Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

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Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

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Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

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Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).

„Ras-Pudding“ will mich über die Grenze bis ins tschechische Marienbad schleusen

Ich habe mir eine heftige Erkältung zugezogen. Ich krächze mehr, als dass ich rede. Ich fragte meine Wirtin, ob es im Städtchen nicht eine Apotheke gäbe oder einen Heilkundler. Einen Dorf-Rasputin vielleicht. Sie wiederholte das Wort auf ganz eigene Weise: „Ras-Pudding“ und meinte gleich, der habe doch gestern die Russlandwahl gewonnen.

War zwar nur Putin (sie korrigierte sich und sprach ihn „Pudding“ aus), aber sie konnte mir nichts anderes anbieten als einen Tee.

Okay.

Ras-Pudding mit TeeSack

Keine Ahnung, ob ich Halluzinationen hatte (nach den langen Wandertagen wäre das nicht verwunderlich). Aber Ras-Pudding strunzte im Teeglas.

Auch wenn er mir höchst unsympathisch war, ich steckte ihn in meinen Rucksack (also doch keine Einbildung!). Ich hatte unterwegs bislang noch keiner Kreatur Beistand versagt.

Heute war es mehr eine Tour zum gemütlichen Auslaufen. Nach Marienbad in Tschechien. 23 km. Aufbruch um 10 Uhr. Sonnig, aber bitter kalt.

GPS-Gesamtstrecke bis 026

Die Grenzstation war nah und schnell durchschritten. (Der Blog-Titel stimmt ja überhaupt nicht. Ras-Pudding musste mich gar nicht irgendwohin schleusen. Wir leben in einem freien(!) Europa, auch wenn er als lupenreiner Demokrator das nicht verstehen will.)

Früher schlummerten hier Zöllner, heute die leeren Zollhäuschen

Ein bisschen der Landstraße folgen (das erste Gebäude auf tschechischer Seite war natürlich ein „Etablissement“), dann schnell weg von der Hauptstraße, links ab ins Gebüsch. Will sagen, in ein kleines, meist geteertes, oft auch etwas matschiges Sträßchen, das durch kleinste Dörfer Richtung Marienbad führte.

So in etwa sieht ein Böhmer-Wald Dorf aus

Ein paar liebevoll gepflegte Anwesen, neben vielen verlassenen und zerfallenen.

Bus-Haltestellen werden auch nicht wirklich instand gehalten.

Zwischendurch eines der in Tschechien eher seltenen Wegkreuze. Allerdings ohne Kreuz. Hatte Kuno, mein Ritter, also doch recht, dass es Weg-Kreuz-Wilderer gibt?

Sockel ohne Sinn

Oder ist der Gekreuzigte nach dem Krieg zusammen mit den Sudetendeutschen gleich mit vertrieben worden? (Der kannte die Geschichte der Vertreibung ja schon aus Erzählungen seiner Mutter.)

Ich setzte mich kurz in eine Wiese, um mir einen verdammten kleinen Splitter aus der linken Fußsohle zu ziehen. (Keine Ahnung, wo ich mir den eingefangen hatte).  Bei der Gelegenheit ließ ich Ras-Pudding einmal kurz Luft schnappen.

Und erneut glaubte ich einer Halluzination aufzusitzen. Plötzlich hatte mein Demokrator rote Haare:

Raspudding verkleidet sich gern

Ich musste blinzeln –  erst dann bemerkte ich den Trick. Ras-Pudding ist eigentlich ein Bajazzo. Nach vorne zeigt er Krawatte, aber im Kern ist er ein Kaiser ohne Kleider, ein alter Clown, der sich von noch älteren Narren steuern lässt.

Clown und Lehrmeister

Ich spürte, dass sich in meinem Rucksack etwas bewegte. Kuno, mein Ritter, suchte seinen Spieß. Offenbar wollte er Ras-Pudding ans Leder. Kuno hat eine altertümliche Vorstellung von Ehre und Aufrichtigkeit. Er ertrug dieses Schauspiel offensichtlich nicht. Ich schnürte den Sack zur  Sicherheit noch ein bisschen fester zu. Zoff konnte ich jetzt nicht gebrauchen.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich gemütlich schlendernd Mariánské Lázně (Marienberg). Ich unternahm nichts bis in die Nacht.

Putten, Buben, Mädchen, Geschlechtsneutral ?

Dann aber überwältigte mich Durst und Hunger.

Durst: Budweiser (gut wie immer) (1,40 Euro).

Hunger: Nadelspieß (= Am Spieß gegrillte Schweinelendchen, Speck, Schweinskarree, und Bratwurst). Schmeckte nach offenem Grill, deftig und war gut gewürzt. Mit Bratkartoffeln. Sehr zufrieden. 9 Euro.

Bis auf die letzte Faser verputzt !

Auf einmal ein Schrei! Ras-Pudding bekam sich nicht mehr ein.

