Zum Himmel über Berchtesgaden

Blau ist er nicht: der Himmel über Ramsau.

Himmelsdach

Himmelsdach

Auch nicht voller Putenengel und Bergfeen.

Kleiner als gesehen

Kleiner als gesehen

Er wirkt eher schmerzerfüllt, leidend, gequält. Nicht wirklich ein Paradies. Würde ich gerne in den Ramsauer Himmel wollen?

Größer als gedacht

Größer als gedacht

Unten auch nicht besser. Da liegt eine Leiche! Einfach so an der Straße.

Täglich laufen an ihr Dutzende Kinder vorbei. Warum werden sie nicht traumatisiert? Ist das christliche Leiden derart als Puppenspiel akzeptiert, dass der tägliche Anblick eines gefolterten Menschen nicht einmal ein kleines Kind aufregt?

Auch Knirpse durchschauen also den Theatereffekt der katholischen Inszenierungen?

Größer als winzig

Größer als winzig

Merkwürdiges Ramsau.

Schon immer hatte mich der Name des Ortes fasziniert. Der Dorfkern winzig. Aber in den Hügeln: Hunderte von Ferienhäusern im Alpenstil.
Äußerst beliebt.

Ich hatte Zeit heute. Wollte „nur“ ins nahe Berchtesgaden gehen, mit dem unbedeutenden Umweg über den Königssee. Kaum mehr als 15 Kilometer insgesamt.

GPS-189-Ramsau

GPS-Gesamtstrecke bis 189

Ein bisschen Berg.

Was rieselt ist ein Riesling?

Was rieselt ist ein Riesling?

Ansonsten langweilige Siedlungsstraßen. Fast jedes Haus bot Ferienzimmer an.

Bald war ich am Königssee. Einer der mythischen Orte in Deutschland.

Der kleine Hafen natürlich überlaufen. Lange zögerte ich, ob ich mich in eines der überfüllten Boote begeben sollte. Kälte, keine Sicht, Hunderte Chinesen und noch mehr fußlahme, aber laute deutsche Senioren sprachen dagegen.

Ich fuhr dennoch nach Sankt Bartholomä.

Der Schicksalsberg Watzmann nicht zu sehen. Nebel hing/floss ins Tal.

Entensee?

Entensee?

Mystical sea

Mystical sea

Take a photograph of me

Take a photograph of me

Purple Rain

Purple Rain

Ich betrat weder XL-Restaurant, noch Fischstube, weder Schänke noch Wallfahrtskapelle.
Ich ließ die Horden in Ruhe.

Und tuckerte mit der Masse zurück.

Crowded

Crowded

Nach Berchtesgaden nicht mehr weit zu gehen.
In der kleinen malerischen Altstadt keine Lust gehabt, Fotos zu machen. Völlig überfüllte Straßen. Trotz Regentag.
Das war nicht Bayern. Das war Disney-County.

Durst: Wieninger Bier. Fast süßlich. Schmeckte mir nicht. (Privatbrauerei. Seit 1813.)

T189-Bier01

Hunger: Im Ganzen gebratener Saibling. Ordentlich. (Zu teuer.)

T189-Essen-01-01

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück.)

Wo Blinde Farben sehen, kann auch Kurort sein

Goch. Wunderlicher Ort!

Empor !

Empor !

Heiliger Pater Arnold Janssen: Er hat in den beiden letzten Jahrhunderten einen Lahmen zum Wanderer gemacht und einen Blinden das Farben Fernsehen beigebracht.
Die Kirche hat die Wunder archiviert. Archive irren nie.

Sollte überhaupt nicht jeder Wallfahrtsort automatisch von der zivilen Verwaltung zum Kurort ernannt werden? Hier werden sie geheilt!

Bad Goch!

Immerhin gibt es hier ja bereits eine Marienwasser-Straße.

Seitwärts

Seitwärts

Erschlösse ein Marienwasser-Mineralbad der Gemeinde nicht neue Einnahmequellen?
(Oma verzeih mir!)

Ich verließ den Kurt-Ort gegen 11 Uhr.

13 Kilometer lagen vor mir – bis zum eigentlichen Zentrum des rheinischen Wunderglaubens: Kevelaer. Einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Deutschlands.

GPS-127-Goch

GPS-Gesamtstrecke bis 127

Unterwegs: die Landschaft wie seit Tagen. Felder (frühlingsgrün) und ab und zu ein paar Bauernhöfe.

Grenzland

Grenzland

Schöne Schlösser/Burgen verstecken sich im Münsterland.

Burg aufm Horizont

Burg macht sich breit

Der Wohlstand wird über den Ackerbau erarbeitet.

Himmel Horizont Nochmal!

Himmel Horizont Nochmal!

Manchmal stinkt‘s. (Ich sag’s immer wieder: Raps muffelt!)

Raps Horizont

Raps Horizont

Der Frühling hatte sich endlich durchgesetzt! Ein mit weißen Jungfrauen-Blüten geschmückter Weg!
(Sollte ich den Gochern nicht ein neues Straßenschild vorschlagen: „Reinheitsweg“?)

Grün-Weißer-Horizont

Grün-Weißer-Horizont

Ich guckte soviel nach oben und in den Himmel, dass ich beinahe nicht mitbekam, dass ich bereits Kevelaer betreten hatte.
Kirchturmspitzen mischten sich mit Baumkronen.

Empor II

Empor II

Just gestern, am Tag der Arbeit, hatte der Weihbischof die Pilgersaison in Kevelaer eröffnet.

Horizont Wimpel

Horizont Wimpel

Selbst asiatische und lateinamerikanische Fluglinien öffneten schon am gleichen Tag ihre Jumbo-Türen und entließen ganze Herden heilsüchtiger Menschen in das deutsche Heiligtum.

Asiatischer Horizont

Asiatischer Horizont

O Lord! Wie Stille ergreifen kann!

Vollverschleiert

Vollverschleiert

O Lord! Wie tief eine Empfindung ist!

Once upon a  time

Once upon a time

O Lord! Light his fire!

Once upon a time II

Once upon a time II

Die Beatnix Generation war nie hier.
(Ein bisschen Peyote und sie hätten auch an diesem Ort ihre Erscheinungen gefeiert!)

