht

Zeit steht

Schön ist sie immer noch.

Won't let me go

Won’t let me go

Als ich mich verabschiedete, verschwand sie ins Nebenzimmer. Sie wollte mir eine Semmel mit Heringen belegen. Dann wollte sie mir noch einen weiteren Schnaps einschenken. Schließlich drückte sie mir zwei Pralinen in die Hand.

O Juliette

O Juliette

Als ich längst wieder im Regen und weit weg von Alzing war, probierte ich eine Praline und spuckte sie gleich wieder aus. Sie hatte offenbar Jahre in einer Schublade auf mich gewartet.

Wenn das Wolkengrau und der Regenschleier sich einmal für Minuten etwas lichtete, konnte ich die gestrige Landschaft ahnen, in die ich mich verliebt hatte.

Konturlos

Konturlos

Noch zwei Mal stoppte ich in Dorfschenken, um den Regen abzuschütteln und um ein kleines Bier zu trinken. Der Mirabellenschnaps hatte mich durstig gemacht.

In einer Bar unterhielt ich mich mit dem Wirt und zwei Thekenbrüdern.
Nicht wenige Deutsche, so erzählten sie, lebten hier in Lothringen, weil sie in Frankreich weniger Steuern bezahlen müssten. Manche seien seit 15 Jahren im Ort und würden immer noch kein Wort Französisch sprechen.

Nette Burschen in der Kneipe. Ein Bauer sprach so breites Platt, das ich Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

Nach 6 Stunden endlich Überherrn im Saarland erreicht.
Ich verließ das Hotel nicht mehr. Draußen stürmte und blitzte es.

Das Restaurant hatte sich sehr früh mit Einheimischen gefüllt. Die gesamte Mittelschicht des Ortes war hier, zechte und schwätzte breites Saarländisch. Laut, gesellig, gemütlich.

Hunger: Trüffelravioli mit Ratatouille. Fein. (Aber zu wenig für meinen großen Hunger.) 14,90 Euro.

T147-Essen-01

Unterkunft: 61 Euro (mit Frühstück).

Mit lothringischem Kir euphorisiert, packe ich es bis Bouzonville

Wauw! Welch ein Empfang durch die Grande Nation.

echtes fake

echtes fake

Noch keinen Schritt nach Frankreich gesetzt und schon stand ich vor dem Eiffelturm. Pfiffige Marketingfachleute hatten eine Kopie des Stahlwerks direkt auf die Grenze zu Lothringen gesetzt. Nur einige Meter hoch. Aber mit pefekter Illusion.

T146-Lothringischer Eiffelturm-02-imp

Um halb 10 das Hotel verlassen, mein Ziel war eigentlich, ein bisschen durch Lothringen zu stolpern und an Frankreich zu schnuppern, aber wieder auf deutsches Gebiet zu wechseln. Es kam anders. Ich lief völlig euphorisiert bis Bouzonville. 30 km weit.

GPS-146-Schengen

GPS-Gesamtstrecke bis 146

Schilder wiesen mich darauf hin, dass ich mich erneut auf dem Jakobsweg bewegte. Sierck-les-Bains an der lothringischen Mosel ist ein Pilger-Stopp.

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

In dem Städtchen traf ich zwei entnervte Deutsche auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die den tagelangen Dauer-Regen nicht mehr abkonnten und ans Aufgeben dachten.

Dabei hatte es der Wettergott heute gut mit uns gemeint. Kaum ein Tropfen, sogar ab und zu ein Sonnenstrahl.

Sierck war so wie ich mir lothringische Dörfer vorgestellt hatte: graubraun, ein wenig ungepflegt, urwüchsig, massiv, sogar ein bisschen trist.

gedrängt

gedrängt

Ich hatte zudem erwartet, eine eindeutige Sprachgrenze zu übertreten. Dass ich ab jetzt französisch würde sprechen müssen, das ich aber so gut wie nicht beherrsche.

Weit gefehlt. Schon als ich einen Espresso im ersten Café Siercks zu mir nahm, philosophierte eine gut gelaunte Wirtin mit mir in Deutsch übers Sauwetter: „Katastrophe!“ (Wie bezaubernd betont!)
Ich fragte die Dame, ob noch viele Lothringer Deutsch reden würden, ich hätte das Gegenteil gelesen.
Sie meinte, fast alle älteren Leute entlang der Grenze würden Lothringer Platt sprechen, ihre Generation der 50jährigen nur noch zum Teil.

Sierck war einst Sitz der lothringischen Herzöge. Mit Genießerblick überwachten sie von ihrer Burg aus den Moselverkehr.

at it's best

at it’s best

Das lothringische Grenzgebiet ist hügelig. Ständig wechselt Auf mit Ab. Doch immer hatte ich das Gefühl, mich in einer weiten, großzügigen Landschaft zu bewegen.
Auch wenn die Dörfer so angelegt waren, als würden sie an Hängen, in Mulden und Tälern Schutz suchen.

Fremden gegenüber machen sie sich größer und wuchtiger als sie sind.

