Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!

„Ras-Pudding“ will mich über die Grenze bis ins tschechische Marienbad schleusen

Ich habe mir eine heftige Erkältung zugezogen. Ich krächze mehr, als dass ich rede. Ich fragte meine Wirtin, ob es im Städtchen nicht eine Apotheke gäbe oder einen Heilkundler. Einen Dorf-Rasputin vielleicht. Sie wiederholte das Wort auf ganz eigene Weise: „Ras-Pudding“ und meinte gleich, der habe doch gestern die Russlandwahl gewonnen.

War zwar nur Putin (sie korrigierte sich und sprach ihn „Pudding“ aus), aber sie konnte mir nichts anderes anbieten als einen Tee.

Okay.

Ras-Pudding mit TeeSack

Keine Ahnung, ob ich Halluzinationen hatte (nach den langen Wandertagen wäre das nicht verwunderlich). Aber Ras-Pudding strunzte im Teeglas.

Auch wenn er mir höchst unsympathisch war, ich steckte ihn in meinen Rucksack (also doch keine Einbildung!). Ich hatte unterwegs bislang noch keiner Kreatur Beistand versagt.

Heute war es mehr eine Tour zum gemütlichen Auslaufen. Nach Marienbad in Tschechien. 23 km. Aufbruch um 10 Uhr. Sonnig, aber bitter kalt.

GPS-Gesamtstrecke bis 026

Die Grenzstation war nah und schnell durchschritten. (Der Blog-Titel stimmt ja überhaupt nicht. Ras-Pudding musste mich gar nicht irgendwohin schleusen. Wir leben in einem freien(!) Europa, auch wenn er als lupenreiner Demokrator das nicht verstehen will.)

Früher schlummerten hier Zöllner, heute die leeren Zollhäuschen

Ein bisschen der Landstraße folgen (das erste Gebäude auf tschechischer Seite war natürlich ein „Etablissement“), dann schnell weg von der Hauptstraße, links ab ins Gebüsch. Will sagen, in ein kleines, meist geteertes, oft auch etwas matschiges Sträßchen, das durch kleinste Dörfer Richtung Marienbad führte.

So in etwa sieht ein Böhmer-Wald Dorf aus

Ein paar liebevoll gepflegte Anwesen, neben vielen verlassenen und zerfallenen.

Bus-Haltestellen werden auch nicht wirklich instand gehalten.

Zwischendurch eines der in Tschechien eher seltenen Wegkreuze. Allerdings ohne Kreuz. Hatte Kuno, mein Ritter, also doch recht, dass es Weg-Kreuz-Wilderer gibt?

Sockel ohne Sinn

Oder ist der Gekreuzigte nach dem Krieg zusammen mit den Sudetendeutschen gleich mit vertrieben worden? (Der kannte die Geschichte der Vertreibung ja schon aus Erzählungen seiner Mutter.)

Ich setzte mich kurz in eine Wiese, um mir einen verdammten kleinen Splitter aus der linken Fußsohle zu ziehen. (Keine Ahnung, wo ich mir den eingefangen hatte).  Bei der Gelegenheit ließ ich Ras-Pudding einmal kurz Luft schnappen.

Und erneut glaubte ich einer Halluzination aufzusitzen. Plötzlich hatte mein Demokrator rote Haare:

Raspudding verkleidet sich gern

Ich musste blinzeln –  erst dann bemerkte ich den Trick. Ras-Pudding ist eigentlich ein Bajazzo. Nach vorne zeigt er Krawatte, aber im Kern ist er ein Kaiser ohne Kleider, ein alter Clown, der sich von noch älteren Narren steuern lässt.

Clown und Lehrmeister

Ich spürte, dass sich in meinem Rucksack etwas bewegte. Kuno, mein Ritter, suchte seinen Spieß. Offenbar wollte er Ras-Pudding ans Leder. Kuno hat eine altertümliche Vorstellung von Ehre und Aufrichtigkeit. Er ertrug dieses Schauspiel offensichtlich nicht. Ich schnürte den Sack zur  Sicherheit noch ein bisschen fester zu. Zoff konnte ich jetzt nicht gebrauchen.

Gegen 16 Uhr 30 erreichte ich gemütlich schlendernd Mariánské Lázně (Marienberg). Ich unternahm nichts bis in die Nacht.

Putten, Buben, Mädchen, Geschlechtsneutral ?

Dann aber überwältigte mich Durst und Hunger.

Durst: Budweiser (gut wie immer) (1,40 Euro).

Hunger: Nadelspieß (= Am Spieß gegrillte Schweinelendchen, Speck, Schweinskarree, und Bratwurst). Schmeckte nach offenem Grill, deftig und war gut gewürzt. Mit Bratkartoffeln. Sehr zufrieden. 9 Euro.

Bis auf die letzte Faser verputzt !

Auf einmal ein Schrei! Ras-Pudding bekam sich nicht mehr ein.

Er war mir ins Restaurant gefolgt, ohne dass ich es gemerkt hätte. Und er wiederum hatte nicht mitbekommen, dass auch Kuno ihm aus dem Hotel nachgeschlichen war.

Kuno hatte sich, kaum dass ich angefangen hatte meinen Nadelspieß zu verputzen,  einen Zahnstocher gegrabscht und Ras-Pudding aufgespießt. Trug ihn wie ein Banner auf dem Tisch herum. Ganz offensichtlich hatte sich Kuno der Occupy-Bewegung angeschlossen und war kurz davor, die Zweite Russische Revolution auszurufen.

Das (Ritter)Volk weht sich !

Ich hatte Mühe, die beiden wieder zu trennen und mit mir zurück ins Hotel zu bringen.

Komischerweise konnten sie dann doch einigermaßen friedlich einschlafen