Back West – bis nach Neustadt in Holstein

Zuerst dachte ich, ein Herde Rehe auf dem Feld zu sehen. Dann entdeckte ich im Kameraokular den Widder (oder ist es ein Mufflon?). Also Schafe?

Wär‘ ich bloß ein wenig zoologisch geschult

War das das „Grüne Band“, der ehemalige Grenzstreifen, in dem Tiere während des Kalten Krieges überlebten, Menschen aber nicht?

Um 9 Uhr die Pension verlassen.
Mein Tagesziel: Neustadt in Holstein. Drüben im ehemaligen Westen. 35 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 080

Die ersten zwei Stunden: ungestörtes Wandern entlang der Landstraße. Kaum ein Auto. Pötenitz, das nordwestlichste Dorf der DDR, ruhte noch im weichen Morgenlicht. Kein Haus ohne ein neues Dach. Schmuck und bieder.

Fast hätte ich den den Gedenkstein übersehen. Hier verlief vor etwas mehr als 20 Jahren die Innerdeutsche Grenze. Schluss mit lustig!

Zaun, Wachturm alles abgerissen.

Dann fiel die Mauer!

So long ago

Die freien Bürger konnten, wie ich heute, einfach den Weg (oder den Strand) weiterlaufen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten.

Noch 1 km bis zum Hafen von Priwall. Von dort geht eine Fähre ins schöne Städtchen Travemünde.

back in the west

Backsteinidylle.

West meets East

Natürlich hab‘ ich sofort nachgedacht: Sehe ich einen Unterschied zwischen Ost und West?
Ich bildete mir ein: ja! ein wenig!

Aber es fiel mir schwer, den Unterschied zu benennen. Ich sah es an den Vorgärten. Dort, wo ich gerade herkam, strahlten sie eine Biederkeit aus, etwas Kleinbürgerliches, fast Spießiges. Hier, wo ich gerade lief, war es auch bürgerlich, aber es hatte einen Stich ins Großbürgerliche. Die Gärten nicht so akkurat und auf den Millimeter gepflegt, eher nonchalant mit Wildwuchs dazwischen. Hier wohnten Bürger, die es sich leisten konnten, in den Bioladen zu gehen, um ihre Grundnahrungsmittel zu kaufen.

Hier wurde seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten Geld akkumuliert und nicht erst seit 20 Jahren.

Aber es war zu heiß (fast 30 Grad), um mir noch mehr den Kopf zu zerbrechen.

Ab jetzt lief ich immer den weißen Strand entlang. Richtung Norden, Richtung Dänemark. Bald würde ich auf meiner Wanderung wieder eine Grenze haben und nicht nur Meer!

Abertausende Sonnenhungrige in den Strandkörben.

Freiheit auf einem halben Quadratmeter

Altherrensommer!

Summertime 1

Altweibersommer!

Summertime 2

Spätsommer!

summertime 3

Gigolosommer!

summertime 4

Monroesommer!

summergirl

Oder gefällt mir Marilyn so besser?

summergirl 2

Ich konnte gar nicht so viel trinken wie ich herausschwitzte. An jeder Strandbar blieb ich hängen und schüttete eine Apfelschorle (ich schwör’s!) in mich hinein.

Am Timmendorfer Strand gab Udo ein kurzes, aber lautes Konzert.

An der Silhouete sollst du ihn erkennen

Am liebsten wär‘ ich auch diese Wasserrutsche hinunter geschleudert.
Witzig der Aufstiegsturm zur Rutsche. War es ein ehemaliger DDR-Wachturm? Ich fragte Kellner in den umliegenden Kneipen, keiner konnte mir dazu etwas sagen.

Wachturm mit Gedärm

Beinahe dehydriert (trotz Unmengen von Flüssigkeit, die ich zu mir genommen hatte), erreichte ich gegen halb acht Neustadt (Holstein).

Hunger: Gebratene Silbermaränen in Oliven-Tomaten-Sugo mit Bratkartoffeln und Salat. 14,50 Euro.
Guter Speisefisch. Festes und schmackhaftes Fleisch. Portion war reichlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Vergeltungswaffen, Zwiebelsuppe und Deutsche Soldatenfriedhöfe zum Abendessen in Dassow

Brüder zur Sonne zum Bier!

Richtig geärgert habe ich mich. Über mich selbst! Den ganzen gestrigen Tag bin ich durch die Altstadt Wismars geschlendert, habe bei Trödlern und Souvenirhändlern nachgefragt, ob nicht irgendwer ein DDR-Andenken, eine Plakette, eine Honecker-Büste, eine FDJ-Devotionalie oder ein Geldschein im Angebot habe. Nichts!

Wie verschwunden das DDR-Andenken.

Und dann laufe ich beim Verlassen Wismars an einer Kneipe mit dem Namen „Volkskammer“ vorbei, die bis an die Decke mit allem Tand zugekleistert war, den der DDR-Sozialismus je hervorgebracht hat.
Niemand hatte mir einen Tipp gegeben.

Fluchtkoffer mit DDR-Währung

Ab 9 Uhr war Wandern angesagt. Ziel war, in die Nähe von Travemünde zu kommen. Gepackt habe ich es bis Dassau. 41 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 079

Mir war klar, dass es mein vorletzter Tag auf ehemaligem DDR Gebiet war. Ich wollte ein wenig über die Wiedervereinigung nachdenken, über immer noch bestehende Unterschiede, Missverständnisse, Unverständliches, Narben. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, es gelang mir aber nicht. Meine Knie, meine Beine funktionierten, mein Kopf keineswegs. Er kam nicht in Gang.

Ich marschierte größtenteils auf Fahrradwegen, die wenig befahrene Straßen begleiteten. Ich wunderte mich, dass immer wieder getunte Opels an mir vorbei rauschten.

tiefer gelegt

Als ich Wohlenhagen an der Ostsee erreichte, wusste ich warum: Jahrestreffen der Opel-Fan-Vereine!
Tausende (im Ernst: Tausende) Mantas und Opel-Popel waren wie auf einem riesigen Campingplatz wie glitzernde Blech-Perlen nebeneinander aufgereiht.

Das Chassis niemals höher als die Grasnarbe

Die Fahrer und Beifahrer teils tiefer gelegt als ihre Karren.

