Emma erzählt von ihrem teuflischen Urahn und will, dass ich Klingelschilder in Dorum lese

Fähre nach Bruns-Büdddel

Brunsbüttel auf der anderen Elbseite machte sich am Morgen mit Hilfe von Nebel unsichtbar.
Der Cuxhavener Hafen wollte ebenfalls nicht aufwachen, ließ kaum Licht in den Tag.

Eine Fähre schippert zweimal die Woche (Dienstag und Donnerstag) Fußgänger und Radfahrer von Brunsbüttel über die Elbe zur Cuxhavener Anlegestelle „Alte Liebe“.

Es ist noch nicht so lange her (März!), da war ich auf meiner Grenzwanderung der Oberelbe gefolgt, erst in Tschechien, dann in Sachsen. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, sah ich dem großen Elbmaul zu, wie es das Flusswasser ins offene Meer hinausspie. Obenauf schaukelten ein paar Containerschiffe.

Elb-Veranda

Riesengleich der „Windsemaphor“. Ein stählernes Spielzeug, das vor über hundert Jahren den Seefahrern Windrichtung und Windgeschwindigkeit anzeigte.
Heute ist es ein (funktionierendes) Technikdenkmal.

Mechanischer Wettergott

Meine 6. Etappe hat begonnen!

Friesland und Ostfriesland will ich durchqueren und schließlich die holländische Grenze erreichen. Brauche dazu voraussichtlich Weihnachten, Silvester, Heilige Drei Könige.

Schlag 9 Uhr das Hotel verlassen. 29 km lagen vor mir, immer dem Nordseedeich folgend.

GPS-Gesamtstrecke bis 100

Die ersten Kilometer strapazierten meine Beine und mein Gemüt. Ich musste erst wieder den Rhythmus finden.

Nach zwei Stunden ein Wäldchen, dann eine Art Heidelandschaft und plötzlich ein germanisches Hünengrab: „Twellenberg“.

Hünen passen in kleine Gräber

Seltsam, dass so ein größerer Maulwurfshügel über die Jahrhunderte nicht von den Bauern platt gemacht wurde. Hatte sich niemand getraut? Also doch ein kultischer Ort? Der dem Schänder Unglück bringt? Immer noch?

Gegenüber auf einer Salzwiese ein Greifvogel. Er ließ sich von meiner Knipserei nicht von seinem Mittagsschmaus ablenken: Roher Vogel.

Knochenlutscher

Um die Mittagszeit erreichte ich die ehemalige Stadtgrenze von Hamburg. Im Mittelalter besaß die Hansestadt hier Ländereien und ein paar Heide-Dörfer. Ein historischer Grenzstein aus dem 16. Jh. mit dem Hamburger Stadtwappen hat Sturmfluten, Kriege und Vandalismus überlebt.

Mittelalterliches Hamburg Panorama

Erst als ich den Grenzstein fotografieren wollte, sah ich Emma.

Emma mag alte Grenzen

Ruf mich nicht beim Vornamen!“ schalt sie mich. Sie sei eine Dame.
Wie sie denn mit Nachnamen hieße?
Frau Doktor Faust!
Ich musste lachen, was sie erzürnte.

Warum sie sich auf dem kalten Grenzstein niedergelassen hätte?
Weil ich das Mittelalter liebe! Weil mein Ururururururur-Großvater ja auch im Mittelalter gelebt hat und ein berühmter Mann gewesen ist!
Allerdings, antwortete ich.

Ich nahm Emma mit.
Bisher war ich auf der Wanderung keiner Menschenseele begegnet und ich freute mich auf ein wenig Unterhaltung.

Emma plapperte ohne Luft zu holen.
Jeder hier wisse, dass der berühmte Doktor Faust nach dem Pakt mit dem Teufel sein Vermögen hier in der Nähe des Dörfchens Dorum verprasst habe.

