Gipfelglück auf dem Weg nach Lingenau

Das ganze Haus schmaler als eine Haustür breit. 57 cm!
Hätte mich ja schon interessiert, einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

small is beautiful

small is beautiful

Über 200 Jahre ist das Bregenzer Anwesen alt. Spindeldürr scheint es nur auf der Eingangsseite, nach hinten weitet sich das Gebäude.
Anyway: Das ändert nichts daran, dass es wohl die schmalste Hausfassade in Europa ist.

Aus Bregenz fand ich zügig raus. Mein Ziel: durch den Bregenzer Wald bis nach Lingenau. Ein 26 km langes Hoch Tief-Unternehmen.

GPS-175-Bregenz

GPS-Gesamtstrecke bis 175

Von Bregenz bis in den den Vorort Wolfurt ging es nur mäßig bergauf.

Schon im Wald - und sieht doch nicht so aus

Schon im Wald – und sieht doch nicht so aus

Ab dann eine stete Berg- und Talfahrt. Mal schnell 300 Meter hoch, dann rasant nach unten, um gleich wieder heftig anzusteigen.

Alpen eben! Schon nach 2 Stunden war ich völlig durchgeschwitzt.

Ich versuchte der Beschilderung zu folgen. War trotzdem oft orientierungslos. Ab und zu stieg ich einfach Bergwiesen hinauf, in der Hoffnung, oben wieder Wege zu finden.

Navi-Wege!

Navi-Wege!

Oben dann die überraschende Belohnung: das Gasthaus „Dreiländerblick“. An klaren Tagen ein Wahnsinnspanorama. Heute konnte ich Bodensee, Rheinmündung, Schweiz und Deutschland nur schemenhaft erahnen.

Fängt nicht an, hört nicht auf

Fängt nicht an, hört nicht auf

Gott sei Dank hatte ich mir in Lindau einen Alpen-Wanderführer besorgt. Bei der Vielzahl der sich kreuzenden Wege wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen.

Mein Navi hilflos.

Meine Wegekarte

Meine Wegekarte

Ich schaffte es auf den ersten Gipfel. Noch nicht wahnsinnig alpin: Schlappe 1.180 m. Reichte aber für intensive Glücksgefühle.

Angekommen

Angekommen

Man sieht dem Brüggele-Kopf nicht an, welche Anstrengung es kostete, ihn zu erklimmen. Extrem steile, knieschädigende und rutschige Pfade. An zwei Stellen sogar kurze Seilsicherung. 5 1/2 Stunden war ich von Bregenz jetzt ohne nennenswerte Pause unterwegs.

OnTop of the hill

On top of the hill

Runter war einfach. Wirtschaftswege und Schotterpisten!

Who goes up must go down

Who goes up must go down

Schöne Postkarten!

Immer!

Immer!

Schindel-Hannes wohnt hier.

Aber beim Runtergehen, geht's manchmal auch wieder hoch

Aber beim Runtergehen geht’s manchmal auch wieder hoch

Minigipfel mit Gipfelkreuz.

Keine Details!

Keine Details!

Die Bregenzer Alpen sind manchmal sehr lieblich.

Immer nur Totalen!

Immer nur Totalen!

Ich hatte bislang überhaupt keine Zeit gehabt, über irgendetwas nachzudenken. Die ganze Tagestour war ich nur darauf fixiert, meine Beine am Laufen, meinen Atem und Puls gleichmäßig zu halten und nicht aus dem Tritt zu kommen.

Mein Wasser und Essbedarf stieg derweil dramatisch. Wo immer es eine Bergwirtschaft gab, trank ich beinahe literweise Wasser, Apfelschorle und Bier.
Wo immer es etwas zu Essen gab, schlug ich zu.

Hunger:
(In Alberschwende – vor dem Aufstieg zum Brüggele-Kopf.) Frische Pfifferlinge mit Semmelknödel. Äußerst fein. 12,90 Euro.

T175-Essen-01

(Berggasthof Brüggele.) Zwetschgen-Datschi mit Sahne. Leicht warm und köstlich. 3,50 Euro.