Gemeinsam durch Dick und DÜnn

Der Aufbau Ost floss bei diesen Jugendlichen ausschließlich in das Tuning.
Einen Manta (war das ein Manta?) mit Flügeltüren hatte ich jedenfalls noch nicht gesehen.

Opel verleiht Flügel

Radkappen, Ablagen und Steuerknüppel aus Katzengold.

Golden Trophy

Schade, dass ich Musik nicht fotografieren kann. Aus diversen Lautsprechern dröhnte prollige Tussi-Busen-Arsch-Musik. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Fans damit nicht selbst verballhornten oder ob das das tatsächliche Niveau beschrieb. Assi-Toni lässt grüßen.

Deswegen gibt es Keinohrhasen, weil Opelaner die Löffel geklaut haben.

Ich verließ jetzt die Küste und lief landeinwärts Richtung Klütz. Mein Reiseführer versprach einen Ort der Ruhe und die schönste Barockanlage Norddeutschlands.
Mag stimmen, aber als ich ankam, war das Schloss komplett eingerüstet, ein Teil des Parkes umgegraben. Pech.

Entschädigt wurde ich auf dem weiteren Weg durch schöne, fast liebliche Kulturlandschaft.

Kultur=Landschaft

Landschaft=Kultur

KUH-Ltur

Als ich die Kühe auf mein digitales Zelluloid bannen wollte und nach einem Filter wühlte, entdeckte ich IHN in meiner Hosentasche!

Alle Alte Schweden heißen „Alter Schwede“

Ich fragte den Alten Schweden, was das solle, wieso er sich in meiner Hosentasche versteckt hatte?
„Wie soll ich mich sonst aus Wismar fortbewegen. Ich habe ja schließlich keine Beine!“
Er benutzte mich also als sein Wirtstier, das ihn durch die Welt tragen sollte.

Ich packte ihn wieder ein und lief noch stundenlang weiter bis die Sonne verschwand.

Hin und wieder wollte der Alte Schwede raus aus der Tasche. Nörgelte schrecklich. Hatte einen Kommandoton, wie ihn nur ein Alter Schwede haben konnte. Ich setzt ihn daraufhin auf eine Schnecke und drohte ihm, ihn mit seinem Transporttier allein zu lassen. Vielleicht käme er so in einigen Jahren an sein Ziel.

Mein Ziel Dassau erreichte ich gegen halb acht Uhr. Ein kleiner Ort in einer winzigen Bucht, an dem der Ostseeboom bisher vollständig vorbeigegangen ist.
Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Pension. Und auch ein offenes Restaurant. Das einzige.

Hunger: Dassauer Fischsüppchen. 5,90 Euro.
Ausgesprochen feiner Geschmack.

Das Hauptgericht Steak (ich hatte zum ersten Mal wieder Fleischhunger) war nicht der Rede wert.

Als ich das Gasthaus fast schon verlassen wollte, hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung.

Ein älterer Herr, der sich trotz Gehstock sehr wackelig bewegte, fragte, ob ich er sich an meinen Tisch setzen könnte.
Er hieß Jan. Er war Belgier, 84 Jahre alt, sprach ausgezeichnet Deutsch, lebte seit zwei Jahren in einem Altersheim in Antwerpen und hatte sich vor zwei Tagen kurzentschlossen ein Auto gemietet, um nach Peenemünde in Usedom aufzubrechen. Er wollte unbedingt das Museum mit der V1 und V2 Rakete besuchen.

Das waren Waffen, die mich fast getötet hätten!

Jan war ehemaliger Architekt. „Kein Künstler“, sagte er, „ich bin praktisch. Zuerst der Zweck, dann die Schönheit!

Seine Tochter fand, er sei zu alt und gebrechlich, um so eine lange Reise allein zu unternehmen. Mehr als 900 km.

Doch Jan hatte sich durchgesetzt. Er wollte ihr und sich beweisen, dass
er das noch konnte. Außerdem wartete er noch auf die Antwort auf eine Frage, die er sich seit bald 70 Jahren stellte.

„Vergeltungswaffen“

Ich habe sie fliegen gesehen, wie ein Mini-Flugzeug sah sie aus: die Vergeltungswaffe 1. Als sie das erste Mal in Antwerpen einschlug (1943?), wusste niemand woher sie kam. Wie kann eine Bombe auf die Stadt niedergehen, über die kein deutsches Flugzeug geflogen war?
Erst langsam lernten wir, dass das eine neue Waffe der Deutschen war, ein unbemanntes Flugzeug, das gleichzeitig Bombe war. Immer und immer wieder schlug sie in Antwerpen ein.
Ich war 16 Jahre. Trotz der Gefahr, die von der V1 ausging, ich wollte sie fliegen sehen. Fasziniert habe ich ihren Lauf verfolgt.
Beinahe hätte sie mir den Tod gebracht. Ich wollte in keinen Bunker und wenige hundert Meter von meinem Platz entfernt, von dem ich den Himmel beobachtete, schlug sie wieder ein. Splitter, Steine, ein Knall. Mir war nichts passiert.

Später kam die Vergeltungswaffe 2 dazu. Eine Rakete. Mit ungleich höherer Sprengkraft. Meine Schwester ist richtig traumatisiert von ihr. Heute noch. Die V2 erzeugte immer zwei Explosionen.
Die erste, wenn der Sprengkopf mit aller Wucht einschlug und detonierte. Die zweite unmittelbar danach. Sie kam aus der Luft, aus dem Himmel. Die Treibstofftanks der Rakete explodierten über der Stadt. Dieses Geräusch war es, das meine Schwester hysterisch werden ließ.

Bis heute stelle ich mir die Frage, wie schafften es die deutschen Ingenieure damals, mit einfachen Mitteln erst die fliegende Bombe V1 und dann die Rakete V2 ins Ziel zu steuern?

Deswegen wollte Jan also ins Museum nach Peenemünde. Er wollte sich Gewissheit verschaffen, auf welch technischem Niveau die Ingenieure um Wernher von Braun 1943/44 gewesen waren.

Ich fragte ihn, ob er die Deutschen hasse?

Nein“, seine knappe Antwort, „aber das ist eine lange Geschichte“.

„Schwäbische Zwiebelsuppe“

Als die Deutschen sich in Belgien auf die Angriffe der britischen Invasionsarmee vorbereiteten, gruben sie sich in unseren Feldern ein. Kilometerlang buddelten sie Schützengräben aus.