Er war mir ins Restaurant gefolgt, ohne dass ich es gemerkt hätte. Und er wiederum hatte nicht mitbekommen, dass auch Kuno ihm aus dem Hotel nachgeschlichen war.

Kuno hatte sich, kaum dass ich angefangen hatte meinen Nadelspieß zu verputzen,  einen Zahnstocher gegrabscht und Ras-Pudding aufgespießt. Trug ihn wie ein Banner auf dem Tisch herum. Ganz offensichtlich hatte sich Kuno der Occupy-Bewegung angeschlossen und war kurz davor, die Zweite Russische Revolution auszurufen.

Das (Ritter)Volk weht sich !

Ich hatte Mühe, die beiden wieder zu trennen und mit mir zurück ins Hotel zu bringen.

Komischerweise konnten sie dann doch einigermaßen friedlich einschlafen

Eurozwerg Stefan führt mich in den Zieleinlauf nach Furth im Wald

Tag 21 meiner Wanderung. Schlusstag. Ziel in Sicht. Gerade mal 16 km entfernt: Furth im Wald auf der deutschen Seite. Gemütliches Auslaufen. Start 9 Uhr 30, Ankunft 13 Uhr 30.

GPS-Gesamtstrecke bis 021

Direkt an der Grenze erwartete mich Euro-Zwerg Stefan. Er war aus irgendeinem böhmischen Gartenidyll entlaufen und wollte sich an meiner Foto-Tour beteiligen.
Er stellte mir noch ein paar schöne Aufnahmen in Aussicht, zu guter Letzt.

Euro-Zwerg

Zu viel versprochen. Vielleicht lag es an meinen müden Augen, aber ich entdeckte kaum noch ein Motiv. Wollte ankommen.

Links lag der Bayerische Wald, den ich hinter mir gelassen hatte.

Weit weg die großen dunklen Berge

Rechts begann der Oberpfälzer Wald, ein weiteres Mittelgebirge, das ich aber jetzt nicht mehr in Angriff nehmen werde.

Schon nah, das nächste (aber nicht mehr so hohe) Mittelgebirge

Ich war müde.

Ob so ein Mensch nach 21 Tagen Wandern stinkt ?

Seltsamerweise geschieht mir das immer auf der Wanderung. Ich kann stundenlang gehen, meine Füße schreiten Schritt für Schritt, es tut nicht weh. Auch nicht nach acht Stunden. Doch sobald ich das Ziel sehe, und seien es nur noch zwei Kilometer, verlassen mich die Kräfte und der Weg wird mühsam, manchmal zur Qual. Dabei hätte ich gedacht, dass der Körper zum Schluss noch einmal alles mobilisiert, um endlich an die Tränke zu kommen. Bei mir verhielt es sich umgekehrt.

So war es auch heute. Das Ziel vor Augen fühlte ich mich ausgebrannt, bewegte mich immer langsamer.

Ob ich so jemanden in meinem Auto mitnehmen würde ?

Ankunft dann Gott sei Dank nicht zu spät.

Durst: Helles. Further Hofbräu. Durchschnittsbier (gehört wohl der Dimpfl-Gruppe?).

Hunger: Maronensuppe mit Rothirsch-Pflanzerl (Ein Genuss! Feinste Schaum-Suppe und fantastischer Geschmack der Wild-Frikadellen). 4,90 Euro.

Endlich mal wieder ein kulinarisches Highlight. Schon Beim Lesen der Speisekarte beschloss ich, den Geldbeutel weit aufzumachen.

Hauptgericht: Zweierlei vom Fasan mit Perigord-Trüffel und Kartoffel-Kürbis-Püree. (Klasse, sehr schmackhaftes Püree, Fasan war sehr gut. Trüffel – naja – bin da kein Kenner, überzeugten mich nicht wirklich.) 22 Euro.

Unterkunft mit Frühstück: 34 Euro.

Zum Schluss noch einmal meine versammelte Familie: Die Rasselbande hatte sichtbar Spaß gehabt und freut sich jetzt, mein Zuhause kennen zu lernen.

Dort angekommen, werde ich dann – bei einer guten Fasche Rotwein – Bilanz der ersten Etappe meiner Grenzwanderung ziehen. Ich habe schon Lust auf die zweite!

Marie unternimmt mit mir einen Marathon bis Vseruby

Mal wieder früh aufgebrochen. Halb neun. Die Sonne konnte sich nicht entscheiden Licht oder Schatten zu schicken. Zelezna Ruda im Tiefschlaf. Die Berge eingeschneit. Der Schnee allerdings nass. Er lastete bleischwer auf den Feldern und auch auf mir. Seltsam, dass ein Landschaftseindruck sofort auf‘s Gemüt schlägt. Sehen die Augen vielleicht gar nicht, sondern fühlen?

Die ersten zwei Stunden ging es nur bergauf. Immer der Straße folgend (auf denen nur wenige Autos fuhren). Bis auf einen Pass in etwa 1.150m Höhe.

