Kuhglockengebimmel und Donnergrollen treiben mich nach Pfronten

Immenstadt in der Kälte verlassen. Die Nächte werden langsam winterlich kühl.
Schnell aus dem Städtchen raus und die Iller überquert. Konturlos das Nebellicht.

(Mir kam der Spruch in den Sinn, den wir in der Schule in und auswendig lernen mussten: „Iller, Lech, Isar, Inn: fließen rechts der Donau hin. Altmühl, Naab und Regen: fließen ihr entgegen„).
Den ganzen Tag hatte ich Mühe, diesen Lern-Reim aus dem Kopf und den hartnäckigen Souffleur in mir zum Verstummen zu bekommen.

I.L.I.I.

I.L.I.I.

Mein Tagesziel: weit kommen. Möglichst bis Pfronten. Mit Umwegen würden das 34 km werden.

GPS-177-Immenstadt

GPS-Gesamtstrecke bis 177

Der Herbst war erst eine Woche alt und doch schon kräftig. Trübnis draußen und innen drin. Kalt blieb es. Zumindest gefühlt. 18 Grad sollten es sein, ich spürte sie nicht.

18 Grad und doch kalte Stimmung

18 Grad und doch kalte Stimmung

Manchmal querte ich abgefressene Wiesen, um eine lange Wegbiegung abzukürzen.

Das Meer ist grün

Das Meer ist grün

Viel Autolärm von der nahen Bundesstraße. Und wenn mal nicht, bimmelten ständig Kuhglocken. Selbst wenn sich die Viecher auf den Weiden nicht bewegten.

Ich folgte erst Stunden einem Radweg, der sich Bodensee-Königssee Radweg nannte. Auf dem aber niemand radelte.
Dann büchste ich aus und schritt Wirtschaftswege ab, die mich in die Höhe spiralten.

Lichtlose und lustlose Blicke nach unten. Dabei: schöne Allgäuer Landschaft.
Nur ohne Sonne. (Ich wunderte mich selbst, wie empfindlich ich gerade auf Sonnenmangel reagierte!)
Dicke Regentropfen und ein dumpfes Gewittergrollen ließen mir keine Zeit, eine Rast einzulegen.

Grün=Kalt

Grün=Kalt

Dabei ist das Allgäu genau so wie es für sich wirbt.
Nutzte nichts, ich hatte den unbezwingbaren Wohnwagen-Blues: die Welt zu klein für mich! Wo gibt es eine größere oder zumindest andere?

Wohn-Wagen-Blues

Herzlich Willkommen, Welcome

Die Dörfer führten allesamt klingende Sportschau- oder Bierbrauer-Namen.
Aber eigentlich sahen sie heute alle aus wie Nesselwang: schnell durch!

Straße führt rein und wieder raus

Straße führt rein und wieder raus

Jemand pfiff mir Guildos Horn Lied hinterer: „Ich habe dich lieb.“ Piep Piep Piep.

Was soll das?

Was soll das?

Ich floh wieder auf Wiesen- und Waldwege. Ignorierte spöttische Kühe und war froh, als ich endlich nach 9 Stunden erfolgloser Stimmungsaufhellung Pfronten erreichte.

T177-Kuh-Siesta-01-imp

Wobei: Pfronten existiert ja eigentlich nicht. Ich hatte erhebliche Mühe, das Ortszentrum zu finden. Pfronten: Das sind eigentlich eine Handvoll (oder auch mehr) Minigemeinden, die zu einem Namen zusammengefasst sind.

Ich quartierte mich in einer Traditionswirtschaft ein.
Trank die Gaststube leer.
Zötler Bier. Gut! (Wahrscheinlich die älteste Privatbrauerei Bayerns. Seit 1447!!!!)

T177-Bier-01

Hunger: Leberknödelsuppe. Okay.

T177-essen-01

Hauptspeise: Schweinshaxe. Sensationell! (Ich brauchte jetzt keine Sonne mehr als Stimmungsaufheller.)

Yeah!

Yeah!

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

Tut mir leid Nikolaus, ich geh bis Gottsdorf

Völlig verregneter Tag. Fing in Obernzell harmlos mit ein bisschen Nieselregen an. Das Wasserschlösschen (einst fürstbischöflich) fotogen trotz Schmuddelwetter.

Obernzeller Wasserschlösschen

Die Fähre rüber nach Österreich fuhr ohne Passagiere. Wahrscheinlich schmeckte dem Kapitän der kleine Braune dort besser als der Espresso bei uns (warum nur taucht bei den geliebten Nachbarn so oft das Wort „braun“ auf (Braun-au, Braun-er (für Kaffee))). Will jetzt nicht weiter assoziieren).

Verregnetes Spiegelbild

Die Donau lag da, träge und braun.

Donau (auf deutscher Seite braun) (auf österreichischer blau)

Auch heute wieder etwas spät aufgebrochen. Gegen neun Uhr in der Früh. Wollte der Donau folgen bis zum deutsch-österreichischen Schlagbaum und dann Richtung Bayerischer Wald aufsteigen. Hier macht die Grenze ein Eck.