Das Haus meiner Schwester war von den Deutschen beschlagnahmt worden und meine Schwester musste für sie kochen. Unter den Deutschen befand sich ein Schwabe, er kam aus Stuttgart. Beim Ausheben der Schützengräben hatte er immer und immer wieder reife Zwiebeln auf seiner Schippe. Er brachte es nicht fertig, sie alle wegzuwerfen.

So kam er eines Tages mit einer Tasche voller frischer Zwiebeln zu meiner Schwester und bat sie, für ihn eine Zwiebelsuppe zu kochen. Wir kennen das eigentlich nicht in Belgien. Aber er brachte es meiner Schwester bei.
Seitdem isst unsere gesamte Familie immer wieder Zwiebelsuppe.

Wenn meine Schwester vom Ursprung dieses leckeren Gerichtes erzählt, muss sie stets weinen – heute noch. Wir wissen nicht, ob sie wegen des Schwaben weint oder wegen des Zwiebelschneidens. Sie verrät es uns nicht.

Ich fragte Jan, ob er Flame sei.
Ja“ antwortete er, „aber das tut nichts zur Sache. Die Flamen standen damals auf der falschen Seite.

Jan erzählte einfach weiter.

„Deutsche Soldatenfriedhöfe“

Dort, wo ich wohne, gibt es viele Soldatenfriedhöfe. Der britische ist sehr pompös. Jedes Jahr kommen englische Veteranen, blasen Trompete, machen Zinnober.
Wir haben einen französischen und belgischen Soldatenfriedhof. Der schönste aber ist der deutsche. Ich glaube sogar, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof außerhalb Deutschlands. Ein ästhetischer Ort. Einfach, direkt, würdig, sehr gut gepflegt.

Jedes Jahr im Herbst laufe ich durch die Anlage. Ich will dann in Ruhe über den Krieg nachdenken. Krieg ist schrecklich. Immer.

Ich sah Jan lange ins Gesicht: Schöne wache Augen, eine Stirn mit erstaunlich wenig Falten, die Mundwinkel spöttisch angezogen, die Lippen schmal. Ein Mann, der viel Sympathie aussandte.

Ich fragte Jan noch einmal, warum er denn die Deutschen nicht hasse?
Er antwortete nicht.

Stattdessen verabschiedete er sich von mir, griff mit der rechten Hand seine Gehhilfe und stützte sich mit der Linken auf den Stuhllehnen, um die Balance beim Gehen nicht zu verlieren.

In den folgenden Tagen kaufte ich die Ostsee-Zeitung und las aufmerksam die lokalen Unfall-Nachrichten. Keine Meldung über einen verunglückten Belgier!
Ich atmete auf.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Plattgefahrene Pferde auf meiner Tour bis Wismar

Beeindruckend: Noch immer steht der Ostsee-Grenzturm. Eines der wenigen Zeugnisse der deutsch-deutschen Teilung, das die Wende überlebt hat.

Beeindruckend, dass gerade inmitten eines der nobelsten Badeorte der Ostsee dieser Gruselturm gelassen wurde. Von ihm aus wurde der Küstenstreifen nach potentiellen Republikflüchtigen abgescannt, Schnellboote der Grenzbrigade dirigiert.

Welch ein Horror-System!

Eintausendsechshundert Menschen starben bei Fuchtversuchen aus der DDR. Viele davon in der Ostsee.
Was für ein Regime, das seine Bürger einmauert und denjenigen umbringt, der nur das Land verlassen will.
„Grenzdurchruch!“ Welch verräterisches (perfides) Wort.

„Grenzdurchbruch“ ! Perfides Wort

Heute traute sich jedenfalls niemand aufs oder ins Wasser. Die Ostsee in Kühlungsborn ziemlich aufgewühlt.

Da hilft kein Strandkorb

Raue See

Um 9 Uhr in den Wind gegangen. Ließ mich die 39 Kilometer lang bis zur Hansestadt Wismar treiben. Fast immer in Küstennähe.

GPS-Gesamtstrecke bis 077

Unterwegs das immer gleiche Panorama.
Landeinwärts: Felder und Bauern, die ihre Äcker zackerten, begleitet von Möwenschwärmen.

Sie „picken dem Bauern die Würmer aus der Furche“

In Gehrichtung rechts: Küste. Manchmal mediterran koloriert.

Mediterran

Über irgendetwas nachzudenken, hatte ich heute keine Lust.
Um mir trotzdem die (gefühlte) Zeit zu verkürzen, köpfte ich wie ein Berserker Strandhafer und zählte die herausgebrochenen Körner.

Als mich das auch langweilte, las ich Möwenfedern auf und zerlegte sie in Kiel und Strahlen. Das war gar nicht so einfach, aber auch darin wurde ich im Lauf des Tages ebenso Experte wie im Strandhafer Köpfen.

Als dieses Spiel  irgendwann zu Ende gespielt war, hatte ich immer noch Stunden zu laufen.
Auf dem Fahrradweg sah ich eine tote Maus. Völlig plattgefahren, so platt wie ein Blatt. Ich fragte mich, kann ein Fahrradfahrer eine Maus überfahren?

Dann überlegte ich, wie wohl ein plattgefahrenes Pferd aussehen würde. So platt wie ein Baumblatt. Und welche Monstermaschine könnte das überhaupt? Eine Walze?
Ich verstieg mich immer tiefer in absurde Phantasien, die aber dem geschätzten Blogpublikum  nicht mehr erzählbar sind und erreichte selbst ziemlich platt mit dem letzten Tageslicht nach 39 langen km das Zentrum Wismars.

Hunger: Gebratener Dorsch nach Finkenwerder Art. 12,90 Euro.
Ich probierte erneut meine Lieblingszubereitung eines Dorsches. War diesmal aber nix. Fisch nicht frisch, sondern Gefrierschrankware, Speck zu fettig, Bratkartoffeln abgesoffen. Schade.

Durst: Wismarer Pilsener. (Seit 1452 gibt es das Brauhaus in Wismar mit eigenen Bieren.) Süffig, etwas leichtgewichtig. Keine besondere Note, aber nicht schlecht.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück).

Mürrisch aufgewacht und euphorisch gewandert an der Zauberwaldküste bis Kühlungsborn

Das schöne Wetter wandert mir. Sogar wenn ich schlecht gelaunt bin.

