Selbstportät mit Vogelscheuche unterwegs nach Carolinensiel

Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass es schneien sollte.
Es kam also nicht überraschend.

Wilhelmshaven tat es wenigstens gut: Die Stadt wechselte die Farbe von grau zu grauweiß. Immerhin.

Mein Hotel grenzte an die Fußgängerzone. Allerwelts-Allerlei-Architektur.
(Wer bringt endlich mal diese Städteplaner vor den Kadi?)

Graue Stadt geweißelt

Extrafrüh aufgestanden. Doch ich trödelte beim Frühstück (die redeselige Bedienung war schuld!), so kam ich erst gegen halb neun los. Es wurde gerade hell.

Mein heutiges Ziel: Carolinensiel. 38 km weit weg. Mir war klar, dass es verdammt anstrengend werden würde.

GPS-Gesamtstrecke bis 106

Rutschpartie. In und außerhalb der Stadt.
Die Gehwege meistens geräumt – und deshalb spiegelglatt! Matsch, der sofort überfror.

Gerade mit Schlangenlinien

Unterwegs langweilige Dörfchen, ab und zu mal eine wuchtige Friesenkirche.

Wuchtige Friesenkirche

Die Felder jetzt vogelleer. Dafür aber lustige Gestalten an Scheunen und auf der Flur.

KingKong vom Straßenbauamt

Mit Selbstauslöser schoss ich ein Foto von mir (Wer knipst mich sonst? Keine Menschenseele unterwegs!).

Selbstporträt

Irgendwann tauchte Hooksiel auf.

Hafen, weihnachtlich mit Puderzucker bestreut

Herausgeputzter kleiner Stadtkern.

Sagt man hier „schnuckelig“ ?

Mein Kreislauf bereitete mir Probleme, ich hatte letzte Nacht schlecht geschlafen, auf jeden Fall zu wenig. Ich überhitzte jetzt, das Atmen fiel mir schwer.
Ich beschloss, in eine Gaststätte zu gehen und eine kräftige Suppe zu essen. Obwohl mir eigentlich die Zeit fehlte.

Das Gasthaus: ein Traditionslokal, in dem es einen Stammtisch gab.
Um die Mittagszeit natürlich leer.
(Natürlich? Es war schließlich Samstag! Da wo ich herkomme sind die Stammtische an diesem Wochentag und zu dieser Uhrzeit besetzt!)

Brüder zum Bier zum Stammtisch

Äußerst eigenartig, dass in diesem gutbürgerlichen (was ist das eigentlich?) Lokal ein leicht bekleidetes Pin-up-Girl die Wand zierte.
Hier tritt bestimmt kein Katholik ein, um sein Samstagsbier zu leeren.

Brüder zur Sonne zum Strammtisch

Als ich das Restaurant verließ, rief mir jemand zu: „Ist er jetzt vorbei?
Wer? wollte ich erfahren.
Der Weltuntergang!

My friend!

Peer war Nachtwächter und hatte gestern den Auftrag erhalten, ein Boot im Hooksieler Hafen zu bewachen. Irgendwelche Spinner hatten herumgetönt, dass in der Nacht die Welt untergehen würde (Maya Hokusposkus); und ein paar weitere Esoteriker aus der Gegend – so behauptete der Besitzer – gedachten einen Kutter zu kapern, um ihn als Flucht-Arche zu benutzen.
Weder der Untergang kam vorbei, noch tauchten die befürchteten Spinner auf.

Ja, es ist vorbei! antwortete ich Peer und erlöste ihn. Ich packte ihn in meinen Rucksack (der immer schwerer wurde) und setzte meinen Weg fort.

Es würde ein langer Tag werden!

Schnee, Schneeregen, überfrierende Nässe, ständiges Rutschen auf den spiegelglatten Wander- und Fahrradwegen, Autos, die mich böse anhupten, wenn ich auf den Land-Straßen (die waren gestreut und nicht so rutschig) vor mich hinstapfte und schließlich die Nacht, die unerbittlich bereits am frühen Nachmittag das Licht ausknipste (Viertel vor fünf!). Ab und zu wiesen mir Auto-Scheinwerfer in der Dunkelheit den Weg nach Carolinensiel.

Dort schwamm mir ein beleuchteter Weihnachtsbaum durch den Alten Hafen entgegen.

Lichter Lametta

Ich muss furchtbar ausgesehen haben, als ich nach 38 Kilometern gegen 18 Uhr ausgemergelt, nass, durstig und hungrig an eine Hotelpforte klopfte.