Und überhaupt, in vielen hiesigen Ortschaften gebe es noch Fausts! So wie sie. Ich sollte mir nur die Klingelschilder an den Türen genauer anschauen.

Ich ließ es. (Auch dafür wurde ich gescholten.)

Unterwegs ein Kutterhafen. In einem Schilfbach!

Beschützter Hafen

Der Himmel graute bereits. Die Bäume windgebückt (wie alte Bäuerinnen).

Nie gegen den Wind

Gegen 5 Uhr, in absoluter Nacht (Verdammt früh diese Winterdunkelheit!), das Fischerdorf Dorum Neufeld erreicht.

Das einzige Hotel hatte Gott sei Dank offen. Die Besitzer hießen (ebenfalls Gott sei Dank) nicht Faust und ich war ihr einziger Wintergast.

In einem nahegelegenen Restaurant schlecht gegessen: gebackene Limanden-Filets mit Brokkoli und eine Art Sahnesoße. Allerweltsgeschmack. Überteuert: 18,90 Euro.
(Limande ist ein Plattfisch).

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Außerordentlich freundliche Besitzer. Schönes großes Zimmer.

Emma fand keine Ruhe. Erzählte mir die ganze Familiengeschichte. Die ganze Nacht.

Mit Bulldogs nach Bruuns…büddel

Horizontal und Vertikal: Dunst

Letzter Tag meiner Kurzetappe. In Friedrichskoog-Spitze (so heißt der Ort!) um 9 Uhr losgelaufen.
Kann nicht ganz verstehen, warum das nach Sankt-Peter-Ording und Büsum der drittbeliebteste Ferienort an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste sein soll. Ein kleines künstlich angelegtes Dorf aus der Tourismus-Retorte.

Ich hatte mich fehl entschieden. Ich hätte gestern noch eine Schippe drauflegen und vier Kilometer weiter laufen sollen bis zum Hafen Friedrichskoog. Krabbenfischern zuschauen! Ich war zu müde gewesen. Egal.

Das heutige Tagesziel: Brunsbüttel. Schierer Klang der Name (und nicht nur wegen des Kernkraftwerkes!). „BRUUNS…BÜDDDEL…“

Gut 30 km Wegstrecke.

Kohl-Land! Sonst bin ich viel an Maisfeldern entlang gelaufen. Heute begleitete mich nur Kohl. Rot und Weiß.

Sind’s Polen oder Tschechen?

Die Kohl-Pflücker (pflückt man Kohl?) schrien mir in einer fremder Sprache zu. Wollten wohl wissen, ob sie morgen in der Bildzeitung zu sehen sein würden. Ich schrie in einer – für sie – fremden Sprache zurück. (Das ist Völkerverständigung! Sich gegenseitig Unverständliches zuschreien!)

Handball mit Kohl

Ich folgte einem Fahrradweg, der wiederum der Hauptstraße folgte. Wenn es überhaupt Verkehr gab, dann waren es große Bulldogs, die Gemüsekisten zogen.
(Schwer einzuschätzen für mich, ob heute noch irgendjemand versteht, was ein Bulldog ist? Als Kinder sagten wir nie Trecker, Schlepper oder Traktor. Das waren Bulldogs für uns.)

Kohl auf Rädern

Ich freute mich auf das Ende der Etappe. Gegen 16 Uhr erreichte ich BRUUNS…BÜDDEL. Hier mündete der Nord-Ostsee-Kanal in die Elbe und dann ins offene Meer.
Gigantische Schleusen.
Der Abendregen verschmierte mir sogar meine Fotos.
Aber ich war angekommen!

Eingeschleust!

241 km in 9 Tagen zurückgelegt. Ich kalkulierte kurz durch. Insgesamt waren das jetzt 2.373 Kilometer, die ich bei meiner Tour um Deutschland herum abgeschritten hatte. Wenn ich mich nicht irre, ist jetzt Halbzeit!

Weiter geht es um Weihnachten herum!