Morgendlicher Hafentrip

Um 9 Uhr in Rostock den Fuß vor die Tür gesetzt und beim zweiten Schritt war mir bereits klar, dass es eine anstrengende Tour werden würde.
Ich hätte den gestrigen Abend nicht so lumpen sollen. Die Beine waren schwer.

Im langgezogen Stadthafen lag ein Jugendherbergsschiff, das in mir sentimentale Gefühle weckte.

Sentimentale Erinnerung

In einer Koje dieses Riesenkahns hatte ich vor genau 20 Jahren einmal geschlafen. Als Reporter, der für die ARD Sendung „REPORT aus Baden-Baden“ von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Lichtenhagen und den rechtsextremen Hintergründen berichtete.

Genau an Lichtenhagen vorbei legte ich meine Tagesroute, die mich bis ins 35 km entfernte Seebad Kühlungsborn führen sollte.

GPS-Gesamtstrecke bis 076

On the road again. Dieser Ostalgie-Wagen war allerdings nur ein Ausstellungsstück. Trabis waren in den Straßen so gut wie nicht mehr zu sehen.

läuft nicht mehr

Nach 2 1/2 Stunden erreichte ich die Rostocker Vorstadt Lichtenhagen. Ein Plattenbau neben dem anderen. Seltsamerweise bewegten sich kaum Menschen vor den Türen, in den Höfen oder auf den Gehsteigen. Obwohl sie es nicht waren, wirkten die Anlagen völlig entmietet.

Ende nach oben

Noch Kilometer entfernt, doch konnte ich bereits das Sonnenblumen-Haus sehen.

Sonnenblume abgebrannt

Vor zwanzig Jahren stand ich hier, in der Nacht, und konnte kaum fassen, was um mich herumpassierte. Grölende Rechtsextreme, applaudierende biedere Bürger, Jugendliche, die Molotow-Cocktails auf das Sonnenblumenhaus warfen, in dem Asylbewerber untergebracht waren.

Neben Hoyerswerda die schlimmsten Ausschreitungen der jüngeren deutschen Geschichte.

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an diese pogromartigen Nächte des Jahres 1992. Nicht einmal eine Gedenktafel (zumindest konnte ich keine entdecken).

Jeden Abend würde ich versuchen die falsche Tür aufzuschließen

Ab Lichtenhagen drehte ich Richtung Westen, passierte das Städtchen Elmenhorst.

Reetdächer:

Würde ich meine Linse ab und zu putzen, gäbe es nicht so viele Reflexionen

An einer Fassade das Alphabet des biedermeierlichen Deutschtums:
Schäferhund, Reh (immerhin kein röhrender Hirsch) und Auerhahn.

dog ville

Ab dem Ostseebad Nienhagen säumte eine sagenhafte Küste die Ostsee. Zauberwald!

Und owbwohl der Tag ins Grau gedreht, Meer und Himmel unansehnlich gemacht hatte, hatte ich Anfälle von Euphorie.

Das muss ein Zauberland für C.D.F. gewesen sein

Welch überwältigende Küste selbst bei grauestem Wetter

Bis mir die Farbe ausging

Warum in die Bretagne fahren, wenn … ?

Nur noch 6 km fehlten mir bis zum Tagesziel. Noch aber musste ich (neben Lichtenhagen) einen zweiten geschichtsträchtigen Ort durchqueren. Das Seeheilbad Heiligendamm!

An ein paar Stellen konnte man sich noch in DDR Zeiten zurückversetzen: verfallene Villen.

DDR, Kuba, Nordkorea Charme

International berühmt wurde Heiligendamm aber, weil sich hier 2007 die G8 Gruppe mit George W. Bush zwei schöne Tage gemacht hatte. Dachten Präsidenten und Regierungschefs. 80 Tausend Demonstranten und schwere Krawalle vermiesten ihnen den Aufenthalt.

Das Gastgeber-Hotel immer noch aufgemotzt, aber wohl vor der Pleite.

Bush was here – it smellt like hell

Pitto Pitto Pittoresk

Abgekämpft erreichte ich um 7 Uhr Kühlungsborn. Das größte und mondänste Seebad an der Ostküste der Ostsee.

Hunger: Trüffel Tortellini mit Serrano Schinken. 15,90 Euro. Geschmack gut, Menge überschaubar.

Durst: Rostocker Pils. (0,5l) 3,50 Euro. Hat wieder geschmeckt.

Unterkunft: 65 Euro (diesmal völlig okay. Preis / Leistung stimmte).

Pause in Rostock zusammen mit alter Rostocker Elite

Shanty in die Jahre gekommen

Ich dachte über den gestrigen Abend nach.

Beim Abendessen (besser Nachtmahl) hatte ich zum ersten Mal seit ich im Osten unterwegs bin einen Stammtisch als Nachbarn. Fast alles Honoratioren der ehemaligen DDR. Allesamt pensioniert. Um die 70. Nicht dass sie dem von der Geschichte verschluckten Regime hinterher trauerten.
Aber sie redeten seltsame Dinge. Es ging um das Bildungssystem Deutschlands. Sie meinten, es gehöre zentralisiert. Es müsste bundeshoheitlich werden. Es könne nicht angehen, dass Mecklenburg-Vorpommern schlechter beleumundet sei als andere Bundesländer. Und überhaupt sollten sich die Parteien einiger sein. Zuviel Streit schade dem Ziel.

Ich war nahe dran, mich einzumischen, zu erklären, dass das Wesen von Demokratie „Wahl“ sei, „Streit“ um den richtigen Weg, das „Suchen“ nach Alternativen, das „Opponieren“, mithin nicht das Konforme, Einheitliche, sondern das Schwierige, Tastende.

Dann sprachen die OPAS und OMAS von ihren Enkeln. Jeder/Jede glaubte mindestens ein Genie als Nachkommen zu haben. Und sie forderten Eliteschulen für ihre Liebsten. Dass sie sich nicht gemein machen müssten mit Minderbegabten.

Als sie gegangen waren, fragte ich die Bedienung, wer diese Rostocker Bürger gewesen seien.

Ehemaliger Chefarzt, Schuldirektor, Theaterchef usw..

Alte DDR Elite.

Sie haben gut gespeist.
Wie ich auch.

Das war gestern.

Heute irrte ich ein wenig durch Rostock.

Petri Kirche:

Horizont ist nicht immer gerade!