Aber ich war stolz auf mich.

Durst: Jever Bier.
(Gesprochen „Jefer“! Im Friesischen ist ein „v“ ein „f“!)
Habe nicht gezählt, wie oft ich „Jefer“ bestellte.

Hunger: Cordon Bleu von Baby-Steinbutt. Gefüllt mit Räucherlachs und Käse, auf Rucola Spaghetti. Mit gemischtem Salat.
Teuer!

(Gut. Aber die Kombination passte eigentlich nicht wirklich: Parfümierte Spaghetti und Fisch harmonierten nicht.)

Peer machte sich derweil über die erzgebirgischen Nussknacker lustig.

Spaßvogel

Invasive Kultur!“ plapperte er.
Wo hatte er das aufgeschnappt?

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).

Pause machen beim Laufen bis Altenberg

Klingt komisch, war aber so. Ich war wieder einmal pausenreif, hatte aber keine Lust in Seiffen zu bleiben. Langweilig.
Also lief ich um 8 Uhr los und machte eine Gedankenpause, während meine Füße automatisch einen vor den andern setzten.
Ich dachte an nichts. Die ganze Wegstrecke.

GPS-Gesamtstrecke bis 039GPS-Gesamtstrecke bis 039

41 km bis Altenberg im Osterzgebirge. 9 1/2 Stunden.

Unterwegs nur vier, fünf Fotos.

Eine Talsperre:

Noch ist das Stauwasser gefroren

Ein typische Vorgarten-Idylle:

Ossis lieben Osterhasen

Auf dem Kammweg nach Altenberg (750m hoch):

Ein Gewitter baut sich schon auf!

Ankunft halb sechs. Die Sonne schien noch (wenn auch hinter Regenwolken versteckt). Die Tage wurden immer länger. Schön.

Zum Vergessen das Abendessen:
Sächsisches Zwiebelfleisch mit Prinzessböhnchen und Kartoffeln. So unscharf das Foto, so pampig das Ganze. (9,80 Euro.)

Durst: Rechenberger Pils. Private Traditionsbrauerei Meyer in Rechenberg-Bienenmühle. Seit 1558! (3,20 Euro (0,5l).)
Das Bier konnte meine Meinung über Erzgebirgsbiere auch nicht ändern. Sie löschen den Durst. Viel mehr aber nicht. (Liegt es am Hopfen? An der Brauart?)

Danach: Köstritzer Pils. War okay. (Geschichte lässt sich bis 1543 zurückverfolgen: Gründung der Köstritzer Schwarzbierbrauerei / Mittlerweile von Bitburger übernommen.)
Überhaupt scheint Schwarzbier im Erzgebirge fast noch beliebter als Pils zu sein. Muss es demnächst mal trinken (obwohl ich auf „Dunkles“ nicht so scharf bin). (3,20 Euro (0,5l).)

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Pink-Tramp will nach Dresden und macht mit mir einen Umweg nach Olbernhau

Der erste frühe Blick aus dem Fenster: Die Farbe Blau dominierte!
Endlich! Die Sonne hatte das Erzgebirge erreicht!

Ich brach um Viertel vor neun auf. Ich hatte mir einen langen Marsch vorgenommen. Mindestens bis Olbernhau.

Es wurden 44 mühsame, aber wohlgelaunte Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 037

Am Stadtrand von Annaberg sah ich ein verrücktes Huhn, das versuchte, Autos anzuhalten. Mit dem Daumen der rechten Hand nach oben.
Früher hätte man das „Trampen“ genannt. Aber den Autostop gibt es ja in Zeiten der Billigflüge nicht mehr und das Wort ist gleich mit ausgestorben.

Tramp-Vamp

Die junge Dame versuchte sich also im Hitchhiking (klingt auch antiquiert).

„Pinkie“ nannte sie sich und wollte nach Dresden. Das war im Prinzip sogar meine Richtung, auch wenn ich ein paar Mäander lief. Sie fand es „cool“, dass ich eine so lange Wanderung unternahm und schloß sich mir an (nur bis Dresden!). Autos hielten ja sowieso nicht, meinte sie: So wie sie aussehe.
Wie denn?, fragte ich.
Wie ein Assi“ ihre Antwort.
Quatsch!

Für mich war sie ein Tramp. Ein Pink-Tramp

In weiter Ferne jetzt schon der Fichtelberg, den ich noch vor 2 Tagen zusammen mit Oma Gerda schnaufend überquert hatte. Gut eingeschneit.