Ein Tag zum Verlieben schön, der erst in Eckernförde dämmert

Wie wenig es braucht, um den Tag zu beschwingen.

Um 9 Uhr vom Hotel losgezogen, Stadt auswärts, schon halb draußen ein wunderschönes kleines Café gerochen. Dem Duft gefolgt und ein Italien-Juwel entdeckt.
Sophia Loren Bilder, Mastroianni Fotos, Fernandel Porträts. Und die beste Tasse Kaffee Kiels.

(Warum finde ich solche Pretiosen immer erst beim Verlassen einer Stadt?!)

Und dann diese thüringische Bedienung.

Morgenstund mit Lächeln

Ein Lächeln, ein kurzes Gespräch: Der ganze beschwerliche Tag wurde mir leicht.
Die folgenden Stunden spürte ich kein Gewicht auf meinem Buckel, der (sonst so schwer drückende) Rucksack lastete über Kilometer nicht.
(Ein Phänomen, das mich immer wieder irritiert. In der Millisekunde des Glücks gibt es keine Körperlichkeit. Und lange danach auch nicht. Die Einbildung schafft sich eine eigene Welt. Der Schein bestimmt das (Schwer/Leicht) Sein.)

Und es wurde erneut ein langer Tag. 35 km bis Eckernförde.

GPS-Gesamtstrecke bis 084

Navi, Google-Map (und weiß nicht welche Quellen ich noch konsultierte) sagten mir, es gäbe nur eine Möglichkeit, nach Norden zu Fuß zu gehen, indem ich den Eider-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) überquerte. Das schien mir komisch, denn ich musste mich weit von der Küste weg bewegen. Doch ich wurde entschädigt.

Kanal Voll

Das hatte ich bisher nur bei einer Elbbrücke in Tschechien gesehen: Schlösser am Brückenzaun. Treueschwüre für den Geliebten, Glücksversprechen für die Angehimmelte, eine Geste am Valetinstag.

love and chain

Obwohl ich wußte, wieviel Strecke noch vor mir lag, hielt ich mich eine geraume Zeit auf der Brücke auf. Meiner Kameralinse präsentierten sich so viele Motive auf kleinstem Raum wie selten zuvor.

Alte Stahlkonstruktionen sind unschlagbar schön.

Vielleicht hätte ich die Schärfe doch auf die endenden Linien legen sollen und nicht auf die Schrift.

Noch Stunden hätte ich mich austoben können, doch ich mußte weiter. Eine Straßenunterführung – und dann wieder freien Blick.

Ich bin eine Kanalratte

Noch immer wogen die 16 Kilogramm meines Rucksack nichts. Ich fühlte nicht einmal die Tragriemen.
Ich fragte mich, wie das sein konnte.
Noch kurz nach dem Aufstehen hatte ich mich unter höllischen Schmerzen bewegt. Meine Füße brannten, die Schuhe anzuziehen war ein Qual, die Blasen am (rechten) kleinen Zeh und an der (linken) Ferse machten es zur Tortur, selbst Strümpfe überzuziehen.
Ich weiß, um Schmerzen zu überwinden, muss man gegen den Schmerz anlaufen. Irgendwann vergisst der Körper, dass da etwas weh tat (tut).
Doch der Körper vergisst nichts – es ist der Kopf, der vergisst.

Ich kam immer tiefer ins Philosophieren, nahm die schöne Holsteinische Landschaft um mich herum kaum wahr. Es war Nachmittag geworden und ich bewegte mich bei Noer entlang der Eckernförder Bucht.

Die Förde fest im Blick

Wie ein bloßes Glücksgefühl bewirkt, dass körperliche Strapazen nicht wahr genommen werden, noch immer war ich beim Thema.
Ich verstieg mich in den Gedanken, dass der Körper im schlechtesten Fall nur ein Störenfried für das Empfinden ist (dann, wenn die Knochen sich doch mit ihren Schmerzen zurückmelden und das Empfinden „erden“). Im besten Fall aber benutzt das Glücksgefühl den Körper wie ein Werkzeug zur Steigerung seiner selbst. Es geht immer weiter nach oben.
Das Glück himmelt gerne.
(Was für ein schönes Wort: „himmeln“. Gibt es das schon? Muss ich die Duden-Redaktion verständigen?)