Deutsch-Österreichisches Eck

Zumindest bis Gottsdorf wollte ich heute kommen.

GPS-Gesamtstrecke bis 008

Traf ich auf meinen bisherigen Wanderungen niemanden, so war hier überhaupt niemand unterwegs. Nur ich und meine Familie (im Rucksack).

Regnet halt stark

Kurz vorm Aufstieg passierte ich ein kleines Wasserloch mit einer merkwürdigen Wasserleiche: Ein Nikolaus war abgesoffen, hatte wohl den Temperatur- und Wetterumsturz bei seiner Erdenfahrt nicht mit einkalkuliert.

Ab jetzt „Ade! Servus! Tschüss!“ Flüsse. Erst der Salzach entlang (Grenze mit Österreich), dann dem Inn (Grenze mit Österr.), schließlich der Donau (Grenze mit Öst.) gefolgt und nun hinauf in die Berge (und immer noch Grenze mit Ö). Von oben ein letzter Blick ins total verregnete Donautal mit Engelhartszell auf der österreichischen Seite.

Blick zurück und dann nach vorn

Mit jedem Meter Auftsieg wurde der Regen kälter, plötzlich waren es Flocken.
Schnee wie Puder.

Erster Schnee im Dezember 2011

Dann richtiger Schnee! (Am Nikolaustag!)

Erst der Anfang !

Und wieder geschah etwas Seltsames:

Unter meinem Schritt spürte ich ein seltsames Geräusch, etwas Matschiges, etwas Seufzerähnliches, Röchelndes und schnell Verstummendes.

Ich hatte – ohne Absicht – einen Nikolaus zertreten.
Es tat mir aufrichtig leid. Nikolaus, wie er da lag mit zertretenem Schokoladen-Gesicht. Hätte er sich früher bemerkbar gemacht: Ich hätte ihn in meine Familie aufnehmen und in meinen Rucksack stecken können. Auf einen mehr oder weniger wäre es nicht angekommen. Pech.

Jämmerlicher Anblick

Nach 18 km und 5 Stunden Laufen: Ankunft in Gottsdorf auf rund 660m Höhe.
Toller Landgasthof.

Durst: Unertl Hefeweizen! (Neben der Schneider-Weiße das beste Weißbier Bayerns.) Privatbrauerei. 2,80 Euro.

Zu meiner Überraschung hatte sich doch wieder ein Nikolaus ins Restaurant geschlichen und zu mir gesellt. Scheinen unverwüstlich oder geklont zu sein. An jeder Ecke vorhanden. Und stehen wie die Untoten immer wieder auf.

Most Braten mit Niki

Hunger: A‘ geschmackiger Mostbraten (in Mostsud geschmorter Rinderbraten 
mit gebackenen Sauerrahmknödeln und Wurzelgemüse) € 9,20.
Sehr gute Landgasthaus-Küche. Dazu ein Innstadt Helles.

Gut bedient schlafen gegangen, so gegen 23 Uhr.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück). Wirklich billig. Der Gasthof war frisch renoviert und von einem Innenarchitekten sehr ästhetisch und großzügig ausgebaut worden. Internet inklusive (das ermöglichte mir endlich wieder etwas zu posten).

Nicht schon wieder: Auch Leopold will mit bis nach Obernzell!

Erster Nieseltag. Luft dauernass. Halb neun losgegangen. Froh, dass ich mal einen Tag wandern konnte, ohne einen neuen Begleiter. Meine Familie hatte ich in einem speziellen Fach im Rucksack verpackt. Die Quälgeister hatten es kommod. Ich hatte (endlich) meine Ruhe.

Wollte nicht zu weit gehen, knapp 17 km bis Obernzell an der Donau.

GPS-Gesamtstrecke bis 007

Der Weg entlang der schönen grauen Donau eher langweilig. Direkt neben einer Bundesstraße. Aber immerhin am Ufer entlang. Ab und zu tuckerte ein Frachter vorbei.

Donau Uferstraße

Donau-Verkehr

Unterwegs: Häuser wie eine Warnung: „Wenn du weitergehst, mach dich auf härtere Zeiten als bisher gefasst!“ Private Trutzburgen, in denen Menschen mit Panzerhäuten leben mussten, die sich maximal via Satelittenschüssel am sozialen Leben beteiligen. Selbst der Wind fühlte sich hier kälter an.

Trutzburgen mit Sat-Empfang

Kann wohnen schöner sein ?

Die Sonne brach noch einmal minutenkurz durch die Wolken. Eine Wegkreuzung und plötzlich stand Leopold da mit seiner Kuh. Ich wollte ihm ausweichen, er sah aus wie deppert: Mitten im Winter mit kurzen Lederhosen, Sepplhut und Kalb(?). Ich hatte allerdings Mitleid, half ihm über die Straße und das interpretierte er als Einladung mit mir zu ziehen.

Leopold will eigentlich Anzüge mit Krawatte tragen.