Wie harmlos sieht er von weitem aus!

Aber Schnee, das war gestern – heute war ein Frühlingstag.

Selbst die schwarzen Erzgebirgsdörfer schmiegten sich zahm an die Hänge und strahlten Wärme ab.

Wieviel freundlicher sähe das wohl mit roten Ziegeln aus ?

Die Wäsche auf den Leinen war ein untrügliches Zeichen, dass die Eiszeit vorbei war. Die erzgebirgische Hausfrau braucht dazu nicht Schwalben, nicht Spatzen, nicht zurückkehrende Kraniche!

Wer da normalerweise in den Klamotten steckt ?

Ich lief stundenlang durch Waldwege, Lieder summend. Ich spürte meinen Rucksack nicht. Ich dachte nichts. Ich sog die Sonnenstrahlen auf.

Plötzlich stoppten mich Warnschilder im Wald: „Betreten verboten!“ „Weiterlaufen verboten!“ „Der Staatsanwalt wird dich bis nach Hause verfolgen!“ „Strafrechtlich!“

Die Bundeswehr hat hier einen Schießübungsplatz, verlegt Probeminen, schießt scharf, praktiziert Krieg. Und wie in jedem Krieg, ist es für unbeteiligte Zivilisten am gefährlichsten. Ich stolperte also nicht ins Areal.

Hindukusch im Erzgebirge

Ich musste das weitläufige Gelände vollständig umlaufen. Vier Kilometer Umweg für die Landesverteidigung (oder geht es hier um Rettung des Hindukuschs?).

Pink-Tramp erzählte mir, dass sie auf eine Party wolle. In Annaberg sei nichts los, nur in den großen Städten. Alles, was jung ist, fahre an den Wochenenden dort hin… Ich hatte das schon gehört und ließ sie reden, ohne zuzuhören. Vielleicht merkte sie das, doch es störte sie nicht, sie plapperte weiter.

Auf 800 m Höhe gab es wieder Schnee, nicht viel, aber stellenweise knietief. Pink-Tramp nervte jetzt. Sie wollte schneller vorankommen und sank doch immer wieder ein.

Wir befanden uns in einem glitzernden Hochmoor. (Die „Mothäuser Heide“ ist Heimat der Kreuzotter, die lag (Gott sei’s gedankt) noch im Winterschlaf.)

Die Wege waren tückisch. Man sank in Schnee ein und stand im Wasser!

Pink-Tramp plapperte immer noch. Diesmal vom Wegfahren. Sie hatte Freunde in Berlin, alles Punks oder so. Die würden sie auf einen Trip nach Portugal mitnehmen.
Ich fragte sie, ob ihre Eltern früher – vor dem Fall der Mauer – auch gereist seien?
Keine Ahnung„, sagte sie. „Ich bin jünger als der Mauerfall“.
Fragst du nicht, wie es war – damals?
Nee„.

Und dann kam Pinke vom Weg ab und fiel prompt in eine tiefe Pfütze.

Tramp-Nixe

Komisch, dass ich erst jetzt bemerkte, dass Pink-Tramp Flossen hatte. Oder konnte sie Füße schnell in Flossen verwandeln?

Ich steckte das frierende Etwas in den Rucksack zu meiner Rasselbande und wanderte vergnügt weiter. Bis die Dunkelheit hereinbrach.

Ankunft in Olbernhau gegen 19 Uhr. Mit Glück ein schönes Hotel gefunden.

Durst: Pils Erzgebirgs-Premium 2,60 Euro (0,4).
Olbernhauer Brauerei (120jährige Tradition).
Löschte den Durst. Es fehlte aber etwas Besonderes. (Wie im übrigen viele Biere hier im Erzgebirge zwar süffig sind, schnell aber „lebsch“ werden (=fad). So ganz haben es die Sachsen noch nicht geschafft, an die glorreiche Tradition vor dem Krieg und der DDR anzuknüpfen.)

Hunger:
Erzgebirgische Waldpilzsuppe. Sehr fein! Herber Pilzgeschmack! Gut gewürzt. (4,20 Euro.)

Danach: Forelle Müllerin. (Frisch erschlagener Fisch. Das war zu schmecken. Zubereitung: eher Standard) (12,80 Euro).

Unterkunft: 47 Euro.

Pinkie-Socke

Pink-Trmp war immer noch nass und ich hängte sie zum Trocknen neben meine Hand gewaschenen Socken.
She was not amused.

