Zum Dibbelabbes nach Saarbrücken

Aus Überherrn bin ich nicht schlau geworden. Es liegt schön am Rande kleiner Berge mit tief eingeschnittenen Tälern. Der Ort selbst ist aber wenig attraktiv, dennoch offensichtlich touristisch.

Halb 9 machte ich mich auf nach Saarbrücken. 29 lange Kilometer.

GPS-148-Überherrn

GPS-Gesamtstrecke bis 148

Ab und zu musste ich einige Wäldchen durchqueren. Und ab und zu wartete ich in Schutzhütten ab, bis der Regen nachließ. Der Mai hatte von Novembergrau auf Aprilwetter umgeschaltet.

T148-Ich-imp

Die kleinen Städtchen wie aus dem 60er-Jahre-Bilderbuch. So haben Arbeiter vor Jahrzehnten gebaut. So wohnen sie immer noch.

The boring sixties

The boring sixties

In den Straßen auffallend viele tiefergelegte Opel.

Ich freute mich auf die Saar und wusste nicht, dass sie ab Völklingen ein Industriefluss ist.

Malocherstadt

Malocherstadt

Auf dem einen Ufer Stahlwerke, auf dem anderen eine Autobahn und dazwischen eingeklemmt der Saar-Radweg, den ich als Wanderweg nutzte.

Funktionaler Fluss

Funktionaler Fluss

Völklingens Zentrum, das ich mir kurz anschaute, so zweckmäßig und roh, wie die Industrieanlagen, die in es hineingewuchert waren.

Arbeit am Stadtpanorama

Arbeit am Stadtpanorama

In der Stadtmitte: Dönerbuden, Billigpizzerien, Spielkasinos, Tristesse.
Das gehört wohl nicht zum Unseco-Weltkuturerbe in Völklingen.

Aber es ist Malocherkultur: so wie die Fabriken, an denen ich vorbeiwanderte.

Stadtfabrik

Stadtfabrik

Mein Wanderweg war, als spazierte ich in den Hinterhöfen der Stahlwerke.

All along the tubes

All along the tubes

Reiher(?) suchen nicht Natur: Sie suchen Fisch. Den gab es dann wohl doch noch in diesem Saarabschnitt.

stoisch statt scheu

stoisch statt scheu

Als ich Saarbrücken gegen halb 6 erreichte, dröhnte mir der Kopf vor lauter Autobahnverkehr. Es wurde in der Stadt nicht besser.
Saarbrücken müsste eigentlich Autobahnbrücken heißen. Die Highway führt mitten ins Zentrum und ich hatte das Gefühl, sie fand auch nicht mehr hinaus.

Eingezwängt

Eingezwängt

Hunger: Dibbelabbes mit Räucherlachs und Crème fraîche. Exzellent! 16,90 Euro.

T148-Essen-01

Auf der Speisekarte stand das Rezept: „Frische rohe Kartoffeln werden gerieben, mit Lauchgemüse, Dörrfleisch, Ei, Salz und Pfeffer und am Ende mit einem Geheimnis des Hauses verfeinert. Diese Kartoffelmasse wird in einer Pfanne ständig gewendet, damit sich beim Backen viele kleine Krüstchen bilden.“

Unterkunft: 69 Euro.

Ein Seemann kann Django heißen und mit mir über Land gehen bis Oldenburg

Ich hatte es mir vorgenommen, endlich einmal wirklich früh zu starten.
Wieder bin ich gescheitert.
Frühstück, Packen, Sich Anschirren – das kostet Zeit.
Also wieder erst um 9 Uhr die Tür zur Straße aufgemacht.

Eigentlich wollte ich die Küste entlang gehen. Es kam anders. Es wurden 34 km bis Oldenburg.

GPS-Gesamtstrecke bis 081

Zwei Stunden folgte ich dem Fahrradweg entlang der Landstraße 501.
Welch mythische Zahl.
Einer, der um die Wirkung von Mythen wusste, hatte hier seine Scheune im Vintage-Western-Stil dekoriert.

Far West / Highway 501

„Django“ war der Besitzer, aber er sah so gar nicht nach Wild West aus. Eher wie ein ausgemusterter Seemann, seinen Sack Habseligkeiten hinter sich herziehend.

