Schleichenweg nach Vorderrieß

Ein fantastischer Tag kündete sich an.
Schon von meinem Hotelfenster konnte ich früh die Zugspitze sehen.

Kaum aus Garmisch draußen, türmte sich das Massiv komplett (mit Alpsitze, Zugspitze etc.) vor mir auf.

The heights of Germany

The heights of Germany

Mein heutiges Ziel: Vorderrieß im Isartal. Ca. 31 km zu gehen.

GPS-182-Garmisch

GPS-Gesamtstrecke bis 182

Abseits der viel befahrenen Bundesstraße schöne Dörfer.

Kamera mit automatischer Motiv-Suche

Kamera hatte auf automatische Motiv-Suche gestellt

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Hausfassaden mehr abzufotografieren. Die letzten zwei Tage waren der Overkill gewesen.
Aber Kitsch verführt doch zum Hinschauen.

Reizend oder Aufreizend?

Reizend oder Aufreizend?

Vor dem Haus stand Paule. Gestern war er auf dem Oktoberfest in München gewesen und hatte sich beim Fingerhakeln die Hand gebrochen.
Trotzdem hielt er eine Maß hoch und bot an, mich ins Isartal zu begleiten. Ich willigte ein.

Im Handumdrehen

Im Handumdrehen

Ich fragte Paule, warum hier die jungen Leute so anders seien als im Rest der Republik. Wieso sie sich mit Lederhose und Janker oder Dirndl genauso kleideten wie ihre Eltern? Warum sie klaglos die Familienbetriebe übernähmen, in den Wirtschaften kellnerten und Abends mit am Stammtisch säßen? Spielen sie nur Tradition? Oder hatten sie auch etwas davon? Wirtschaftlich vielleicht?

Paule verstand nicht recht, worauf ich hinauswollte. Ich vertagte das Thema.
Wir stärkten uns mit Weißwurst, süßem Senf, Brezel und einem Weißbier.

T182-Essen-02

Und zogen weiter.

Kein Gemecker

Kein Gemecker

Über einen kleinen Berg und schon war ich in einer anderen Gegend. Karwendel-Gebirge!

Bayerisch Idyll 1

Bayerisch Idyll 1

Diese Felsen musste ich umlaufen. Sie markierten ziemlich genau die Grenze mit Österreich.

Bayerisch Idyll 2

Bayerisch Idyll 2

Nach 4 Stunden schließlich in das Obere Isartal eingebogen.

Yosemite Bavariae

Yosemite Bavariae

Auf Hangwegen begleitete ich den Fluss, der hier – wenn nicht gerade Schneeschmelze ist – eher ein Flüsschen ist.

Auf nach München

Auf nach München

Paule brauchte immer wieder eine Pause. Er kühlte sich seine gebrochene Hand im Isarwasser.

T182-Paule-02-imp

Ich versuchte noch einmal etwas aus ihm heraus zu locken. Wollte wissen, warum Bayern so anders funktioniert? Warum es für viele junge Menschen hier selbstverständlich ist, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilzunehmen? Warum sie dem Hüttenzauber und Jodelquatsch nicht überdrüssig würden? Warum …. ?

Paule antwortete einfach nicht, trat dafür nach einer Schleiche am Wegesrand.

Schleich Di !

Schleich Di !

Der Wanderweg meist eine breite Sandstraße.

Yosemite Bavariae 2

Yosemite Bavariae 2

Selten kamen ein paar Radfahrer vorbei. Die Isar schwoll ein wenig an. Klitzeklar das Wasser.

Herbst blättert ab

Herbst blättert ab

Nach 9 Stunden, die zwar anstrengend waren, aber doch eher einem Spaziergang glichen, erreichte ich Vorderrieß. Kaum mehr als 3, 4 Häuser am Isarufer.

Der Weg ist am Ziel

Der Weg ist am Ziel

Aber einen Gatshof gab es, in den ich mich einquartierte.

Hunger: Krustenbraten mit Kartoffelsalat. Ordentlich. 9, 50 Euro.

T182-Essen-01

Paules Hand hatte sich nun gänzlich selbständig gemacht. Zapfte unablässig ein Bier.
Ich half ihm beim Trinken.