Once upon a time III

Once upon a time III

Meine Großmutter (die ich sehr verehre) pilgerte einst nach Kevelaer (in den 70ern?). Sie kaufte sich in den zahllosen Devotionalien-Läden ein Büchlein mit Heiligenlegenden.
Sie lebte mit den Madonnen, Engeln, Heiligen und Ätherischen Wesen. Sie glaubte an Gott und den Teufel und daran, dass die Erde eine Scheibe ist. Und sie war eine klasse Frau! In der Nazi Zeit schickte sie ihre Kinder demonstrativ in die Messe statt zur Hitlerjugend. Sie spielte sonntags früh in der Kirche mit dem Harmonium gegen die Gotteslästerer an und riskierte Gefängnis. Sie zwang 1963 ihren Mann (meinen Opa) im dann Freien West-Deutschland einen Fernseher zu kaufen, um dem Begräbnis von Papst Johannes XXIII. beizuwohnen. Sie war immer monarchistisch, ultramontan, superkatholisch und prinzipenstark.
Sie hätte mir meinen Spott nie verziehen. (Oder nur ein bisschen.)

Once in al lifetime

Once in al lifetime

Ich hatte Hunger:
Große Spargelportion (Mailänder Art: mit Parmesan überbacken und mit rohem Schinken).
Sehr gut. 14,80 Euro.

T127-Essen-01

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Schweigeengel Eugenie hält das Wort bis Görlitz

Klösterlicher Dunstschleier

Früh aufgestanden, um einen jungfräulichen Blick vom Kalvarienberg auf das Kloster zu werfen.
Schön wie das monasterio daliegt! Nur die Nonnen suchen selten dieses Vergnügen. So gut wie nie verlassen sie die Klostermauern.

Gut: Ich hatte den jungfräulichen Ausblick und die Schwestern ihre Jungfräulichkeit hinter beschützenden Mauern.

Dann noch ein Klosterfrühstück (von Männern serviert) für 7 Euro (Bio!).

Vom Orden der Schweigeengel

Er stand auch auf meinem Tisch: Glücksengel Eugenie. Ich wollte ihn eigentlich übersehen.
(Warum sage ich immer „er“/“der“ Engel, wenn es doch eine „sie/die“ ist?)
Er/Sie war beharrlich.

„Schau“, sprach er/sie mich an: „Ich habe das Hufeisen, das du gestern geschenkt bekamst, auf Mini geschmolzen. So wiegt es nichts. Ich tat es für dich!“

Okay. Gewonnen. Eingepackt und mitgenommen. Aber ich nahm ihm/ihr noch eine Schweigegelübde ab. Nix reden(!) bis Görlitz. Dahin wollte ich auf meiner heutigen Tagestour. Gegen 9 Uhr lief ich los. 22 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 048.

Mir klangen noch die Worte der Bedienung in der Klosterschänke (von gestern Abend) nach.
Selbst sie bekäme die Nonnen fast nie zu sehen.
Einmal im Jahr verließen die Schwarz-Weiß-Verhüllten ihre Burg und vesperten im Biergarten der Schänke. Das sei ein Spektakel für die anwesenden Gäste.
Die älteste der Betschwestern gehe auf die 84 Jahre zu und habe bis vor kurzem in der klostereigenen Bäckerei gearbeitet. Die jüngste sei wohl Mitte Zwanzig. Insgesamt wohnten da unten ein wenig mehr als ein Dutzend Gottesanbeterinnen.

Die Bedienung bezeichnete sich selbst als Nicht-Gläubige. Sie war Angestellte des Klosters und hatte damit kein Problem.

Ich fragte sie nach der Befindlichkeit der Ostdeutschen. Immerhin liefe ich durch eine Gegend, der auch der „Hartz-IV Gürtel“ genannt wurde. Einer der ärmsten Regionen Deutschlands.
Nur, sagte ich ihr, ich sähe davon nichts. Alles, selbst die kleinsten Dörfer, wirke sehr proper, aufgeräumt.

„Ja!“ bestätigte die Bedienung. „Vor ein paar Jahren fuhr ich in die Oberpfalz (zu einer Kloster-Tagung). Es war schrecklich. So viel zerfallen dort, schmuddelig und unordentlich!“

In unseren Dörfern – fuhr sie fort – achteten die Leute auf ihren Vorgarten. Das Private wäre ihnen immer schon wichtiger als das Öffentliche gewesen. Am Abend oder am Wochenende packe der Mann seinen Blaumann aus, jäte das Unkraut, putze das Auto, kehre den Gehweg.

Schöner Tetzlaff-Osten.
(Schon seit geraumer Zeit hegte ich den Verdacht, dass es hier manchmal noch eine Spur spießiger und kleinbürgerlicher ist als in den Westdörfern).

Egal. Ich musste weiterkommen.
Ich lief im Prinzip immer den ausgeschilderten Neiße-Radweg entlang. Mal betoniert, mal (selten) unbefestigt. Den Fluss bekam ich selten zu sehen, meist plätscherte er hinter Dämmen versteckt. Wenigstens hörte ich ihn.

Ab und zu: Winzdörfer auf der polnischen Seite.

Unspektakulär

Auf sächsischer Seite ebenfalls Winzsiedlungen. Ich achtete besonders auf die Vorgärten. Immerhin, einige hatten Witz:

Schöner Gag

Früher war hier Braunkohle-Abbau. Stillgelegt nach der Wende. Nur in Polen buddeln sie weiter.
Aber die Erinnerung bleibt:

Wenn ich als Kind so einen Bagger geschenkt bekommen hätte - ich wäre immer Sandkastensieger gewesen!

Viele Friedhöfe auf dem Weg. Noch einen Tick aufgeräumter als die Vorgärten.

Blumen für mein Grab

Am frühen Nachmittag erreichte ich Görlitz. Die Stadt der Latte Macchiato Rentner. Für mich war es die Stadt der Türme.

Babel in Görlitz

Eine fantastisch restaurierte Altstadt, durch die heute der Wind kalt und eisig pfiff, wenn auch die Sonne schien.

Dicker Turm in Görtlitz

Ich bin bereit, noch ewig den Soli zu bezahlen (den löhnen die Ossis ja auch!), wenn Stadterneuerung so aussieht.
Immerhin sollte zu DDR-Zeiten selbst die (damals heruntergekommene) Altstadt abgerissen werden, um Braunkohlebaggern Platz zu machen.

Babelsberger Kulisse in Görlitz

Früh ging ich essen. Ich hatte verdammt Hunger.

Hunger: Schlesisches Himmelreich (Kasseler und Backobst in Sahne, mit böhmischen Knödeln). 11,90 Euro.
War überraschend gut, auch wenn mir das Backobst auf Dauer zu dominant war.

Und Eugenie hatte Wort gehalten. Während der gesamten Wanderung war kein Wort über ihre Lippen gekommen. Mir imponieren eingehaltene Versprechen. Ich gab ihr die Hälfte meines Tellers ab.

Durst: Das Übliche: Landskron. Ist das sächsische Nationalbier.

Zur blauen Stunde ging ich noch einmal in den kalten Wind: den Dicken fotografieren.

Dick und Schön: Kein Widerspruch

Nachtruhe für alle!

