An Rentnernistplätzen vorbei nach Lindau

Bodensee weckt MEERGefühle.

Der See aber still, will nicht plätschern. Kein Wellenanschlag am Ufer. Das Wasser schon kalt.

Im Herbst baden nur noch Schwäne.

Swansee

Swansee

Um halb zehn hab‘ ich mich von der netten Hotelwirtin verabschiedet. 27 km hatte ich heute zu gehen. Bis Lindau.

GPS-173-Friedrichshafen

GPS-Gesamtstrecke bis 173

Die erste Stunde führte der Pfad durch das Eriskircher Ried. Rückzugs-, Brutgebiet und Zwischenlandeplatz von Zugvögeln.

Das Moor tut seine Schuldigkeit

Das Moor tut seine Schuldigkeit

Noch hat der herbstliche Vogelzug nicht begonnen. Auch der Greif wird langsam ungeduldig.

T173-Greif-01-imp

Statt Vögel haben allerdings Fahrradfahrer den Bodensee zu ihrem herbstlichen Nistplatz gemacht. In riesigen Schwärmen fallen sie über Trampelpfade, Seitenstrassen und Wanderwege her.

High High High-Tech Society

High High High-Tech Society

Unendlich viele Rentner unterwegs. Wer von ihnen nicht mehr laufen kann, besitzt zumindest ein E-Bike.
So außerordentlich schön der Bodensee ist, die Radfahrer machen ihn für jeden Wanderer zur Hölle.
Ein ständiges Klingeln, Rufen, aus dem Weg Scheuchen. Vor allem die Alten mit ihrem an Supermarkt-Kassen eingeübten Dauerdrängeln ließen mich ernsthaft über Kung Fu-Techniken, Stock in Speichen Schlagen und heimlich Reiszwecken in die Fahrbahn ausstreuen nachdenken.

Massen-Migration

Massen-Migration

Der Weg nach Lindau ist anscheinend besonders beliebt. Dabei war nicht einmal Wochenende. Senioren-Sommer eben!

Ich setzte mich entnervt kurz ans „Malereck“ und ließ die Horde mit ihren Elektromotoren hinter mir vorbeisummen und -klingeln.

Guter Landschaftsarchitekt

Guter Landschaftsarchitekt

Bei Nonnenborn zum letzten Mal auf meiner Tour das Bundesland gewechselt! Wieder in Bayern!

Unübersehbar. Sofort Bildstöcke am Wegrand.

Es wird bayerisch

Es wird bayerisch

Nach 8 Stunden die Schein-Insel Lindau über die erste Landbrücke betreten.
Biergartenwetter.

Linda

Linda

Durst: Leibinger Hefeweizen. Ist verdammt gut die Kehle hinunter gelaufen. (Ravensburger Brauerei, seit 1894.)

T173-Bier-01

Hunger:
Zander mit Zitronensauce und Kapern. Gut zubereitet. 17,50 Euro.

T173-Essen-01

Den Tag erst am Hafen, dann in einer Musikkneipe ausklingen lassen. Eine Vietnamesin sang klassischen Pop und Folk.
Sie hatte ein ansteckendes Lachen.

Capri kann nicht schöner sein

Capri kann nicht schöner sein

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Ein mit Frühling geschmückter Weg nach Groß Neuendorf

Zeige deine Hände

Ich habe schon verbrannte Menschenkörper gesehen (im Bürgerkrieg in Haiti) und diese angekokelten Handschuhe kamen dem sehr nah. Ich erschrak mich.

Das Bild passte zur Situation. An diesem Ort, an dem jemand kürzlich ein Lagerfeuer entzündet hatte, befand sich einst das historische Zentrum von Küstrin. Lange war Küstrin die Hauptstadt der Neumark gewesen. Mit wunderschönen Bauten.

Heute ist die Altstadt ein Trümmerfeld. Immer noch. Zu Kriegsende während einer 3monatigen Belagerung durch die Rote Armee vollständig zerschossen. Nach dem Krieg ließ dann die polnische Regierung die alten Steine nach Warschau karren, um mit ihnen die Hauptstadt wieder aufzubauen.