Ich fragte ihn nach seinem komischen Outfit, direkt wie aus einem Souvenirladen aus der nahen Stadt Passau. Leopold erwies sich als pfiffiges Bürschchen. Damit verdiene er sich ein paar Euros. Die Amerikaner wollten das so, sie zahlten auch gut für ein Foto. Eigentlich würde er lieber in einem Anzug herumlaufen wie ein Rechtsanwalt, ein Professor oder ein Banker. Aber er brauche Geld und mit seiner Tracht ließe sich doch einiges verdienen.

Ich fragte ihn, warum er überhaupt arbeite, warum er nicht zur Schule ginge und was seine Eltern dazu sagten.

Leopold erklärte mir dann das Übliche. Vater Bauer, der über „Bauer sucht Frau“ eine Maid gefunden hatte, die sich gut bezahlt schwängern ließ, nach der Geburt Fersengeld gab und zur nächsten Show pilgerte. Der Vater jetzt Alkoholiker, Assi-Poldi, der ihn schlug. Also sei er selbst abgehauen und habe sich im „Tourismus/Souvenirhandel“ selbständig gemacht. Sein Traum sei Arzt, Apotheker, Professor – auf jeden Fall irgendwas mit Anzug zu werden.

O.k.

Wieder ein Problem am Hals. Die Familie wuchs.

Obernzell kündigte sich mit den ersten Häusern an. So verlassen wie die ganze Dorfstraße.

Glanz vergangener (Geschäfts-)Jahre

Das Dörfchen hatte mal goldene Zeiten erlebt. Hier legten bis vor 200 Jahren die Donauschiffe aus dem Süden der K. und K. Zeit an. Hier stiegen die Passagiere auf Kutschen um. Goldene Epoche. „Es iss vorbeii, ois vorbei“ (Copyright Wolfgang Ambros).

Ich fand ein wunderbares ehemaliges K. und K. Hotel. Alte Post. Einstige KutschenumstiegsStation. Jetzt von zwei älteren Damen betrieben. Liebevoll konserviert. War der einzige Gast (für Leopold musste ich nicht extra zahlen, für die Kuh (Kalb?) auch nicht).

Im Dorf gibt es etwa ein halbes Dutzend Kneipen. Bis auf eine alle zu. Es war Montag und zudem keine Saison. (Saison ist Sommer, wenn tausende Fahrradfahrer über den internationalen Fernweg nach Süden rauschen.)

Mit Bier zieht man Kinder groß!

Durst:
Helles, Innstadt Brauerei (Passau) 2,40 Euro. Allerwelts-Helles, aber billig.

Ich war früh in Obernzell angekommen (so gegen 15 Uhr) und hatte Stunden damit verbracht, eine offene Gaststätte zu finden. Entsprechend groß war der Durst. Drei weitere Halbverdurstete im Gasthof. Sprachen die ganze Zeit über drei Angler, die gestern auf einem nahen Weiher in einem Boot bei etwas Wind verunglückt und zwei davon ersoffen waren. (Können Angler eigentlich nicht schwimmen?)

Der Hungrige verschlingt alles

Hunger: Waidlertopf mit Stockpilzen (Reh-, Hirsch- und Wildschweinfleisch mit Knödeln, Preiselbeeren und Gemüse), 11,60 Euro. Fürchterliche Mehlsauce. Fleischsorten waren nicht unterscheidbar. Aber egal. Riesenhunger und sonst gab es nichts im Dorf. Bin zufrieden in mein Privathotel getapert.

Brauch bald ein Doppelbett für meine Familie

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück und Gespräch mit zwei herrlichen älteren Damen, die aus München stammten, das Hotel aber seit Jahrzehnten(?) managten).

Pause in Passau

Ruhetag.

Wunden heilen, Blog schreiben, bisschen Füße vertreten.

Drei Flüsse umfließen die Stadt. Inn (gekommen), Donau (werd ich noch gehen) und Ilz (werd ich passieren).

Twins

Am heiligen Sonntag hatten die Souvenir-Läden offen. Rund um den Dom. Bajuwaren-Kitsch für die Welt. Gemischt mit Wehrmachtsromantik. Andernorts würde man so etwas unter’m Thekentisch verkaufen. In Passau geht das ganz offen.

Da steht er in der Mitte

Sieht aus wie ein finaler Schuss

Hat sich wohl doch nicht so viel geändert seit den Tagen des „Schrecklichen Mädchens“, das als Schülerin in Passau über die braune Vergangenheit recherchieren wollte und (ich erinnere mich nicht mehr genau) aus der Stadt gemobbt wurde.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch deutsche Engelchen!

Freibier für alle

und Charivaris für Frauen

Ach ja,

Durst hatte ich dann doch:

Arcobräu Urfaß Helles  (2,60). Hansi konnte gar nicht genug davon in sich hinein schütten. Nutzte seine Flöte als Strohhalm. War ganz schön bedudelt.

Danach: Zwickl Bier auch von Arcobräu (2,80 Euro). Zwickl ist ein naturtrübes Bier. Nochmal besser als das normale Helle. Erfrischend auch der letzte Tropfen im Glas.

Arcobräu gibt es seit 1567. War gräfliche Brauerei.

Hunger: Deftiger Lammbraten in Knoblauch-Rosmarin Sauce mit  Petersilienkartoffeln (11,20 Euro). Klasse gutbürgerliches Essen.