Zwei haben sich selig

Trabi-Toni gibt mir in Seiffen eine Deutschstunde

Nach der anstrengenden gestrigen Tour habe ich’s heute langsam angehen lassen. In den Morgen reingebummelt. Gut gefrühstückt in meinem schönen Hotel.

Mehr Soli für solche Fassaden !

Saiger-Hütte heißt das Prachtstück. „Saiger“ ist Bergmanns-Welsch. Bedeutet „senkrecht“. Hier wurden seit dem 16. Jahrhundert Münzen für die sächsischen Potentaten geprägt.

Die heutige Strecke war ein Kinderspiel. Ich ging um 10 Uhr los und wollte „nur“ nach Seiffen, dem berühmtesten Spielzeug-Ort Deutschlands. Damit mir nicht langweilig wurde, schlug ich noch ein paar kleine Haken, sonst wäre ich schon vor dem Mittagessen angekommen. Insgesamt 14 Kilometer (mit Schleife).

GPS-Gesamtstrecke bis 038

Der Morgen in den Bergen noch frisch, aber nicht mehr so gruselig kalt wie die Tage zuvor. Angenehmes Laufen durch eine erwachende schöne Mittelgebirgslandschaft. Wald, dunkler Wald und nur höchst selten Ausblicke.

Skipisten machen den Blick frei.

An einer Waldwegkreuzung dann einer, den ich schon lange unterwegs erwartet hatte: ein Nussknacker.

VoPo macht nur auf "grimmig"!

Er und seine Kollegen von der Nussknacker-Polizei kontrollierten um Seiffen herum die Waldwege. In Seiffen werden die bekanntesten Nussknackerfiguren der Welt geschnitzt und gedrechselt. Die Nussknackerpolizei achtet streng darauf, daß keine geheimen Zeichnungen und Pläne aus der Gegend herausgeschmuggelt werden.
„VoPo“ (so nannte ich den Kleinen) steckte ich aus reinem Sammlerinteresse in den Rucksack (er wehrte sich heftig, strampelte!) zu meinen anderen Begleitern und marschierte weiter.

Unterwegs schöne Nahsichten auf die umliegenden Dörfer.

Neuhausen.

Panoramablick

Neuhausen mit Schlösschen.

Schon immer suchten sich Grafen und Mönche die schönsten Standorte

Kurz vor Seiffen sah ich einen Herrn im Blaumann, der einen kahlen Stamm eines Tannenbaumes an sein Auto heranschleppte. Ich näherte mich und fragte, was er denn da mache. Er erklärte mir, dass er nicht weit weg von der Stelle hier wohne und den Stamm mit dem Auto in seinen Hof ziehen wolle. Dort wolle er den Baum aufrichten und schmücken. Es sei ja bald Ostern. Und er habe Zeit. Er sei eben „Vollrentner“, 61 Jahre alt und zuvor Automechaniker gewesen.

Ich vergaß ihn nach seinem Namen zu fragen. Oder er ist mir entfallen. (Eine meiner ärgerlichsten Krankheiten: Ich höre bei der Begrüßung einen Namen und schon ist er weg!)

Jedenfalls habe ich mir später in mein Notizblock notiert: „Verquatscht mit Toni“. Und da er einen alten Trabi fuhr, nannte ich ihn forthin „Trabi-Toni“ (Er wird mir meine Phantasie hoffentlich verzeihen!)

Trabi-Tonis Stolz

Trabi-Toni erklärte mir kurz (1 Stunde) und unsortiert die Welt, wie er sie sah.

  • Früher, das heißt vor der Wende, war in Seiffen die Hölle los gewesen. Das ganze Jahr über. Die VEBs (Volkseigenen Betriebe) schickten stets ganze Belegschaften hierher: „Für billig“. Auch für genug Bier war gesorgt. Heute ist alles wie ausgestorben. Mit Ausnahme von Dezember und Januar. Dann kommen sogar Amerikaner hierher, um sich Nussknacker, Räuchermännchen, Engelchen und Schwibbögen zu kaufen. Wenn nicht gerade Weihnachten ist, also der Rest des Jahres: Tote Hose. Die Restaurants zu teuer für die Einheimischen. Die sowieso nicht gerne weggingen. Also gab es nichts zu tun, keine Unterhaltung.
  • Hier gibt es immer noch einige Jammerer, die glauben sie müssten nörgeln, weil sie sich noch keinen Mercedes kaufen konnten. Ostgehälter und so. Sie tun so, als könnten sie sich nicht mehr erinnern, dass es früher kaum etwas gab. Und schon Eines gar nicht: Freiheit. Gauck ist genau der richtige Präsident. Der wird auch die daran erinnern, was sie gewonnen haben! Sie können reisen und reden wiese wollen.
  • Die Seiffener haben doch immer hinterm Mond gewohnt. Meine Eltern hatten schon 1961 Westfernsehen, heimlich. Der einzige im Ort. Ich habe als Junge Cassius Clay boxen gesehen, und sonst niemand im Dorf. Die wussten noch nicht einmal, dass der boxte. Ich habe immer schön den Fernseher leise gedreht, dass niemand etwas mitbekam. Es gab ja überall Spitzel.
  • Ich war nie im Gefängnis. Ich gehörte nicht zur Opposition. Aber ich habe mir meine Stasi Akte besorgt. Ich weiß, „wer mir was antun wollte„.

Hier unterbrach ich Trabi-Toni. Ich erzählte ihm, wie mein Vater mich als Bub manchmal im Auto durch unser Pfälzer Dorf gefahren und auf Leute in der Straße gezeigt hatte: Das war ein Nazi-Bonze, sage mein Vater, und heute ist er immer noch ein Bonze. Das war ein NSDAP-Mitglied, ein glühender Hitler-Anhänger, kein Mitläufer und heute ist er wieder Parteifunktionär. Mein Vater packte damals eine heilige Wut. Ich fragte Trabi-Toni, ob ihn, wenn er durch Seiffen laufe, nicht auch manchmal der Zorn übermanne. Er veneinte.

  • Der Westen hat nach dem Krieg die Leute für Zwei Mark Fuchzig entnazifierzt. Im Schnellverfahren. Aber immerhin hat der Westen sich mit den Kerlen befasst. Hier ist Schweigen. Nicht mal die Jugend fragt nach, was denn passiert sei – in der DDR. Die Jugend ist ja sowieso nach der Wende direkt in den Westen gegangen. Hier sagen viele Leute: „Schwamm drüber“. „War ja nicht so schlimm“. Das ärgert mich. Was mich noch mehr aufregt, sind die PDS-Bonzen, die heute immer noch das große Wort schwingen. Die haben ihr Geld sicher. Dafür hat der Schalk-Golodkowski gesorgt. In der Schweiz liegen Gelder, Fonds und so ein Zeug, da kriegen die alten Kader heute noch ihre Ausschüttungen. Die fahren alle große Autos.
  • Ich fahre manchmal in den Schwarzwald oder nach Bayern. Schön dort. Und in jedem Gasthaus gibt es einen Stammtisch. Da setzen sich die Leute zusammen. Und hier? Geh doch mal in eine Wirtschaft. Wenn keine Touristen da sind: leer!