Pause in Annaberg

Ruhe-Ort in ruhiger Stadt

Annabergs Zentrum ist wunderschön restauriert. Es gibt gut gemachte Museen (Bergbaugeschichte), Besucherbergwerke, eine sagenhaft schöne Kirche (spätgotische Hallenkirche) , eine fantastische Berglage (Toskana Dörfer könnten neidisch werden), tolle Kunsthandwerksgeschäfte, sogar ein, zwei wirklich gute Restaurants.

Dennoch ist Annaberg völlig tot.

Ich bin morgens auf den Marktplatz gegangen: Leer. Ich habe die kleine Fußgängerzone abgelaufen: Niemand in der Straße. Ich habe mich in Cafés gesetzt: Ich blieb allein. Das gleiche mit den Restaurants. Ab 8 Uhr abends sind alle entvölkert. Manche schließen sogar um diese Zeit.

Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Ich habe Kellnerinnen, Geschäftsleute, Museumsführer befragt. Alle meinten, es läge nicht an wirtschaftlicher Not. Die Leute gingen einfach nicht aus. Und zum Einkaufen führen sie in die großen Malls am Rand der Stadt. Die einzige Kundschaft seien Touristen, die sich aber auch nicht in großer Zahl nach Annaberg verirrten.

Seltsames Erzgebirge.

Personal Feelings

Hunger: Wiesentholer Pelzflasch (Schweinebraten mit gebratenen Pilzen, Sauerkraut und böhmischen Knödeln). 9,80 Euro.
Schmeckte zu Beginn überraschend gut. Mit der Dauer verlor die ungewöhnliche Zusammenstellung aber ihren Reiz und wurde geschmacklich eher langweilig.
Trotzdem gut, dass überhaupt Neues riskiert wurde.

Oma Gerda verliert die Orientierung und ich bringe sie bis nach Annaberg

Das erste Schneeglöckchen auf meiner Wanderung.

Tränenreicher Abschied von Breitenbrunn

Der Frühling kommt doch. Auch im Erzgebirge!

Aber welch eine Täuschung. Ich war um 9 Uhr aus Breitenbrunn losgelaufen. Richtung Rittersgrün. Und schon nach einer Stunde war ich wieder von Schnee umgeben. (Gar nicht zu reden vom Nebel und Sprühregen.)

Plötzlich sah ich Gerda. Sie saß am Wegrand und schien zu vespern. Auf jeden Fall hatte sie Kaffee und eine Brotzeit dabei.

Oma Gerda vespert

Sie machte einen etwas verwirrten Eindruck. Ich fragte, wie sie denn hierher gekommen sei. Sie erinnerte sich nicht recht daran, flüsterte nur, dass sie ihre Senioren-Reisegruppe verlassen habe und spazieren gegangen sei und nun nicht mehr zu ihrem Hotel zurückfände. Es gäbe ja auch keine Wegkreuze hier, wo sie sich orientieren könne. Das sei alles zu „protestantisch“ hier und überhaupt auch zu teuer.

Ich gab ihr recht. Ich hatte ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass zumindest Unterkunft und Bier deutlich höherpreisiger waren als in der Oberpfalz oder in Niederbayern etwa.

Gerda fragte mich, ob ich sie nicht in ihr Hotel zurückbringen könnte. Ich wollte keine Zeit verlieren und bot ihr an, sie bis Oberwiesenthal mitzunehmen und sie von dort mit dem Bus nach Breitenbrunn zurück zu schicken. Sie war einverstanden.

Es sollte meine bislang längste Wanderung werden. 43 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 035

Schon nach wenigen gemeinsamen Schritten mit Gerda fing diese an zu reden (und hörte nicht mehr auf bis….).

Ob ich wisse, dass hierzulande alle Kinder mit blauen Augen geboren würden?
Und dass Sterbende auch wieder blaue Augen bekämen?
Erst vor kurzem habe sie bei ihrer siechen Schwester gesehen, dass auch diese ihre Augenfarbe geändert habe – ins Blau. Kurz vor dem Tod.
Sie, Gerda, sei auch schon über 80.
Ob ihre Augen denn jetzt auch blau seien?
„Nein“, entgegnete ich, „Sie haben braune Augen!“
Das beruhigte sie ein wenig.

Ob ich wisse, fuhr sie fort, dass die Seele eine Haut habe? Diese Haut könne Narben bilden, bei Verletzungen. Sie fühle ihre Narben ganz deutlich.

