Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

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Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Auf Kaisers Stuhl bis Breisach

Kaiserstuhl!

Wow!

Wow!

Vom Elsässer Weinland ins Badische Weinparadies.

Um 9 Uhr in Sasbach aufgebrochen. Ich hatte vor rund 19 km zu wandern. Durch Weingärten bis nach Breisach.

GPS-163-Sasbach

GPS-Gesamtstrecke bis 163

Der Morgenhimmel über den Weindörfern noch mit Schlafdreck verschmiert.

Gegenlicht verschönert

Gegenlicht verschönert

Auf den Friedhöfen ist Platz. Entweder wollen die Leut‘ nicht mehr sterben. Oder es gibt neben der Landflucht auch eine Friedhofsflucht. (Friedwald? Urnen? Seebestattung?)

Pflanz  Blumen auf meinem Grab

Pflanz Blumen auf mein Grab

Dörfer mit klingenden Namen: Achkarren, Bickensohl, Ihringen, Bischoffingen, Burkheim.
Einige meiner Lieblingsweingüter liegen hier. Dr. Heger, Huber, Johner …

Kaiser's Stuhl?

Kaiser’s Stuhl?

Landwirtschaft ist hier immer noch Familienbetrieb. Kleine Hektarzahlen.

Konzentriert

Konzentriert

Dieser Landwirt bot mir einen Sack seiner Früchte an. Ich hatte aber schon genug zu tragen. So aß ich im Stehen zwei drei Zwetschgen und hörte mir das typische Jammern eines Bauern an. Klimawandel. Lange kein Regen, dann zuviel auf einmal. Handelsketten, die den Preis diktierten. Ich unterbrach sein Lamento und wollte wissen, wie man hier denn mit den Franzosen auskomme.
Seine Antwort: Ich solle mal im Ort in den Aldi und Lidl gehen. Nur Franzosen, die einkauften. Denen ginge es überhaupt nicht gut, also suchten sie sich in Deutschland die Billigheimer. Und überhaupt: Die würden so schlecht Deutsch sprechen, obwohl sie doch Elsässer seien.
Danach bekamen auch noch polnische Saisonarbeiter ihr Fett ab.

Auch bei der Sache

Auch bei der Sache

Schließlich erklärte der Bauer die Welt für verrückt. Manche seiner Kollegen würden übergroße Zwetschgen (oder sagte er Pflaumen?) züchten, die überhaupt nicht für den Verzehr bestimmt seien. Nur zur Dekoration.

Sein Sohn schüttelte dazu – auf der Leiter – ungläubig den Kopf.

Der Sohn will höher hinaus

Der Sohn will höher hinaus

Ich verabschiedete mich höflich und zog weiter durch das Herz des Kaiserstühler Weinlandes.

Die Dörfer schnörkelos, bei weitem nicht so herausgeputzt wie im Elsass.

Alles eine Spur kleiner

Alles eine Spur kleiner

Ich bedauerte, dass die Besenwirtschaften erst am späten Nachmittag aufmachten.

Wie gerne hätte ich jetzt einen Weiß- oder Grauburgunder getrunken.
Der Kaiserstuhl ist Burgunderland.

Wie kommt die Traube ins Glas?

Wie kommt die Traube ins Glas?

Höllenlärm in den steilen Weinbergen. Einige Winzer sensten mit lauten Maschinen die Blätter von den Reben. Die Weintrauben sollten jetzt im Spätsommer noch einmal schattenfrei Sonne tanken.

Blattputzteufel

Blattputzteufel

Grand Canyon des Kaiserstuhls. Unten fließt der Wein-River!

Badischer Grand Canyon

Badischer Grand Canyon

Weinliebhaber sind nicht zwangsläufig gute Dichter.
An manchen Winzerhöfen eher schlichte Reime:

Land der Dichter

Land der Dichter

Der Tag hatte sich von mausgrau zu sonnengelb entwickelt.
Zumindest bis zum frühen Nachmittag.

Sonnenkraftwerk

Sonnenkraftwerk

Als ich gegen 15 Uhr 30 in Breisach ankam, drehte sich bereits das Wetter. Kurz vor Sonnenuntergang stoppte dann der Nieselregen und ich konnte über das Städtchen hinweg weit weit hinüber in die Vogesen schauen.

Über den Dächern von Breisach

Über den Dächern von Breisach

Durst: Spätburgunder von der Sasbacher Winzergenossenschaft. Einfach, aber angenehm.
Danach: ein Kaiserstühler Roter Cuvée (Landerer). Nix hängengeblieben.

Hunger: Stubenkücken auf Zucchini aus dem eigenen Garten. Von viel zu schwerer Soße erschlagen.

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Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die schöne Nadine begleitet mich zurück zur Grenze nach Sasbach am Kaiserstuhl

Gut gelaunt aufgewacht. Den Ortsname Blienschwiller muß ich mir merken. Herausragende Köchin, die im einzigen Lokal des Dorfes geradezu zaubert.

Guter Landschaftsarchitekt!

Guter Landschaftsarchitekt!

Ich werde wiederkommen. Und das bald!

Aber heute wollte ich erst einmal nach Deutschland zurück. Ich war jetzt lange genug in Fronkreisch.

33 lange Kilometer warteten auf mich. Bis Sasbach am Kaiserstuhl.

GPS-162-Blienschwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Die Wegkreuzdichte in diesem Teil des Elsass ist verblüffend.

On the bright sight

On the bright side

Selbst Straßen führen direkt zum Kirchenaltar.

Last Exit

Last Exit

Als ich auf einer Obstwiese einen Apfel pflücken wollte, traf ich Nadine.
Sie machte gerade Rast und war ebenfalls auf dem Weg nach Deutschland.

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Sie stammte aus dem Süden der Republik und wollte zu einem Trachtenfest im Schwarzwald.
Ich bot ihr an, sie mitzunehmen und sie willigte gerne ein.

Von der Weinstraße ging es sehr schnell in den flachen Oberrheingraben.

Beim Abschieds-Blick zurück sah ich die Burg Ortenberg. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört.

In die Wolken gebaut

In die Wolken gebaut

Gleich nebenan, von Wolken fast vollständig eingehüllt, das Schloss Haut-Kœnigsbourg. Auch diese Anlage wurde von den Schweden geschleift (was haben die hier eigentlich gesucht?).
Kaiser Wilhelm ließ sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Millionenaufwand restaurieren. Zum Spaß. Bezahlen mussten allerdings die Elsässer selbst. Heute profitieren sie wenigstens davon. 500.000 Besucher jährlich!

Hoch hinaus

Hoch hinaus

Mangels Karte folgte ich wieder meinem Handy-Navi. Ich wollte über das Städtchen Sélestat zur Grenze. Aber mein Smartphone zeigte mir beharrlich „Schlettstadt“ an. Zuerst glaubte ich, es handele sich um einen Vorort. Ich brauchte noch eine Weile um zu begreifen, dass dies der deutsche Name Sélestats war.
Ich fragte mich, wer eigentlich das Google-Kartenprogramm programmiert? Und wieso er nicht die offiziellen Namen der Dörfer und Städte benutzt? War da ein Deutschtümler am Werk?

