Anstrengungslos drehte sich die Erde unter mir weiter bis Nordhorn

Um 9 Uhr mit dem Zug nach Meppen zurückgekehrt.
Um 10 Uhr die Kreisstadt verlassen.
Irgendwann die Ems überquert.

Breit und träge

Breit und träge

Auf dem Weg nach Nordhorn. 36 Kilometer zeigte mein Handy-Navi an.

GPS-118-Meppen

GPS-Gesamtstrecke bis 117

Ich wusste, ich würde heute nichts erleben, nichts denken, nichts tun und nichts vermissen.
Tage verlaufen bisweilen so.

Wohlig, ruhig, diesig und doch angenehm sonnig.
Ein ig-Tag, wie es ihn nur im Frühling gibt.

Ich brauchte nicht einmal zu gehen, meine Füße zu bewegen. Der Tag ging für mich.
Ich begriff es schnell.
Ich setzte mich auf einen Luftstuhl und ließ die Erde sich unter mir weiterdrehen.
Ich war mir sicher, sie würde mich an meinem Ziel absetzen.
Ich vertraute ihr.

Höfe zogen an mir vorbei.

Aufgeräumte Höfe

Aufgeräumte Höfe

Gehöfte, so aufgeräumt wie Puppenstuben aus dem letzten Jahrhundert.

Aufgereihte Höfe

Aufgereihte Höfe

Birken mit grünblättrigem Mai-Ausschlag tanzten vorüber und zogen umgepflügte Felder nach sich.

Tanzende Bäume

Tanzende Bäume

Gülledüfte, modriger Moor- und nasser Feldgeruch wirbelten vorbei. Geräusche wie gackernde Hühner in Riesenschwärmen aus Riesenfabriken stoben auf und wieder weg.

Never ending story

Never ending story

Manchmal war ein Furzen und Blähen zu hören – als käme es aus Riesen-Biogasanlagen. (Oder war es nur mein Magen, in dem die Hunger-Warnleuchte verdächtig aufblinkte?)

Beginning story

Beginning story

Klar, irgendwelche unsichtbaren Hände schoben Kulissen mit aufgemalten Wegkreuzen an mir vorbei. Dutzende. Aber das war das Thema von gestern. Auch wenn mir ein besonderes Kreuz (eine Kreuzplatte!) in Erinnerung bleiben sollte. Von Zeit und Rost angefressen – aus dem Jahr 1746! – mit einer Inschrift, die ich nicht mehr entziffern konnte, so schnell huschte sie vorüber.

Yesterday's story

Yesterday’s story

Auf die Erde war Verlass. Sie stoppte ihre Rotation, kurz, und ließ mich wie verabredet um 19 Uhr wieder festen Boden unter den Füßen spüren.
Nach 36 km.

Wissenschaftler wollen mir weismachen, dass mein Planet Erde die 36 km in 1,296 Minuten dreht. In Wahrheit waren es heute exakt 9 Stunden. Soviel brauchte sie, um mich von Meppen nach Nordhorn zu transportieren.

Die Wissenschaft weiß nicht, dass Zeit nur in einem zeitfühlenden Subjekt existiert. Also nur in mir.
Die Wahrheit liegt im Fühlen!

Ich fragte mich allerdings, warum mir meine Knie so schmerzten und warum ich so erschöpft war?

Vom Nachdenken? Klar! Ich hatte schließlich Zeit!

Durst: 3 Königs-Pils. Gut wie immer.

Hunger: Tintenfisch mit Pesto. Hervorragend. Klasse gewürzt. Tintenfisch superzart.

T118-Essen-01

Unterkunft: 57 Euro.

Auf dem Kreuzweg nach Meppen

Machtvoller Glaube

Machtvoller Glaube

Ter Apel ist in den Niederlanden wegen zweier Dinge bekannt.

Erstens: Die Gemeinde beherbergt eine prächtige ehemalige Klosteranlage, die heute mehr oder weniger Museum ist. (Sie hatte gestern Abend bei meiner Ankunft geschlossen und heute morgen bei meinem Aufbruch noch nicht geöffnet.)