Am Abend mal einer Restaurant Empfehlung aus dem Reiseführer gefolgt.
Sehr erfolgreich!

Vorspeise: Gebratene Leber vom Zicklein (auf verschiedenen Blattsalaten).

Hauptspeise: Krebsnase mit Klösen von Hecht und Schlei. Dazu Ratatouille und gedünsteter Spinat (hab ich das richtig geschmeckt?). Exzellent gewürzt. Aber nicht immer eine Harmonie bildend.

Preis verrate ich nicht.
Ich hab‘ es mir verdient.

Übers Meer der Toten bis Hiddensee

Ich weiß nicht, warum mir Kreuzspinnen schon so viel Alpträume verursacht haben. Als kleiner Junge glaubte ich fest, dass sie supergiftig wären. Immer bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. So auch heute. Der Weg von Glowe zum Hafen von Breege war gesäumt von Kreuzspinnen, die in den Büschen auf mich lauerten.

Orden vom Heiligen Kreuz

Obwohl ich mir angelesen habe, dass diese Viecher gerade mal Mücken, Wespen (gut!!) oder fliegendes Kleinstgetier vergiften können und für Menschen völlig ungefährlich sind, blieb mir der Respekt. Ich halte Abstand!

(Dieses christliche Kreuz konnte mich in meiner Jugend ziemlich einschüchtern. Damn God!)

Um 9 war ich in Glowe aufgebrochen. Mein Ziel: das 9 km entfernte Breege. Von dort aus wollte ich mit der Fähre zur nächsten Insel, nach Hiddensee schippern. Ein kleines Eiland. Wenn das Wetter mitspielen würde, wollte ich noch den Norden der Insel erkunden.

GPS-Gesamtstrecke bis 070

Breege erreichte ich gegen halb 12 Uhr. Die frühe Fähre war bereits weg. Alles noch geschlossen. Der Hafen so, wie fast alle Häfen hier aussehen. Mit Fördergeldern ausgebaut. Schmuck, grau, funktionstüchtig. Ein Tick zu groß für so ein kleines biederes Kaff.

Grauer Morgen mit Standardhafen

Gegen Mittag Abfahrt.

Electronic Dragon

Kleinst-Ansiedlungen driften vorbei.

Vorbeitreibende Dörfer

Die Saison herbstete bereits, will sagen: kaum Fahrgäste. Dafür aber ein interessantes älteres Ehepaar.

Bird Spotter

Die Augen des älteren Herrn sprühten Leben. Und doch sprach er vom Sterben.
Ich erhielt eine weitere Deutschstunde.

Ist die Ostsee das Meer der Toten?

Die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grezposten erschossen wurden, wurden alle von der BRD registriert. Aber wer – fragte mich der Herr – hat die vielen Toten gezählt, die hier auf See erschossen wurden oder im Meer ertrunken sind? Bürger, die das Leben in Unterdrückung nicht mehr aushielten und weg wollten. Die sich mit einem Boot oder mit Schwimmringen oder großen Pneus in der Nacht aufs Wasser wagten.
Und die von Spezialeinheiten der DDR-Marine abgefangen wurden.

Vor 25 Jahren hätten sie als potentielle Republikflüchtinge ihr Leben riskiert

Nach einer halben Stunde Fahrt zeigte mir der Herr ein Dörfchen, das steuerbord am Horizont in der Sonne aufblitze:
Dranske. Dort saß die Spezial Marine-Flotille mit ihren Super-Schnellbooten. Die fingen damals alles ab, was sich unregistriert in DDR-Gewässern bewegte.

Drankse sei immer noch ein Ort der Hundertfünfzigprozentigen. Heute noch im Osten verschrien oder auch gefürchtet – (und nun sprach der Herr leise, tuschelte fast verschwörerisch). Die dächten alle wie Margot Honecker: Keine Spur des Bedauerns.
Vor der Wende habe der Ort 4000 Einwohner gehabt, jetzt nur noch knapp tausend. Immerhin würden sie also weniger.

Noch im Frühjahr 1989, erzählte der Herr, wurde hier im Südzipfel Rügens eine Leiche angeschwemmt. Ein Republikflüchtling, der es nicht geschafft hatte. „Ertrunken“ – so die offizielle Version.
Aber wer habe sie alle gezählt – die offiziell Ertrunkenen? Die Toten der Ostsee?

Dann wechselte der Herr urplötzlich das Thema. Sprach von der Schönheit Hiddensees, davon dass der Küstenstreifen immer weiter versande und sich kleine Inselchen („Haken“) bildeten: Ein Paradies für Zugvögel. Und nun kam er ins Schwärmen, hob sein Fernglas wieder an die Augen und versank in Stille.

Ankunft in Hiddensee gegen 14 Uhr.

Ausgewachsenes Idyll

Meinen Rucksack in einem Hotel abgestellt und in den Norden des Inselchens aufgebrochen.

Light my fire

In der Nähe des Insel-Wahrzeichens, dem Leuchtturm, saß Ronny in einem Biergarten. Reichlich angeheitert.
Mit einer Rosenblüte als Kappe. Aus irgendeinem Grund machte er sich über die Inselbewohner lustig und gluckste vor sich hin. Für noch einen Schnaps würde er sein Geheimnis verraten, versprach er mir und ich nahm ihn mit.

Ronny hütet (noch) sein Geheimnis

Die Steilküste runter zum Steinstrand.

Wings never get dry

Eine halbe Völkerwanderung bewegte sich im Schneckentempo an der Wasserkante. Alle den Blick stier nach unten gerichtet.

Kieselstein Spotter ?

Manche gruben im Schotter.

Steine zu Schmuck Konverter

Ich fragte, nach was all die erwachsenen Menschen wühlten?
„Donnerkeile“, war die Antwort. Stolz zeigte mir einer seine Fundstücke.

Donnerkeile

Donnerkeile gelten ihnen mal als Heilmittel, göttliche germanische Kraft oder dienten als Amulett, das sich zu wunderschönem Schmuck verarbeiten lässt.

Wonderful powers in a wonder full world

Donnerkeile sind biologisch gesehen das Rostrum (vulgo: Rüssel) eines ausgestorbenen Urtiers, das dem heutigen Kalamar ähnelte.

Versteinerte Schnauzen also nach denen die Menschen hier gruben. Und sie machten ziemlich viel mystischen Wind.