Django oder doch Seemann ?

Ich fragte Django, warum er denn bei diesem herrlichen Sonnentag wie bei einer winterlichen Springflut angezogen sei.
Er raunzte, ich würde das noch sehen. Das Wetter würde heute noch drehen. Regen und Kälte sagte er voraus und ich meinte diese Prognose schon in seiner Stimme klirren zu hören.

Ich packte ihn in meinen Rucksack und bog Richtung Küste ab.

Grömitz, ein Senioren-Badeort. Oder zumindest war jetzt SeniorenSaison.

Die Mauer von Grömitz

Ein Hauch Abschied vom Sommer lag über dem Ort (hatte Django doch recht?). Selbst Verkäuferinnen standen in den Ladentüren und genossen die letzten Sonnenstrahlen (woher wusste Django das?).

Sonnenhunger

Eine herrlich klare Sicht in Grömitz. Ich konnte kilometerweit sehen und entdeckte nichts anderes als Strandpromenade: links Cafés und Buden; rechts: Sand und Strandkörbe.

Die Ostseeferienlandschaft fing an mich zu langweilen. Ich beschloss ins Hinterland abzubiegen. Vielleicht konnte ich der weiß(Strand)-blauen(Meer) Eintönigkeit für eine Zeit entkommen.

Windstill war es im Hinterland (was für ein schönes Wort: „Hinter-Land“), trotz vieler Windmacher an fast jeder Ecke. Energiewende ist schön, aber auch ästhetisch? Na ja.

Verspargelung

Über mir plötzlich ein Schwarm Greifvögel. Ich hatte das noch nie gesehen. Wie Geier kreisten sie über irgendetwas. Ein Dutzend, vielleicht sogar mehr. Fotoscheu waren sie allerdings.

Majestätisch

Ich hatte mir ziemlich dicke Blasen an der linken Ferse und am rechten kleinen Zeh gelaufen. In einem kleinen Dörfchen, das immerhin einen Döner-Imbiss hatte, kühlte ich meine Schmerzen mit zwei frischen Bieren.

Füße brannten vom vielen Gehen und ich löschte das Feuer

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hörte ich Musik. Bob Dylan hatte ein neues Album veröffentlicht und ich besorgte mir auf Youtube einen Ausschnitt.

Auf dem weiteren Weg idyllische Orte mit Bilderbuch-Häusern.

Bilderbuch

Seltsame Namen trugen manche Weiler.

„Grüner Hirsch“!
Ich versuchte mir das vorzustellen.
Die Huichol Indianer im Norden Mexikos verehren eine Gottheit: Den „Blauen Hirsch“.
Den sehen sie aber nur, wenn sie Peyote-Pilze schlucken, eine extrem halluzinogene Droge.
Gab es in diesem Dorf auch irgendein Dope?
Mein Begleiter Django wusste keine Antwort.
Aber was sahen die Bewohner hier, wenn sie von einem grünen Hirschen sprachen?

Die Gegend wurde mir ein wenig ungeheuer. Zumal ich gleich darauf an einem Anwesen vorbei wanderte, auf dessen Türschild geschrieben stand: „Geistiger und energetischer Heiler für Mensch und Tier“.

Holsteiniches Heiler Haus

Macht Einsamkeit verrückt?

Immer noch hatte ich ein paar Stunden vor mir und meine Füße, vor allem meine Sohlen, schmerzten immer heftiger.
Vielleicht schaute ich deswegen mehr nach unten auf den Boden.

Alle paar hundert Meter ein überfahrenes Kleintier. (Wie schaffen Fahrradfahrer das nur? Ich lief ja immer noch auf einem Fahrradweg.)

Getrocknete und gepresste Pflanzen bilden ein Herbarium.
Wie nennt man eine Sammlung plattgefahrener und getrockneter Tiere?
„Viecharium?“

Um halb acht endlich in Oldenburg gelandet. Menschenleere kleine Fußgängerzone. Zum Glück ein Hotel gefunden.

Drei Gaststätten hatten auf. Ein Grieche, ein Türke (Döner) und ein Italiener.
Ich wählte Pizza und ich hätte es nicht tun sollen.
Selten so eine schlechte plattgefahrene Pizza gegessen. 8,50 Euro.
(Dafür wäre der Wirt in Italien gesteinigt worden! Ich schwöre es!)