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(Gasthof in Lingenau.) Bregenzwälder Käsespätzle. 12 Euro. Exzellent! Nicht penetrant und doch kräftig. Klasse Käsegeschmack.

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Die Wirtin erklärte mir, dass ihre Küche einen sehr feinen Bergkäse für die Spätzle benutzen würde. Ich gratulierte ihr für den Geschmack.

Schon als ich nach nach 9 1/2 Stunden reichlich erschöpft nach Lingenau hineingewandert war, hatte ich mir draußen rasch die Speisekarten der drei, vier Gasthäuser angeschaut. Alle hatten das gleiche Programm: Wiener Schnitzel, Jägerschnitzel, Grill-Teller, Bregenzer Käsespätzle.

Ich fragte mich, ob die Österreicher hier einfach nichts anderes essen oder ob die Touristen für die krasse Verarmung der Speisekarten sorgten.

Ich hatte nicht ahnen können, dass ein guter Koch auch phantasielosen Gast-Ansprüchen trotzen kann.
Mein zweites Gipfelglück heute.

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Die Westgrenze geschafft!

Schon gestern hatte ich mich ein wenig gewundert, aber heute morgen erst wurde es mir richtig bewusst: Auf dem Rhein fuhren keine Schiffe, keine Kähne und Touristendampfer mehr.

Ausgetrocknet

Ausgetrocknet

Wie leergepumpt das Flussbett.

Um 9 Uhr war ich in Neuenburg losmarschiert. 34 km hatte ich vor mir. Immer den Rhein entlang bis ins Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland.

GPS-165-Neuenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 165

Nur einmal verließ ich kurz den Fluss, um mir das Kurbad Bad Bellingen anzuschauen.
Ein schrecklich biederer Ort, der zudem von der nahen A5 mit einem höllischen Hintergrundrauschen akustisch vermüllt ist.

Selbst die beiden Fontänen im kleinen Kurpark vermochten das Autobahn-Rauschen nicht zu übertönen. (Aber vielleicht hat man sich hier ja eh auf Gehörgeschädigte spezialisiert.)

Doppelt langweilig

Doppelt langweilig

Im Park sah ich den kleinen Nico wie er hinter einer Holzskulptur hervorlugte.
Er gab mir ein Zeichen, fragte, wohin ich mit meinem schweren Gepäck ginge.
Nach Basel in die Schweiz, antwortete ich ihm.
Nico wollte mit. Seine Eltern, die ein Eislokal betrieben, hatten ihn wie eine Schaufensterpuppe in eine Schwarzwälder Tracht gesteckt. Jeder Kurgast, der vorbeikam, streichelte die Wangen des Jungen. Der fand das ekelig und wollte nur noch weg, am besten in eine Stadt.

T165-Bursche-01-imp

Ich setzte ihn auf meinen Rucksack und wanderte zum Rhein zurück.

T165-Nico-02

Der Uferweg schnurstracks. Und akkurat gemäht.

Roll on

Roll on

Die A5 war unser ständiger Nachbar, der uns mal sehr und mal weniger laut begleitete. Die Autobahn hatte man nahe an den Rhein heran gebaut.
Östlich von ihr begann das Markgräflerland. Eine weitere gute Weingegend in Südbaden.

Könnte schön sein

Könnte schön sein

Bisweilen wurde ich gezwungen, kleine Umwege zu gehen. Die Regionalregierung ließ auf dieser Strecke riesige Rückhaltebecken graben, um Stauraum für Hochwasser zu haben.
Schutzmaßnahmen.

Rückhalt

Rückhalt

Dabei bot der Fluss hier ein jämmerliches Bild. Kaum Wasser.

Vom Fluss zum Bach

Vom Fluss zum Bach

An der Isteiner Schwelle der Rhein mehr Kiesgrube als Fluss.

On the banks of the Rhine

On the banks of the Rhine

Der Rhein glich immer mehr einem Alpenbach mit einigen Stromschnellen. Wildromantisch!
Aber ich fragte mich, ob ich vielleicht einem Seitenarm folgte? Das konnte nicht der stolze deutsche Fluss sein.