Hiddensee: ein überschaubares Eiland und hoffnungslos von Touristen überlaufen. Die Häuser (fast) alle aufpoliert.
Nur ein, zwei Oldtimer, die der wind of (capitalism) change noch nicht (oder nur wenig) verändert hatte.

Nur noch wenig „Originales“

Wenigstens gab es noch eine gute alte Fischerkneipe mit einigen fishermens friends.

Unter sich = Zuhause

Hier bestellte ich Ronny das versprochene Gläschen Rum. Immer noch kichernd berichtete er mir von seinem „Coup“:

Der Herr der Anzeigen

Der Lokalanzeiger sei diese Woche doppelt so dick wie üblich: Vor allem die Suche-Kontakt-Seite.
Dort suche ein „Leuchtturm“ seine „Badenixe“.
Eine „Peppige Perle“ warte auf einen netten „Fischkopp“.
Eine „musikalische Muschel“ wünsche sich einen starken „Matrosen“.
Eine „charmante Schillerlocke“ wolle einen „Lotsen“ in ihren Hafen locken.
Eine „flotte Fregatte“ wünsche sich einen „Steuermann“.
Ein toller „Hecht“ suche etwas zum Anbeißen.
Ein „knackiger Kapitän“ ersehne sich eine „mutige Meerjungfrau“.
Usw..
(Was für ein einfallsloses gestanztes Seemannsvokabular.)

Die Hälfte der Anzeigen habe er, Ronny, geschrieben, und nun wisse er über die bereits erhaltenen Antworten, wer alles auf Hiddensee wen suche. Das reiche für die nächsten Wochen, um sich mit Rum über Wasser zu halten, Niemand wolle schließlich, dass er sein Wissen laut dahersage. Und er prustete mir seinen Schnapsatem ins Gesicht.

Ich kehrte mit der untergehenden Sonne zu meinem Hotel zurück, vorbei an einem schmucken, noch nicht restaurierten Schlösschen.

Verfallende Schönheit

Durst: Hiddenseer Pils. Geschmackloses von der Privatbrauerei Eibau (Lausitz) (seit 1810). Das Bier wurde schal bevor es hingestellt war. Aber wenigstens mal der Versuch einer Abwechslung.

Hunger: Ostseelachs gebraten. Unter einer Parmesan-Petersilienkruste auf Limonensauce. Dazu Petersilienkartoffeln. 17,90 Euro.
Gut zubereitet. Verschiedene Geschmacksnuancen. Parmesan nicht dominant. Fisch hatte immer noch Eigenaroma. Insgesamt nicht ganz so fein wie in meinen Lieblingsrestaurant in Zinnowitz.

Noch immer erstaunt mich, wie hochpreisig hier an der Küste alles ist.

Ronny störte das nicht. Er ließ sich ja aushalten und plapperte lustig seine intimen Dorf-Geheimnisse aus.

Ronny findet keinen Punkt zum Aufhören

Unterkunft: teuer.

Geschafft!

Kapitän Smut ist ein Hochstapler und bettelt sich durch bis Sassnitz

Ein windiger Tag kündete sich an. Die Bootsmasten der Segler im Peenemünder Hafen wippten wie alte Baumkronen und knarzten altersschwach. Das Gewitterlicht gab den Hochstapler und tauchte den ungastlich DDR-grauen Ort in etwas Farbe.

Großes Tor zur kleinen Welt

13 Euro verlangte der Bootsmann für die Überfahrt von Peenemünde zur Insel Rügen. Und ich blechte nochmal 13 Euro für Smut, der mich vor dem Steg angesprochen hatte. Er wollte seinen Sohn in Sassnitz auf Rügen besuchen. Doch ihm fehlte das nötige Kleingeld.

Smut – so nannten ihn die Matrosen auf der Fähre. Sie kannten ihn. Smut – so nennt man die Köche auf kleinen Schiffen, aber auch die Schmuddelkinder. Doch mein Smut behauptete, er sei früh-pensionierter Kapitän, dem nur die Ost-Rente nicht bis zum Monatsende reichte. Heute sei ja schließlich schon der 27. des Monats.
Noch ein Hochstapler am frühen Morgen.

Big Smut is watching you

Die Fähre legte um 9 Uhr ab und sollte gegen 11 Uhr in Göhren (Rügen) an der Seebrücke anlegen. Von dort wollte ich ins etwa 29 km entfernte Sassnitz wandern. Smut stöhnte schon jetzt. Er sei keine Landratte, fluchte er.

GPS-Gesamtstrecke bis 067

Die Fähre mühte sich durch das Flüsschen Peene zum offenen Meerausgang.

Peene penetriert offenes Meer

Aber kann man die Ostsee als Meer bezeichnen?
Das Schiff suchte fast schon verzweifelt befahrbare Fahrrinnen, so flach war die See.

Erst später dann Wellen, die Smut und mich schaukeln ließen, aber noch zu schwach, um mich an die Reeling zu treiben. Auch wenn mir ab und zu die Gischt aufs Gesicht und die Kameralinse spuckte (ich werde schnell seekrank).

Ostsee=Kaltsee

Kapitän Smut berichtete von seinen Abenteuern. Ich achtete nicht auf ihn. Trotzdem blieben mir ein paar Wörter hängen:
Schot, schalende Brise, Wind, der Wasser schuppt, Backskiste, Peilbaken, Kühlungsborn, Schiebeluke, Kadetrinne.
Was für ein Sirenengesang der Sprache. Wohlklingende, musikalische Wörter, die ich in meinem zerebralen süddeutschen Wörterbuch beim besten Willen noch nicht abgespeichert hatte.

Der Wind raute noch mehr auf. An den Stränden Rügens keine Badenden. Nur Frierende auf dem Landungssteg, mitten im Sommer und trotz Jack Wolfskins Outdoor Outfit. (Was für ein Siegeszug dieser Marke in Deutschland!)

Stürmischer Empfang

Bereits auf dem Landungssteg trompetete die DLRG aus den Lautsprechern, dass heute an diesem Küstenabschnitt Badeverbot herrsche – weil zu starker Wind – weil Lebensgefahr. (Wann hat eigentlich die Deutsche Lebensrettungs Gemeinschaft die ehemalige DDR als Bay-Watch Monopolist erobert? Und wer gibt ihr irgendein Recht, irgendetwas zu verbieten?)