Behmischer Wald so scheen wie Bairischer Wald

Ab dann führte der Weg steil bergab.

Von nun an ging’s bergab

Eigentlich hatte ich mir zum Ziel gesetzt, etwa bis Mittag zu wandern und mir dann eine Herberge zu suchen. Aber der Tag wurde zunehmend schöner, das Marschieren fiel mir ausgesprochen leicht und ich lief einfach drauf los, bis es plötzlich keine Unterkünfte mehr gab (weil kein Touristengebiet) und sich die Tour zur bisher längsten meiner Grenzwanderung auswuchs. Am Ende (sich quälend hinziehende) 41 km bis Vseruby.

GPS-Gesamtstrecke bis 020

Das Tal tief eingeschnitten. Auf niederen 550 m praktisch kein Schnee mehr. Kahle Felder. Sonst nichts. Aber schöne weite Blicke.

Farben am grauen Tag

Und Gartenzwerg-Idylle. Eigenartig, dass es offenbar nichts Europäischeres gibt als Gartenzwerge. Auf all meinen Wegen (Österreich, Bayern, Tschechien) sind sie mir bisher begegnet. Europa als Zwergenvereinigung.

Wo die ganzen Zwerge nur geboren werden ?

Die Weiler unterwegs winzig. Ein paar Höfe. In einem dieser Dörfchen: Ein fast verschämtes Gedenken an das Leid, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg über Böhmen gebracht hatten.

Verschämtes Gedenken

Welch ein Kontrast zum großspurigen, triumphalistischen „Helden“-Gedenken in vielen Ortschaften des Bayerischen Waldes. Dort: Immer noch feinst gepflegteste Kriegs-Denkmal-Anlagen. Hier: Trauriges und verschämtes Vergessen des eigenen Leids. Vergessen die Opfer.

Die Deutschen werden gebraucht. Die tschechische Wirtschaft boomt, aber sie hängt symbiotisch von der deutschen ab. Die Nachbarn bringen das Geld. Auch in kleine Grenzdörfer.

Wieder eines dieser Lust-Häuser mitten in der böhmischen Pampa.

House of the rising sun

House of the fallen girls

Das Grenzgebiet gleicht einem großen Service-Gelände für Verdruckste, die sich Zuhause schämen und hier gutbayerisch und hemmungslos die Sau rauslassen.

Marie, die mich in einem Asia-Shop angesprochen und die ich einfach mitgenommen hatte, hatte ich vorsorglich die Augen verbunden. Wollte sie nicht allzu sehr schocken. Sie hatte mit ihrem Leiergesang auch etwas von der Heilsarmee.

House of hope

In jedem bayerischen Souvenirshop findet man traditionelle Figürchen wie den Sepp mit Sepplhut, die Resi als Oktoberfestbedienung mit einem halben Dutzend Maß Bier usw.. Diese Souvenirs sind (nicht nur für Touristen) so etwas wie Charakterbilder des Deutschen. (Auch wenn diese Figuren manchmal wie Karikaturen wirken.) Auf tschechischer Seite nichts dergleichen. Nur internationaler Kitsch-Klimbim (in Asien gefertigt). Bin noch nicht schlau geworden, über was sich in dieser Gegend Tradition und Selbstverständnis manifestiert (außer über das allgegenwärtige „Pilsner Urquell“).

Noch ein Unterschied. Die Wegkreuze. Es gibt sie auch im vorwiegend atheistischen Tschechien. Aber in jämmerlichem Zustand. Seit Jahrzehnten offenbar nicht mehr gepflegt.

Wegkreuz

Die Nacht kam schneller als erwartet. Plötzlich ein langer gemeiner Anstieg, der mir die Luft nahm.

Gemeiner Anstieg

Wetterleuchten in der Ferne um das Arber-Massiv auf deutscher Seite.

Tag lehnt sich gegen Nacht auf!

Hier erst wurde mir klar, dass ich nun den Bayerischen bzw. Böhmischen Wald endgültig überwunden und den (beginnenden) Winter bezwungen hatte. Ich näherte mich dem Ende meiner ersten großen Etappe. Auch wenn das Tagesziel, Vseruby, immer noch weit entfernt lag. Anstrengende zweieinhalb Stunden weg.

Tag verliert gegen Nacht

In schwärzester Dunkelheit kam ich dort gegen 18 Uhr 30 an.
Durst: Ein sehr gutes Budweiser! (Das Echte !) Erfrischend. 1,50 Euro.

Und noch eins!

Hunger: Teufelsklaue (Schweinegeschnetzeltes mit sehr scharfer Sauce und Bratkartoffeln). Fantastischer Geschmack. Gut gewürzt. Große Portion. 5,50 Euro.

Unterkunft: 22 Euro (mit Riesen-Frühstück). Was hatte ich ein Glück, mitten in der Nacht eine einzig verfügbare Herberge gefunden zu haben. Und noch so eine gute!