Ich ließ Toni weiterwursteln und ging nach Seiffen.

Am Stadtrand die von Trabi-Toni angesprochenen ehemaligen VEB-Wohnheime?

Seiffen mit Fünfziger-Jahre Wohnungsbau-Revival.

Hat was Muffiges

Seiffens schöner Ortskern:

Fast jedes Haus ein Verkaufsraum für Erzgebirgisches Kunsthandwerk.

Die Schnitzkunst war früher so etwas wie die Rentenversorgung der Bergleute. Da viele sehr jung sehr krank wurden und nicht mehr untertage arbeiten konnten, brachten sie ihre Familien mit Schnitzereien durch. Schnell bekam das Handwerk Weltruhm. Auch heute ist es eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der gesamten Region.

Hunger: Brust und Keule vom Landhuhn mit Kartoffelstamp an Vanille-Chili Jus mit glacierten Zwiebeln.
Hochtrabende Beschreibung für eine kulinarische Katastrophe. Geschmackloses ausgetrocknetes Huhn. Kartoffelbrei fast ungenießbar.
Und dafür 12 Euro. Eine Frechheit.

Sogar VoPo beschwerte sich, dass er nichts zu „knacken“ hätte. Die Bohnen völlig verkocht!

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Der Platz wird knapp!

Gedankenloses Gehen bis Bayerisch Eisenstein

Richtiger Wintereinbruch. Bis in tiefere Lagen. Schnee, der noch sehr nass war, mit großen Flocken. Dazu Sturmwarnung, die mich vorsichtig werden ließ. Ich beschloss nicht wie üblich einen Waldweg zu suchen. Wollte schnell Unterschlupf finden, falls Sturm „Joachim“ wirklich loslegen sollte. Ging also einen eingeschneiten Fahrradweg entlang, der fast bis Bayerisch Eisenstein führte, mein Tagesziel. Ca. 21 km entfernt. Um Punkt neun Uhr verließ ich Frauenau.

GPS-Gesamtstrecke bis 018

Keine großen Gedanken, außer den, schnell voranzukommen. Ich kämpfte darum, mein Kamera-Equipment einigermaßen trocken zu halten. Unter meinem Regen/Schnee-Schutz schwitzte ich wie in einem Dampfbad.

Außen das immer gleiche Bild: Winterstraßen.

Straße mit Wald mit Schnee

Gegen 13 Uhr 30 erreichte ich Bayerisch Eisenstadt. Direkt an der tschechischen Grenze. Völlig eingeschneit. Und (fast) völlig geschlossen.
Fand mit Hilfe des Bürgermeisters, den ich zufällig auf der Straße traf und ansprach, noch eine Unterkunft in einer Privatpension, die einzige im Dorf, die keinen Betriebsurlaub bis Heiligabend machte.

Durst: Export der „1. Dampfbierbrauerei Zwiesel“. Flaschenbier. Okay.

Der Engel neben dem Bier stand übrigens auf dem Tisch, den hatte ich ausnahmsweise mal nicht als Begleiter im Gepäck! (Aber vielleicht geht er ja noch mit?)

Hunger: Maultaschensuppe (Gemüsesuppe aus Brühwürfel) / Rindergulasch mit Nudeln (in selbiger Gemüsesuppe weichst gekocht) / Erdbeer-Yoghurt aus dem Becher.
(Der Pensionswirt hat selbst am Herd gestanden.)

Unterkunft: 39 Euro (mit Frühstück und weich gekochtem Abendessen).

Regina und KittiKattiKatharina streiten fast bis zum Rachelsee

Regina rief nach mir, gleich zu Beginn meines Wandertages. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, bis zum sagenumwobenen Rachelsee zu wandern und den schlechten Wegbedingungen zu trotzen. Um halb neun zog ich los und kaum aus Spiegelau heraus und im Wald angekommen, tauchte Regina auf.

Engel mit Zipfelmütze = Wicht

Für mich war sie ein Engel mit Nikolausmütze, Regina aber widersprach: Sie sei ein Wicht! Und dieser Wald gehöre ihr und ihren Wichtl-Geschwistern. Na gut, ich nahm sie mit. Der Rachelsee lag ungefähr 3 1/2 Wanderstunden entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 016

Schon zu Beginn des Aufstieges gab es kleinere Schwierigkeiten. Mein Fotoapparat funktionierte kaum, ständig beschlug das Objektivglas, der Auslöser streikte etliche Male. Dann lagen umgefallene Stämme auf dem Weg, der Schnee wurde tiefer und ich musste Umwege suchen. Schließlich tauchte KittiKattiKatharina auf.

KittiKattiKatharina verteidigt ihr Revier

Ab jetzt gab es richtig Knatsch. Die Hex‘ machte dem Wichtl das Revier streitig.

Unstrittig sind die beiden populärsten Figuren der Region die Lusen-Hexe (am Berg Lusen) und die Wecklin-Hexe. Letztere soll ihr Unwesen rund um den Rachelsee treiben.

Aber schon beim Wort „Unwesen“ fiel mir K.K.K. ins Wort. Das sei kapitaler Unsinn.

Es sei richtig, dass es am Rachelsee immer wieder Tote gegeben habe, Ertrunkene und nie wieder Aufgetauchte. Einfältige Bauern machten dafür die Hexe Wecklin verantwortlich, die ihre Opfer erst in den See locke und dann nach unten in ihr Reich zöge. Aber es sei doch auffallend, dass ausschließlich Männer ersöffen, besser gesagt: nie wieder auftauchten. Das belege doch, dass eifersüchtige Frauen solche Legenden erfänden, um zu kaschieren, dass sie manchmal auf Nimmerwiedersehen verlassen würden. Einfach so. Diese Frauen seien Hexen. Wahre Hexen aber seien friedliebende Wesen, so wie sie selbst auch.
Sprach’s und zoffte sich wieder mit Regina, die darauf beharrte, weiter zu ziehen, trotz aller Schwierigkeiten. K.K.K. meinte, der Weg sei zu gefährlich.

K.K.K. drangsaliert Regina mit einem geheimnisvollen Wedel

Je höher wir drei kamen, umso beschwerlicher wurde es vor allem für mich. Bei jedem Schritt sank ich 15 bis 20 cm ein. Die Oberschenkel schmerzten heftig.