Danach zum Griechen, um wenigsten für mich (und Django) einen Uzo zu ordern.
Aber auch der war grottenschlecht.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Kilometer machen bis Flossenbürg

Dritter Tag der neuen Etappe und kein Tag für schöne Fotos. Englisches Wetter.
Also nahm ich mir vor, mal ein paar Kilometer auf meinem Grenzgang zu machen. Dass es am Ende gut 41 km wurden, war nicht geplant. War sogar idiotisch. Ich kam an die Grenzen meiner Kraft. Aufgebrochen war ich um 9 Uhr in der Früh.

GPS-Gesamtstrecke bis 024

Nach Eslarn ging es noch relativ leicht. Ein bisschen Landstraße, dann ein Wanderweg durch den Wald, ein paar Lichtungen mit Einödhöfen. Nochmal Landstraße und schließlich das kleine Marktstädtchen. Reichlich heruntergekommen. Das eigentliche Ortszentrum: ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzuges gegen die Franzosen aus den Jahren 1870/71.

Wer ist der Krieger ? Tilly himself ?

So konnte man nur vor Hitler texten: "In Treue fest"

Sinnigerweise steht das Denkmal am Tilly-Platz. Tilly war ein (grausamer) katholischer Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.

Ich habe mich am Platz kurz hingesetzt und darüber sinniert, wieweit wohl die tatsächliche Erinnerung eines Menschen oder eines Dorfes/einer Gesellschaft zurückreicht. Wieso treffe ich auf meiner Wanderung so zahlreich Denkmäler für Ritter (Mittelalter), Feldherren (beginnende Neuzeit) und angebliche Helden (1. und 2. Weltkrieg). Ist in irgendeiner Form eines kollektiven Bewusstseins die Ritterzeit noch vorhanden? Oder ist es nur romantische Verklärung? Haben sich die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges irgendwo eingeritzt? In irgendein Vorbewußtes? (Wie die Angst der Deutschen vor der Inflation – was ja fast etwas Genetisches hat.)

Mein Opa (geb. 1903) erzählte mir einmal von seinem Großvater (mütterlicherseits). Der habe im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft. Was dieser erlebt hatte, darüber hatte er nur andeutungsweise gesprochen. Der Großvater des Großvater hatte einen wertvollen Säbel mit nach Hause gebracht. Die Waffe diente nachfolgenden Generationen lange als Geldanlage. Nach dem Ersten Weltkrieg habe, so erzählte mir Opa, seine Mutter sie aber schließlich versilbern müssen, um überleben zu können.

Wenn man so will, reicht meine persönliche Erinnerung (das direkt Erzählte) also bis 1870 zurück.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter sortieren und schlenderte noch ein wenig durch den Ort. Trostlos. Zahlreiche Gebäude mitten im Zentrum verlassen, Geschäfte heruntergekommen und geschlossen. Ein Ort zum Abbruch freigegeben.

50er Jahre Klinker ...

Aber die fetten Jahre sind vorbei

Gestern Abend in Schönsee saß ich noch kurz am Stammtisch mit ein paar netten Kerlen. Einer (ein Geodät) erklärte mir, dass in der Oberpfalz offiziell die Arbeitslosenstatistik gar nicht so düster ausschaue. In Wirklichkeit gäbe es aber so gut wie keine Jobs. Die Mehrheit müsse pendeln, oft bis nach Nürnberg oder Regensburg. Und viele denken dann schließlich ans Wegziehen, der Arbeit nach. Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien und der ehemaligen DDR ist wohl immer noch Zonenrandgebiet. Vergessen.

Ich zog ebenfalls weiter. Mehr oder weniger an der Grenze entlang.
Passierte wieder zahlreiche Wegkreuze. Einige lobten den Spender (sich selbst also) mehr als den Herrn, den sie zu preisen vorgaben.

Ehre klein geschrieben

Dann: ein fantastischer Ort für ein Wegkreuz!

Wer erkennt sofort, was das für Bäume sind ?

Nach 2 (?) Stunden gedankenlosen Laufens wieder ein Städtchen: Waldhaus. Ich sah den ersten Imbiss während meiner Wanderung. Täuscht meine Erinnerung oder gab es früher tatsächlich in jedem Kaff eine Fressbude – mit Currywurst, Hähnchen und Pommes?

