An des Kaisers Nacktem Arsch vorbei nach Waidring

Der Wilde Kaiser zeigte sein altes Wolkenkleid. Ich hätte es ihm gerne ausgezogen, um seine nackte Pracht zu sehen.
Er sträubte sich – fast den ganzen Tag.

Dabei sieht der blanke Fels mit den markanten Zacken so großartig aus.
„Bergsteigers Grab“ wird ein Aufstieg genannt. Am Nackten rutschen viele aus.

Go Pink

Go Pink

Zufrieden hatte ich um 10 Uhr meine Unterkunft verlassen. „Glückshotel“ hatte sich der Betrieb genannt. Eine bleistiftschlanke Empfangsdame hatte mir gestern Abend einen Sonderpreis gemacht (Doppelzimmer ohne Einzelzimmerzuschlag) und sofort die Endorphinausschüttung in mir verdreifacht.
Am Frühstückstisch fand ich heute zudem einen Korb mit Wanderproviant vor (Flasche Sprudel, Snacks, vier Minitüten Gummibärchen und etwas Obst).
Ich merkte mit Erschrecken: Ich war emotional bestechlich.

Mein heutiges Ziel: Waidring. Ungefähr 26 Kilometer zu laufen.

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GPS-Gesamtstrecke bis 187

Den zweiten Tag durchwanderte ich jetzt schon dieses Tal. Die meisten Häuser: reine Fassaden-Idyllen. Außen Bauernromantik. Innen Tourismusindustrie.

Und dennoch: Es gab die Erinnerung daran, wie es einmal war.
Blütenpracht auf den Balkonen.

Fleurop war hier

Fleurop war hier

Viele stattliche Häuser mit Giebelkreuz, Giebelhahn und Giebelglocke geschmückt.

Besser ein Hahn auf dem Dach

Besser ein Hahn auf dem Dach

Sogar noch bewirtschaftete Heuschober wirkten museal.

Alt geworden

Alt geworden

Was für ein Gefühl wäre es, so ein Haus das ganze Jahr zu bewohnen?

Balkonien

Balkonien

Oder so eines?

Sunny Side

Sunny Side

Oder vielleicht hier?

Traumlage

Traumlage

Wäre das Glück? Ein bisschen? (Oder ist Glück immer nur absolut und nie „ein bisschen“?)

Der Herbst schmierte seine Leuchtfarben verschwenderisch in die Blätterlandschaft.

Fallende Blätter = Fall

Fallende Blätter = Fall

„Blätter weg – Winter kommt“ sagte Wastl lakonisch. Fast hätte ich ihn überhört und ich war auch nicht sicher, ob er zu mir oder zu seiner Braut gesprochen hatte. Wastl war ein Tiroler Wetterfrosch, der aus allerlei kruden Anzeichen eine Klimaprognose erstellen konnte. Für übermorgen sagte er Schnee in den höheren Berglagen voraus und pustete aus vollen Backen schon mal ein paar Flocken hinaus.

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Ich packte Wastl samt Freundin in den Rucksack.Vielleicht konnte er mir noch nützlich sein.

Nach zweieinhalb Stunden stand ich im Zentrum von St. Johann in Tirol. Pittoresk.

Stadt-Bild

Stadt-Bild

Häuser wie Theaterkulissen.

Kunstvoll

Kunstvoll

Ich trank einen Grünen Veltliner und sah bestiefelten Damen zu, wie sie sich für den Winter präparierten (Mützenkauf!).

Danach erneut auf die Walz. Berg rauf, Tal runter. Aber meist einfaches Gehen.

Bequemer Weg

Bequemer Weg

Ab und zu fühlte ich mich beobachtet.

Big Cow is watching you

Big Cow is watching you

Mit der Landschaft war ich nun vertraut. Es gab kaum Abwechslung. Umso mehr weckten kleine „Kulturgüter“ mein Interesse. Wegkreuze. Oder Schilder wie dieses:

Gedenken

Gedenken

„Anno 1809, den 12. Mai, wurden Simon Stöckl, Witwer zu Bergstett,
Wofgang Oberhauser, Wirt zu Brixen, Christian Telfer,
Stefan Koller, Schickenlapp, Getraud Kogler, Dirn
am Weizenbichl, von Feindeshand hingemordet u. hier bestattet.
Vor der Geißel des Krieges bewahre uns o Herr! R.I.P.“

Einen Steinwurf weiter: Eine Kleinstkapelle mitten auf einer Wiese.