Macht müde wie Wasser treten

Dann tauchte mitten auf dem Weg ein Verbotsschild auf. Weitergehen strikt untersagt:

K.K.K. gibt sich ahnungslos

Also suchte ich wieder einen Umweg. Ich wollte nicht aufgeben, auch wenn K.K.K. ganz offensichtlich verhindern wollte, dass wir ans Ziel kämen. Eine Zeitlang durchschritten wir traumhaft schöne Bach-Wald-Landschaften.

Ins Märchenhafte verhexte Landschaft

Nüchtern betrachtet sah es so aus!

Nach einer halben Stunde schönen Wanderns: das nächste schier unüberwindliche Hindernis. Windbruch, der den gesamten Weg unpassierbar machte. Dabei lag der Berg Rachel so greifbar nah. Und an seinem Fuß der verhexte See.

Sieht aus wie kurz nach Fukushima

Eine weitere halbe Stunde fehlte nur noch bis zu meinem Ziel. Und doch gescheitert! Ich kehrte um. (Konnte Reginas Tränen kullern und K.K.K.’s stumme Freudengesänge hören.) Irgendwann im Sommer werde ich für einen Tag wiederkommen und dann den Rachelsee erwandern. Ohne Wichte und Hexen im Gepäck! Beim Abstieg endlich meine erste Begegnung mit lebenden Menschen. Ein Studentenpaar machte sich an einer Fotofalle zu schaffen. Florian zog die SD-Speicherkarten aus dem Gerät und prüfte anschließend, ob Luchse hier vorbei gewandert waren. Florian arbeitet als Praktikant im Luchs-Projekt des Nationalparks. Ein Vertreter der Generation Praktikant. Schlecht entlohnt, aber mit viel Engagement.

Generation Praktikant zählt Luchse

Wir verabredeten uns für ein Bier am späten Abend. Das fantastische Aldersbacher – wie am gestrigen Abend und genauso gut. Zuvor hatte ich bereits – es musste sein! – den Klassiker gegessen: Leberkäs mit Spiegelei und Bratkartoffeln. Kann man nicht viel falsch machen, um so weniger, wenn der Leberkäs aus der eigenen Metzgerei kommt. Nach 7 Stunden Wandern, z.T. im Tiefschnee, und 14 km Wegstrecke war ich ausgehungert wie ein Luchs. 6,50 Euro.

Musste mal sein!

Unterkunft: 22 Euro. Für meine Gäste musste ich nicht extra zahlen, auch wenn sie mehr Seife verbrauchten als normal üblich.

Hab langsam Schwierigkeiten, mir all die Namen der Schlafenden zu merken!

Pause in Passau

Ruhetag.

Wunden heilen, Blog schreiben, bisschen Füße vertreten.

Drei Flüsse umfließen die Stadt. Inn (gekommen), Donau (werd ich noch gehen) und Ilz (werd ich passieren).

Twins

Am heiligen Sonntag hatten die Souvenir-Läden offen. Rund um den Dom. Bajuwaren-Kitsch für die Welt. Gemischt mit Wehrmachtsromantik. Andernorts würde man so etwas unter’m Thekentisch verkaufen. In Passau geht das ganz offen.

Da steht er in der Mitte

Sieht aus wie ein finaler Schuss

Hat sich wohl doch nicht so viel geändert seit den Tagen des „Schrecklichen Mädchens“, das als Schülerin in Passau über die braune Vergangenheit recherchieren wollte und (ich erinnere mich nicht mehr genau) aus der Stadt gemobbt wurde.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch deutsche Engelchen!

Freibier für alle

und Charivaris für Frauen

Ach ja,

Durst hatte ich dann doch:

Arcobräu Urfaß Helles  (2,60). Hansi konnte gar nicht genug davon in sich hinein schütten. Nutzte seine Flöte als Strohhalm. War ganz schön bedudelt.

Danach: Zwickl Bier auch von Arcobräu (2,80 Euro). Zwickl ist ein naturtrübes Bier. Nochmal besser als das normale Helle. Erfrischend auch der letzte Tropfen im Glas.

Arcobräu gibt es seit 1567. War gräfliche Brauerei.

Hunger: Deftiger Lammbraten in Knoblauch-Rosmarin Sauce mit  Petersilienkartoffeln (11,20 Euro). Klasse gutbürgerliches Essen.

Hansi dudelt mir das Ohr voll auf dem langen Weg nach Passau

Hansi, so wollte er nach seinem großen Vorbild genannt werden, auch wenn er bürgerlich Martin hieß.

Hansi hatte mich gestern Nacht kurz nach dem Bezahlen meiner Rechnung abgepasst. Er war der jüngste der Volksmusik-Combo und fragte mich, ob er mich morgen begleiten könnte. Er hätte den gleichen Weg. Nach Passau. Dummerweise willigte ich ein.

Hansi weckte mich bereits kurz nach 7 Uhr, um nach dem Frühstück gleich mit mir loszumarschieren. Es sollte die längste Tour der letzten Tage werden. Rund 37 km. Verdammt lang. Verdammt hart.

Im Grunde ging es die ganze Zeit immer auf dem Inn-Damm entlang. Oft kerzengerade. Kilometer für Kilometer. Ganz selten ein kleines Kürvchen

Noch 2 Schritte bis zum Horizont

Ich war guter Laune – noch! -, hatte gut geschlafen, war erholt; ich lief wie von selbst. Hansi flötete leise vor sich hin. Auf irgendeine Weise hatte es ihm das österreichische Engerl angetan. Nur die Musik, mit der er es zu umgarnen versuchte, hatte gar nichts Himmlisches. Außerhalb einer bayerischen Traditionskneipe hört sich Volksmusik einfach nur wie Lärm an. Gleichwohl: Namenlos ertrug es leidlich, eine Weile jedenfalls.

Almdödler bezirzt Engerl

Also geradeaus. Immer den Inn entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 005

Nach dem Sonnenaufgang grandiose Scherenschnitte links und rechts. Leichter Nebel, Schilf, Gebüsch, Auwald und spiegelndes Wasser.

Längster Scherenschnitt / Guinness verdächtig

Mit der Zeit glich sich alles, jede Spiegelung, jede Kurve, jeder Fernblick. Ich wollte nur noch Kilometer machen. Schritt für Schritt nach vorn.

Die Gedanken aber gingen zurück, Richtung gestern Nacht.

Unausgesprochen stand bei allen Gesprächen, denen ich im Gastzimmer meines Landgasthofes zugehört hatte, ein Thema im Mittelpunkt: das Sterben (auch wenn niemand dieses Unglückswort in den Mund genommen hatte). Die Kur, die die Gäste machten, diente nicht zur Heilung, sondern nur zur Linderung eines Schmerzes, der den Tod ankündigt. Noch gar nicht so alte Frauen, von Medikamenten aufgeschwemmt, entstellt. Nicht mehr junge Männer, in Rollstühlen, zentnerschwer. Aber alle aufblühend, solange die Musik schrammte, manche sangen sogar mit. Alle dankbar, dass sie noch atmeten. Die Musik gab ihnen ein Gefühl dabei zu sein, im Leben. Wenn auch am Rand.