Ich versuchte mir das vorstellen: Seele mit Akne, mit Neurodermitis, mit Geschwüren und kleinen Warzen, mit Hornhaut. Welche Berufsfelder, Industriezweige und Produkte könnten neu entstehen: Seelen-Dermatologe, Seelenhautcremes (für Tag und Nacht), Seelen-Sonnenschirme, Seelenhautkuren. Man könnte aus der Seelenhaut Stammzellen gewinnen, um ganze Seelen zu klonen.

Wir liefen zusammen philosophierend immer weiter in den dichten Nebel hinein.

Road to nowhere

Gerda gefiel meine Armbanduhr. Vor allem der Höhenmesser. Ich gab sie ihr, damit sie genauer die Anzeige studieren konnte, immerhin waren wir schon auf 1.093m Höhe angelangt.

Keine Schleichwerbung! Es geht um die Höhenanzeige!

Und es ging immer noch weiter bergauf. Wir waren am Fichtelberg. Der höchsten Erhebung des Erzgebirges.

Auf dem Pass imposante Schneeverwehungen.

Als wär

Unterwegs ein Berghof. Ein Junge hackte Brennholz und meinte lapidar: Auch wenn es im Tal schon 15 Grad habe, bis hier hoch komme der Frühling nicht so schnell.

Mit der Axt lässt sich kein Winter vertreiben

Schließlich erreichten wir Oberwiesenthal, die höchst gelegene Stadt Deutschlands. Berühmter Ski-Ort. DDR-Helden wurden hier geboren/berühmt. Ich sagte Oma Gerda, dass ich sie jetzt zum Bus zu bringen würde, mit dem sie zu ihrer Seniorengruppe zurück fahren könne. Aber Gerda fand mich nett, wollte bei mir bleiben.
So legten wir eine kleine Pause in einem schönen Café, das schon zu DDR Zeiten für seine Konditor-Kunst berühmt war, ein. Ich trank einen Grog und Gerda naschte den berühmten Spitzkuchen (Mandeln). „Wenigstens das können sie hier, die Protestanten!„, schnaufte sie.

Gerda knabbert sich wie ein Biber durch den Kuchen durch

Noch lag der anstrengendste Teil des Tages vor mir: 23 km bis Annaberg. Überwiegend an der tschechischen Grenze entlang. Sie war nur ein paar Meter entfernt. Ich packte Gerda in den Rucksack zu meinen anderen Gästen und marschierte los.

Ich hörte noch, wie Gerda Kuno fragte, ob er wisse ….

Ich schaltete innerlich ab und konzentrierte mich, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es gab keine andere Möglichkeit, als an der Bundesstraße entlang zu laufen.

Unterwegs ein paar Straßendörfer und (erstaunlicherweise) immer wieder mittelständische Betriebe. Anscheinend rappelt sich die Gegend wirtschaftlich doch etwas auf.
Auch wenn man es vielen Fassaden nicht ansieht.

Alte Propaganda

Keine Ahnung, was da für ein ausgestopftes Tier rechts unten in der Garage stand. Auch bei näherem Hinschauen konnte ich es nicht identifizieren.

Wolpertinger ?

Um 19 Uhr traf ich endlich im ziemlich dunklen Annaberg ein. Obwohl nicht kalt, war so gut wie niemand in den Straßen.
Ein Hotel war schnell gefunden.

Durst: Pils von Braustolz (2,80 Euro (0,5 l)). Gut. Oma Gerda fand es sogar „ziemlich“ gut.
Brauerei aus Chemnitz (seit 1868). Mittlerweile von Kulmbacher übernommen.

Oma Gerda genießt gerade das Leben

Hunger:
Vorspeise: Mit Thymianhonig gratinierter Ziegenkäse auf Rucola-Tomate (6,50 Euro).

Hauptgang: Erzgebirgische Pilzpfanne mit Zwiebel und Knoblauch. Dazu Böhmische Knödel (8,50 Euro). Sehr schmackhaft.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die Nächte werden langsam zu lebhaft – komm

(Ras-Pudding nähert sich langsam der Hüterin an, Kristyna ist erzürnt, Oma Gerda belabert Kuno und Oskar und Erika flöten sich an.)