Gedenken 2

Gedenken 2

Erst als ich eintrat, entdeckte ich, dass sie den loalen Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet war.

Ist diese Art von namentlicher Erinnerung an die Toten aus 2 Jahrhunderten mehr als nur Warnung vor dem Blutzoll eines Krieges?

Gedenken-3

Gedenken-3

Ich wollte Wastl nach dieser Art der Tiroler Vergangenheitskultur befragen, aber Wastl war in neckische Spiele mit seiner Braut vertieft. Er funktionierte mein volles Bierglas zu einem Spiegelkabinett um.

Breites Grinsen

Breites Grinsen

Ärgerlich zog ich den Wetterfrosch hinter dem Glas hervor und sah erst jetzt, dass er ein Paradetiroler war. Hosenlatz, feste Bergschuhe, Tiroler Hut.
Mir wurde klar, dass die Tiroler vielleicht noch bessere Image-Vermarkter sind als die Oberbayern.
Das Besondere an den Tirolern. Sie pflegen ihr Bild eines rebellischen Bergvolkes.

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„Alles Quatsch“ – hörte ich Wastl murmeln.

Kaiserwetter am Nachmittag. Wohl der letzte Sonnentag für längere Zeit.

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Von der Ferne konnte ich plötzlich den Wilden Kaiser sehen. Er zeigte mir die Rückseite. Den nackten Arsch sozusagen. (Auf der Vorderseite war er war er wohl immer noch schamhaft verhüllt.)

Backside

Backside

Wiesen wie Meere, aus denen bewaldete Inseln aufstiegen.

Greenland

Greenland

Nach 7 1/2 Stunden erreichte ich Waidring. Das Dorf umgeben von Retortensiedlungen im Tiroler Landhausstil.

Retorten Dorf

Retorten Dorf

Durst: Ich blieb beim Grünen Veltliner.

Hunger: Geschmorter Wildschweinbraten mit Serviettenknödel, Rotkraut und Speckchips. Sehr gut. 12,90 Euro.

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Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

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Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).

Wilderei und Walhall beschäftigen mich bis Frauenau

Tag 17 meiner Wanderung. Schneeregen. Wieder einmal. Nach den gestrigen Strapazen hatte ich mir einen einfachen Weg ausgesucht. Größtenteils durch den Wald, aber mehr oder weniger der Landstraße ST2132 folgend, ohne größere Steigungen. Ich wollte nach Frauenau, um dort das Glasmuseum zu besuchen. Etwa 16 km Gehweg.

GPS-Gesamtstrecke bis 017

Die Strecke war nicht sehr abwechslungsreich. Ich lief außerhalb des Nationalparks. Der Unterschied war auffallend: Kein Windbruch, kaum kranke Bäume, gepflegter Wald.

Wie aus dem Ei gepellter Wald

Erst jetzt verstand ich, was ich manchmal als Andeutungen in Gesprächen gehört hatte: Dass es in der örtlichen Bevölkerung immer noch starke Vorbehalte gegen das Nationalpark-Projekt gibt. Nicht nur, dass viele Holzfäller und Sägewerksbetreiber ihre einstige Lebensgrundlage verloren haben. Für Naturliebhaber sieht dort der Wald einfach krank und kaputt aus.

Stimmt ja auch, aber die Philosophie ist, die Natur sich selbst zu überlassen. Sie wird den Borkenkäfer irgendwann zum Normalparasiten machen, der nicht weiter wehtut, vielleicht sogar nützt.

Im übrigen Wald, außerhalb des Nationalparks, werden vom Borkenkäfer befallene Bäume gefällt und samt Rinde „entsorgt“, um die Baumplantagen „sauber“ zu halten.

Apropos Natur sich selbst überlassen. Gestern, beim Abstieg vom Rachelsee, war mir ein Jeep mit Anhänger aufgefallen, auf dem zwei erlegte Rothirsche transportiert wurden. Wenn ich’s recht sah, gehörte das Auto der Nationalparkverwaltung. Im Nationalpark gilt striktes Schießverbot. Wie kann es also sein, dass Hirsche erlegt werden?