Wildwasser

Wildwasser

Schließlich kam des Rätsels Lösung. Unterwegs füllte ein Schild
1) meine Bildungslücke und informierte mich,
2) dass der Elsässische Große Kanal etwas nördlich von Weil beginnt und bis Breisach praktisch sämtliches Rheinwasser schluckt. Mithin fahren die Schiffe auch auf dem Kanal und nicht auf dem Rhein!

Das Ganze ging zurück auf den Versailler Vertrag, mit dem Frankreich sich damals das Recht erzwang, mit dem Rhein machen zu dürfen, was die Grande Nation wollte. Wohl auch um Deutschland zu demütigen, wurde der Grand Canal D’Alsace gebaut samt Wasserkraftwerken und Schleusen. Aus dem Rhein wurde auf der Strecke von Weil bis Breisach
a) ein beklagenswertes Rinnsal und
b) auf fast schon mephistophelische Weise aus dem deutschen Groß-Mythos die Luft (respektive das Wasser) rausgelassen.

Wenig später auch der Missetäter: ein Wehr.
Der Rhein wird hier aufgestaut und der Großteil des Wasser westlich des Wehrs in den Seitenarmkanal geleitet.

Flussteiler

Flussteiler

Die wenigen Kilometer bis Weil strömte Vater Rhein mir wieder in seiner vollen Pracht entgegen.

In alter Stärke

In alter Stärke

Eigentlich hatte ich mir für diese Etappe vorgenommen, noch einmal über das Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nachzudenken. Morgen würde ich ja die gemeinsame Grenze verlassen.
Aber ob Lothringen oder jetzt das Elsass: Die 515 Kilometer gemeinsame Grenze hatte ich oft genug überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
Ressentiments schon gleich gar nicht.

Der Wehrmachts-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der am Stadteingang von Weil noch steht, wirkte wie ein Relikt aus uralten Zeiten.

Bunker besiegt von Natur

Bunker besiegt von Natur

Unvorstellbar, dass es zwischen Deutschen und Franzosen noch einmal zum Krieg kommen wird.

Müde, aber beschwingt, lief ich die letzten zwei drei Kilometer durch das Weiler Hafengebiet.

Hafen-City

Hafen-City

Bis ich das Dreiländereck erreichte.

Diese Brücke führt von Deutschland nach Frankreich. Hinter ihr wartet die Schweiz auf meinen Besuch.

Nationen überspannt Überspannte Nationen

Nationen überspannend

Nach dem Osten (1492 km) und Norden (1183 km), hatte ich nun auch die Westgrenze Deutschlands abgelaufen. 1234 km!

GPS-Gesamtstrecke

3.909 Kilometer sind das bisher insgesamt.

Übermorgen wird meine letzte Etappe beginnen. Die Querung der Südgrenze.

Unterkunft in Weil: 65 Euro (mit Frühstück).
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Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

T145-Essen-02

Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).

Road 139 to Dasburg

Es war das Gefühl tiefer Einsamkeit.

Winterspelt lag hinter mir, auf Seitengassen hatte ich das Dörfchen verlassen. Wolken drückten die Täler noch tiefer in den Waldgrund. Häuser auf Bergkuppen drängten sich dicht an die Pfarrkirchen, in der Hoffnung vom Dauerregen nicht weggeschwemmt zu werden.

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Hatte ich einmal nicht Wald sondern freies Feld vor mir, walzte am Horizont die nächste Regenwand heran.

Es wird nicht besser

Es wird nicht besser

Ich war in Winterspelt gegen halb 9 aufgebrochen. 31 Kilometer lagen vor mir bis Dasburg an der deutsch-luxemburgischen Grenze.

GPS-139-Winterspelt

GPS-Gesamtstrecke bis 139

Schüttete es besonders heftig, suchte ich Schutz unter Laubbäumen.

Ich erdachte mir Bauernregeln für Regenwetter:

Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses los. Der nächste kommt sofort.
Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses in den Wald. Der regnet sich gleich wieder ab.

Aber eigentlich war es egal. Nass wurde ich unterm Baum, im Wald, im freien Feld.

Endlich einmal eine Pause: Ein Walddörfchen zog kurz sein Regenkleid aus und zeigte seinen Frühlingskörper.