Kleine Stadt ganz groß

Kleine Stadt ganz groß

Das Zentrum nett, betulich, verwinkelt, die Häuser mit ein wenig Patina.

Ich setzte mich zusammen mit Nadine in ein Straßencafé und bestellte ein Bier.

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Ich fragte sie, warum sie denn diesen langen beschwerlichen Weg aus Südfrankreich in den Schwarzwald unternehme.
Wortreich versuchte sie mir zu erklären, dass in Frankreich selbst Jugendliche wieder Tracht trügen. Und sie suche eine Gelegenheit, sich mit anderen über Grenzen hinweg über Tradition und Brauchtum zu verständigen. Sie habe gelesen, dass auch in Deutschland wieder viel Dirndl und Lederhosen getragen würden.
Ich erwiderte, dass das nur eine modische Verkleidung von Jugendlichen sei. Eine Art permanentes Oktoberfest. Komasaufen inklusive.
Nadine verzog ihr schönes Gesicht.
Sie hatte keinen Sinn für Ironie.

Der Weg bis zur Grenze langweilig. Ich lief einen Radweg, der eine viel befahrene Landstraße begleitete.

Vor dem Rhein kommt der Rheinseitenkanal oder der Grand Canal d’Alsace, wie er auf französisch heißt.
Die Grande Nation baut keine einfachen Kanäle. Es muss mindesten ein „Grand“ davor.
(Gibt es auch ein „Grand Pissoir?“)

Industriefluss

Industriefluss

Staustufe und Wasserkraftwerk Marckolsheim.

Lastenfluss

Lastenfluss

Dann erst kommt Vater Rhein.

Irgendwo zwischen Grand Canal und Rhein (oder auf der Rheinbrücke?) lag die Grenze zwischen BRD und FR.
Man kann sie nicht mehr bemerken. Das war vorvorvorgestern.

Feierabendfluss

Feierabendfluss

Nach 8 Stunden Sasbach am Kaiserstuhl erreicht. In einem Traditionsgasthaus untergekommen.

Durst: Sasbacher Chardonnay (4,20 Euro) und Sasbacher Weißburgunder (2,90 Euro).
Beides recht einfache Ausgaben, aber süffig.

Hunger:
Badischer Sauerbraten mit Nudeln. 15,20 Euro.
Was daran badisch war, hat sich mir nicht erschlossen. Es kann nichts mit den verwendeten Lebkuchengewürzen zu tun haben.
War o.k. Und war vor allem: extrem viel.

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Unterkunft: 36 Euro (mit Frühstück).

Mon Dieu

Der eigentliche Grund, warum ich mich ziemlich weit weg von der Grenze bewegt und einen Abstecher in die Vogesen gemacht hatte, war die unselige Geschichte Natzwillers.

Im Seitental versteckt

Im Seitental versteckt

In den Bergen oberhalb des Dorfes errichteten die Nazis während der Besatzung ein Konzentrationslager. Dort, wo ehemals ein Wintersportort wohlhabende Franzosen zum Skifahren lockte.

52.000 Deportiere mussten diesen Eingang durchschreiten. 22.000 Menschen wurden dahinter zu Tode gequält.

Gottloser Ort

Gottloser Ort

Einige Baracken stehen noch. Auch der Galgen am Ende des Weges.

Jesus kam nicht bis Struthof

Jesus kam nicht bis Struthof

Den Gefangenen wurde der Strick fest um den Hals gelegt und gestrafft, so dass beim langsamen Öffnen der Falltür das Genick nicht brach, sondern der Häftling baumelnd langsam erstickte.

Henkersplatz

Henkersplatz

Unvorstellbares mussten die erleiden, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die mit flüssigem Senfgas und anderen Giftgasen traktiert, mit Typhus-Erregern infiziert wurden, die langsam zu Tode gequält und auf diesem Tisch seziert wurden.

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Arbeitsplatz der Teufel in Weiß

Im Museum gab es Fotos dazu, die ich mir nicht anschauen konnte.

Im Krematorium wurden den Toten Gold- und Silberkronen herausgebrochen.
Manchmal wurden Häftlinge hinter dem Verbrennungsofen an Fleischerhaken zu Tode stranguliert und gleich eingeäschert.

Das Grab vieler Unbekannter

Das Grab vieler Unbekannter

Nicht wenige, die nach Natzweiler-Strurhof deportiert wurden, waren Widerstandskämpfer.

Welchen Mut müssen französische Frauen und Männer gehabt haben, während der deutschen Besatzung im Untergrund zu arbeiten. Sie wussten, welches Schicksal sie erwartete, sollten sie auffliegen.

Helden (Ist das das richtige Wort?)

Helden (Ist das der angemessene Begriff?)

Als ich mich entschied, auf meiner Grenzwanderung auch das KZ Natzweiler-Struthof aufzusuchen, dachte ich, das sei unerlässlich, wollte ich das Verhältnis von Deutschen und Franzosen verstehen.

Aber als ich schon lange aus der Gedenkstätte draußen war und stumm den Vogesenwald hinunterlief, rumorte in mir gänzlich anderes.
Ich fragte mich wie viele vor mir, wo Gott in dieser Zeit der grauenhaften Verbrechen war? Warum er die Menschen verlassen hatte?
Und ich merkte, dass dies für einen Nichtreligiösen eine komische Frage war.

Und je weiter ich mich von Natzweiler-Struthof entfernte, umso mehr dachte ich darüber nach, wieso aus einem kapitalen Versagen des Menschen (oder des Menschlichen) so schnell ein Versagen Gottes gemacht wird. Als sei Mensch und Gott das gleiche.
Als existiere der eine nicht ohne den anderen.
Wenn Gott (vorausgesetzt er existiert) aber sein Schicksal an den Menschen geknüpft hat, dann Gnade ihm Gott (denn Mensch ist gnadenlos – siehe Natzweiler-Struthof).

Ich verfing mich im Dickicht der Gottes-Beweise und Gegenbeweise.

Und ich kam zu der Überzeugung, dass Gott (wenn er existiert), sich erst durch den Menschen erschaffen hat. Es gibt ein Geburtsdatum Gottes! Ohne Bewusstsein in der Welt würde er nicht existieren. Gott braucht den Menschen (oder Bewusstsein), er wird mit dem letzten Menschen sterben oder sich wieder in Milchstraßen, Galaxien, in Sternennebel auflösen.

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr stoppen. Sie entglitten mir.
Etwas fragte mich, wen Gott wohl sehen würde, schaute er in einen Spiegel?
Zarathustra? Buddha? Einen bärtigen Christus? Mohammed? Laotse? Konfuzius? Zeus? Thor? Ganesha? Mich? Mich Mensch? Nichts?
Gott schaut nicht in spiegelnde Seen, in Glas, weil er sich selbst nicht erkennen kann? Weil er sich höchstens im Menschen spiegelt?