Breitseite

Breitseite

Schon im ersten Dorf blieb ich hängen. Ich hörte Stimmen aus einer Gastwirtschaft und trat ein.
Ich bestellte mir zunächst ein Elsässer Bier. Dann sah ich, was der Wirt für seine Gäste mixte und bestellte es ebenfalls.

„Lothringischer Kir“ nannte er das Getränk!

Savoir vivre

Savoir vivre

Absolut köstlich. Ein kräftiger Schuss Mirabellenlikör, dazu Elsässer Crémant und eine lothringische eingelegte Mirabelle.

T146-Lothringischer Kir-01

Ich radebrechte erst ein bisschen Französisch, bis der Wirt Mitleid mit mir bekam und mich auf Deutsch ansprach.
Von ihm hörte ich die gleiche Geschichte wie schon bei Tagesbeginn.
Fast alle hier im Grenzgebiet sprächen Deutsch. Die Alten sowieso. Die Alten plapperten auch miteinander im lothringischen Platt. Seine Generation beherrsche das Platt ebenfalls, allerdings – und das sei der Unterschied zu früher – spreche man unter Freunden nur noch Französisch.

Aber auch die Jugend, zumindest im Grenzgebiet, lerne Deutsch, da viele in der Bundesrepublik arbeiten würden oder bei eine deutschen Firma in Luxemburg. Überhaupt, wer in Luxemburg arbeite, müsse sich zumindest einigermaßen auf Deutsch veständigen können.
In den Dörfer rings um würde von 3 Jugendlichen mindestens einer einen Job in Luxemburg haben.

(Ich bekam immer mehr Achtung vor dem kleinen Land, das nicht nur die Billigtanke, sondern auch der Arbeitgeber einer ganzen Grenzregion war.)

Euphorisiert von der angenehmen Unterhaltung und dem Mirabellen Kir durchstreifte ich Lothringen und verliebte mich in die Landschaft. Zumindest heute wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück.

love it

love it

Alles andere als eine reiche Gegend.

kein Fassadenbauernhof

kein Fassadenbauernhof

Aber authentisch.

bäuerlich

bäuerlich

Auf den Feld- und Waldwegen immer wieder Wegkreuze. Zum Teil aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts. Die meisten – egal ob aus Stein oder Stahl – verwittert.

Vor diesem Gott musste sich niemand fürchten. Es schien, als bräuchte er Schutz und Erlösung. Ergreifend, wie alleingelassen und verloren in der Zeit der sonst so Allmächtige wirkte.

Jesus auf Mooskissen

Jesus auf Mooskissen

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass diese alten Kreuze dem Spaziergänger, Bauern, Sünder (oder wem auch immer) keine Angst einjagen wollten. Sie übertrugen keine Furcht auf den Betrachter, Furcht vor Strafe, Fluch, Verdammnis.
Sie zeigten einfach Leid und die Sehnsucht nach Erlösung.

Zeit nagt

Zeit nagt

Ich dachte über das Wort Erlösung nach.
Ich weiß nicht, ob andere Religionen, ob Hellenen und Römer in ihrer Götterwelt einen Erlöser hatten.
Aber erlöst zu werden, ist ein genialer Gedanke.
Viel besser als wiedergeboren zu werden und dich von neuem abarbeiten zu müssen an irgendeinem anderen Leben (in christlicher Sprache wäre das wohl die Schuld).

Auf schwere Gedanken folgten beschwingte, fast heiter wirkende Frühlings-Landschaften.

Dreamland

Dreamland

Alle Grünnuancen, die der Mai anrühren konnte!

lothringisches Grün

lothringisches Grün

Über meiner Wanderung war es spät geworden, der Himmel hatte sich wieder bedenklich eingeschwärzt.

Nach 8 1/2 Stunden empfing mich das Kleinstädtchen Bouzonville mit einem ausgedehnten Friedhof.

Fürchte dich nicht

Fürchte dich nicht

Und in Sichtweite: eine für einen kleinen Ort reichlich mächtige Kirche.

Trutzkirche

Trutzkirche

Bouzonville hieß früher „Busendorf“. (Don’t make jokes with names!)

Es gab lediglich (oder immerhin) ein Hotel, das nicht leicht zu finden war. Ich fragte mich problemlos durch (bei älteren Herrschaften und auf Deutsch).

Hunger: Das Abendmenü (29 Euro).
Vorspeise: Weinbergschnecken. (O.K.)
Hauptspeise: Lachsfilet an Currysauce mit Orangen. (Sehr gut kombiniert, feiner Geschmack, gut gewürzt.)

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Der Clou: Dazu gab es hausgemachte Spätzle, die ebenfalls leicht mit Curry und Orangen aromatisiert waren. Schmeckte leicht und sehr gut.

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Nachspeise: Faisselle mit Kiwisauce. (Einfach zuzubereiten: Frischkäse mit Kiwipüree mischen. Köstlich!)

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Unterkunft: 63 Euro (mit Frühstück).

Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

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Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).