Ich habe ein paar Leute angespochen und es scheint so zu sein, dass Rothirsche sowieso von den Jägern sofort geschossen werden, wenn sie auch nur einen Zentimeter die Nationalparksgrenze übertreten. Angeblich weil sie zu großen Schaden durch Verbiss anrichten. (Oder ist es wegen der Trophäen/Geweihe?) Aber auch im Nationalpark selbst werden, so das Geraune, Rothirsche „angefüttert“ und immer wieder in ein Gatter gelockt, um sie dort zu schießen. Wohl um den Bestand zu dezimieren. Wenn das stimmt, führt sich der Nationalpark selbst ad absurdum.

Und noch ein Gerücht ist Besorgnis erregend. Wie es aussieht, gibt es mehr Luchse im Park als offiziell statistisch ausgewiesen werden. Eigentlich ist der Park mit Luchsen „gesättigt“. Diese Raubtiere brauchen ein großes Revier und verspeisen pro Woche mindestens ein Reh. Ist der Park „voll“, ziehen die „neuen“ Luchse weiter in andere Gebiete. Dort werden sie aber plötzlich nie mehr von irgendeinem Jäger gesehen (und gemeldet). Die Vermutung liegt mehr als nahe, dass diese schönen Wildkatzen, die die Nationalparksgrenzen verlassen, ebenfalls abgeschossen werden. Erstens weil sie für den Jäger eine Konkurrenz sind (sie dezimieren den Reh-Bestand). Zweitens, weil auch sie eine begehrte (illegale) Trophäe sind. Mit anderen Worten, es wird kräftig gewildert in und um den Bayerischen Wald. Ein Skandal.

Beim weiteren VormichHingehenundNachdenken fragte ich mich, warum es keinen Horst Stern mehr im Fernsehen gibt, diesen begnadeten Polemiker und Filmemacher, der sich in „Sterns Stunde“ genau um diese Skandalthemen gekümmert hat. Stattdessen die immer gleichen HochglanzNatur-AlleWeltistHeilundSchön-Filme in ARD und ZDF.

Ordentlicher Wald

Auf meinem Weg kreuzte ich nur zwei Ortschaften. U.a. den Weiler Klingenbrunn. Nicht zum ersten Mal fiel mir mitten in einem Dorfzentrum – an sehr prominenter Stelle – ein Heldendenkmal auf. Für die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

Merkwürdige Verehrung

Für was wird hier gedankt? Dass die Soldaten für Hitler gefallen sind? (Für den Ruhme Deutschlands bestimmt nicht.) Wer weiß, ob sich unter den namentlich in Stein Gemeißelten nicht auch Schwer-Verbrecher befinden, SS-Schergen?

Ist im Bayerischen Wald die Diskussion über die Gedenkkultur völlig vorbeigegangen, die in den 60er und 70er Jahren solche „Denk“male in Frage stellten? Haben nicht die Wehrmachtssoldaten erst die Massenverbrechen im Dritten Reich möglich gemacht (um eine alte Blümsche These wieder aufzunehmen).

Stattdessen in so manch einem Dorf ein gespenstisches Walhall.

Walhall in vielen Ortschaften

Nach gut 5 Stunden Wanderung gegen 14 Uhr 30 schließlich in Frauenau angekommen.

Es erübrigt sich von selbst, zu erwähnen, dass das Glasmuseum, das ich besuchen wollte, zu war (keine Saison), so gut wie keim Laden geöffnet hatte und ich nur mit Schwierigkeiten ein offenes Hotel fand. (Ist eben keine Saison.)

Durst: Leider nur schlechtes Innstadt Helles (2,50 Euro).

Hunger: Die Speisekarte gab nicht wesentlich mehr her als ein Wiener Schnitzel mit Pommes (Das Hotel hatte gerade den ersten Tag wieder geöffnet, die Küche war noch nicht richtig angelaufen). Panade labbrig. Hatte aber Hunger und hab alles verputzt: 8,50 Euro.

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück und grauenhafter Kaffee-Brühe).