Ich schloss den Gedanken-Irrgarten, aus dem ich nicht mehr herausfand. Und konzentrierte mich darauf, mein Tagesziel zu erreichen.

Um 9 Uhr war ich in Natzwiller aufgebrochen. Ich wollte heute noch ins Tal kommen. Ich wusste noch nicht, dass es 9 1/2 Stunden dauern sollte, bis ich in Blienschwiller an der elsässischen Weinstraße ein Hotelzimmer finden würde.

GPS-161-Natzwiller

GPS-Gesamtstrecke bis 161

Gott hatte ich abgeschüttelt. Eine Burgruine auf dem Bergkamm holte mich aus dem Ewigen und Unsterblichen zum Irdischen und Vergänglichen zurück.

Ich atmete wieder frei.

Nach Luft schnappen

Nach Luft schnappen

Am Ausgang der Vogesen: Andlau.
Ein Weinort, in der zweiten Reihe der Weinstraße gelegen. Nicht so herausgeputzt und darum schön.

Einfahrt ins Weinland

Einfahrt ins Weinland

Eigentlich war ich reif für ein Hotel, für ein Viertel Weißburgunder. Ich war müde. Aber ich beschloss weiter zu gehen. Das Abendlicht übt auf mich keinen guten Einfluss aus!

Weinwelt

Weinwelt

Ich wanderte durch die Rebanlagen, Wingerte, Weingärten. Und an jeder schönen Weggabelung traf ich ihn: den Gekreuzigten.
MON DIEU! Warum steigt er nicht endlich herab und bekennt sich zu dem was er ist: ein gequälter Mensch.

Was tut er hier?

Was tut er hier?

Uff: nicht schon wieder im Gedanken-Irrgarten verlaufen!
Memento Mori. Wie sehr drängt auf diesen Wanderwegen das Mittelalter ins Heute.

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Der Dod, der Dod, der ewige Dod

Landschaft ist hier nicht nur Landschaft. Auf Weinwegen, in Ortszentren, in Straßengabelungen, auf exponierten Hügeln: Die Wegkreuze verwandeln das elsässische Rebland in einen Jesus-Erlebnispark. Die ältesten Inschriften, die ich gesehen habe, bezeugen, dass der Allmächtige hier schon seit dem 18. Jahrhundert festgenagelt ist.
Warum erlöst ihn niemand?

Wer hilft den Göttern?

Wer hilft den Göttern?

Wunderschöne (Wunder?) Weinbergwege.

Straße ins Weinglück

Road to happiness

Mathilde sonnte sich im Abendlicht. Auf einer Spätburgundertraube. Fast wäre ich an ihr vorbeigegangen. So versunken war ich in meine Sophistereien.

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Ich fragte sie, ob sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen könnte und sie versprach mir, mich zu ihrer Lieblingsköchin zu führen.

Eine Stunde dauerte es noch, dann erreichten wir gegen halb sieben Blienschwiller. Ein kleiner, eher unscheinbarer Ort auf der sehr sonst sehr touristischen Weinstrasse. Im Weindorf: nur ein Hotel und nur ein Restaurant. Keine Busse, keine Massen. Stille.

Im Restaurant kämpfte ich zuerst mit einem Bier gegen das Verdursten an: Fischer Tradition. Köstlich!!!
(Wie ärgerlich, dass die elsässische Traditionsbrauerei von Heineken übernommen wurde.)

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Mathilde freute sich sichtlich über mein Bier-Vergnügen.

T161-Madame-01

Dann erst bestellte ich. Die Speise- und Wein-Karte exquisit. Ohne es zu ahnen, war ich in einem Gourmet-Lokal gelandet.
Mon Dieu! Warum wohnt Gott in Frankreich?
Noch nie habe ich in Frankreich so gut gegessen und getrunken wie an diesem Abend.

Durst:
1) Als Aperitif: Gewürztraminer (Grand Cru). Sensationell.
2) Riesling trocken (Steinacker 2011): Mineralisch, fein, herb. Für einen Alltagswein sehr gut.
3) Pinot Noir (2012) . Jung und trotzdem langer Nachhall. Überraschend schwergewichtig für einen Elsässer Spätburgunder.
4) Corbière. Domaine Calvel. Fast tintig schwarz. Konzentriert. Grandios.

Hunger.
Überraschungsmenue: 45 Euro. 5 Gänge. Die Köchin (sie wurde Silvie? gerufen) eine Gewürz-Expertin. Eine Aromen-Zauberin.

1) Willkomensgruß: Muscheln im Sud.

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2) Hausgemachte Entenleber mit verschiedenen Salzen, Joghurt-Dip und Himbeervinaigrette.

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3) Makrele auf Toastbrot mit Tomaten und Olivencreme. Dazu Rucola-Salat mit Rotem Pfeffer.

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4) Rinderfilet auf Kartoffeln und verschiedenen Karotten. (Ich wusste bisher nicht, dass es weiße Karotten gibt!)

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5) Drei verschiedene Käse. Ziegenkäse mit Kräutern / Camembert mit Calvados / Tête de Moine.

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6) Dessert: Tiramisu mit in Pinot Noir eingelegten Süßen Kirschen und einem Sorbet.

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Hinter jeden Gang hätte ich nur Worte des Entzückens stammeln können. Es war einfach sensationell.

Unterkunft: 55 Euro.

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Zum Himmel über Natzwiller

Auch Heilige sind bisweilen umnebelt. Jedenfalls war von der Heiligen Odilia, der Schutzpatronin des Elsass‘, die auf der Bergkuppe thront, nichts zu sehen.

Die Heilige umnebelt

Die Heilige umnebelt

Frühnebel – als ich gegen 9 Uhr losging.
Von der reinen Kilometerzahl war mein heutiges Ziel eigentlich leicht zu erreichen. Gerade mal 23 km. Trotzdem wurde es ein ellenlanger Tag.

GPS-160-Obernai

GPS-Gesamtstrecke bis 160

Das Winzernest Ottrott ließ sich erst ein wenig mit Regen bestäuben, dann wieder zeigte es sich sonnig einladend.

Geklonte Orte

Geklonte Orte

Im Dorfzentrum traf ich Frédéric. Freundlich, gestriegelt, auf höflichen Umgang mit Touristen geschult. Er bot mir seine Hilfe als Fremdenführer an.

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Da er einen Schirm mit sich trug und ich auch vor den nahen Vogesen einigen Respekt hatte, nahm ich die Offerte an.
Gemeinsam zogen wir los.

Trampelpfade führten uns immer tiefer in den Wald hinein.

Ausgetrampelt

Ausgetrampelt

Eine Karte trug ich nicht mit mir. Ich verließ mich ganz auf mein Handy-Navi und hoffte, dass der Empfang nicht allzu oft gestört werden würde.

Steinwald

Steinwald

Schon zu Beginn ging es steil bergan. Mein Navy machte es sich leicht, zeigte meist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten an.
Mal musste ich weglos durch das Unterholz tappen, mal kletterte ich klitschige Schneisen hoch, die sonst wohl als Rutschen für Baumstämme dienen.