Zweitens: Hier ist das größte Abschiebegefängnis der Niederlande.
(Liberalität in Sachen Migration sieht vielleicht doch anders aus.)

Und dann gibt es noch die jüngere Geschichte. In Ter Apel stand einmal eine Synagoge, das Zentrum einer kleinen jüdischen Gemeinde. Bis die deutschen Nazis kamen.

Selbst zweijährige Kinder wurden damals deportiert und ermordet.

Verfolgter Glaube

Verfolgter Glaube

Ganz offensichtlich trauen die Bürger Ter Apels auch nach dem Krieg den Deutschen nicht über den Weg.
Wie sonst sind die Geschichts-Tafeln in der Nähe des Gedenksteins zu erklären.

Öffentliche Geschichte

Öffentliche Geschichte

Tafeln, die der eigenen Bevölkerung die neuere Geschichte des Nachbarn erzählt. Ein offensichtliches Werben um Vertrauen. Dass der Weg in die Demokratie in Deutschland unumkehrbar sei.
Bildlich begründet mit der Westbindung (Adenauer) und der Ostpolitik (Brandt). Spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts in Polen – so las ich es aus den ausgewählten Bildern – habe sich Deutschland zu seiner Schuld bekannt und sich zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft entwickelt.

Wieder wurde mir bewusst, wie sehr die Grenzen eines Landes „vernarbt“ sind und die Wunden immer noch schmerzen.

Ich war bisher nur kurz – zum Schnuppern – in den Niederlanden unterwegs.
Noch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich intensiver mit jemandem zu unterhalten.
Und doch schwante mir, dass auch diese Grenze (ähnlich wie die im Osten) mir Lektionen über mein eigenes Land erteilen würde.

GPS-117-Ter Apel

GPS-Gesamtstrecke bis 116

Gegen 9 Uhr war ich Richtung Meppen losgegangen. 31 km weit weg.

Mein Weg folgte zunächst dem Kanal in Ter Apel.

Abgesoffen

Abgesoffen

An einer Brücke rief ein Mädchen nach mir.
Sie nannte sich Juliana und wollte wissen, ob ich ihren Bruder William Christ gesehen hätte.
Ich sagte ihr, dass der Junge mir als Übersetzer diene, aber gerade in meinem Rucksack schliefe.
Sie bat mich, mitgehen zu dürfen. Am Wochenende würde sie mit ihrem Bruder dann zu ihrer Schauspieler-Truppe zurückgehen.
Ich willigte ein. Ich war froh, wieder kleine Wandergesellen bei mir zu haben.

Julchen

Julchen

Der Grenzübertritt nach Deutschland umspektakulär. Ein Schild musste mich darauf aufmerksam machen. Landschaft und Gesichtszüge der Menschen änderten sich dadurch nicht.

Grenzen sind nirgendwo

Grenzen sind nirgendwo

Wanderwege gab es nicht, dafür gut ausgebaute Radwege. Auf ihnen marschierte ich vor mich hinsummend entlang.

Auch wenn ich selten jemand auf den Wegen traf, ich war nie allein. Ich hatte ständig Begleiter, stumme Begleiter: Wegkreuze.

Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

Schon bald nach der Grenze standen sie da – wie in Stein gehauene Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf FURCHT liegt. Diese Kreuze hatten nichts Verspieltes, Filigranes, wollten schon gar nicht die eigene Handwerkskunst preisen. Schlicht, massiv und beinahe drohend verknüpften sie den Himmel mit der Erde. Flehten steinerweichend um Vergebung, um Barmherzigkeit, um Friede, um Hilfe.

Oder kündeten von der Macht Gottes (und dem Reichtum mancher Bauern in den Dörfern).

Die Macht Gottes

Die Macht Gottes

Am Dorfrand von Altenberge begutachtete mich mit kritischem Blick ein älterer Herr, der den Rasen seines Vorgarten düngte. Ich fragte ihn, wieso hier so viele Wegkreuze stünden. Friesland, durch das ich noch vor kurzem durchwandert hatte, eigentlich der ganze Norden, sei doch protestantisch?