„Polnisches Pompeji“ wird Küstrin genannt. (Müsste es nicht „Deutsches Pompeji auf polnischem Boden“ heißen?)

Polnisches Pompeji

Ein paar Straßen sind wieder gepflastert. Gespenstisch die Stimmung. Wiesen und Bäume, wo einst mehrstöckige Häuser dicht an dicht klebten, Menschen an Geschäften vorbei flanierten und Autos knatterten.

Gras wächst über keiner Geschichte

Stehengeblieben sind nur einige wenige Teile der berühmten Festung (in der einst der Große Fritz inhaftiert war und sein Jugendfreund Katte hingerichtet wurde).
Zumindest die Fassade ist wieder restauriert.

Im Bombenfest bombenfest. (Der Kalauer musste sein!)

Um 10 Uhr morgens dann von der Trümmerlandschaft zu meinem Tagesziel aufgebrochen: Groß Neuendorf auf der deutschen Oder-Seite. Ca 28 km entfernt.
(Entlang des polnischen Ufers lag das nächste Dorf mit Unterkunft einfach zu weit weg.)

GPS-Gesamtstrecke bis 056

Der Morgen kämpfte noch mit Nebel und Wolken.

Welch herrlicher Fluss ist die Oder

Altarme (passt auch in anderem Sinn: alt und arm)

Aber schon bald wurde es fast hochsommerlich.
Der Frühling begleitete mich mit herrlichen Temperaturen.

Ich lief den Oder Damm entlang. Stundenlanges Geradeauslaufen. Ab und zu überholten mich – dort wo der Weg geteert war – ein paar Fahrradfahrer. Meist Paare. Entweder ein in die Jahre gekommenes Ehepaar (das dann später im Restaurant eine Anschweigetherapie machte) oder eine ca. 50jährige Frau mit ihrer über 70jährigen Mutter (die später im Restaurant unentwegt gesprächstherapeutisch schnatterten, um irgendetwas zu „klären“).

Auf der anderen Seite des Damms schöne Kulturlandschaften in Gelb getaucht.

Wenn nur der käsige Raps-Geruch nicht wäre

Fenster aufmachen und Lüften nutzt hier ja auch nichts!

Gegen 18 Uhr erreichte ich Groß-Neuendorf. Ein kleines ehemaliges Fischerdorf, das heute fast ausschließlich vom Fahrradweg Neiße-Oder und den Sommerfrischlern lebt. Sogar ein Hotel gibt es: ein altes Maschinenhaus, zur Bettenburg umgewidmet. Schön!

Ungewöhnlich

Durst: Erdinger Hefeweizen (3,50 Euro).

Hunger: Forelle Müllerin mit Kräuterkartoffeln. 12,50 Euro. (Forelle war frisch und auf den Punkt gegart. War mit Petersilie gefüllt, die erst zum Schluss ihr Aroma auf den Fisch übertrug. War insgesamt gut, hatte aber unterwegs schon bessere gegessen.)

Unterkunft: teuer!

Nicht schon wieder: Auch Leopold will mit bis nach Obernzell!

Erster Nieseltag. Luft dauernass. Halb neun losgegangen. Froh, dass ich mal einen Tag wandern konnte, ohne einen neuen Begleiter. Meine Familie hatte ich in einem speziellen Fach im Rucksack verpackt. Die Quälgeister hatten es kommod. Ich hatte (endlich) meine Ruhe.

Wollte nicht zu weit gehen, knapp 17 km bis Obernzell an der Donau.

GPS-Gesamtstrecke bis 007

Der Weg entlang der schönen grauen Donau eher langweilig. Direkt neben einer Bundesstraße. Aber immerhin am Ufer entlang. Ab und zu tuckerte ein Frachter vorbei.

Donau Uferstraße

Donau-Verkehr

Unterwegs: Häuser wie eine Warnung: „Wenn du weitergehst, mach dich auf härtere Zeiten als bisher gefasst!“ Private Trutzburgen, in denen Menschen mit Panzerhäuten leben mussten, die sich maximal via Satelittenschüssel am sozialen Leben beteiligen. Selbst der Wind fühlte sich hier kälter an.

Trutzburgen mit Sat-Empfang

Kann wohnen schöner sein ?