Meerwiesen

Ich hatte Durst und Gottseidank lag zur richtigen Zeit eine Gaststätte am Wegrand.
„Der grüne Förster“.

Ein Prosit der Jagd!

Die Einrichtung grün, das Bier hell und natürlich fehlte nicht die Bestie überm Türrahmen.

Holsteinischer Wolpertinger

Ich wollte von der Bedienung wissen, ob das Viech denn auch einen Namen habe, hier hoch im Norden Deutschlands. Sie wusste nicht recht, was ich meinte.
Ich bohrte nach, ob diese Mini-Monster hier oben denn auch wie im Bayerischen „Wolpertinger“ genannt würden.
Sie wusste es nicht.

Mich würde überhaupt einmal interessieren, aus welchen Elementen ein Tierausstopfer so ein Ungetüm herstellt: Dachskopf? Katzenkörper? Fuchsschwanz?
Ich muss das mal recherchieren.

Langsam ließ mein Endorphinausstoß nach und mein Körper meldete sich zurück. Ich quälte mich die letzte Stunde bis Eckernförde. Die ersten Werftanlagen waren bereits zu sehen.

Denkmalwürdige Industrieanlage

So ziemlich genau mit Sonnenuntergang, Viertel nach sieben, lief ich über die Brücke des alten Hafens.

VielfarbenHafen

Was für ein Farben-Kaleidoskop boten die sich spiegelnden Kutter und Boote:

Hundert Wasser Hundert Farben

Mehr Glückslinien als auf einer Hand

Die Glückshormome hatten wieder zu tun.

Ich fand ein ausgesprochen nettes und bezahlbares Hotel am Hafen.

Hunger: Butt gebraten. (Sehr gut, zartes Fleisch, noch leicht glasig. Gut gewürzt.) / Dazu Salzkartoffeln und ein sehr großer gemischter Salat. Später noch ein Apfelstrudel mit Walnusseis. Alles zusammen 15,90 Euro.

Durst: Kakabellenbier. Eine Eckernförder Spezialität. Eine Art Zwickel. Naturtrüb. Guter Geschmack, der aber schnell nachläßt. Herrliche Flasche!

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Von Fritzens (Junior) Bunga Bunga Burg bis zur (lebenden) Toten Stadt Sebnitz

Was für eine atemberaubende Sicht auf die Elb-Schleife und welch eine Riesen-Enttäuschung! Diesig! Ich wartete zwei Stunden, doch die Sicht klärte sich nicht! Im Gegenteil.

Ich, in einer der schönsten Gegenden meiner Wanderung (wenn nicht Deutschlands), und nun das!

Ein braun-verwaschenes-Unfoto!
Und die vielen schönen Tafelberge im Hintergrund: Unsichtbar!

Fischauge war wachsam aber trübe

Was scherte mich die Geschichte der Burg, auf der ich ausharrte. Nicht Einzigartigkeit, Pest-Kasematten, Verteidigungslinien, Besitzer-Wechsel reizten meine Aufmerksamkeit: Ich wollte wie ein kleiner zorniger Junge mein Foto! Meine Trophäe!

Nada!

Einzig Fritz (Junior) gelang es, meine eingetrübte Stimmung etwas aufzuheitern, als er mich frech ansprach.
Ob ich wirklich nicht hören wollte, welch frivole Spielchen er in dem Barock-Türmchen hinter ihm getrieben hätte?
Früher, als das noch nicht Bunga Bunga genannt wurde

Welche Trophäe hält er in seinen Händen ?