Der Künder Gottes

Der Künder Gottes

Er belehrte mich, dass das Emsland urkatholisch sei. Das sei immer so gewesen. Und überhaupt ginge es jetzt ja auch schon Richtung Rheinland.

Merkwürdig, ich selbst fühlte mich noch nahe an der Nordsee und die Einwohner hier hatten schon das Rheinland im Blick.

Und das im flachen Norden.

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Landschaft mit typischem Am-Horizont-Dorf

Jetzt tauchten auch vermehrt Marienstatuen und Kapellchen am Wegrand auf.

Maria die Gnädige

Maria die Gnädige

selbst die Gottesmutter wurde vorwiegend um Gnade, Hilfe, um Barmherzigkeit und (Seelen)Heil angefleht.

Maria kann nicht helfen

Maria kann nicht helfen

Fühlten sich denn wirklich alle Seelen hier als Hilfe bedürftige Sünder?

Maria hat ein Dach überm Kopf

Maria hat ein Dach überm Kopf

Gegen 17 Uhr erreichte ich Meppen. Ich war im Herzen des Emslandes angekommen.

Italienische Farben

Italienische Farben

Ein kleiner Dom schmückt das Zentrum des Kreisstädtchens.

Ich hatte auf dem Weg hierher rund 25 Kreuze und Heiligenstatuen gezählt.
Monumental der Schlussakkord auf dem Domplatz:

MONUMENTal

MONUMENTal

Meppen hat eine Handvoll Hotels. Nicht in einem war ein Zimmer frei.
Auf der Touristeninformation fand ein freundlicher Angestellter auch kein Bett in einer privaten Unterkunft für mich. Alles ausgebucht.
Also fuhr ich mit dem Zug 20 km Richtung Norden, nach Haren (Ems), zum Schlafen.

Durst: Rolinck Pils. Regionale Brauerei (seit 1820). Die ehemalige Privatbrauerei gehört seit wenigen Jahren zu Krombacher. Würzig mit bitterer Note. Sehr guter Geschmack. 3,30 Euro (0,5l).

T117-Bier-01

Hunger:
Vorspeise: Lauwarmer Ziegenkäse mit Walnuss-Pesto. Außerordentlich gelungen! 6,90 Euro
Hauptspeise: Harsker Püntkerteller (3 gebratene Fischfilets mit Salzkartoffeln). Wenig überzeugend. 16,50 Euro.

T117-Essen-02

Juliana bevorzugte hausgemachte Fischfrikadellen.

T117-Juliana-02

Sie schnatterte zufrieden mit ihrem Bruder die ganze Nacht.

T117-Juliana-03

Während ich mir in der Kneipe den historischen Sieg der Bayern über Barcelona anschaute.
Unterkunft: 47 Euro.

Etappenschluss in Papenburg

Frühaufsteher oder Nacht-Durchhänger?

Cool-Blogger

Bis auf zwei Hup-Hopper-Simultanten und mir war niemand in der Leerer Innenstadt – Sonntag Morgen, 9 Uhr 30.
Zumindest ich hielt mich nicht länger auf. Bewegte mich schnurstracks Richtung Papenburg.
21 km weg.

GPS-Gesamtstrecke bis 114

Eine Eisenbahnbrücke führte mich auf einer schmalen Fußgängerspur über die Ems.

Cool Bridge

Ich war dankbar für die paar in die Landschaft gestreuten kleinen Wäldchen, die ich allesamt andächtig durchschritt.
Meisengezwitscher statt Möwengeschrei, Bachplätschern statt Meeresrauschen. Ich genoss es.

Cool forest

Das Meer lag hinter mir, die niederländische Grenze war nah, auch wenn ich sie auf dieser Etappe nicht mehr erreichen würde.
Ich hatte beschlossen, diese Tour in Papenburg zu beenden.
Ein geschwollenes Knie, ein entzündetes Auge (blutrot) und Regenkleidung, die einfach nicht mehr dicht war, machten mir die Entscheidung leicht.

Es regnete oft und stark. Nur kurze Erholungspausen für den Himmel und für mich.