Die Sonne brach noch einmal minutenkurz durch die Wolken. Eine Wegkreuzung und plötzlich stand Leopold da mit seiner Kuh. Ich wollte ihm ausweichen, er sah aus wie deppert: Mitten im Winter mit kurzen Lederhosen, Sepplhut und Kalb(?). Ich hatte allerdings Mitleid, half ihm über die Straße und das interpretierte er als Einladung mit mir zu ziehen.

Leopold will eigentlich Anzüge mit Krawatte tragen.

Ich fragte ihn nach seinem komischen Outfit, direkt wie aus einem Souvenirladen aus der nahen Stadt Passau. Leopold erwies sich als pfiffiges Bürschchen. Damit verdiene er sich ein paar Euros. Die Amerikaner wollten das so, sie zahlten auch gut für ein Foto. Eigentlich würde er lieber in einem Anzug herumlaufen wie ein Rechtsanwalt, ein Professor oder ein Banker. Aber er brauche Geld und mit seiner Tracht ließe sich doch einiges verdienen.

Ich fragte ihn, warum er überhaupt arbeite, warum er nicht zur Schule ginge und was seine Eltern dazu sagten.

Leopold erklärte mir dann das Übliche. Vater Bauer, der über „Bauer sucht Frau“ eine Maid gefunden hatte, die sich gut bezahlt schwängern ließ, nach der Geburt Fersengeld gab und zur nächsten Show pilgerte. Der Vater jetzt Alkoholiker, Assi-Poldi, der ihn schlug. Also sei er selbst abgehauen und habe sich im „Tourismus/Souvenirhandel“ selbständig gemacht. Sein Traum sei Arzt, Apotheker, Professor – auf jeden Fall irgendwas mit Anzug zu werden.

O.k.

Wieder ein Problem am Hals. Die Familie wuchs.

Obernzell kündigte sich mit den ersten Häusern an. So verlassen wie die ganze Dorfstraße.

Glanz vergangener (Geschäfts-)Jahre

Das Dörfchen hatte mal goldene Zeiten erlebt. Hier legten bis vor 200 Jahren die Donauschiffe aus dem Süden der K. und K. Zeit an. Hier stiegen die Passagiere auf Kutschen um. Goldene Epoche. „Es iss vorbeii, ois vorbei“ (Copyright Wolfgang Ambros).

Ich fand ein wunderbares ehemaliges K. und K. Hotel. Alte Post. Einstige KutschenumstiegsStation. Jetzt von zwei älteren Damen betrieben. Liebevoll konserviert. War der einzige Gast (für Leopold musste ich nicht extra zahlen, für die Kuh (Kalb?) auch nicht).

Im Dorf gibt es etwa ein halbes Dutzend Kneipen. Bis auf eine alle zu. Es war Montag und zudem keine Saison. (Saison ist Sommer, wenn tausende Fahrradfahrer über den internationalen Fernweg nach Süden rauschen.)

Mit Bier zieht man Kinder groß!

Durst:
Helles, Innstadt Brauerei (Passau) 2,40 Euro. Allerwelts-Helles, aber billig.

Ich war früh in Obernzell angekommen (so gegen 15 Uhr) und hatte Stunden damit verbracht, eine offene Gaststätte zu finden. Entsprechend groß war der Durst. Drei weitere Halbverdurstete im Gasthof. Sprachen die ganze Zeit über drei Angler, die gestern auf einem nahen Weiher in einem Boot bei etwas Wind verunglückt und zwei davon ersoffen waren. (Können Angler eigentlich nicht schwimmen?)

Der Hungrige verschlingt alles

Hunger: Waidlertopf mit Stockpilzen (Reh-, Hirsch- und Wildschweinfleisch mit Knödeln, Preiselbeeren und Gemüse), 11,60 Euro. Fürchterliche Mehlsauce. Fleischsorten waren nicht unterscheidbar. Aber egal. Riesenhunger und sonst gab es nichts im Dorf. Bin zufrieden in mein Privathotel getapert.

Brauch bald ein Doppelbett für meine Familie

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück und Gespräch mit zwei herrlichen älteren Damen, die aus München stammten, das Hotel aber seit Jahrzehnten(?) managten).