Er erzählte von Miedern, Leibchen, Liebestötern, Fesselspielen, kitzelndem Perückenpuder und aphrodisierendem französischen Parfum, von transparenten weißen Körpern und erotisch aufgemalten Muttermalen. Fritz Junior schwelgte.
Ich fragte ihn, ob seine heimlichen Burgfräuleins nur aufstiegswillige Noblessen oder auch Landpomeranzen gewesen seien, fesche Mädchen aus Böhmen. Und wer ihm überhaupt all die schuldigen und unschuldigen Seelen zugeführt habe? Gab es damals schon einen grenzüberschreitenden Prostitutionsring?

Bei diesem Wort zuckte Fritz Junior zusammen. Er entschuldigte sich, dass er nun doch etwas anderes zu tun hätte und schickte sich an zu gehen. Nur eine neugierige Frage, die ihn offensichtlich quälte, hielt ihn von seinem Vorsatz zurück. Er wollte wissen, ob er sich verhört habe, dass aus meinem Rucksack schöne wohlgeformte junge Frauenstimmen zu vernehmen seien.

Ich packte den Lüstling, steckte ihn zu meiner Entourage und setzte meine Wanderung fort.

12 Uhr Mittags war es mittlerweile geworden und ich hatte noch 20 Kilometer bis Sebnitz vor mir. Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz.

GPS-Gesamtstrecke bis 043

Und wieder übermannte mich der Zorn. Ich lief durch Caspar David Friedrich Landschaften, hatte die Mond-Malereien, das weiche Licht, das sich durch die Tannen bricht, die Tafelberge, Sandstein-Minarette und Herkulessäulen, die dunklen Kamine und verwitterten Schluchten vor Augen – und bekam den Dunst nicht los.

Wie Blei drückte er auf die Landschaft.

Fotos, die ich schoss, waren reine Frust-Bilder. Mein rechter Zeigefinger betätigte selbständig den Auslöser.

Taugt nicht mal für einen Scherenschnitt

Wie schön hätte das werden können, das erste zarte Grün!

Caspar David hat das besser gemalt !

Und wie zum Hohn brach sich am späten Nachmittag die Sonne Bahn (kurz zumindest), als ich den Nationalpark schon hinter mitgelassen hatte.

Bunte Republik

Früher, ich will damit sagen, als ich jung war, vor 30 Jahren: Also früher, da waren in Deutschland alle Häuser weiß und die Dächer entweder ziegelsteinrot oder pechschwarz.
Jetzt fiel mir auf, dass nicht nur hier in Sachsen, auch in der Oberpfalz, die ich zuvor durchwandert hatte, die Fassaden kunterbunt angemalt sind.

Häsuer in Mexikanisch Blau, in Christopher-Street-Gay Pink, in Zitronengelb, Holländer-Orange, Katholisch-Purpur und Evangelisch-Lila. Die Republik wird immer bunter!
(Die Leute reisen offenbar viel und weit und bringen Farben mit!)

Spät, noch schimmerte der Himmel ein wenig blau, fand ich ein Hotel am Marktplatz in Sebnitz. Eine Große Kreisstadt. Ich hatte mich gewundert, dass die Straßen menschenleer waren, als ich ankam. Und als ich das Abendbrot verschlang, war immer noch niemand zu sehen: draußen nicht.

Blaue Stunde ohne Menschen

Und drinnen genauso wenig. Niemand! Um es noch einmal deutlich auszusprechen: niemand!

Dass es mal jemand glaubt!

Ich fühlte mich wie in einer Totenstadt.

Durst: zur Abwechslung einen Wein. Ein Dornfelder aus der Pfalz. Wenigstens war er trocken! Was besseres kann ich leider nicht von ihm sagen. Nur: Fritz Junior störte das überhaupt nicht. Er wollte mir von seinen netten Erlebnissen in meinem Rucksack erzählen, von böhmischen Mädchen in Trachten und seltsamen russischen Puddings. Ich ließ ihn. Er war sichtlich angetrunken, plumpste kichernd in die Karaffe!

