Plattgefahrene Pferde auf meiner Tour bis Wismar

Beeindruckend: Noch immer steht der Ostsee-Grenzturm. Eines der wenigen Zeugnisse der deutsch-deutschen Teilung, das die Wende überlebt hat.

Beeindruckend, dass gerade inmitten eines der nobelsten Badeorte der Ostsee dieser Gruselturm gelassen wurde. Von ihm aus wurde der Küstenstreifen nach potentiellen Republikflüchtigen abgescannt, Schnellboote der Grenzbrigade dirigiert.

Welch ein Horror-System!

Eintausendsechshundert Menschen starben bei Fuchtversuchen aus der DDR. Viele davon in der Ostsee.
Was für ein Regime, das seine Bürger einmauert und denjenigen umbringt, der nur das Land verlassen will.
„Grenzdurchruch!“ Welch verräterisches (perfides) Wort.

„Grenzdurchbruch“ ! Perfides Wort

Heute traute sich jedenfalls niemand aufs oder ins Wasser. Die Ostsee in Kühlungsborn ziemlich aufgewühlt.

Da hilft kein Strandkorb

Raue See

Um 9 Uhr in den Wind gegangen. Ließ mich die 39 Kilometer lang bis zur Hansestadt Wismar treiben. Fast immer in Küstennähe.

GPS-Gesamtstrecke bis 077

Unterwegs das immer gleiche Panorama.
Landeinwärts: Felder und Bauern, die ihre Äcker zackerten, begleitet von Möwenschwärmen.

Sie „picken dem Bauern die Würmer aus der Furche“

In Gehrichtung rechts: Küste. Manchmal mediterran koloriert.

Mediterran

Über irgendetwas nachzudenken, hatte ich heute keine Lust.
Um mir trotzdem die (gefühlte) Zeit zu verkürzen, köpfte ich wie ein Berserker Strandhafer und zählte die herausgebrochenen Körner.

Als mich das auch langweilte, las ich Möwenfedern auf und zerlegte sie in Kiel und Strahlen. Das war gar nicht so einfach, aber auch darin wurde ich im Lauf des Tages ebenso Experte wie im Strandhafer Köpfen.

Als dieses Spiel  irgendwann zu Ende gespielt war, hatte ich immer noch Stunden zu laufen.
Auf dem Fahrradweg sah ich eine tote Maus. Völlig plattgefahren, so platt wie ein Blatt. Ich fragte mich, kann ein Fahrradfahrer eine Maus überfahren?

Dann überlegte ich, wie wohl ein plattgefahrenes Pferd aussehen würde. So platt wie ein Baumblatt. Und welche Monstermaschine könnte das überhaupt? Eine Walze?
Ich verstieg mich immer tiefer in absurde Phantasien, die aber dem geschätzten Blogpublikum  nicht mehr erzählbar sind und erreichte selbst ziemlich platt mit dem letzten Tageslicht nach 39 langen km das Zentrum Wismars.

Hunger: Gebratener Dorsch nach Finkenwerder Art. 12,90 Euro.
Ich probierte erneut meine Lieblingszubereitung eines Dorsches. War diesmal aber nix. Fisch nicht frisch, sondern Gefrierschrankware, Speck zu fettig, Bratkartoffeln abgesoffen. Schade.

Durst: Wismarer Pilsener. (Seit 1452 gibt es das Brauhaus in Wismar mit eigenen Bieren.) Süffig, etwas leichtgewichtig. Keine besondere Note, aber nicht schlecht.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Der kleine Franz findet alles „Toll“ wahlweise auch „Uiuiuiuiui“ bis Barth

Um 9 Uhr aufgebrochen.
Stralsund noch einmal durchquert. Ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Der Stadt-Hafen noch nicht durchgestylt, schöne Blicke, normales Leben.
Die historische Altstadt wie auf einer kleinen Insel gelegen.
Wie hätten die Romantiker und Schwärmer einst gesagt: „allerliebst“.

Dazu einige teils naturbelassene Teiche noch in der Kernstadt.
Schön.

Stadt Land Teich

Die heutige Tour sollte mich bis Barth führen. 30 km etwa. Absichtlich lief ich durch das Hinterland der Küste. Ich suchte etwas Abwechslung. (Zumindest optisch.)

GPS-Gesamtstrecke bis 072

Stoppelfelder kündeten den Herbst an. Es roch strohig, leicht modrig.

Wohin rollen diese Strohwalzen?

Die Dörfer still, halb verlassen, nur (manchmal etwas eigenartige) Alte.

Blick ins Schwarze Loch

Es war Samstag, da zieht ein geborener Ossi den Blaumann an, schneidet den Rasen, pinselt oder putzt den Zaun oder säubert die Dachrinnen.

Blaumann

Schon lange will ich einmal nachfragen, warum fast alle, die vor dem Haus arbeiten, einen Blaumann tragen? Woher kommt diese Tradition?

Und warum sehen hier so viele Vorgärten aus wie eine Disney-Film-Kulisse?