Der Weg ist eine Schneise

Der Weg ist eine Schneise

Gründunkel die vorherrschende Waldfarbe. Wäre da nicht ab und zu ein Farbtupfer namens Fliegenpilz.

Pilzerkrankung

Pilzerkrankung

Immer wieder tröpfelte Regen durchs undichte Walddach.
Mein kleiner Frédéric entpuppte sich als Schönwetter-Fremdenführer.
Drohte Regen, suchte er Schutz unter Pilzen. Ansonsten jammerte er über die schlechten Wege und die körperliche Anstrengung.
Kurzerhand packte ich ihn in meinen Rucksack und ließ ihn dort weiter jammern.

Schutzschirm

Schutzschirm

Ich verfluchte die 16 Kilogramm auf meinem Buckel.

Der Wald öffnete sich nur selten und wenn, lud das, was ich sah, nicht zum Weitergehen ein. Ein Gewitter nahte.

Düstere Aussichten

Düstere Aussichten

Ich verlor das Gefühl für Zeit. War nur noch konzentriert nach oben zu kommen. Hatte mich bereits über 1.000 m hochgearbeitet. Das zeigte zumindest der Höhenmeter meiner Uhr an: 1.007 Meter.

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Irgendwann erreichte ich den Bergkamm. Und wurde belohnt. Herrliche Sicht.

On Top

On Top

Ich legte mich schwer schnaufend kurz ins nasse Gras. Nass geschwitzt war ich eh schon.

Ruhepunkt

Ruhepunkt

Dann rutschte ich auf glitschigen Wegen hinunter ins Tal. Zum Bergdorf Natzwiller, in 550 m Tiefe.
Ich hatte nicht mehr die Kraft zu fotografieren.

Durst: literweise Wasser und dann eine Karaffe elsässischen Weißburgunder. Ausgezeichnet.

Frédérdic war so kaputt, dass er statt zu trinken sich in sein leeres Weinglas bettete und laut ratzte.

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Hunger.
Vorspeise: Pfifferlinge. Fantastisch gebraten. Klasse gewürzt.

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Hauptspeise: Gebratenes Täubchen. Auf Sauerkraut und mit Morcheln. 23 Euro.
Das Fleisch unfassbar zart und schmackhaft. Sauerkraut und Morcheln top. Ich war begeistert.

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Unterkunft: teuer.

Senfbäuche, Krauts und Europa-Referenten überfüllen Obernai

Sehr früh von meinem Hotel in Kehl in die Innenstadt von Strasbourg gefahren, dem Endpunkt meiner gestrigen Etappe.
Der Bus voller Franzosen, die offenbar auf der deutschen Seite wohnten und auf der elsässischen arbeiteten.

Kehl wirkt wie ein Vorort von Strasbourg.

Die elsässische Hauptstadt in schmeichelndem Morgenlicht.

Pittoresk

Pittoresk

Um Viertel nach neun brach ich in der Nähe des Münsters Richtung Obernai auf. 27 km entfernt.

GPS-159-Strasbourg

GPS-Gesamtstrecke bis 159

Die ersten zwei Stunden endloses Gehen, um aus den Vororten Strasbourgs heraus zu gelangen. Danach schmucke Örtchen.

Fachwerk satt

Fachwerk satt

Ich bemerkte an mir eine seltsame Unlust, durch elsässische Bilderbuchdörfer zu schlendern. Ich redete mit niemanden. Ich wanderte gedankenverloren und meine Erinnerungen gingen weit zurück.

Als ich in den 1990er Jahren in Baden-Baden wohnte, kannte ich einen in die Jahre gekommenen Lebemann. Ich nenne ihn „K“. Sein Geld verdiente er damals, indem er, immer gut angezogen und mit mediterraner Bräune im Gesicht, betagte reiche Witwen durch die Kurstadt chauffierte. Unter einem Rolls Royce tat er es nicht. Wie weit sein Service ging, war mir nicht bekannt. Aber seine Kurschattendienste erlaubten ihm auf reichlich großem Fuß zu leben. „K“ war spendabel, nie protzig (trotz Goldkettchen und Golduhren), unterhaltsam, schwätzte ein breites Badisch und hatte immer eine Geschichte parat.
Eine handelte von seinem Vater, einem Franzosen.
Dieser war Offizier und führte am Ende des Zweiten Weltkrieges das Kommando über ein kleines badisches Städtchen.
Der deutsche Bürgermeister des Ortes war ein bekannter Judenhasser gewesen. Er hatte eine attraktive junge Frau. Der französische Offizier ließ den deutschen Bürgermeister wegen (tatsächlicher) Kriegsverbrechen hinrichten, umwarb die schöne Witwe, schwängerte sie und zog nach einem Jahr – allein – in sein Heimatland zurück.
„K“ erfuhr erst als 18jähriger von seinem Vater, machte sich auf die Suche, fand ihn, wurde aber aus dessen Haus gejagt.
Ich habe nie an der Echtheit dieser Geschichte gezweifelt. Auch wenn „K“ in der Folge zu einem kleinen vaterlosen, vagabundierenden Banditen geworden war, schon sein erstes Geld mit Gaunereien gemacht hatte und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden überaus erfinderisch war. Er war ein sympathischer Belmondo-Typ.

Ich durchlief die elsässische Sauerkraut-Region. Die Choucroute-Barone zeigen ihren Reichtum mit prächtigen Häusern im traditionellen Fachwerk-Stil.

Show the way you live

Show the way you live

Ausgedehnte Riedlandschaften. Tabakanbau, auch Hopfen, Mais, Weißkohl.

Die wahren Krauts!

Die wahren Krauts!

Man sieht dem Kraut nicht an, welch Köstlichkeit es ist, wenn es gut gesäuert wird.

Krautkopp

Krautkopp

Merkwürdig, dass dieser Landstrich, der unmittelbar an Strasbourg angrenzt, touristisches Niemandsland ist.

Hauptstadt der Krauts

Hauptstadt der Krauts

Der Hopfen fast reif. Man riecht ihn aber nicht, wenn man an den Feldern vorbeischlendert. Der Geschmack und Geruch fest verschlossen in den Zapfen.

Hopfen und Malz - Gott erhalt's

Hopfen und Malz – Gott …

Fast alle Dörfer bunt beblumt.

Light my flower

Light my flower

Auf den Fluren Wegkreuze aus dem frühen 19. Jahrhundert.

O Jesus! Was machst du über Jahrhunderte da oben?

O Jesus!
Was machst du über Jahrhunderte da oben?

Am Horizont die Vogesen und erste Weindörfer.

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?

Nach 6 1/2 Stunden erreichte ich Obernai. Ein Stätdtchen mit 10 Tausend Einwohnern. „Senfbäuche“ werden diese von den Nachbargemeinden genannt. „Zanefbieche“ auf Elsässer-Deutsch.