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Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Mit blasphemischer Chuzpe nach Garmisch-Partenkirchen

Wespenalarm!
Morgens um 9!
Ein in Schutznetze eingehüllter Beamter kam mir auf dem Ammeruferweg fuchtelnd entgegen und bat mich, einen großen Umweg zu machen.
Sie würden gerade das Nest aggressiver Wespen ausheben. Es sei zu gefährlich weiter zu gehen.
Ein einheimischer Radler und Grantler protestierte. Das sei doch alles Unfug. Die Ammer flösse durch ein Naturschutzgebiet. Wie könne man da Wespen töten. Der Radler radelte weiter und ich machte einen Umweg.
Ich hatte anscheinend zuviel Respekt vor der wilden Natur!

eingefasst

eingefasst

Mein Weg heute: von Unterammergau nach Garmisch-Partenkirchen. Etwa 21 km.

GPS-180-Unterammergau

GPS-Gesamtstrecke bis 180

Trotz Umweg: Oberammergau war schnell erreicht.
Durch die Passionsspiele weltberühmt, ist es in Wahrheit ein eher langweiliger Ort.
Wäre da nicht der bayerische Sinn für Theatralik und barocke Bühnenbilder.

Kaum ein Haus ohne Giebelkreuz.

Grüß Gott

Grüß Gott

Kaum eine Fassade ohne ausschweifende Bemalung.

Giebel-Kunst

Giebel-Kunst

Ich fragte mich, in welche Inszenierung ich da geraten und welche Rolle mir zugedacht war?

Triptichon

Triptichon

Die Jesus Passion als Comic-Strip, Golgotha in die Ammergauer Alpen verlegt. Buben, die vor dem Gekreuzigten Schuhplattler tanzen. Die Monte Pythons hatten bei weitem nicht so viel Phantasie und blasphemische Chuzpe wie bayerische Lüftlmaler und Holzschnitzer.

Nirgendwo feiert sich das bajuwarische Klischee dermaßen ungeniert wie auf diesem Streckenabschnitt meiner Tour.

Gar lustig sind die ...Buam

Gar lustig sind die …Buam

Die Ammer jetzt rauer, nur manchmal hob sich der Nebelschleier und ich konnte ahnen, dass ich durch Gebirge wanderte.

Bach oder Fluss?

Bach oder Fluss?

Akt II der Inszenierung begann: Kloster Ettal. Eine mächtige Benediktiner-Abtei. Kein Ort der Stille. Japaner und vor allem Chinesen bevölkerten das Areal. Klar gibt es eine berühmte Basilika. Klar ist es ein Wallfahrtsort. Aber was suchen all die Menschenmassen selbst im Nebel hier?

Es ist das Gesamtkunstwerk bayerischer Mönche! Zum Kloster gehören große Bierschenken, Klosterbrauereien, Destillerien und eine Vielzahl von Souvenirläden. Vorgeführt wird das bajuwarische Lebensgefühl und die bayerische Sicht auf die Welt.

Gran Dios

Gran Dios

Ich sah mir die Basilika an.

Zangengriff

Zangengriff

Erst jetzt, als ich beim Anblick der Kuppelfresken das Wort „grandios“ murmelte, fiel mir etwas auf.
Ich musste verdammt alt werden, um so etwas Simples und Naheliegendes zu bemerken, dass „grandios“ nichts anderes bedeutet als „Großer Gott“ („Gran Dios“). Hijo, warum lauf ich nur so verblödet in der Welt herum.

Hinter dem Kloster folgte der Wanderweg einem alten Saumpfad, dem Kienbergweg. Schon im 14. Jahrhundert eine wichtige, aber auf diesem Abschnitt gefürchtete Handelsverbindung zwischen Venedig und Augsburg. Ein gefährlicher Pfad noch heute. Breit und gut begehbar ist er nur am Anfang. Danach wird er eng, steinig, steil und rutschig.

Go down

Go down

Teil III der Inszenierung: der Kreuzweg.

Obwohl hier sicher keine Rentner, nicht einmal im Senioren-Sommer, auch keine Japaner und Chinesen den Hang hinunter rutschen: Es war eine schlichte, aber beeindruckende Via Dolorosa. Ausdruck von Volksfrömmigkeit, die nicht auf das große Publikum zielt.
Aber eine Landschaft, ein versteckter Winkel ohne eine Inflation religiöser Symbole: in Bayern kaum erlebt.

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Wieviele Kreuze verträgt eine Landschaft?

Auf halber Strecke ins Tal: ein alter Grabstein.

„Hier starb
mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 15. August 1875
Herr Franz Xaver Hauser
Steinmetzmeister aus München
geboren am 15. April 1812
Zu Binswang in Tirol.