Bambis Familie

Die erhoffte optische Abwechslung blieb aus. Stundenlanges Gehen in immer braun-grüner Landschaft. Maisfelder, Stoppelfelder, frisch gesäte Äcker.

Ab und zu mal ein übergroßer Pilz.

Doppeldecker

In einem quietsche etwas. Als ich näher kam, entdeckte ich Franz. Im Zentrum des Pilzes hatte sich Regenwasser gesammelt wie ein kleines Pfützchen und Franz planschte hörbar vergnügt.

Am PilzPool

Franz behauptete er sei der kleine Bruder der großen Schwimmerin Von Almsick und er bereite sich auf die nächsten Olympischen Spiele vor. „Super“ sei das. Und er werde bestimmt Gold holen, was seine Schwester ja leider nie geschafft hätte.
Ich packte ihn ein. „Toll“, „Toll“ – hörte ich ihn in meinem Rucksack quietschen.

Im nächsten Dorf überraschend ein kleines Bio-Café.
Den Beeren-Quark-Kuchen mit einem großen hungrigen Schluck verspeist. Samt Sahne.

KaffeePause

Ich wanderte weiter durch reichlich uninteressantes Gelände.
Nach einer Weile wurde mir das Gequietsche in meinem Rucksack zuviel. Ich ließ Franz noch einmal ‚raus, um sich in einer Schlammpfütze zu verlustigen.

Pool aus Schlammloch

„Uiuiuiuiui”, “Das freut mich jetzt total“. „Waaaahnsinnig toll geschwommen“.
(Irgendwie hatte ich dieses penetrante Gequassele in hoher Stimmlage schon einmal gehört. Kam das nicht von der ARD Kommentatorin Von Almsick bei den Londoner Olympischen Spielen?
Anscheinend ist der Wortschatz der Familie Almsick ziemlich begrenzt.)
„Uiuiuiuiui.”

Gegen 17:30 Barth erreicht. Ziemlich abgekämpft.

Zimmer mit Ausblick

Hunger: Gebratener Dorsch mit Bratkartoffeln und Schrimps. (12,90 Euro.)
Fisch war frisch und einfach, aber ehrlich zubereitet. Ok.

Durst: Lübzer Pils. Mecklenburgische Regionalbrauerei. 1977 gegründet.
Ein schmackhaftes Bier, wenn auch der Geschmack sehr schnell nachlässt. (Ein Weinkritiker würde sagen: Kein langer Abgang). 3,20 Euro (0,4 l).

Bierpool

Eh ich mich versah, war Franz vom Glasrand in den BierPool gesprungen: „Toll“, „Super“ hörte ich ihn tauchend blubbern.

Unterkunft mit Sicht auf den Hafen. „Uiuiuiuiui.”
Teuer.

Butje spielt Pirat und macht Faxen bis nach Glowe

Frohgemut (wie alt klingt das Wort) aufgestanden. Mit Vorfreude auf die heutige Wanderung zu den berühmten Kreidefelsen Rügens.

Um 9 Uhr brannte mir bereits die Sonne in den Rücken und trieb mich zum schnelleren Gehen an. Gut 26 km sollte ich heute laufen. An der Steilküste entlang bis zum Dörfchen Glowe.

GPS-Gesamtstrecke bis 069

Kieselsteinstrand (wie schön klingt die Alliteration).

Die ersten weißen Kalkfelsen ließen mich anstandslos passieren, ohne mit Geröll nach mir zu werfen.
(Jede Menge Hinweisschilder warnten vor der Gefahr des Hangabbruchs und Steinschlags.)

Kieselsteinbucht

Ein aus der Zeit gefallener Typ machte mit einer Art lautem Kichern auf sich aufmerksam und strampelte dazu mit den Füßen, als wollte er Wind machen.

Butje tickt nur kopfüber richtig

Butje nannte er sich. Er spielte Pirat. Ich fragte ihn, warum er denn einen Flaschenöffner im Kopf habe.

Einen „Saufunfall“ gab er als Begründung an.

Eigentlich sei er Schauspieler. Mitglied des Störtebeker Ensembles, das auf Rügen den ganzen Sommer Piratengeschichten aufführte.

Bei einem Thekenstreit habe ihm ein Kollege den Flaschenöffner in den Kopf gerammt (nachdem er ihm einen Bierkrug über den Schädel gezogen hatte). Jetzt trage er eben das Ding mit sich herum und sei – bekannte er freibeuterisch – auch ein bisschen plemplem.

(Die Störtebeker Festspiele sind für den Norden so etwas ähnliches wie die Karl May Festspiele. Störtebeker war ein berühmter Pirat.)

Butje mag’s nicht wirklich aufrecht

Gleich drauf buddelte Butje einen Feuerstein aus. Mit Loch wurden sie hier oben „Hühnergötter“ genannt. Und Butje lebte vom Verkauf der Glücksbringer an ältere pensionierte esoterisch angehauchte ewig-verwitwete Lehrerinnen.