Das Sterben hat mit dem Alter allerdings wenig zu tun. Außer dass es statistisch mit jedem Tag wahrscheinlicher wird.

Dem Sensemann ein Schnippchen schlagen, das wollen vor allem die, die das Alter als Krankheit mißverstehen. Auch davon gab es am gestrigen Abend reichlich Anhänger. Solche, die eine Kur gegen das Altern machten: liften, Fango packen, vegan ernähren (geht das in einer bayerischen Kneipe?). Siebzigjährige Zwillingsschwestern aus Hessen, Mittsechziger aus Köln: Niemand wollte mehr das Zauberberglein (das nahe Kurstädtchen Bad Füssing) verlassen, in der Hoffnung, die verewigte Jugend zu konservieren, aber ahnend, dass er/sie hier sterben würde. Und trotz aller echter Fröhlichkeit am gestrigen Volksmusikabend: Es lag doch eine spürbare Traurigkeit im Raum (oder in mir?).

Ich fing mit Hansi Streit an, ich hatte das ewige Gedudel satt. Wer will schon freiwillig ständig Bayerischen Rundfunk hören. Dieses Heimatgesülze wurde mir unerträglich. Während einer Pause packte ich schließlich die Ohrstöpsel meines Smartphones aus und verpaßte Hansi eine volle Dröhnung: Charles LLoyd, Trombone Shorty, Roland Schaeffer. Meine Lieblings-Jazzer und virtuose Blech-Bläser! Mit grandioser Musik.

Hansi bekommt Charles Lloyd zu hören

Hansi wurde vorlaut, meinte frech: Das sei Kunst. Die brauche er nicht zum Leben. Volksmusik sei etwas anderes. Da gehe es nicht um Erhabenes, Kunstfertiges, sondern um Geselligkeit. Deswegen funktioniere Volksmusik außerhalb der Wirtschaft und der Biergärten auch nicht richtig. Außerdem gingen jeden Tag in einem bayerischen Dorf mehr Menschen in die Wirtschaft als sonstwo in Deutschland in ein Jazz-Konzert. Und ich sei doch freiwillig nach Bayern gekommen, also müsse ich auch das Brauchtum und die traditionelle Musik aushalten.

Ab nun stopfte ich mir die Ohrstöpsel selbst in den Gehörgang, um diesen Quark nicht länger ertragen zu müssen und genoss die Fußball-Bundesliga Konferenzschaltung (auch wenn Kaiserslautern einfach nicht mehr siegen kann! Abstiegskandidat!).

FCK Ball im Wasser

Unterwegs ein Fisch-Lehrpfad, auf dem ich lernte, dass Hechte nicht nur Karpfen oder Wasservögel mögen. Sie haben sogar kleine Säugetiere, sofern sie sich im Wasser aufhalten, auf der Speisekarte. Hat das schon mal jemand gefilmt? Ein Hecht, der eine Wasserratte reißt? (Reißen Hechte? Oder schnappen sie?)

Deutsche wandern nicht nur einfach durch die Natur, sie lernen auch noch etwas dabei.

Auf einmal Ohren betäubender Lärm wie aus dem Nichts. Diesmal war es nicht Hansis Dauergedudele, sondern die nahe Inntal-Autobahn auf der österreichischen Seite, die bis an das Ufer heranführte.

Betonlandschaft Inn

Engel Namenlos fing nun auch an zu nerven. Hatte sich offenbar vom Dauer-Minne-Sänger Hansi betören lassen und jauchzte ununterbrochen „Hosianna“, so dass ich beschloss, auch Namenlos, sowie vorher Loisl, den Mund zu verbinden. Dazu war aber eine Engelzertrümmerung nötig:

Namenlos erschrak sich durch diese Aktion so sehr, dass es für eine Weile stumm blieb. So ersparte es sich die Mundbinde!

Befreiter aber stummer Engel

8 Stunden inzwischen gelaufen und immer noch 10 km zu gehen. Gut zwei Stunden fehlten noch bis Passau. Der Himmel graute schon. Noch ein paar schöne Fotos am wieder ruhigen, fast romantisch stillen Inn.

Herrliche Abendstimmung

Blaue Stunde auch für weiße Schwäne

Kaputt wie selten gegen 19 Uhr in Passau eingelaufen.

Hansi hörte endlich auf, die Flöte zu traktieren und rang sich sogar zu einem Lob durch. Das hätte er einem Städter wie mir nicht zugetraut. Mit 16 kg Gepäck fast 40 Kilometer zu marschieren. Das stimmt. Ich war selbst stolz auf mich. Nur – wiederholen möchte ich die Tor(Tour) so schnell nicht. Muss in Zukunft kürzere Strecken gehen.

Riesendurst: Helles von Hacklberg. Passauer Brauerei (seit 1618). Würzig, leicht süßliche Note. Gut (2,80 Euro). Hacklberg ist wohl im Besitz des Passauer Bistums. Also ein sehr katholisches Bier!

Gleich drauf: Ein Bio Bier / Helles.
Gutsbräu Straßkirchen (3 Euro). Deutlich besser als das Hacklberg. Würziger, das Malz nicht so süßlich. Bier hatte langen Abgang (wie der Weinkenner sagen würde). Hat wohl höheren Alkoholgrad. Muss das im Internet nachforschen.

Riesenhunger: Fisch mit Senfsauce, Brokkoli und Reisbällchen. Totaler Reinfall. War zwar Bio-Restaurant, schmeckte aber nach Iglu-Stäbchen. Donaufisch gab es eh nicht, also Scholle. Schlechter kann man nicht kochen, ohne Salz, ohne Gewürze, ohne Pfiff. Grauenhaft und überteuert (11,80 Euro). Hab mich seit langem mal wieder beschwert.

Mitternacht:

Es wird langsam eng im Bett

Unterkunft in der Altstadt: 55 Euro (mit Frühstück).

Ein namenloses Wesen begleitet mich nach Aigen

Immerhin ein Warn-Stein!

Warnstein in Braunau

Hier, in diesem Haus hinter dem Stein, wurde nicht der Nationalsozialismus geboren, aber der größte Verbrecher der Neuzeit.

Das Geburtshaus des Großen Diktators scheint weitgehend unbehaust zu sein.
(Wer könnte mit so einem Gespenst zusammen wohnen?)

Die Braunauer tun mir leid. So wie ein Dachauer immer wird begründen müssen, wie er in seiner Stadt mit solch einer Vergangenheit wohnen kann, so werden auch die Braunauer den Spuk niemals los.