Anziehungskraft 1

Anziehungskraft 1

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier im Viertelstundentakt Besuchergruppen durch die Straßen zogen und selbst Autos die Durchfahrt blockierten.

War’s wegen der Heiligen Odilie, die hier geboren wurde?

Anziehungskraft 2

Anziehungskraft 2

Jedenfalls war es gar nicht leicht, ein Hotelbett aufzutreiben.
Meine Wirtin erklärte mir dann, dass das nicht nur an den Touristen läge (viele kämen nur zu einem Tagesbesuch), sondern daran, dass der Europarat und das Europäische Parlament Sitzungswoche in Strasbourg hätten. Dort gäbe es nicht genügend Zimmer für alle Abgeordnete, Referenten, Angestellte, Lobbyisten usw, die für 5 Tage von Brüssel ins Elsass umsiedelten. Also suchten sich viele Logis sogar in der elsässischen Weinstraße. 30, 40 km vom Sitzungsort entfernt.

Anziehungskraft 3

Anziehungskraft 3

Durst: Pinot Noir (rouge). Halber Liter. 11,20 Euro. Gekühlt und angenehm zu trinken. Ohne Nachhall, aber guter Schoppenwein.

T159-Essen-01

Hunger: Baeckeoffe. 17 Euro.

Eine elsässische Spezialität. Ein Eintopf, der in einer Terrine stundenlang im Ofen brutzeln muss. Kartoffeln decken das Eintopfgericht ab.

T159-Essen-02

Unter der Kartoffelschicht: 3 Sorten Fleisch (Rind, Schwein, Lamm). Dazu Schweinsfüße. Das Fleisch wird einen halben Tag in Weißwein mariniert und danach mit Lauch und Karotten gegart.

Herrlicher Geschmack! Der Eintopf war seinen Preis wert!

T159-Essen-03

Unterkunft: 42 Euro (ohne Frühstück). Die Wirtin hatte mir das letzte Zimmer gegeben. Ein Winzling, aber immerhin mit Dusche.

Hut ab bis Strasbourg!

Das Wetter hielt sich nicht an die Vorhersage. Statt Regen morgendliche Sonnengischt über den Feldern.

Morgenhauch

Morgenhauch

Halb neun auf die Straße gegangen. Das Ziel: Strasbourg im Elsass. Ca. 32 km entfernt.

GPS-158-Scherzheim

GPS-Gesamtstrecke bis 158

Die Rheinauen von zahlreichen Kanälen durchschnitten.

Badende Wolken

Badende Wolken

Ein einarmiger Fischer stocherte unsicher durchs Wasser. Später erzählte der Pensionär mir, dass er jeden Tag mit seinem Stocherkahn unterwegs sei, nicht nur um zu fischen, er würde auch Biber kontrollieren.

Biberstocherer

Biberstocherer

Außer mir fast niemand unterwegs. Nur sehr vereinzelt ein paar Radfahrer mit ihren vollgepackten Hightech Maschinen.
Satteltaschen aufgebläht.

Ein junger hübscher Bursche radelte an mir vorbei und grüßte mich höflich. Mit einer eleganten Bewegung zog er seinen modisch kleinen Trilby Hut. Ganz nach alter Sitte.
Ich war überrascht, gar gerührt von der Respektsbezeugung. Und fragte mich gleich, worin der Sinn dieser Kavaliersgeste lag?
Zeigt man sein Haar, dann zeigt man seine Unschuld? Seine reine Absicht?
(Pech, wer eine Glatze hat.)
Warum entblößt man sein Haupt, wenn man eine Kirche betritt oder zum Gebet niederkniet?
Warum machen das Männer, aber nicht Frauen?

Ich konnte die Frage nicht klären, zumal ich auf den Feldwegen keinen Handy-Empfang hatte und nicht googeln konnte.

Maisweg

Maisweg

Die Natur färbte sich langsam herbstlich.

Fall!! Obst!!

Fall!! Obst!!

Endlich am Rhein zurück!

Route Three O Nine

Route Three O Nine

Ab jetzt ging es kilometerlang am Ufer entlang.

Horizontverengung

Horizontverengung

Uferläufer.

Horizonterweiterung

Horizonterweiterung

Wer fischt eigentlich das Treibgut aus dem Fluss?

Ausgetrieben

Ausgetrieben

Nach 26 km lag Kehl vor mir. Ein kleines Städtchen, das nicht viel zu bieten hat. Dachte ich.

Himmelsbohrer

Himmelsbohrer

Aber die Restaurants, Cafés und Kneipen rund um den Marktplatz waren voller Franzosen.

Steinerner Gast

Steinerner Gast

Ganz offensichtlich ist es in Kehl billiger als in der elsässischen Hauptstadt, die nur einen Steinwurf entfernt lag.

Das Verbindende ist der Rhein

Das Verbindende ist der Rhein

Einmal über den Rhein und schon ist man in den Außenbezirken Straßburgs.

Modern Times 1

Modern Times 1

Neue urbane Zentren entstehen in Nähe zur vielbestaunten Altstadt.

Modern Times 2

Modern Times 2

Sie brauchen die Konkurrenz nicht zu scheuen.
Das französische Gefühl für Stadtästhetik ist dem deutschen ziemlich voraus.

Wenn auch das Altstadtzentrum reichlich deutsch wirkte. Puppenstube. Samt Münster.

Alte Zeit 1

Alte Zeit 1

Dafür wurde in einigen engen Gassen das Montmartre Lebensgefühl gepflegt und kein französisches Klischee ausgelassen.

Alte Zeit 2

Alte Zeit 2

Strasbourg ist auch Disneyland.

Bei Überfüllung geöffnet

Bei Überfüllung geöffnet

Solange man in der Altstadt ist.

In der Peripherie sieht es anders aus.

Kulisse 1

Kulisse 1

In der untergehenden Abendsonne lief ich zurück nach Kehl. Die Hotel und Restaurant-Preise hatten mich über den Rhein zurückgetrieben.

Durst: Hefeweizen, 3,50 Euro.

Hunger: Maritimer Spieß mit Tintenfisch, Riesengarnelen, Lachs und ein wenig Languste. Bis auf den Tintenfisch fein gegrillt und schmackhaft.
Teuer. (Aber der Besitzer des Restaurants war ja schließlich Franzose. Trotzdem muss es selbst hier billiger sein als jenseits des Rheins. Die meisten Gäste waren ebenfalls Franzosen.)

T158-Essen-01

Morgen werde ich es testen. Dann wandere ich auf der französischen Seite weiter.

Unterkunft (Kehl): 55 Euro (mit Frühstück).

Streissel und Blütenaugen auf dem Weg zu Vater Rhein

Anderthalb Stunden benötigte ich mit dem Auto von Stuttgart nach Wissembourg im Elsass: Endpunkt meiner letzten Etappe.
Meine Grenzroute verläuft gerade sehr heimatnah.

In den nächsten Sommerwochen werde ich noch ein paar Tagesausflüge entlang meiner Grenzwanderung unternehmen, bis ich wieder für einen Monat auf „große“ Tour gehen werde.