Butje sagte, dass es gar nicht ungefährlich sei, am Strand nach Steinen zu graben. Viele suchten etwa nach Bernstein. Der war aber leicht mit Resten von Phosphorbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu verwechseln, die immer wieder an die Küste angeschwemmt würden. Erstmal getrocknet entzündeten sich die Phosphorstückchen (etwa in der Hosentasche) von selbst. Jedes Jahr zögen sich Touristen schwere Verbrennungen zu.

Seltsam, bald 70 Jahre nach Ende der Krieges, ist der Krieg immer noch anwesend.

Mittlerweile hatte ich den Strandweg verlassen und war auf dem Höhenwanderweg angelangt.

Buchenwald mit Ausblick

Die Strecke war einigermaßen beschwerlich. Ein ständiges Auf und Ab, manchmal über langgezogene Holztreppen.

Butje interessierte sich nicht für die Caspar David Friedrich Motive. Da ich seinen ständigen Plappereien keinerlei Beachtung schenkte, unterhielt er sich eben selbst mit seinem albernen Kichern.

Butje tanzt an einem Treppenpfosten

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Ständig eine andere grandiose Sicht.

Caspar David hätte Stunden hier verbracht

Ich musste aufpassen, dass mir die Kamera nicht ans Auge anwuchs, zu überwältigend waren die Ausblicke im Minutentakt.

Mit jedem Schritt wird die Kreideküste noch schöner

Ich kann mich nicht erinnern, auf all meinen Reisen durch die Welt, jemals eine schönere Küste gesehen zu haben.

Verweile doch, der Anblick ist so schön

Caspar David hat mit seinem Pinsel übers Foto gestrichen

Am frühen Nachmittag hatte das Wunder schließlich ein Ende.

Weiß, das blendet

Von nun an ging‘s bergab. Runter in die Touristenwirklichkeit Rügens.
Es fiel mir schwer, in dieser für den Touristen konfektionierten Ferienlandschaft etwas (Ein)Heimisches zu entdecken.

Glowe, ein Dörfchen, in dem vermutlich nicht ein einziges Haus keine Feriengäste beherbergt.

Das Übliche: Strand.
(Ein Hefeweizen kostete in einem Küstenlokal 4,50 Euro!!!!)

Strandleben

Ein bisschen Hafen.

Hafenleben

Dorfleben, das keines ist: Auch diese alten Reethäuser sind zu mieten.

Dorfleben

Überhöhte Zimmerpreise und – leider – diesmal ziemlich schlechtes Essen.

Gegen vier Uhr hatte ich endlich ein Bett in einer Pension gefunden.

Hunger: Dorschfilet gebraten mit hausgemachter Remoulade und Bratkartoffeln. 12,90 Euro.

Schmeckte wie zu groß geratene Iglu-Stäbchen. Nämlich nach nichts.

Butje gab mir dafür den Ratschlag, das Ganze mit zwei ausgepressten Zitronen zu würzen. Dann würde das wenigstens ein wenig nach Limonade munden. Witzbold! (Fast hätte ich ihm noch ‚was in den Schädel gerammt!)

Unterkunft: Total überteuert.
Aber meine kleinen Begleiter schliefen gut. (Wenn auch Knut immer noch schnarchte. Wachte der denn nie mehr aus seinem Rausch auf?)

Pause in Sassnitz

Klassisch

Sassnitz ist ein ausgesprochen sympathisches Städtchen. Eigentlich eher ein Dorf. Keine Ahnung wieviele Einwohner nach der Wende hier noch gezählt werden. Sie haben sich richtig entschieden, nicht zu gehen.

Der Kutter-Hafen ist der Mittelpunkt des Lebens.

Könnte in jedem Hafen der Welt liegen

Frischfisch zu jeder Stunde. Manche Fischer feilschen morgens mit den Kunden (überwiegend Restaurant-Wirte), andere am Nachmittag.

Das hat beinahe etwas Mediterranes.

Fischer sehen auch überall gleich verwittert aus

Fischer sehen, egal in welchem Erdteil, alle gleich aus. Die Haut gegerbt, die Augen meertrüb, Bartstoppeln, verwaschenes und von der Sonne gebleichtes Hemd, immer mit ein paar Fischblutflecken.

Unmittelbar nach der Wende fuhren noch 1.300 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern auf die Ostsee raus. Just heute stand es in der Lokalzeitung. Mittlerweile sind es nur noch 250. Die großen Trawler vertreiben die kleinen Kutter.
Schade.

Kilopreise

Irgendeines dieser ausgenommenen Tiere würde ich heute Abend verspeisen.

Frische Fische

Erneut zog es mich in mein Lieblingsrestaurant. Und wieder war es ein Hochgenuss:
Ganzer Kutterdorsch, gebraten auf Gartengemüse mit Lauch, Senfschaumsoße und Dillkartoffeln. 15,90 Euro.

Am Nebentisch unterhielt sich ein bayerisches Urlauberehepaar. Wie seltsam provinziell das Bayerisch hier im hohen Norden klingt.