Ich fand keinen einzigen Souvenir-Laden in der Stadt. Welches Andenken will man auch hier verkaufen? An was soll man sich hier gern erinnern?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so gruselig fühlen würde. Tut mir leid Braunauer, der Abstecher über die Grenze war eine schlechte Idee. Ich will schnell wieder zurück auf die andere Seite.

Auf dem Weg zurück passierte ich noch in Braunau einen Mini-Weihnachtsmarkt. Ein Engerl zwinkerte mir zu, signalisierte, dass er auch schnell weg möchte. Ich nahm in mit. Weil er ein sympathischer österreichischer (rot-weißer / oder besser rosa-weißer) Seraph war.

Namenloser Cherub

Namenlos, bei diesem Namen beließ ich es gleich. Ich gebe zu, ich war froh, dass das Engerl in einem Glashaus gefangen war.

Es bestand also keine Gefahr, dass er entfleuchen und irgendeinen Unsinn wie Loisl anstellen konnte. Bei den Österreichern weiß man ja nie.
Und zudem: Er führte ein wenig Schnee mit! Während es draußen so um die 6 bis 8 Grad PLUS waren. Kälte, Schnee, Winter – vielleicht im Himmel. Auf Erden aber nicht.

Seltsame Jahreszeit.

Blühende Landschaften im Dezember:

Winterblüte

Braunau lag rasch hinter uns. Auch wenn Namenlos mich ein wenig aufgehalten hatte und ich erst gegen halb neun loskam, hatten wir doch das Ziel bis am Abend in Aigen am Inn zu sein. Schätzungsweise 27 Kilometer.

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Noch auf der österreichischen Seite: wunderschöne Innlandschaften, Auen, Schilf. Die Route folgt einem internationalen Fern-Rad-Weg.

Inn Idylle

Schlösschen Hagenau

Acker und Au

Bei Frauenstein bringt mich Namenlos zurück nach Bayern. Empfangen von einem Wegkreuz. Eines von vielen auf meinem Weg.

Ziemlich katholische Gegend

Sumpf. Kaum begehbare Wege die ersten zwei Kilometer.

Auenwald am Inn

Schmaler Trampelpfad ins Nichts

Schatten und Original:

Ich, der Schatten

Ich, das Original

Wie viele Kilometer ich dann geradeaus auf dem Damm gehen mußte, erinnere ich nicht mehr. Nur noch daran, wie unendlich anstrengend es ist, sich auf den „rechten“ Weg zu begeben. Wenn das Ziel immer gleich entfernt bleibt, der Horizont sich keinen Millimeter nähert, unendlich unendlich bedeutet. Wieviel motivierender ist es, wenn man Haken schlagen, Umwege laufen kann. Ich glaube, daß die Geometrie irrt, wenn sie behauptet, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei die Gerade. In der Landschaft stimmt das nicht. Der schnellste Weg führt über Umwege. Davon gab es reichlich. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Blick nur nicht nach vorn zu richten, sondern ständig meinen Füßen zuzuschauen, wie sie sich selbständig bewegten, einen Schritt vor den andern setzten. Die Gedanken richteten sich nach diesem Rhythmus, ein Gedankensplitter folgte dem andern.

Aber ich will nicht jammern: Stille, nur leichtes Windrauschen, ab und zu das heißere Gekrächze eines Raben oder das Geschnatter einiger Donau-Enten (schmeckt eigentlich Wildenten-Fleisch? Mit Orangensauce?). Ganz nebenbei: Ich bin ornithologisch und – was Natur anbelangt – sprachlich ungebildet. Schnattern eigentlich Enten oder schnattern Gänse oder beide? Krächzen Raben und was machen dann Krähen? Oder Schwäne, Graureiher gar? Es gibt Sprachen, für die noch kein Wörterbuch geschrieben wurde.

Weg in die Unendlichkeit

Links und Rechts Augenweiden

Ankunft in Aigen mit „night falls“.

Nette kleine Pension in einem alten Bauernhof. Die Gaststätte füllte sich ab 18 Uhr rasch. Kaum Einheimische. Fast nur Kurgäste. Aus dem 10 Kilometer entfernten Bad Füssing. Der Gasthof war anscheinend berühmt für seine Speisekarte und für zünftige Unterhaltung. Unter den Gästen alles, was einem Pathologen Spaß macht: Fußkranke, Athrotische, Halb-Gelähmte, Schüttelgelähmte, Sprachgelähmte, Krankhaftlacher, Fangoanwender, Berufspensionäre mit eingewickeltem Dackel, alles, nur keine Kassenpatienten. Eine Gaststätte als Sanatorium. Die Gespräche kreisten nicht um Gott und die Welt, sondern ausschließlich um Tod und Kur. Schließlich kam auch noch der ehemalige Pfarrer aus Bad Füssing, der in dieser Gaststätte seinen Lebensabend verbringt und kein Wort spricht. Er ist ja auch nicht mehr im Innen-Dienst.

Ab 19 Uhr dann Volksmusik. Sympathische Dorfband. Schien ein Familienunternehmen zu sein.  Bayerische Gassenhauer. Holzfällerbub’n und so weiter. Der ältere Musikant benutzte ein Rhythmus-Instrument, das ich nicht kenne. Eine Art Ratsche? Schnarre?

Durst: Wolferstetter Helles (Traditionsbrauerei aus Vilshofen). Sehr schmackhaft, mit schön dezenter Würze. 2,80 Euro.

Auch Namenlos ruft Halleluja beim ersten Bier

Hunger: Gitti’s Bras’l in der Rain / Schwein’s und Surbrat’l mit Semmel- und Kartoffelknödel, dazu Sauerkraut (9,80 Euro). So war’s im Original geschrieben. Und es schmeckte fantastisch. Auf den Punkt gewürzt! Kompliment.

(Surbaten, das hab ich nun gelernt, ist leicht gepökeltes Fleisch.)

Saftig

Müde und kaputt um 23 Uhr schlafen gelegt. Es war gut, dass Namenlos in seiner Glasglocke blieb. Der österreichische Engel konnte so die kleinen Gemeinheiten des bayerischen Kollegen Loisl gut ignorieren, dem es langsam auf den (Heiligen) Geist ging, ständig die Gosch verbunden zu haben. Er krächzte etwas wie ein heißerer Rabe (?? krächzt der ??).

Familienbett

Unterkunft: 38 Euro ( mit Frühstück).