Halb zwölf war es, als ich vom Wissembourger Bahnhof aufbrach.

Zunächst durch das weitläufige Industriegebiet des Städtchens.

Plastik-Anbau

Plastik-Anbau

Mein Tagesziel: der Rhein. Ca. 35 km entfernt.

GPS-154-Wissembourg

GPS-Gesamtstrecke bis 154

Gluthitze. Noch war die Landschaft wellig, die Berge des Pfälzer Waldes beinahe in Greifweite.

Und doch fühlte es sich schon nach Rheinebene an. Drückend schwül.

Staubwege

Staubwege

Mais dominiert die Landwirtschaft. Hüben (Frankreich) wie drüben (Deutschland) wächst die Biogaslandwirtschaft und verwandelt frühere Felderkleinstaatlichkeit in monokulturelle Großreiche.

Maismeer

Maismeer

Nur ab und zu ein paar kleine Äcker mit Hopfen. (Bierdurst stellte sich reflexhaft ein!)

Das wird alles mal flüssig!

Das wird alles mal flüssig!

Die elsässischen Dörfer sehr hübsch, aber menschenleer. Lag es an der Hitze, am Wochenende?

Keimfreie Dörfchen

Keimfreie Dörfchen

In so gut wie keinem Ort fand ich einen Laden (ich brauchte dringen Wassernachschub!). Geschweige denn eine Gaststätte.
Also gab es auch keinen Grund für die Bewohner auf die Straße zu gehen.

Pittoresk

Pittoresk

Am liebsten hätte ich sofort die Wassertürme an den Ortsrändern geleert.

Schwerpunkt oben

Schwerpunkt oben

Unterwegs wieder zahlreiche Wegkreuze. Sehr katholisch die Gegend.

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Inschrift auf diesem Kreuz:
„Errichtet aus Dankbarkeit durch sieben Familien, die in gefahrenvollen Stunden zum gekreuzigten Heiland ihre Zuflucht nahmen. 1944 + 1945. Mein Jesus Barmherzlichkeit“.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich auf blutgetränkter Erde wanderte. Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914-1919 und vor allem der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Besatzung und dem „Endkampf“ entlang der Grenze hatten von dieser Gegend einen unglaublichen Blutzoll gefordert.

Und trotzdem. Nicht einmal 7 Jahrzehnte danach: die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast vergessen. Nur noch ein paar Bunkeranlagen erinnern in diesem kleindörflichen Idyll an die Schreckenszeit.

Wie die Artillerieanlage Schoenenburg.
(Sie lag 10 Kilometer westlich meiner Grenzroute – zu weit entfernt für die heutige Tour. Den morgigen Tag – das nahm ich mir vor – würde ich mit dem Auto hinfahren.)

Unverwüstlich

Unverwüstlich

Die Anlage ist Teil der Maginot-Linie, eine Kette von Bunkern zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland.

Ein unterirdisches System von kilometerlangen Gängen verbindet Bunker und Gefechtsstände.

Überdimensioniertes U-Boot

Überdimensioniertes U-Boot

30 Meter unter der Erde, 12 Grad kalt – immer.

Hunderte von Soldaten und Offizieren konnten hier monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben.

Telefonstuben.

Arbeitsimmer

Fast gemütlich

Großküche.

Schön gekachelt

Schön gekachelt

Vorratskammern mit Eingemachtem.

Eingemachtes

Eingemachtes

Kleine OP-Zimmerchen.

Das Blut ist weggewischt

Das Blut ist weggewischt

Und endlose Versorgungsgänge.

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Im Stil einer ägyptischen Grabkammer

Die Festungsanlage Schoenenbourg ist heute ein Museum.

Gegen halb zwei erreichte ich Seebach. Ein langgezogenes Straßendorf – wie die meisten Gemeinden des nördlichen Elsass‘.

Wunderhübsche Fachwerkhäuser.

Bauernhof ohne Misthaufen

Bauernhof ohne Misthaufen

Endlich fand ich auch ein offenes Lokal. Das einzige im Dorf.

Im Innenhof eine kleine Terrasse. Biergarten konnte man das nicht nennen. Eine solche pfälzisch/bayerische Tradition gibt es hier nicht. Das war mir schon vor Jahren aufgefallen, als ich öfters das Wochende im Nachbarland verbrachte. Traditionell für das Elsass sind betischte Innenhöfe mit schattenspendenden Sonnenschirmen, aber keine Gärten mit Kastanienbäumen und blanken Biertischen.

Somer in the village

Somer in the village

Immerhin: Es gab eine kleine Schenke im Hof.
Witzigerweise mit einem Warnhinweis versehen, dass Alkohol im Übermaß konsumiert die Gesundheit schädige.

(Was ist los mit unseren einst so lebensfreudigen Nachbarn? Warum lassen sie sich jetzt schon den ungebremsten Genuss versauern? Warum so politisch korrekt?)

Trinkspruch

Trinkspruch

Die hübsche Bedienung (soll ich jetzt korrekterweise und genussvermeidend „Servicekraft“ sagen?) klärte mich auf, dass das Dorffest, das mich eigentlich veranlasst hatte, auf meinem Weg zum Rhein einen langen Umweg über Seebach zu machen, erst am morgigen Sonntag so richtig loslegen würde. (Ich beschloss, dann eben morgen mit dem Auto wiederzukommen).

Die Speisekarte für das traditionelle Fest der „Streisselhochzeit“ war bereits herausgestellt.

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Der Saure Pressack  köstlich. 10 Euro.

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Das Bier (Kronenburg) so kalt, dass ich kaum etwas schmeckte. Egal, ich kühlte mich weiter herunter.

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Streisselhochzeit
heißt das große jährliche Volksfest in Seebach.

Die Mädchen flochten sich früher bei Hochzeiten Blumensträuße („Streissel“) ins Haar.

Kinder verkleiden sich gern

Kinder verkleiden sich gern

Das ganze Dorf verkleidet und bei der Prozession zur Kirche.

In Reih und Glied

In Reih und Glied

Stylisch!

Durchblick

Durchblick

Kunstvoll!

Blütenkranz

Blütenkranz

Polierte Tuba / Poliertes Dorf!

Hinausposaunt

Hinausposaunt

Vornehm!

Festliches Lachen

Festliches Lachen

Herzhaft!

Zicklein-Bärtchen

Zicklein-Bärtchen

Würdig!

In die Nähe schweift der Blick

In die Nähe schweift der Blick

Keck!

Dreh dich nicht um

Dreh dich nicht um

Blütenaugen!

Jung=alt=jung

Jung=alt=jung

Akkurat!

Endlich groß

Endlich groß

Biberpels?

Sonnenpelz

Sonnenpelz

Beschattet!

Flügelschlag des Augenblicks

Flügelschlag des Augenblicks

Nicht ganz so traditionell das Publikum!

Junges Dorf

Junges Dorf

Stimmt nicht!
Er war elegant!