Heckhalenfeld

Heckhalenfeld

Die Schneeeifel ist so dünn besiedelt, dass es äußerst schwierig ist, sich auf einer Wanderung zu versorgen. Gasthäuser öffnen nur zur Hochsaison, Tante Emma hat längst die Dörfer verlassen, Tankstellen gibt es überhaupt nicht.
Ich war also ohne Trinkwasser und ohne irgendetwas zu knabbern losgezogen und fand unterwegs nirgends Proviant.

Hellte sich der Himmel ein wenig auf, schöpfte ich Hoffnung. Die Südeifel ist landschaftlich grandios.

Highlands

Highlands

Immer wieder werde ich unterwegs gefragt, ob es nicht langweilig sei, so ganz allein zu wandern.
Ist es nicht!
Dann folgt die nächste Frage: Warum ich das mache, ob ich den Sinn des Lebens suche?
Nein, das Gegenteil ist der Fall.
Ich versuche manchmal es zu erklären, gebe aber schnell auf.

Also was machte ich denn den langen Tag?
Nichts! Nicht einmal meditieren. Höchsten ein paar Gedanken spinnen.

Sicher, die Sinne schärfen sich in der Natur.
Sicher, ich sehe, rieche und spüre Kleinigkeiten, die mir im Alltag nicht auffallen würden. Eine Ameise, die sich an ihrer Traglast überhebt und sich überschlägt. Ein Grashalm, der sich unter der Last eines einzigen Wassertropfens verbiegt und fast bricht.

Aber welchen Sinn machen solche Beobachtungen? Keinen! Es ist völlig unerheblich.

Sinnsucher finden nicht einmal sich selbst.

Und ich stellte mir die wichtigere Frage, ob Kühe nicht doch gänzlich dumm sind!

Dumme Kühe

Dumme Kühe

Immer wenn ich an einer eingezäunten Kuhwiese vorbeilief, rotteten sich die Viecher zur Herde zusammen, trotteten zum Zaun und glotzen mich fragend an.
Offensichtlich können Kühe nicht wie Hunde ihr Herrchen (oder Melker) erkennen. Sie verwechselten mich ganz offensichtlich.

Was bedeutete das? Für die Kuh ist ein Mensch ein Mensch ein Mensch ein Mensch – und keine Person!

Damit hatte ich für heute die Sinnfrage geklärt und marschierte weiter.

Nichts für weiche Knie

Nichts für weiche Knie

Es ging nun ganz schön bergab. Ich spürte meine Knie.

Als der Wald sich kurz auftat, konnte ich auf die andere Seite des Tals blicken, in das ich gerade hinabstieg. Ein luxemburgisches Dorf signalisierte mir, dass ich nicht mehr weit von der Grenze entfernt war.

lieblich

lieblich

Noch eine Viertel Stunde und meinen Zwischenziel war erreicht: das Dreiländereck aus Belgien, Luxemburg und Deutschland.

Wahre Europabrücke!

Wahre Europabrücke!

Auf der Seite, auf der ich fotografierte, war Deutschland. Über der Brücke rechts lag Belgien. Links der Brücke wartete Luxemburg auf meinen Besuch.

Rund 135 Kilometer war ich der belgischen Grenze gefolgt, jetzt lagen wahrscheinlich ebenso viele Kilometer entlang der luxemburgischen Grenze vor mir.

Die Our trennt Luxemburg von Deutschland.

Nicht größer als die Oos

Nicht größer als die Oos

Bewusst lief ich auf der deutschen Seite des Grenzflüsschens. Luxemburg wollte ich mir noch ein wenig aufsparen. So schnell kann ich nicht von belgisch auf luxemburgisch umschalten.

Ein Flüsschen, das an Fahrt aufnahm und mit kleinen Stromschnellen ganz schön Lärm machte.

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Ich hatte mir vorgestellt, gemütlich entlang des Uferweges der Our nach Dasburg zu wandern. Es kam aber völlig anders.
Zu tief hatte sich der Fluss in den Wald gegraben, zu steil waren die Hänge, zu zahlreich die Zuflüsse und Zwischentäler, dass die Wanderwege immer wieder in Serpentinen den Berg hinaufführten und sich gefährlich an Hänge schmiegten.