Hunger: Steak mit Kräuterbutter und Bratkartoffeln. War gut, aber völlig überteuert.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Links der Elbe nach bis nach Sächsisch Königstein

Manche werfen Geldmünzen in Trevi-Brunnen, andere ketten Schlösser an Flussbrückengeländer. Und alle wollen einen Traum nie zu Ende austräumen: „love that never ends“.

Angekettet

Aber wie viele dieser Geschichten von „Traummann“ findet „Traumfrau“ enden mit der ersehnten „Traumhochzeit“?

Wer hat den Schlüssel, wenn es auseinandergeht ?

Ein aufgebrochenes Schloss habe ich auf der Elbbrücke in Děčín nicht entdeckt. Was ich im übrigen normal gefunden hätte, dass irgendein(e) Nebenbuhler(in) eine kleine Voodoo-Hexerei versucht haben könnte. Wenn schon Magie, dann aber richtig!

Gegen 9 Uhr brach ich auf, vorbei an der beeindruckenden Auffahrt zum Stadtschloss.
Wenn schon die Liebe nicht unendlich sein kann, so treffen sich wenigstens zwei Parallelen im (fast) Unendlichen. Hier ist der bildliche Beleg:

Wirkt wie ein optischer Trick!

Der Weg führte mich 26 km entlang der Lame/Elbe bis nach Sächsisch Königstein.

GPS-Gesamtstrecke bis 042

Eine relativ leichte Tour, linksseitig die Elbe entlang. Nur noch selten Kleinindustrie. Ab und zu ein Lastkahn.

Gemütlich

Allerdings donnerten unentwegt Güterzüge vorbei. Wobei deutlich mehr Züge Ladung nach Tschechien transportierten. Die, die nach Deutschland fuhren, hatten ausschließlich Skodas auf den Waggons.

Endlich häuften sich auch die schönen Flussansichten.

Die Elbe schlängelt sich durch Sandsteingebirge und drängt Häuser an die Steilwände

Legoland ist nicht abgebrannt

Ich registrierte es nicht mehr, als ich die tschechisch-deutsche Grenze überschritt. Welch eine fantastische EU-Normalität!

Bad Schandau im Dunst lag bereits hinter mir.

Wer sagt, dass es nur am Rhein märchenhafte Landschaften gibt ?

Königstein mit dem markanten Tafelberg „Lilienstein“ (ebenfalls im Dunst) eine Stunde entfernt:

Das Ziel vor Augen

Gegen 16 Uhr stand ich im Zentrum des kleinen Städtchens. Das übliche Spiel begann: Zimmersuche. Zwei ausgeschilderte Pensionen hatten (für immer) geschlossen. Mehrere Unterkünfte reklamierten einen „Ruhetag“ für sich (es sei ihnen gegönnt!) und das einzige noch in Frage kommende Gasthaus schloss erst um 17 Uhr auf. Die Saison würde angeblich erst um Ostern beginnen, sagte der Wirt mir später halb entschuldigend.

(Seit ich laufe, renne ich irgendeiner Saison hinterher (oder voraus?). Erst der Winter- und Weihnachtssaison, jetzt ist es Ostern. Bin mal gespannt, wie das noch weitergeht.)

Durst: Wernesgrüner Pils (2,80 Euro (0,5l).)

Hunger: Königsteiner Festungsschmaus. (Drei Natursteaks mit Grillwürstchen, Speck und grünen Bohnen. Dazu Bratkartoffeln.)
War reichlich und ordentlich. (12,60 Euro.)

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Veruschka will mit Möwen fliegen und landet mit mir in Děčín

Oma Gerdas altes Trachtenkostüm oder Onkel Aloisens bestickter Festtagsanzug sind Reliquien.
Sie gehören zum Familien-Erinnerungs-Schatz. Schuhe allerdings überleben das Aussortieren nach dem Leichenschmaus selten.