Von Göhren nahm ich den Höhenweg entlang der Steilküste (so nennt sich das hier, auch wenn es kaum HUNDERT Meter hochgeht).

Sandige Steilküste

In greifbarer Ferne bereits die Seebrücke von Sellin mit ihrer Taucherglocke!

Badeverbot wg. Sturmwarnung

Das Seebad selbst eine Augenweide. Holztreppen, die die Besucher wie in einer Gala-Show gut gelaunt nach unten schweben ließen.

Prachtvoll

Strandkörbe, die niemanden erwarteten, die sich nur für einen Augenschmaus aufstellten.

Suchbild

Und die Strandgesellschaft langweilte sich ein wenig mit dem Kinderchor, der gleich in der Kurpark-Muschel auftreten durfte/musste/sollte.

In Erwartung des musikalischen Grauens

Schon nach ein paar Kilometern legte Kapitän Smut seine Pfeife weg, schnaufte demonstrativ und setzte sich zur Rast. Von dem bisschen Laufen schien er wie im Zeitraffer gealtert.

Nach zwei Stunden am Strand entlang, bog ich einmal kurz ab. Hinter Bäumen versteckt lag der kilometerlange Häuserkomplex Prora.

KDF, NVA, DDR, BRD

Von den Nationalsozialisten hingeklotzt als KdF-Ferienheim für 20 Tausend Gefolgsleute. Später von den Russen und der NVA übernommen. Mittlerweile weitgehend zerfallen, bis auf ein paar Jugendherbergs- und museale Inseln.

Neutral = Nicht Negativ

Das Plakat behauptet, die Ausstellung über die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR sei „neutral“ und nicht „negativ“.
Denn Sinn dieser Worte verstand ich nicht.
Kein Mensch, der sich mit Geschichte, Politik oder Zeitgeschehen auseinandersetzt, kein Ausstellungsmacher und kein Journalist dieser Welt, der auch nur ein Funken kritisch sein will, kann gleichzeitig „neutral“ sein. Immer hat er einen gedanklichen archimedischen Punkt, von dem aus er die Verhältnisse (Unrecht, Unwahrheit) aushebeln will.

Ich musste mich entscheiden, entweder die Ausstellung zu besuchen oder mein heutiges Ziel (Sassnitz) nicht zu erreichen. Es war schon 16 Uhr und ich hatte immer noch drei bis vier Stunden zu marschieren.

Ich ging weiter. Mit einem immer lauter stöhnenden Kapitän Smut an meiner Seite. Nur die schönen Plakatjungfrauen, die jeden Abend in die größte Diskothek Rügens einluden, konnten ihn ihm – vorübergehend – ein gewisses Hochgefühl erzeugen.

In ist = Wer drin ist

Ein Motorradrowdy vertrieb uns mit lautem Motorengeheule von der Straße.
Nichts ist unmöglich in dieser Gegend. Ein junger Schwede fuhr mit Eisernem Kreuz durch ehemaliges Nazi-Gelände. Auch ein Bekenntnis! War das normal hier?

In ist = wer mit Eisernem Kreuz durchs ehemalige KDF Gelände der Nazis fährt

Gegen halb acht endlich Sassnitz erreicht. Geduscht, Zähne geputzt und wieder angezogen in weniger als 5 Minuten. Und ab an den Hafen, auf der Suche nach einem Esslokal.

Sehnsuchtsort

Schon beim Fotografieren war mir klar: Das wird ein Bild der Sehnsucht.

Warum nur funktioniert die Blaue Stunde so gut als Sehnsuchtserzeuger? Und noch mehr die Vintage-Fotos, die auf alt und vergilbt gemachten Bilder, als seien sie von vielen Händen über Jahrzehnte speckig gegriffen worden?
Warum liegt die Sehnsucht immer im Vergangenen und nicht in der Zukunft?
Warum kann man Utopie nicht fotografieren?

Durst:
Störtebeker Pils: 3,90 Euro (0,5 l).
Stolzer Preis – aber auch klasse Bier. Endlich mal wieder ein Regionalbier! Brauerei sitzt in Stralsund (seit 1827) und versorgte früher fast exklusiv die mondänen Seebäder Rügens.
Deutlicher Hopfengeschmack, eine Spur zu bitter. Aber ein Bier mit Eigenart, das leicht unter der Masse der industriellen Gerstensäfte herauszuschmecken ist. Langer Nachhall!

Hunger:
Zanderfilet in Kartoffelkruste auf Orangen-Senf-Kohl mit Butterkartoffeln: 16,90 Euro.

Das Essen jeden Cent wert! Irres Geschmackserlebnis. Die Kruste knackig ohne den Fischgeschmack zu erschlagen. Der Orangen-Senf-Geschmack des Kohls dezent, aber spürbar. Verdammt gute Kombination.
Das Einzige, das nicht passte, waren die zusätzlichen Butterkartoffeln (mit Petersilie). Ich putze mit ihnen danach dennoch den Teller. Der blieb wie gespült zurück. Keinerlei Essensspuren!

Sogar Smut war gut drauf, bestellte sich auf meine Rechnung ein Bier nach dem andern und lutschte noch den Schaum aus dem Inneren des Glases.

Noch lange in der Nacht gesessen!

Unterkunft 50 Euro (Mit Hafenblick! und Frühstück).

Knut schlief immer noch seinen Rausch aus, die zweite Nacht in Folge

Schmierbauch Knut verweigert mir das Gespräch und schnarcht sich durch bis Peenemünde

Schon früh am Morgen war die Spätsommersonne erstaunlich kraftvoll. Die Planken der Zinnowitzer Seebrücke bereits gut aufgeheizt.

Prächtige Bäderarchitektur

Mir brannten noch die Oberschenkel von der gestrigen Wanderung. Ich konnte es heute langsam angehen lassen.

Aufbruch 9 Uhr 30, Ziel: Peenemünde am äußersten Westzipfel Usedoms. Kaum 15 km Weg, überwiegend am Strand entlang.

GPS-Gesamtstrecke bis 066

Die Badestrände nicht mehr so überfüllt. Diese Ecke der Insel nicht so überlaufen. Dennoch, allein mit mir war ich selten.

Famiienurlaub

Die Ostsee erstaunlich flach, die Badenden standen manchmal noch hundert Meter vom Ufer entfernt kaum knöcheltief im Wasser.