Er wurde duch das Umstürzen
der zur Oberammergauer Kreuzigungs
Gruppe gehörigen Johanes Figur
deren Transport er leitete
getötet.“

Pech gehabt

Pech gehabt

Am Ende des Kreuzweges das Loisach-Tal.
Ich konnte die Feld-, Weg- und Fluss-Kreuze nicht mehr zählen, an denen ich heute vorbei gewandert war.

Platzhalter

Platzhalter

Nach 6 Stunden Garmisch-Partenkirchen erreicht.

Ludwigstrasse

Ludwigstrasse

Die Geschichte fing wieder von vorne an: Hausmalereien, Kreuze, Passionswege, Bajuwaren-Kitsch.

Augen Blick

Augen Blick

Ich hatte genug.
Ich setzte mich in ein Lokal und schloss die Augen. Ich wollte keine Dirndl, keinen Janker, Gambsbart, keine Lederhose oder Tracht, keine nach Luft schnappende Touristen und eigentlich überhaupt nichts mehr sehen. Ich war erschöpft.

Hunger: Ochsenbäckchen mit Kohlrabi und Semmelknödeln. 14 Euro. Naja.

T180-Essen-01

Unterkunft: 68 Euro (mit Frühstück).

Sepp geht mit nach Burghausen

Sepp: Wer so einen labbrigen Filzhut aufhat, der kann nur Sepp heißen. Also Sepp mit dem Sepplhut, der ist mir heute zugelaufen. Und ich kann nicht anders: Filzhutträger – und davon gibt es in dieser Gegend reichlich – wirken so wie Sepp: Ein bißchen verloren in der modernen Welt. Lederhose, aber ohne Laptop.

Wandern wollte Sepp eigentlich nicht, lieber beim ersten Sonnenschein ausruhen. Morgens um 9 Uhr. Da war er grade eine halbe Stunde marschiert.

Sepp beim Frühsport

Da saß er dann an der Salzach, die kaum noch Wasser führt. Überall Kiesbänke, auf denen sich Sepp sonnen wollte. Die örtlichen Zeitungen berichten von der schlimmsten Trockenheit seit Jahrzehnten. Und das im November.

Salzach ohne Wasser

Salzach

Zum Laufen ideal. 4 bis 5 Grad. Herrliche Auenlandschaft entlang der Salzach. Keine Menschen, nicht ein Wanderer, Jogger, Ommm-Esoteriker. Nur (Wild?) Enten.

Salzach

Einmal gab es kurz Krach, da krallte sich ein Raubvogel eine der Enten und flog mit der zappelnden Beute davon. Zu schnell zum Fotografieren. Die anderen Enten taten so, als sei nix passiert und badeten stoisch weiter.

Stundenlanges Laufen. Sepp wurde mürrisch, auch wenn er kaum etwas sagte außer „Jo mei“. Wieder eine Etappe so um die 25 km von Tittmoning nach Burghausen.

GPS-Gesamtstrecke bis 002

Kurzer Abstecher zu ein paar Bauernhof-Siedlungen.
Reit, so heißt ein schmucker Hof. Einige hundert Jahre alt. Der Bauer, der so aussah wie Sepp, erklärte mir, dass sie den Heiligen Andreas neu auf die Fassade haben malen lassen und nun bald die Mutter Maria drankäme. Ein sympathischer Bursche, rechtschaffen, gradheraus, ziemlich sicher ohne Bäuerin, fromm. Sein recht großer Hof geschützt von kleinen Kapellen an den Feldgrenzen.

Reit-Hof

Reit-Hof, Kapelle

„Reit“ so erklärte mir der Bauer kommt vom „Reiten“ – das bedeutet soviel wie Holzschlagen. Früher gab es hier nur Wald. Die ersten Einödbauern schlugen Lichtungen und die Höfe wurden Reit-Höfe genannt.

Der Bauer, dessen Namen ich vergessen habe (schlechte Eigenschaft von mir), hat ein neues Schild an das Hauptgebäude genagelt: Für ihn regiert immer noch der „Kini“. Händel trägt er, wenn überhaupt, höchstens vor dem Königlich Bayerischen Amtsgericht aus.