Er konnte nicht in seinen "Stiefeln" sterben.

Umso verwunderlicher, dass diese Treter aufbewahrt wurden.
Sie sind heute ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum von Ústí nad Labem.

Ein beeindruckender Ort. Er stellt sich auf tschechischer Seite der Vertriebenen-Geschichte (lange ein absolutes Tabu-Thema im Land).

Eine deutsch-böhmische Familie aus Děčín (Tetschen) versteckte kurz vor dem Abtransport noch schnell auf dem Dachboden warme Kleidung, eine Kiste Terpentinseife und Agfa-Fotopapier, in dem Glauben, bald wieder zurückzukehren. Eine Wiederkehr gab es aber nicht mehr.
Das Versteck wurde immerhin letztes Jahr bei Renovierungsarbeiten gefunden.

Fotoliebhaber versteckte Fotopapier

Eigentlich wollte ich im Museum eine Ausstellung (von der ich im Internet gelesen hatte) über den Widerstand von Sudetendeutschen gegen die Nazis sehen. Leider war sie geschlossen.
Ein in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Thema: Nicht wenige Sudetendeutsche waren entschieden gegen den „Anschluss“ des Sudetenlandes an Deutschland und einige kämpften im (kommunistischen) Widerstand gegen Hitler. Auch diese Antifaschisten wurden nach dem Krieg (unterschieds- und mitleidlos) vertrieben. Sie wurden gleich doppelt bestraft. Wie gerne würde ich mit einem Zeitzeugen sprechen. (Wenn es sie noch gibt, sie müssten bald hundert! sein.)

Bevor ich weiter wanderte, schaut ich mich noch in Ústí nad Labem (Aussig) um. Die ehemals mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnte Stadt war im Krieg schwer zerbombt worden und der Wiederaufbau ist noch schrecklicher ausgefallen als im Bausünden geplagten Deutschland.

Ústí nad Labem ist heute (von ein paar bau-historischen Inseln abgesehen) eine Betonwüste, eine 100.000 Menschen-Stadt ohne architektonische Seele.

Es gibt Architekten,

die sollten besser

nur Gefängniszellen bauen

Ach ja, fast vergaß ich: Die Elbe fließt durch die Stadt! Aber was für eine Enttäuschung. Wie niemand den Neckar in Stuttgart vermutet, so musste ich auch hier den Fluss lange suchen, bevor ich ihn fand: Einbetoniert und eingequetscht zwischen Schnellstraßen. Wie schön könnte es sein, am Wasser zu leben!

Huckleberry Finn und Tom Sawyer könnten hier nicht wohnen!

Nach zwei Stunden Herumstrolchen verließ ich um die Mittagszeit die Stadt Richtung Děčín (Tetschen).
25 km entfernt. Eine Sache von 6 Stunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 041

Gleich am Stadtausgang begegnete ich Veruschka. (Eigentlich hieß sie Elena, aber sie hatte sich einen Künstlernamen zugelegt.)

Veruschka kann keine Hüllen mehr fallen lassen

Ich fragte sie, warum sie hier so nackt herumstehe? Sie raunzte, dies sei ein Protest gegen Tierquälerei, gegen Pelz tragende Frauen. Dies machten alle berühmten Models!
Ich meinte, sie sei doch kein Model!
Ihre Antwort: „Aber ich will eines werden.“

Als sie mitbekam, dass ich die Elbe flussabwärts laufe, bat sie mitkommen zu dürfen. Sie wolle nach Hamburg. Da gäbe es tolle Model-Agenturen.

Ich stiefelte derweil auf einem ausgeschilderten Fahrradweg rechtsseitig den Fluss entlang.

„Labe“ heißt der Strom auf tschechisch. Keine Ahnung, wer die Buchstaben so durchgeschüttelt hat, dass aus „L A B E“: „E L B E“ geworden ist (oder umgekehrt).