A man has had a hat on his head

A man has had a hat on his head

Ein Hirte besprühte seine Gänse mit Wasser!

Gänse festlich gekleidet

Gänse festlich gekleidet

Wie sehr hätte ich das Nass selbst gebraucht. Es war unerträglich heiß.

In Innenhöfen festlich geschmückte Biertische. Quiche und Flammkuchen die Hauptgerichte. Fast Food auf französisch.

Aufm Hof

Aufm Hof

Ich zog weiter. Bis zum Rhein war es noch weit.

Straßendorf an Straßendorf reihte sich auf. Und dazwischen immer wieder Maismeere und manchmal auch winzige Ölfelder.
Minipumpen mühten sich.

Tieff drinnen ist es klebrig

Tief drinnen ist es klebrig

Auf einem Hinweis-Schild hatte ich unterwegs gelesen, dass im nördliche Elsass so früh wie nirgendwo auf der Welt Erdöl gefördert wurde. Um 1740 holte man bereits das schwarze Gold aus der Erde – zu therapeutischen Zwecken und auch, um Kutschenräder, Fuhrwerke und ähnliches mechanisches Getier zu schmieren. Hier ist die Wiege der Ölindustrie.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die industrielle Förderung eingestellt. Erst seit wenigen Jahren laufen kleine Pumpen wieder. Der hohe Ölpreis macht die Arbeit wieder rentabel.

Ziemlich genau um 6 Uhr passierte ich in Lauterbourg die deutsch-französiche Grenze.

Die ehemalige Zollstation als schnuckeliges Kleinmuseum. Einen Zöllner: long time no see!

Gute (?) Alte Zeit

Gute (?) Alte Zeit

Ich betrat wieder meine liebe Heimat: die Pfalz.

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Vom Pfälzerwald zum Schilderwald

Noch zwei Stunden beschwingtes Gehen und ich hatte mein Ziel (bei Neuburg) erreicht: Vater Rhein!

Jump!

Jump!

Etappenschluss in Wissembourg

Das ist die Pfalz: Burgenland, Waldland, Weinland, Weites Land, Elwedrischeland.

Pfalzblick

Pfalzblick

Der Reihe nach: beim Frühstück aus dem Hotel-Fenster gesehen. Der Mühlweiher in Ludwigswinkel („Saarbacherhammer“) pelzig, fröstelig. Wieder Regen.

Kein Schatz im Silbersee

Kein Schatz im Silbersee

Um 9 Uhr aufgebrochen. Nach Wissembourg im Elsass. 27 Kilometer zu laufen. Das war zu schaffen. Es wurde aber ein langer und anstrengender Tag.

GPS-153-Ludwigswinkel

Selbst Kälte gewohnte Dörfer wie Schönau fröstelten in der Nässe.

Pfalzidyll

Pfalzidyll

Die meisten Fachwerkhäuser frisch renoviert. Nur wenige Fassaden mit dem Charme der Vergänglichkeit.

abgetakelt

abgetakelt

Von Schönau aus nahm ich Anlauf zur höchstgelegenen Burgruine der Pfalz. Die Wegelnburg; 572 m hoch thront sie.

Der Anstieg zunächst sanft durch ein schönes Tal.

Seitental

Seitental

Dann wurde es steil. In kürzester Zeit waren 350 Höhenmeter zu klettern.

Fotografenhorst

Fotografenhorst

Was für ein Blick!
Aber nur für Sekunden. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Kamera aus der Hülle zu ziehen. Ich schoss das Foto mehr oder weniger aus der Hüfte.
Sekunden später (und das ist keine Übertreibung!) tobte bereits ein gnadenloses Unwetter über mir und der Burg.

Schutzlos

Ausgeliefert

Ich suchte Schutz unter Steingewölben. Riss die Wolkendecke einmal kurz auf, war die nächste Burg zu erahnen.

Nebelburg

Eingenebelt

Ich beeilte mich, von der Festung herunterzukommen. Die Waldwege waren matschig, rutschig, durch umgefallene Bäume schwer passierbar geworden.

Ab jetzt lief ich stur einen Radweg im Tal entlang, der kleinen Bächen ins Elsass folgte.

Ich hatte das Gefühl, dem Zorn Gottes entkommen zu sein. Hier unten war es nicht mehr ganz so gewitterdunkel wie in den Bergen.

Und plötzlich fiel mir auch ein, worüber ich unterwegs lange gegrübelt hatte.
Wenn es einen speziellen Pfälzer Charakter gab, worin lag das Besondere? Es war der Zorn!

Natürlich sind die Pfälzer so, wie sie oft beschrieben werden: leutselig, gemütlich, manchmal ein wenig provinziell, neugierig und offen. Das Besondere aber ist ihr Zorn. Sie können sich sehr schnell aufregen. Ich selbst wurde als Kind immer wieder „Zornickel“ gerufen. Das ist kein Schimpfwort. Es ist eher ein Staunen über den Urzorn, der schon früh einen kleinen Bankert erfassen kann.

Zorn ist eine Gottes-Tugend (Heiliger Zorn) und nicht wie der Jähzorn eine der Sieben Todsünden.
Vom Zornickel zum Revoluzzer ist es in der Pfalz nicht weit. (Und nicht nur wegen 1848!)

Aber ich war zunächst einmal im Begriff, meine Heimat zu verlassen. Über eine schmale Fahrradbrücke formlos nach Frankreich.

Über Brücken musst du gehen

Über Brücken musst du gehen

Auch Lothringen lag jetzt hinter mir. Ich hatte gerade das Elsass betreten.

Und wurde in Wissembourg neugierig empfangen.

Neugier

Neugier

Ich war angekommen!

Sogar die Sonne lugte kurz durch die Wolken.

A bientôt

A bientôt

Schluss der Etappe!

923 Kilometer in den letzten 6 Wochen gewandert.
Von Papenburg im Norden bis ins Elsass.

3582 Kilometer insgesamt inzwischen zurückgelegt.

GPS-Gesamtstrecke

Viel fehlt nicht mehr, um meine Deutschlandumrundung im Schneckengang zu beenden.

Mit lothringischem Kir euphorisiert, packe ich es bis Bouzonville

Wauw! Welch ein Empfang durch die Grande Nation.

echtes fake

echtes fake

Noch keinen Schritt nach Frankreich gesetzt und schon stand ich vor dem Eiffelturm. Pfiffige Marketingfachleute hatten eine Kopie des Stahlwerks direkt auf die Grenze zu Lothringen gesetzt. Nur einige Meter hoch. Aber mit pefekter Illusion.

T146-Lothringischer Eiffelturm-02-imp

Um halb 10 das Hotel verlassen, mein Ziel war eigentlich, ein bisschen durch Lothringen zu stolpern und an Frankreich zu schnuppern, aber wieder auf deutsches Gebiet zu wechseln. Es kam anders. Ich lief völlig euphorisiert bis Bouzonville. 30 km weit.