Halt!

Halt!

Aber welche Ausblicke! Und die Sonne gratulierte mir für meine Ausdauer!

Hochsitz

Hochsitz

Was für eine Grenze zwischen zwei Ländern!

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Es wurde der bisher anstrengendste Tag dieser Etappe, die nun schon lange dauerte. Auf und ab ging es. Am 139. Tag meiner Grenzwanderung sammelte ich Höhenmeter wie andere Flugmeilen. Ich war froh (und am Ende meiner Kräfte), als ich endlich das Dörfchen Dasburg erreichte. Auch wenn es im Regen schier ersoff.

Am Ziel

Am Ziel

In dieser Ortschaft mit kaum mehr als ein paar Dutzend Häusern gab es immerhin zwei Pensionen.
Ich würfelte innerlich und betrat einen skurrilen Harley-Davidson-Driver Treffpunkt.

Rocker trifft Rocker

Rocker trifft Rocker

Geführt wurde das Hotelchen von einem holländischen Pärchen. Direkt über der luxemburgisch-deutschen Grenze.

Hunger: Schweinespieß in Erdnusssoße mit Reis. (Harte Jungs Kost!)

T139-Essen-01

Unterkunft: 28 Euro (ohne Frühstück).

Blind durch Wolkenberge bis nach Gronau

Nada-Nichts-Nothing-Rien-Nulla

Nada-Nichts-Nothing-Rien-Nulla

Ja genau! Suchbild mit Sonne.
Nur einmal habe ich sie kurz erwischt, gleich duckte sie sich wieder hinter Wolkenbergen weg.
Ob Wolken sich höher auftürmen können als der Mount Everest?
Dicker jedenfalls konnte die Wolkendecke nicht sein. Es wurde dunkel am helllichten Tag.

Auch die Sonnen in den Feldern ließen den Kopf hängen.

Ain't no sunshine when I'm gone

Ain’t no sunshine when I’m gone

Kein schöner Tag heute. Schon beim Verlassen des Hotels, gegen halb neun, fielen die ersten Regentropfen.

Wie würde das erst bis Gronau werden? Immerhin 29 km entfernt.

GPS-120-Nordhorn

GPS-Gesamtstrecke bis 120

Es wurde grauenhaft. Stunden über Stunden nur Wasser von oben, manchmal so reichlich, dass der Tropfenschleier auf meiner Brille überhaupt nicht mehr riss.

Ich durchlief blind die Grafschaft Bentheim und bekam von der Landschaft praktisch nichts mit.

Kurz vor Gronau plötzlich ein bisschen Licht. Und mitten drin ein Grenzstein, der das Dreiländereck markierte. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und die Niederlande stießen hier aneinander.

Show me the way to ....

Show me the way to ….

Gegen 15 Uhr war ich im Zentrum Gronaus.
Ich beeilte mich, ein Hotel zu finden (schwierig). Der Himmel hatte wieder alle Schleusen geöffnet. Durchnässte mich bis auf die Knochen.

Zwei Stunden brauchte ich, um über der Zimmerheizung die Klamotten (auch die im Rucksack) zu trocknen. Erst dann konnte ich ins ans Hotel angeschlossene Restaurant gehen.
(„ins ans“ – gute Kombination.)

Hunger: Meerbarbe mit Spargel und Risotto. Gut (wenn auch der Spargel etwas holzig war). Leicht überteuert.

T120-Essen-01

(Schöne) Unterkunft: 57 Euro.

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Die DreiNamensHex fliegt mit mir nach Mitterfirmiansreut

War zeitig aufgebrochen. Gegen halb acht. Schlechtes Wetter war angekündigt und ich wollte ein paar Kilometer machen. Besser laufen, als in einer Stube herum hocken. Ich wusste noch nicht, dass es ein verdammt langer Tag, ein Auf und Ab in den Bergen werden sollte. Bis auf 1.050 Meter gings zeitweilig hoch und gleich wieder rasant bergab. Am Schluss verrückte 37 km bis Mitterfirmiansreut. Die Grenze mit Österreich verlief irgendwo in den Wäldern, ich muste mich stellenweise deutlich von ihr entfernen, um auf gangbaren Wegen zu gehen.