Jedenfalls floss die Labe/Elbe deutlich schneller als ich wanderte. Keinen Schimmer, woran es lag: Ich war im Flachland (130 m Meereshöhe!), ich schwamm stromabwärts und das Laufen fiel mir schwerer als in den Bergen. Ich schnappte manchmal sogar nach Luft.

Die Labe/Elbe war größtenteils von zwei großen Straßen und einer viel befahrenen Eisenbahnlinie eingefasst. Kleinindustrie reihte sich an Kleinindustrie. Nur selten ein Hauch von Natur.

Der Ausschnitt macht es !

Ich war froh, dass Veruschka ein paar Brocken Deutsch sprach und löcherte sie mit Fragen. Ob es stimme, was ich vor kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass in manchen slawischen Sprachen das Wort „Deutscher“ gleichbedeutend mit „Idiot“ sei?
Veruschka war überrascht und wollte wissen, wer solchen Schwachsinn behaupte? Ich sagte ihr, dies sei neulich in der „FAZ Sonntagsausgabe“ gestanden. Sie lachte und beschied: „Blödsinn!„; „Wer schreibt so was Dämliches?

Unterwegs, in schöner Regelmäßigkeit, abwechselnd ein paar (Forellen?) Fischer am Flussufer, ein paar alte (erstaunlich gut erhaltene) Wehrmachtsbunker (nett angemalt)

Weltkriegs-Souvenir

und ein paar stoische Vögel auf ein paar Ästen.

Weiss der Geier, was für Federvieh das ist ?

Veruschka prustete plötzlich los: „Da!
Was?
Da!, da war eine Seemöwe!

Unmöglich, entgegnete ich. Bis hierher kommen keine Seemöwen.

Doch“ behauptete Veruschka, „Ich kann sie sogar riechen.“ „Ich rieche Hamburg!
Den Kiez? legte ich nach.
Ja, den Kiez!

Veruschka wusste für ihr Alter erstaunlich Bescheid über die Bedingungen des Model-Daseins.

Vor hier aus sind’s rund 30, 40 km bis zur deutschen Grenze„, erläuterte sie mir. „Lange gab es hier entlang der Elbe über ein Dutzend Etablissements für deutsche Besucher. Dann wurden fast alle mit dem Elbe-Hochwasser 2002 weggeschwemmt. Nur wenige haben wieder aufgemacht. Und wenn, dann meist nur noch für die Tankstellenbesucher. Einmal Tanken, ein Schnellbesuch im – du weißt schon wo – und wieder zurück an den Familientisch.

Willst du deswegen nach Hamburg?
Nein, ich will wirklich Model werden!

Egal, ich sagte ihr, so nackt könne ich sie nicht weiter mitnehmen.

Ich bat meine Ruck-Sack-Familie um Rat, wo wir ein paar Klamotten für Veruschka organisieren könnten.
Krystina bot (resolut, wie sie erzogen war) Veruschka schließlich ihre Tracht an. Ihr selbst blieben ja noch die beiden Unterröcke.

Veruschka wird anständig

Wie schön, eine solidarische Familie zu haben!

Gegen sechs Uhr, und noch immer angenehm ratschend, erreichten wir Děčín.

Liebevoll restauriert der Stadtkern.

Gerettete Fassaden

Durst: Staropramen Pils. Nicht ganz so gut wie Pilsener Urquell, aber o.k.. Und genauso billig.

Veruschka lebte auf: die erste Kneipe seit langem, die länger als 22 Uhr aufhatte! Fast hätte sie ihre Tracht abgelegt. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten.

Essen: Eine südböhmische Spezialität. Zöpfchen-Fleisch. (Lende, Hühner- und Schweinefleisch zu einem Zopf verflochten.) In Natursauce und mit Knödeln. (9 Euro.) Sehr gut! Das Fleisch saftig und mit Eigengeschmack!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Ich kann sie bald nicht mehr in einem Bett unterbringen!