Zuständig: Das Königlich Bayerische Amtsgericht

Sepp blühte einmal kurz auf. Als er an einem Hof vorbeikam, an dem ein gewisser Girgl (wer weiß was das für Name ist ?) seinen 50. Geburtstag feierte. Das muß aber eher eine Gebetsstunde gewesen sein: Musik oder laute Gespräche drangen jedenfalls nicht nach draußen. Sepp traute sich dann aber nicht hinein, auch wenn er ziemlich durstig war.

Sepp beim Girgl

Oben auf dem Höhenweg der alten Salz-Route war endlich Burghausen mit seiner – was wohl?- zu sehen. Nach 7 1/2 Stunden Marschieren.

Endlich angekommen. Mit der Dämmerung. Kurz nach vier Uhr.

Burghausen weihnachtlich

Sepp mag die Natur eigentlich nicht so. Außer sie besteht aus Hopfen und Malz. Hier am Stammtisch blühte der Naturbursch mächtig auf. Trank sofort ein Helles. Vom besten Bier, das Bayern zu bieten hat. Augustiner Edelstoff. Frisch gezapft. Hochgenuß!! (2,70 Euro).
Und noch eins und noch eins. Bis er rülpsend auf dem Glasboden saß.

Sepp außer sich voa Freid

Sepp will gar nicht mehr raus

Hunger: Wildschweinbraten mit Kürbisgemüse und Kräuterspätzle. (11,80 Euro)
War o.k., wenn auch das Wildschwein ziemlich zahm gewesen sein muß, wahrscheinlich in irgendeinem Wohnzimmer groß gezogen und Felizitas genannt wurde. Jedenfalls, der strenge Wildgeschmack ist einfach weggekocht worden.

Wildschwein auf die ungefährliche Art

Schlag Mitternacht wollte sich Sepp hinlegen. Und unbedingt neben Resi. Sofort schnarchend und von mächtigen Dirndln träumend.

Sepp traut sich

Resi wandert von Laufen nach Tittmoning

Resi, so hat sie der Verkäufer am Münchner Hauptbahnhof genannt. Das meist verkaufte Souvenir. So wie sich die Touristenwelt eben eine Miss Germany vorstellt. Stramm, fesch, falsch-blond, offenherzig und immer mit einem halben Dutzend Maß Bier an der Brust.

Ich hab Resi mitgenommen auf meine Wanderung. An der Länderbrücke in Laufen hat sie sich erst einmal hingefletzt. Herbstnebel. Von der Brücke war kaum was zu sehen, von Österreich, das auf der anderen Seite beginnt, noch viel weniger.

Resi auf der „Länderbrücke“ in Laufen

Um ein Uhr wollte sie dann die Tour beginnen, an der Salzach entlang bis nach Tittmoning. Angeblich soll man unterwegs die Alpen sehen, sogar den Schicksalsberg: den Watzmann. Heute lag aber alles im Nebel. Also: Keine Alpensicht, aber wenigstens hatte Resi die Berge mit ins Tal gebracht.

Die erste Etappe war dann doch länger als gedacht.

Deutsch-Österreichische Grenze. Wasser, Nebel, Grau in allen Abstufungen, so gut wie keine Menschen. Nur zwei Österreicher, (einer) mit Sepplhut und Angel bis an die Knie im Wasser.

Nebel

Dunst

Wasser

Über die matschigen Felder legte sich die Nacht und unterm nebel-schummrigen Sternenhimmel, der bald von tiefer Dunkelheit geschluckt wurde, wurde Resi immer mürrischer und wortkarger. Verfluchte die Wanderung.

Ich

Um halb acht endlich Ankunft im Zentrum von Tittmoning. Nach rund 25 km.

Hunger: Haxe vom Spanferkel (super knusprige Kruste) mit Semmelknödel und (in Essig ersoffenem) gemischtem Salat:
8,50 Euro.

Resi hat Hunger

Durst: Helles (ein bißchen wässrig, schnell lasch) von der Brauerei Schönram. Wurde in Gläsern der Fötzinger Brauerei serviert. Leichter Etikettenschwindel.
2,70 Euro die Halbe.

Resi war zu müde, um nach der Vesper noch mit Leuten zu reden. Die Kneipen waren allerdings auch leer. Resi spürte sowieso sämtliche Knochen, die Zehen hatte sie schon nach ein paar Stunden wund gelaufen, die Oberschenkel ein einziger Muskelkater. Sie wollte um elf Uhr schlafen gehen.

Resi im Bett

Unterkunft:
37 Euro das Fremdenzimmer am Stadtplatz.