GPS-Gesamtstrecke bis 011

Die Sonne hatte früh am Morgen noch Kraft, die dicken dunklen Wolken zu durchbrechen. Ich fotografierte ein Vogelhäuschen, da ich eine Bewegung bemerkt und eine Kohlmeise darin vermutet hatte. Zu meiner Überraschung fand ich aber eine Hexe! Sie hatte sich im Guckloch des Verschlages mit ihrem Besen verheddert und steckte fest.

Hexenhaus lässt die Hex nicht raus

Ich befreite sie, dachte sie würde sofort auf ihrem Besen „wegreiten“. Aber sie blieb bei mir. Ich wusste nicht, dass Hexen dankbar sein können.

Ich fragte sie nach ihrer Herkunft. Sie sagte, sie wohne normalerweise am Rachel-See, weiter oben im Grenzgebiet zwischen Bayerischem und Böhmischem Wald. (Dorthin will ich auch noch wandern.) Ich fragte sie nach ihrem Namen, aber sie schwieg. Wir bewegten uns im Dreiländereck von Deutschland-Österreich-Tschechien. So beschloss ich, sie die Dreinamenshex zu nennen.

Hexe KittiKattiKatharina

Zu Beginn schritt ich kilometerlange Loipen ab. Normalerweise wird jeder sofort standrechtlich erschossen (oder wenigstens von Jägern aus Versehen), wer diese Heiligtümer des Wintersports mit simplen Wanderstiefeln entweiht. Alle Hundert Meter Verbotsschilder für Fußgänger. Aber es gab eh niemanden, der jetzt sportelte, die Saison beginnt erst in etwa einer Woche. Trotzdem lief ich mit einem schlechten Gewissen die Loipe entlang. Ich bin zu deutsch – ich beachte normalerweise Gesetze. Ich beeilte mich besonders, schnell weiter zu kommen.

Loipe nach Haidmühle

Loipe als Hohle Gasse

KittiKattiKatharina war unterwegs etwas unruhig geworden, hatte irgendeine Fährte aufgenommen und führte mich schließlich zu einer Froststelle, in der wieder einmal einer dieser tollpatschigen Nikoläuse festgefroren saß.

Hexe entdeckt Bofrost Nikolaus

Ich befreite auch ihn (hatte gerade meinen großzügigen Tag) und beschloß, ihn endlich in meine Familie aufzunehmen. Mein Rucksack wurde schwerer und schwerer.

So wie der Tagesverlauf. Geplant war eine Etappe von etwa 20 km. Bis Haidmühle etwa.

Verregnete Ankunft in Haidmühle

Doch dort: Wind, extremer Regen und jede Pension ZU! Die Saison beginnt erst Weihnachten.

Ich lief also weitere 5, 6 Kilometer bis Bischofsreut. Das gleiche Spiel. ALLES ZU!!
Weiter nach Philippsreut. Erneut ALLES ZU!!! Ich klingelte in einer Pension, ein Großmütterchen mit reichlich gebeugtem Kreuz öffnete die Tür, bedauerte dass sie Betriebsferien machten und sagte mir, dass möglicherweise in Mittefirmiansreut noch ein Familienhotel offen hätte. Weitermarsch (noch einmal 5 km) in der Nacht bei Schneeregen und dichtem Nebel.

Irgendwann (gegen 18 Uhr 30 (stockfinster!!!!)) hielt ein gnädiger Autofahrer, bei dem ich mich erkundigte, wo denn GottVerdammtNochmal eine Unterkunft zu finden sei. Der freundliche ältere Niederbayer lotste mich GottSeiGedankt zum einzig offenen Gasthaus im weitläufigen Dorf-Labyrinth und verabredete sich gleich mit mir um 20 Uhr auf ein Bier.

Das Gasthaus war ein Hundehotel, genauer gesagt: ein Familienhotel, in dem Hunde willkommen waren. Sie waren die ersten die mich rudelweise empfingen. Gewöhnungsbedürftig.