GPS-146-Schengen

GPS-Gesamtstrecke bis 146

Schilder wiesen mich darauf hin, dass ich mich erneut auf dem Jakobsweg bewegte. Sierck-les-Bains an der lothringischen Mosel ist ein Pilger-Stopp.

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

schokoladenbraun aber keine Schokoladenseite

In dem Städtchen traf ich zwei entnervte Deutsche auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die den tagelangen Dauer-Regen nicht mehr abkonnten und ans Aufgeben dachten.

Dabei hatte es der Wettergott heute gut mit uns gemeint. Kaum ein Tropfen, sogar ab und zu ein Sonnenstrahl.

Sierck war so wie ich mir lothringische Dörfer vorgestellt hatte: graubraun, ein wenig ungepflegt, urwüchsig, massiv, sogar ein bisschen trist.

gedrängt

gedrängt

Ich hatte zudem erwartet, eine eindeutige Sprachgrenze zu übertreten. Dass ich ab jetzt französisch würde sprechen müssen, das ich aber so gut wie nicht beherrsche.

Weit gefehlt. Schon als ich einen Espresso im ersten Café Siercks zu mir nahm, philosophierte eine gut gelaunte Wirtin mit mir in Deutsch übers Sauwetter: „Katastrophe!“ (Wie bezaubernd betont!)
Ich fragte die Dame, ob noch viele Lothringer Deutsch reden würden, ich hätte das Gegenteil gelesen.
Sie meinte, fast alle älteren Leute entlang der Grenze würden Lothringer Platt sprechen, ihre Generation der 50jährigen nur noch zum Teil.

Sierck war einst Sitz der lothringischen Herzöge. Mit Genießerblick überwachten sie von ihrer Burg aus den Moselverkehr.

at it's best

at it’s best

Das lothringische Grenzgebiet ist hügelig. Ständig wechselt Auf mit Ab. Doch immer hatte ich das Gefühl, mich in einer weiten, großzügigen Landschaft zu bewegen.
Auch wenn die Dörfer so angelegt waren, als würden sie an Hängen, in Mulden und Tälern Schutz suchen.

Fremden gegenüber machen sie sich größer und wuchtiger als sie sind.

Breitseite

Breitseite

Schon im ersten Dorf blieb ich hängen. Ich hörte Stimmen aus einer Gastwirtschaft und trat ein.
Ich bestellte mir zunächst ein Elsässer Bier. Dann sah ich, was der Wirt für seine Gäste mixte und bestellte es ebenfalls.

„Lothringischer Kir“ nannte er das Getränk!

Savoir vivre

Savoir vivre

Absolut köstlich. Ein kräftiger Schuss Mirabellenlikör, dazu Elsässer Crémant und eine lothringische eingelegte Mirabelle.

T146-Lothringischer Kir-01

Ich radebrechte erst ein bisschen Französisch, bis der Wirt Mitleid mit mir bekam und mich auf Deutsch ansprach.
Von ihm hörte ich die gleiche Geschichte wie schon bei Tagesbeginn.
Fast alle hier im Grenzgebiet sprächen Deutsch. Die Alten sowieso. Die Alten plapperten auch miteinander im lothringischen Platt. Seine Generation beherrsche das Platt ebenfalls, allerdings – und das sei der Unterschied zu früher – spreche man unter Freunden nur noch Französisch.

Aber auch die Jugend, zumindest im Grenzgebiet, lerne Deutsch, da viele in der Bundesrepublik arbeiten würden oder bei eine deutschen Firma in Luxemburg. Überhaupt, wer in Luxemburg arbeite, müsse sich zumindest einigermaßen auf Deutsch veständigen können.
In den Dörfer rings um würde von 3 Jugendlichen mindestens einer einen Job in Luxemburg haben.

(Ich bekam immer mehr Achtung vor dem kleinen Land, das nicht nur die Billigtanke, sondern auch der Arbeitgeber einer ganzen Grenzregion war.)

Euphorisiert von der angenehmen Unterhaltung und dem Mirabellen Kir durchstreifte ich Lothringen und verliebte mich in die Landschaft. Zumindest heute wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück.

love it

love it

Alles andere als eine reiche Gegend.

kein Fassadenbauernhof

kein Fassadenbauernhof

Aber authentisch.

bäuerlich

bäuerlich

Auf den Feld- und Waldwegen immer wieder Wegkreuze. Zum Teil aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts. Die meisten – egal ob aus Stein oder Stahl – verwittert.

Vor diesem Gott musste sich niemand fürchten. Es schien, als bräuchte er Schutz und Erlösung. Ergreifend, wie alleingelassen und verloren in der Zeit der sonst so Allmächtige wirkte.

Jesus auf Mooskissen

Jesus auf Mooskissen

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass diese alten Kreuze dem Spaziergänger, Bauern, Sünder (oder wem auch immer) keine Angst einjagen wollten. Sie übertrugen keine Furcht auf den Betrachter, Furcht vor Strafe, Fluch, Verdammnis.
Sie zeigten einfach Leid und die Sehnsucht nach Erlösung.

Zeit nagt

Zeit nagt

Ich dachte über das Wort Erlösung nach.
Ich weiß nicht, ob andere Religionen, ob Hellenen und Römer in ihrer Götterwelt einen Erlöser hatten.
Aber erlöst zu werden, ist ein genialer Gedanke.
Viel besser als wiedergeboren zu werden und dich von neuem abarbeiten zu müssen an irgendeinem anderen Leben (in christlicher Sprache wäre das wohl die Schuld).

Auf schwere Gedanken folgten beschwingte, fast heiter wirkende Frühlings-Landschaften.

Dreamland

Dreamland

Alle Grünnuancen, die der Mai anrühren konnte!

lothringisches Grün

lothringisches Grün

Über meiner Wanderung war es spät geworden, der Himmel hatte sich wieder bedenklich eingeschwärzt.

Nach 8 1/2 Stunden empfing mich das Kleinstädtchen Bouzonville mit einem ausgedehnten Friedhof.

Fürchte dich nicht

Fürchte dich nicht

Und in Sichtweite: eine für einen kleinen Ort reichlich mächtige Kirche.

Trutzkirche

Trutzkirche

Bouzonville hieß früher „Busendorf“. (Don’t make jokes with names!)

Es gab lediglich (oder immerhin) ein Hotel, das nicht leicht zu finden war. Ich fragte mich problemlos durch (bei älteren Herrschaften und auf Deutsch).

Hunger: Das Abendmenü (29 Euro).
Vorspeise: Weinbergschnecken. (O.K.)
Hauptspeise: Lachsfilet an Currysauce mit Orangen. (Sehr gut kombiniert, feiner Geschmack, gut gewürzt.)

T146-Essen-03

Der Clou: Dazu gab es hausgemachte Spätzle, die ebenfalls leicht mit Curry und Orangen aromatisiert waren. Schmeckte leicht und sehr gut.

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Nachspeise: Faisselle mit Kiwisauce. (Einfach zuzubereiten: Frischkäse mit Kiwipüree mischen. Köstlich!)

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Unterkunft: 63 Euro (mit Frühstück).