Oskar bläst mir den Geburtstagsmarsch bis Breitenbrunn

Gottseidank liegt das Trommelfell einigermaßen geschützt

Das war unsanft, wenn auch gut gemeint. Schlag 7 in der Früh hatte sich Oskar an mein Ohr geschlichen und mir ein Ständchen trompetet. Oskar war, wenn auch reichlich jung, ein Erzgebirgs-Bergmann der alten honorigen Schule. Er wünschte mir zum Geburtstag „Glück auf!“

Was für ein schöner Gruß! Ich erinnerte mich, dass mir in den USA die Begrüßungsformel „You’re welcome“ das Land für immer sympathisch gemacht hat. (Egal wie oberflächlich es auch gewesen sein mag.)

Erster Blick nach draußen: Die protestantische Dorfkirche von Carlsfeld in Nebel und Sprühregen. (Obwohl der Wetterdienst anderes versprochen hatte!) Kein Geburtstagswetter.

Viele Kirchen sehen so zwiebelig aus - was ist das für ein Stil ?

Welch ein Unterschied die einfache Ansprache macht. In den katholischen Kirchen ist auf Latein ins Portal gemeißelt: „Tue Buße!“ Da kann man nur gebückt über die Schwelle schleichen. Auf den Portalen der griechischen Tempeln wird der Eintretende mit den Worten umschmeichelt: „Du bist willkommen!„. Was für ein Versprechen, das sofort gute Laune macht!

Glück auf“ – Ein GuteLauneGruß!

Er klang mir nach, noch als ich nach ausgiebigem Frühstück nach draußen aufbrach und den Kampf mit den (kleinen) Naturgewalten wieder aufnahm.

GPS-Gesamtstrecke bis 034

24 km war die heutige Strecke.

Erzgebirge: Aber es wird kaum noch Erz abgebaut. Die meisten Zechen sind geschlossen.

"Glück auf" wird hier nicht mehr gesagt

Oskar war ein wenig älter als 20. Seit seiner Kindheit hatte er in einem Bergmanns-Orchester gespielt. Er trug gerne die Parade-Uniform, auch wenn er in seinem zivilen Leben Klempner war. Er war Fan von Erzgebirge Aue und fand zur Zeit keinen Job. Er lebte von Hartz IV und Gelegenheitsarbeiten. Und er sprach nicht gerne. Er zeigte mir dafür ein Foto von sich: Er habe auch einmal für den Lafontaine ein Ständchen geblasen!

Ist das wirklich "der" Oskar?

Auf dem Rücken des Fastenberges: Johanngeorgenstadt. Nach dem Krieg wurde hier Uran abgebaut und die Umwelt ziemlich kaputt gemacht. Nach der Wende haben viele Betriebe schließen müssen, wer konnte, hat das Städtchen verlassen.

Plattenbauten verschönert

Auch ich wollte bloß schnell durch. Nur: Das Städtchen zog sich und zog sich. Die letzten Ausläufer in einem kleinen Tal.

Stadt ohne Herz

Direkt an der tschechischen Grenze.

First Exit: Asia Market

Vor dem Kreisel ist Deutschland. Hinter dem Kreisel beginnt Asien.

Der perfekte Supermarkt

Unfassbar, was diese Vietnamesen auf sich nehmen, um aus jedem noch so kleinen Grenzübergang einen großen Asia-Markt zu machen. Mit dem immer gleichen Sortiment.

Es gibt nur das, was der (deutsche) Kunde wünscht

Ich war froh, als ich endlich aus Johanngeorgenstadt draußen war.

Ich fragte Oskar, ob er wisse, warum so viele Städtchen, die ich im Vogtländischen und im Erzgebirge durchwandert hatte, kein wirkliches Zentrum hätten.
Er verstand meine Frage nicht.

Ich erklärte es ihm: Wenn ich in Ober- oder Niederbayern eine Unterkunft suche, steuere ich zielsicher den schon von weiten sichtbaren Kirchturm an. Daneben ist
a) der Marktplatz und
b) ein Landgasthaus. Das wichtigste Gasthaus des Dorfes.
In der Gaststätte gibt es immer einen Stammtisch und ich kann damit rechnen, wenigstens mit ein zwei Menschen sprechen zu können. Hier aber gab es das nicht. Die Kirchen weit weg von der Ortsmitte. Neben der Kirche kein Gasthaus. Und einen Stammtisch suchte ich bisher auch vergebens.

Ich wollte von Oskar wissen, ob das mit der Religion zusammenhänge. Ob die Protestanten nach der Messe (zumindest früher) nicht ein Bier trinken wollten?
Oskar schaute mich einigermaßen konsterniert an. Er hatte keine Ahnung.