Das Hotel bot lediglich Halbpension an, Überraschungsgäste waren eigentlich nicht vorgesehen. Trotzdem wurde ich freundlich aufgenommen und hatte so immerhin die erste Halbpension meines Lebens gebucht. Schlafen mit Abendessen und Frühstück inklusive.

Schlag acht Uhr stand dann mein freundlicher Helfer in der Wohnstube (die hatte das Hundehotel auch!).

Er war Rechtsanwalt, der sowohl in Tschechien als auch in Bayern zugelassen war. Wir plauderten eine Zeit lang über die Nachbarschaftsverhältisse im Dreiländereck. Nach seiner Erfahrung kommen zur Zeit immer mehr Tschechen nach Niederbayern, um business zu machen. Zeitarbeitsfirmen, Autozulieferer und vor allem auch Fremdenverkehr. Sogar einige Gastronomieunternehmen, Hotels und Restaurants seien mittlerweile von Tschechen aufgekauft. Geld sei offenbar vorhanden. Und viele Tschechen kämen auf die niederbayerische Seite, um Urlaub zu machen. Skifahren, Langlauf oder Wandern im Sommer. Außerdem zahlten Tschechen zuverlässiger als seine niederbayerischen Landsleute. Europa wachse sichtlich zusammen.

Zu den Mentalitätsunterschieden befragt, meinte mein heißerkakautrinkender Gast: Tschechen seien Slawen und nie so direkt wie die Deutschen. Direktheit würde sie verletzten. Ihr Stolz sei sehr schnell zu kränken. Nur wer das verstehe, könne ins Geschäft mit ihnen kommen. So gesehen seien die Österreicher mehr Slawen als Deutsche. Auch bei ihnen gäbe es einen spürbar überhöhten Patriotismus; Österreicher seien schnell verletzbar und nie so brutal direkt wie die Deutschen.

Zu guter Letzt kam mein DreiländerExperte noch auf sein Lieblingsthema: Die Logen. Er war davon überzeugt, dass die Welt von geheimen Mächten regiert würde. Von Logen. Schröder (Gazprom), Berlusconi (Medienmogul) – nur zwei Beispiele von Logenmitgliedern, die einen Auftrag zu erfüllen hätten: Die Welt ins Chaos zu stürzen, damit am Ende der Logen-Chef sich als eigentlicher Weltenlenker offenbaren könne. Fast alle wichtigen Orden hätten die Teufelsanbetung als Grundlage. Denn es ginge darum, Gott den Alleinvertretungsanspruch auf Weltherrschaft und damit auf Allmacht zu entreißen. Gott stürze man mit dem Teufel.

Langsam (auch meinem Bierkonsum geschuldet) konnte ich den Argumenten meines DreiländerNiederbayern nicht mehr folgen. Er zählte mir immer mehr verschiedene Logen und Logenmitglieder auf. Auf meinen Einwand, dass, wenn es so viele unterschiedliche Logen gäbe, die allesamt auf die Alleinherrschaft der Welt abzielten, es doch nach Mafia-Manier Revier-Kämpfe untereinander geben müsste – also Morde,Totschlag, Massaker – blieb ihm für Sekunden die Spucke und das Argument weg, dann kam er aber auf den Hexenorden. Und hier war der Punkt, wo ich schließlich aufgab. Ich verabschiedete mich. Und bemerkte, dass KittiKattiKatharina, die ich dazu befragen wollte, längst im Delirium lag.

KittiKattiKatharina übt sich als Schnapsdrossel

Durst: Helles von der Brauerei Lang-Bräu (Freyung im Bayerischen Wald). War nix besonderes. 2,50 Euro.

Hunger:
Champignonschnitzel mit hausgemachten Spätzle. (Preis: Halbpension.)

Essen wie aus der deutschen Pampa/Pampe

(Hier zeigte sich das ganze Desaster deutscher Halbpensionsküche: Ein einziger geschmackloser Mehlbrei. Ich war allerdings zu dankbar, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben, um mich zu beschweren. Außerdem war der Wirt/Koch überaus nett.)

Meine Rasselbande kurz vor dem Einschlafen

Unterkunft (inklusive Schnitzel und Frühstück (also Halbpension)): 60 Euro.