Die Landschaft unspektakulär. Flach – natürlich. Ein paar Höfe, ab und zu ein paar Gegenstände am Wegrand.

Cool tyres

Cool Chair

Gegen 15 Uhr erreichte ich Papenburg.

Völlig durchnässt nahm ich den nächsten Zug nach Hause.

Hunger: DB-Standard-Verpflegung.

Cold sausages

Die nächste Etappe beginnt voraussichtlich im Mai (2013).

Ein gutes Neues Jahr!

Gefrorene Regenwürmer und Boßler verstellen mir den Weg nach Leer

Jeder Meter, den ich abschritt, atmete Abschied.
An diesem Morgen würde ich auf meiner Grenzwanderung zum letzten Mal die Nordsee sehen.

Nicht dass mich Wehmut ergriff, nach Wochen als Deichwanderer hatte ich Lust auf Neues. Und trotzdem: Es war ein bisschen wie eine Trennung.

Ich war spät losgegangen, Viertel nach 10. Am Emdener Seehafen vorbei lief ich direkt zum Deich.

Giganten

Die Nordsee wie ein kleiner eingehegter Tümpel. Dollart wird die Bucht genannt. Irgendwo in der Mitte verläuft die (umstrittene?) Grenze zu den Niederlanden.

End of Sea

Ich verharrte kurz, lauschte noch einmal den ans Ufer schwappenden Wellen und genoss das melodielose Schreien der Möwen.
Ich atmete tief durch.
Tschüss!

Der heutige Weg sollte mich entlang der Ems ins Friesenstädtchen Leer führen. Ca. 31 km von meinem Ausgangspunkt entfernt.

Die Ems-Mündung beherbergte einen kleinen etwas heruntergekommenen Kutterhafen. (Wohl der letzte auf meiner Tour).

Klein und Schmutzig

Auch die Ems war eingedeicht. Der Boden steinhart (die Nächte hatten Minusgrade). Ich sah einige erstarrte und blau angelaufene Regenwürmer auf der Erde. Waren sie erfroren? Ich fragte mich, ob Regenwürmer im Winter mit der Erde zusammen gefrieren?
Und im Frühjahr wieder auftauen?
Mit solch wichtigen Fragen sollte sich mal die Sendung mit der Maus beschäftigen!

(Oder sollte ich Zuhause vielleicht ein Experiment machen: Einen Regenwurm in den Gefrierschrank legen und sehen, ob er nach dem Auftauen wieder schlängelt?)

Der Wind wehte kalt und frontal. Es fiel mir schwer, auf der Deichkante zu marschieren.

Von weitem hörte ich Männer johlen, als wären sie beim Fußballspiel.
Als ich näher kam, sah ich eine Gruppe von Boßlern, die ihren friesischen Nationalsport betrieben.

Great Boßler I

Ich ließ mir von der Gruppe das Spiel erklären. Genau begriffen habe ich es dennoch nicht. Im Prinzip ist es eine Art Kegeln. Weit-Kegeln. Eine Mannschaft versucht die andere mit der Kugel immer weiter zu treiben. Gewinner ist, wer die längste Strecke bewältigt.

Great Boßler II

Die Kugel darf nicht vom Weg abkommen. Da das Spiel meist auf verlassenen Landstraßen oder auf Deichwegen gespielt wird, landet die Kugel ziemlich häufig im Graben, im Sielwasser oder im Gebüsch.

Eine lange Stange mit Korb hilft beim Herausfischen.

Damn‘ Boßler I

Da das Spiel sich über Kilometer hinzieht, ist das wichtigste Requisit der kleine Speisewagen!

Great Boßler III

Gefüllt mit heißem Grog, Tee mit Rum, verschiedenen Schnäpsen, Bier und allerei zum Knabbern.

Great Boßlers Equipment

Auch ich bekam einen Grog ab und ein paar Käsehappen.

Damn‘ Boßler satisfied

Lustige Männerrunde. Außerordentlich sympathische Jungs!

Good Boßler IV

Gestärkt lief ich weiter nach Leer.
Regen setzte ein und gegen 17 Uhr fand ich ein Hotel in der Innenstadt.

Es war schöner Tag gewesen.