Oder – bohrte ich weiter – hatte es mit der DDR zu tun? Stammtische sind politisch, sind manchmal wie kleine Versammlungen. War das nicht gewünscht?
Oskar war zu jung, um darüber reden zu können und wurde langsam auch mürrisch.

Oder war es eine Mischung aus allem: Protestantismus, die Deutsche Demokratisch Republik, der „freie“ Menschenansammlungen suspekt waren, und eigenbrötlerisches Bergvolk?
Ja„, sagte Oskar plötzlich, wie um die einseitige Diskussion zu beenden: „Bergvolk!“ „Die Erzgebirgler sind knausrig, sie geben nicht gerne Geld aus. Deswegen gehen sie auch nicht in die Wirtschaft„.

Wäre zumindest eine Erklärung, warum die wenige Kneipen, die es gibt, auch noch leer sind.

Ich bog von der Straße ab in einen Waldweg. Seit langer Zeit konnte ich endlich wieder einen richtigen Wanderweg begehen. Obwohl fast 700m hoch, lag hier überraschenderweise kein Schnee mehr.

Schland undenkbar ohne Wald

Nach einigen Kilometern sah ich meinen Zielort: Breitenbrunn. Herrlich an einem Hang gelegen.

Ankunft gegen 16 Uhr.

würd' das gerne mal im Sommer sehen

Durst: Mauritius-Pils (2,40 Euro (0,5l). Schmackhaft, sehr süffig. (Zwickauer Privatbrauerei. Seit 1859.)

Hunger: Die Speisekarte gab leider kein wirkliches Geburtstagsmenu her. Also wählte ich das Typischste: Rindsroulade mit Rotkohl und Kartoffelklößen. (8,50 Euro.) War so „la la“. Immerhin spielte mir Oskar noch einmal auf. Das entschädigte mich. Zum Schluss schmiss ich eine Blutwurz-Runde für meine Rasselbande.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Sie waren hellwach und verlangten nach mehr Kräuterschnaps

Muck will nicht nur bis Neuschönau mit mir wandern

Tag 13 meiner Wanderung.

Habe mich längst daran gewöhnt, unterwegs niemanden zu treffen, mit keiner Seele zu sprechen. Genieße es sogar. Die Zeit ist einfach nicht danach: Zu nasskalt, zu unfreundlich. Deutschland im Winter eben. Abends mit ein paar Stammtischbrüdern das Immergleiche bequatschen ist okay. Wenngleich komischerweise nie über Politik gesprochen wird. Finanzkrise weit weg.  Da, wo ich gerade herumtappe, sind die Menschen mit sich eins. Obwohl gar nicht so weit entfernt von der Tschechischen Grenze, spüre ich überhaupt nichts von einer anderen „Färbung“ in der Mentalität. Alles ist echt niederbayerisch, langsam, verdruckst, ehrlich. Wenn ich mal auf einer Straße laufen muss, sehe ich nie tschechische Kennzeichen. Deutscher/Deutsche Mann/Frau ist hier unter sich – und wartet auf Weihnachten und auf die Touristen. Ich empfinde keine Heile Welt, sehe, dass hart gearbeitet wird (besser: höre, wenn abends in der Wirtschaft über das tägliche Geschäft gesprochen wird: Preise für den Ster Holz, den Quadratmeter Fliesen, den Reifenwechsel, den Hektar Land, sogar für die Weihnachtsgans). Frauen kommen nur in die Wirtschaft mit Familie oder in (Weihnachtsfeier-)Gruppen. Die meisten singen dann (Kirchenchöre scheinen hier das Nonplusultra der Unterhaltung zu sein). Die niederbayerische Kneipe ist männlich und ziemlich dickbäuchig.

Apropos Bauch: Meinen Wampenansatz hab‘ ich längst verloren. Der Körper weiß, woher er die Energie nehmen muss und saugt mir das Fett von den unteren Rippen. Gut so. Noch eine Woche mehr und ich hab mein altes Kampfgewicht wieder!

Das geht umso schneller, je mehr ich Wanderwege laufe, die entgegen den Verheißungen der Prospekte nicht Winter-geräumt sind. Schön, in zugeschneiter Natur zu laufen, aber auch heftig anstrengend.

Blauer Weihnachtsmann stapft durch den Wald

Seit Tagen das gleiche Bild:  Stämme im Schneenebeldunst samt Nieselregenschleier. Laufe durchschnittlich auf einer Höhe zwischen 800 und 900 Metern.