Mit Schutzengel Loisl zu Besuch beim Nachbarn

Loisl hab ich ihn genannt. Jemand hat mir für die Wanderung einen Schutzengel geschickt, einen weiß-blauen Schluri. Ein anderer Name fiel mir nicht ein. Gabriel, Uriel, Michael: Das klingt so gar nicht nach Bayern. Also: Erzengel Loisl! Ein Schlitzohr, aber netter und geselliger Kerl, mit seltsamen Neigungen allerdings. Doch das sollte ich erst später bemerken.

Loisl will mich heute begleiten, wenn es rüber geht zu den Nachbarn, zu den Österreichern.

Die haben rot-weiß in ihrer Flagge. Da ist weiß-blaue Unterstützung vielleicht nicht das Verkehrteste.

Loisl auf Austria-Farben

Beim Wandern taumeln mir manchmal die Gedanken weg. So habe ich mich die ganze Wegstrecke über gefragt, ob wir beim Eintritt ins Paradies das Geschlecht verlieren. Und welchen Sinn es dann macht, dass Dschihad-„Märtyrer“ sich ins Elysium zu sprengen (wegen der Jungfrauen, sagen sie), wenn sich  – na ja – so gar nichts mehr regt.

Bei Loisl konnte ich das nicht überprüfen. Die Hose ist angewachsen und sie lässt sich nicht lupfen. Oder ist es doch ein Hosenröckchen?

Wenn ich zurück bin, veranlasse ich mal ’ne Röntgenuntersuchung.

Loisl jedenfalls war heute mehr fürs Bummeln als fürs Losmarschieren. Erst um halb neun wollte er starten, über die Grenzbrücke – an seiner Chefin vorbei – ins Österreichische.

Maria bewacht die deutsch österreichische Grenze

Obwohl jetzt beim Nachbarn, ging der Blick erst einmal zurück. Unglaubliches Panorama von BURGhausen.

Die größte Burg Europas ?

Burghausen mit Salzach Brücke

Burghausen

Loisls Ursprungsidee war, entlang der Salzach nach Braunau zu wandern.

GPS-003-Burghausen-Foto

GPS-Gesamtstrecke bis 003

Doch schon nach einem Kilometer war Schluss. Der Weg hörte einfach auf. Fühlte mich wie vor den Kreidefelsen vor Dover.

Salzach Klippen

Ruhepause.

Ich

Die Wege in Österreich scheinen nicht so perfekt ausgeschildert wie bei meinen Landsleuten auf der anderen Seite. Alles ein bisschen mehr Laissez-faire. Quer durch den Wald schleppte mich Loisl dann Richtung Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen. Der Wald allerdings ein rot-weißes Farbenmeer.

Rot-Weißer Wald

War da die Wehrsportgruppe Österreich unterwegs?

Grenzwertiges an der Grenze

Grenzwertig. So ein zur Schau gestellter Patriotismus wäre auf der deutschen Seite zum Glück unmöglich.

Haben die Österreicher eigentlich auch weltweit die Verbotsschilder und Wegschranken designt?

Austria-Design weltweit

Kurz vor Verlassen des Waldes war Loisl plötzlich verschwunden. Ich hatte ihn in der Hosentasche mitgeführt. Aber da war er nicht mehr. Hat eben Flügel. (Können Engel eigentlich schneller fliegen als Vögel? Haben sie Wanderrouten? Winterrastplätze?)

Schlug mich von nun an ohne göttlichen Beistand durch, stapfte stundenlang eine langweilige, Gott sei Dank aber wenig befahrene Bundesstraße Richtung Braunau entlang. Ab und zu ein paar Gartenzwerge und Spießerhäuschen.

Österreichischer Zwerg (rotweiß natürlich)

So gar nichts Anarchisches

Ein Weg hinunter zur Salzach gab es nicht. Schließlich ein grandioser Blick von oben: Zusammenfluß Salzach und Inn. Für die Kamera leider zu versuppt.

Zusammenfluss Salzach / Inn

Ab jetzt ging‘s wieder runter zum Wasser auf den Inn-Damm. Ab und zu Vögel, die sich nicht fotografieren lassen wollten. Waren einfach immer zu weit weg.

Erneut verschätzt. Die Nacht kam schneller als gedacht. Wieder zuviel gelaufen. Schätzungsweise 29 Kilometer. Vermisste meinen Loisl. Die letzt Stunde tat ziemlich weh. Spürte zum ersten Mal eine Blase am rechten Fuß.

Night Falls

In Dunkelheit zur Inn-Staustufe. Um 18 Uhr dann endlich am Ziel: Gasthaus Mayrbräu im Zentrum Braunaus.

Zu meiner Überraschung tauchte plötzlich Loisl wieder auf. Stand vor der Gasthof-Tür, hielt die Hand vor den Mund und druckste verlegen rum.

Ich fuhr ihn barsch an, er solle rausrücken, was los sei und er solle endlich die Hand von der Gosch wegnehmen.

Loisl gestand verschämt, daß er als Tourist zum Geburtshaus des Großen Diktators geflogen war (wohin gar nicht so wenige Deutsche pilgern) und sich entsprechend geschminkt hatte. Sollte ein Witz sein. Ein ziemlich geschmackloser jedenfalls. Er beteuerte, er habe nur Charlie Chaplin nachahmen wollen. Und jetzt bekam er das Oberlippen-Bärtchen nicht mehr ab.

Loisl am Hinterausgang des Geburtshauses des Großen Diktators

Rot-Weiß und Weiß-Blau gab bekanntlich mal die Farbmischung Braun. Der Große Diktator war österreichischer Bayer oder umgekehrt. Scheint weiterhin Sympathisanten zu haben. Nicht nur durch Österreichs (und auch Deutschlands) Wälder schleichen immer noch einige Braunhemd-Gruppen.

(Hat eigentlich schon mal jemand untersucht, wieso der Große Diktator ausgerechnet die Farbe Braun für seine BRAUNauer-Münchner Bewegung aussuchte? Billige Assoziation mit dem Namen seiner Heimatstadt?)

Loisl schämte sich jedenfalls für den schlechten Schmink-Gag, aber das Bärtchen blieb. Damit ich mit ihm, ohne einen Skandal zu provozieren, ausgehen konnte, mußte ich ihm das Maul samt Oberlippe verbinden.

Loisl schämt sich

Durst: Salzburger Stiegl Bier  (Goldbräu vom Fass). Allerweltsbier, rasch getrunken, ohne besonderen Nachgeschmack. 3,20 Euro.

Loisl kann heute nichts essen

Hunger: Wiener Tafelspitz mit Semmelkren, Röstkartoffeln und Marktgemüse. Fleisch: gute Hausmannskost. Röstkartoffeln allerdings wie eingeweicht. Kren (vulgo Meerrettich) zu sanft. Auch Fleisch hätte etwas Meersalz (vielleicht mit Kräutern?) vertragen. Koch hatte Angst vor Schärfe. 14,50 Euro.

A Rua iss !

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).