Die hier war eine Dönerbude. Endlich ein Hauch von Leben im Dorf!

orientalisch bunt !

Auch in Waidhaus leerstehende Geschäfte und eine Schließung der skurrilen Art.

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Jeden Tag wiederholt sich der gleiche Unfall

Ich hatte vor, bis Georgenberg zu wandern und mir dort eine Unterkunft zu suchen. Es war schon später Nachmittag. Etwas zu schlafen fand ich allerdings dort nicht. Also beschloss ich – auch um den Preis, dass die Nacht anbrechen würde –  bis nach Flossenbürg weiter zu laufen. Das war immerhin ein kleines Städtchen. Es mußte dort etwas geben. Ich wußte, dass das Weitermarschieren weh tun würde. Es ging ziemlich bergauf.

Am Ortsausgang von Georgenberg ein altes Forsthaus (?) zum Verkauf – mit einem für die Gegend typischen Wandgemälde.

Schießt Robin Hood nicht auf Kreuze ?

Ich wüßte zu gerne, was die Auftraggeber solcher Kitsch-Schinken denken? Haben sie irgendeine Vorstellung vom Mittelalter? Welcher Wert soll hier vermittelt werden? ODER IST ES EINFACH NUR SCHLECHTER COMIC-GESCHMACK? Vielleicht lesen sie ständig irgendwelche Historienwälzer?

Auf dem Bergrücken ein paar kleine Ortschaften mit seltsamen Namen: „Hinterbrünst“ z.B..

Brünstige Hintern ? Was ist das ?"

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich das schon im Dunkeln dämmernde Städtchen Flossenbürg. Eisig kalt und mit einer heftigen Überraschung.

Dunkel, eisig kalt - aber spektakulär gelegen

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem einzigen Gasthof. Der war allerdings  zu. Nicht ein Restaurant oder eine Frittenbude gab es im Ort, wo ich wenigstens nach einem Taxi hätte fragen können. Nach fast 10 Stunden Laufen und 41 km Wegstrecke konnte ich nicht mehr. Ich wäre mit einem Taxi in die nächste Stadt gefahren, um irgendwo ein Hotel zu finden.
In meiner Verzweiflung klopfte ich an ein beleuchtetes Fenster eines Wohnhauses. Die Hausherrin (mit Kochschürze!!!; nach frischem Braten duftend!!!) zeigte sich besorgt, gab mir den Tipp, in den Hinterhof des Gasthofes zu gehen und zu klingeln. Manchmal mache der Besitzer doch auf.

Ich folgte ihrem Rat und das ersparte mir viel Ärger in dieser Nacht. Tatsächlich öffnete der Pächter, zeigte sich ob meines etwas verwirrten Verhaltens verwundert und erklärte, dass er sowieso um 20 Uhr die Vordertür aufgeschlossen hätte. Dann nämlich kämen die Mitglieder des Schützenvereins, die ihre Jahreshauptversammlung bei ihm abhielten.

Die Auflösung: Der Gasthof öffnete seine Pforten nur noch zu wenigen Anlässen (für Auswärtige nicht erkennbar) und ich hatte Glück, noch ein warmes Bett zu finden.

Riesendurst!! Einige Helle Mönchsbräu. (Mein Urteil bestätigte sich: Äußerst süffig und mit einer eigenen Note.) 2,20 Euro.

Hunger: Zwiebelrostbraten mit Pommes (Ich schweige lieber / kann verstehen, daß alles aus der Gefriertruhe kommt und nur kurz zubereitet wird. Ich war viel zu dankbar um zu meckern). 8,50 Euro.

Ging runter

Ich fragte den Wirt, warum denn bei dieser spektakulären Lage des Dorfes mit der über allem thronenden Burgruine keine Touristen bei ihm anklopften. Ich wollte wissen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß Flossenbürg im Dritten Reich Standort eines Konzentrationslagers gewesen war und die Leute deswegen nicht kommen wollen?
Seine knappe Antwort: „Wahrscheinlich!“

Also doch so etwas wie kollektive Scham?

Unterkunft: 22 Euro (mit Frühstück).