Ein Wald ist eine Ansammlung von Holz

Ich hatte mir wieder eine etwas kürzere Tour ausgesucht. Von Mauth nach Neuschönau. Eigentlich nur um die 12 km. Ich legte aber noch einen drauf. Das Seltsame ist mittlerweile: Unter 20 km fühle ich mich unterfordert. Eigentlich bescheuert, aber mein Körper will einfach weitergehen. Ich habe nie etwas zum Kauen dabei, manchmal vermisse ich etwas Wasser. Aber in der Regel frühstücke ich sehr gut und nehme erst am Abend wieder Nahrung und Flüssigkeit auf. Hab mich so programmiert.

GPS-Gesamtstrecke bis 013

Unterwegs im Weißflimmern (hab‘ dummerweise keine Sonnenbrille dabei und manchmal das Gefühl, ich würde schneeblind), sah ich erneut etwas Rotes, halb Erfrorenes. Natürlich dachte ich wieder an einen Nikolaus (Nikolaus-Leichen pflastern meinen Weg). War aber nicht. Er war ebenfalls rot und weiß, aber ein Nussknacker. Ein klassischer. Steckte in einem zugeschneiten Ameisenhügel fest. Er schaute dämlich drein (vielleicht schlurften ja gerade Ameisenweibchen an seinen Sohlen und sie brannten ihm ein wenig).

Zur Abwechslung mal kein erfrorener Nikolaus

Gut. Auch ihn befreite ich. Allerdings wollte ich wissen, was er hier treibe. Schließlich käme er doch aus dem Erzgebirge. Er widersprach heftig. ER sei das Original und die Nussknacker aus dem Erzgebirge nur billige Kopien. Die dortigen Schnitzer seien allerdings geschäftstüchtiger gewesen. Sie hätten schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass mit geschnitzten Spielzeugen und Nussknackerfiguren gute Taler zu verdienen waren. Aber geboren sei er hier. Im Bayerischen Wald. Er habe gehört, dass ich Richtung Norden wandere und er würde sich mir gerne anschließen. Er möchte endlich diese Plagiatoren kennenlernen. Wie er denn heiße, wollte ich wissen. „Muck“ sagte er sehr bestimmt.

Okay. Meine Familie wuchs mit jedem Tag.

Im Wald: Wenn ich zurück blickte, sah ich meine Fußstapfen. Wenn ich nach vorn schaute, sah ich Wild-Stapfen (Fährten). Hier muss ein reger Nacht-Verkehr herrschen.

Wär ich Lederstrumpf

könnt ich Fährten lesen

O James Fennimore, was hätt‘ ich dich jetzt gerne im Gepäck. Wie bewundere ich dich!

Allmählich näherte ich mich meinem Ziel: dem Dörfchen Neuschönau. Die Wege wurden einfacher, manche waren sogar zertrampelt (trotzdem niemandem begegnet – scheinen Geister gewesen zu sein).

In Dorfnähe wurde der Weg einfacher

Es war so um die Mittagszeit, vielleicht halb eins. Aber dann stiefelte ich zufällig bei dem Freigehege des Nationalparks vorbei. Eine Art Zoo in natürlicher Umgebung. Ich wollte endlich mal ein wildes (gefangenes) Tier fotografieren. Und folgte dem Rund-Spaziergang – 7 km. Hatte jedoch nicht viel Glück. Bekam z.B. den Luchs nur von weitem zu sehen.

Noch zu weit entfernt (selbst für ein 400er Tele)

Ich beschloss, am nächsten Tag eine Wanderpause einzulegen und wieder zu kommen. Gegen vier Uhr suchte ich mir eine Unterkunft. Das Gasthaus war weihnachtlich geschmückt. Komischerweise hatte ich bisher (in diesem so katholischen Landstrich) kaum etwas von der Adventszeit mitbekommen. Hier brannten die Kerzen und Kränze und auch beinahe mein kleiner Muck.

Ich befreite ihn aus dieser misslichen Situation. Kühlte seinen Kopf mit etwas Bierschaum.

Durst: Hacklberg Helles (2,60 Euro).

Hunger: Rehkeule in Wildrahmsauce mit Speck-Rosenkohl und Kroketten. Sehr gut (wenn auch offensichtlich aus der Mikrowelle). Besonders gelungen der Rosenkohl, bissfest, guter Geschmack, Speck richtig dosiert. 12 Euro.

Unterkunft: 35 Euro.

Nachtruhe (ist eigentlich ein Euphemismus: Die Rasselbande hält mich ganz schön lange wach).