Flachgewässer

Knut hatte sich in seine selbstgebaute Sandburg gelegt und ließ sich den Bierbauch rot braten. Er roch nach Bier, schnarchte. Und schlief noch, als ich ihn einpackte und einfach mitnahm. Ich weiß selbst nicht warum, vielleicht hatte ich Lust zu reden. Je mehr Menschen unterwegs waren, umso schwerer fiel es mir, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

Prachtvoller Wanst

Gegen Mittag wurde mir die Hitze zuviel und ich suchte Schatten im Wald.

Flucht in den Schatten

Vorbei an einer kleiner Ferienhaussiedlung in Karlshagen im traditionellen Stil. Reetgedeckte Dächer.

Reetidyll

Reetidyll dicht an dicht

Auf dem Weg nach Peenemünde alle 100 Meter ein Warnschild: „Munitionsbelastetes Gebiet. Lebensgefahr“.

Nicht Ost-Zone, sondern Sperr-Zone

Ich fragte Knut, ob er wisse, welche Munition da herumlag und von wem die tödliche Hinterlassenschaft stammte?
Seine Antwort: schnarchen. Er schlief weiter seinen Rausch aus.

Offenbar war das Gelände von den Briten 1943 großflächig mit einem Bombenteppich ausgelegt worden (wie niedlich das klingt, muss mal bei OBI nachfragen, ob es dort auch Bombenteppiche im Angebot gibt).

Die Angriffe galten den Peenemünder Raketenforschern und Bombenbauern. Unter dem Waldboden soll es noch von Phosphorgranaten wimmeln.

Peenemünde selbst ist nur eine Ansammlung weniger schmuckloser Häuser samt einem kleineren Hafen. Dominiert von einem alten Sowjet-U-Boot, das hier wie ein gestrandeter Wal auf die Ausschlachtung wartet.

Russische Hinterlassenschaft

Die Russen sind mittlerweile weg. Die Bildzeitung hat sie 1989 vertrieben!

BRD Hinterlassenschaft

BILD als „täglicher Bedarf“? Hat es dafür die Wende gebraucht?

Am Hafen ein paar Souvenirshops und mittenmang immer wieder Broschüren über „Wernher von Braun“. Es überraschte mich doch, dass er immer noch als „Vater der modernen Raumfahrt“ gilt. Selbst hier in Peenemünde, wo die Einwohner es besser wissen müssten.

Immer noch Held und nicht Teufel

Wernher von Braun war ein Mann, der die Bombe liebte.

Er leitete hier die Heeresversuchsanstalt. Er war ein Pionier der Raketentechnik und stellte sein Können in den Dienst der Nazis. Er ließ von tausenden KZ-Arbeitern die ersten Cruise Missiles der Geschichte herstellen. Dann auch noch die V2 Rakete. London und Antwerpen wurden von den „German Wunderwaffen“ teilweise in Schutt und Asche gebombt.

In Peenemünde erinnert nicht viel an die Untaten des deutschen Jekyll und Hyde.
Am Ortseingang ein zerfallenes Gebäude, in dem Braun einst flüssigen Sauerstoff für seine Raketen fertigen ließ. Hunderte vo Zwangsarbeiter wurden bei der teilweise in unterirdische Stollen verlegten Rüstungsproduktion zu Tode gequält.

Gewünschter Zerfall

Eigentlich skandalös, dass in Peenemünde nicht großflächig eine Mahnstätte eingerichtet wird. Stattdessen ein paar „verdruckste“ Erinnerungsstücke auf dem Gelände des technischen Museums.

Die V2-Rakete ragt in den Himmel als pure Touristenattraktion.

Vorläufer der Mondrakete und Englandbomber

Solche Raketen wurden am Ende des Krieges auf England abgeschossen.

Todesengel

Laut Hinweisschild ist diese leichtbekleidete Dame Teil der Originalbemalung der Rakete.
Wurde der orangene Engel ebenfalls auf London losgeschossen?
Perfide, perfide.

Fliegende Bombe

Höllenhund nannten die Nazis diesen ersten Marshflugkörper der Geschichte. Ein weiteres „Kunststück“ aus der Hand Wernher von Brauns.

Ich hatte dringenden Gesprächsbedarf, aber Knut hatte es sich auf der Abschußrampe der V1 bequem gemacht und sonnte sich immer noch laut schnarchend.

Bombenbauch

Ihn interessierten diese „ollen Kamellen“ einfach nicht. Ich war wütend. Beinahe hätte ich die Rampe aktiviert und Knut in den Orcus befördert. Aber nicht einmal in der Hölle wäre er aufgewacht.

Als ich 13 Jahre alt war, noch im gleichen Monat der ersten Mondlandung, schrieb ich einen Autogrammwunsch an die amerikanische Weltraumbehörde NASA. Ich wollte unbedingt die Unterschrift eines gewissen Wernher von Braun. Er wurde damals verehrt als Begründer der bemannten Raumfahrt. Er hatte für die Amis die Saturn-Rakete entwickelt.

Nazi geht zur NASA

12 Monate später hatte ich das Autogramm

Erst Jahre später wurde mir klar, dass ich einen Massenmörder um ein Autogramm gebeten hatte.
Von Braun war der typische opportunistische „deutsche Wissenschaftler“, der den Bund mit dem Teufel eingegangen war und selbst zum Teufel mutierte. Erst im Dienst für die Nazis, dann im Dienst für die USA.

Peenemünde ein Ort zum Gruseln.

Hunger: Flunderfilet Finkenwerder Art. 11,50 Euro.

Ich hätte den Rat Heraklits befolgen sollen: Verspeiß nicht zweimal das gleiche Essen.
Wie grauenhaft die Panade (feucht und penetrant), triefend die Speckstippen, ersoffen die Bratkartoffeln.
Welch ein Unterschied zur gestrigen Scholle auf Finkenwerder Art. Der Koch gehört entlassen!

Unterkunft zudem total überteuert.
O Peenemünde!

Pause und Etappenschluss in Ahlbeck (Ostsee)

Die Saison beginnt Pfingsten

Welch Sonnen-Tag. Der Strand für mich. Der Wind auch.
(„Stärke 6, in Böen 7 bis 8“ (verkündete am Morgen die bluesherbe weibliche RadioStimme des Küstendienstes).)

Sand Bier Sand Bier – das ist der Rhythmus

Textilfrei traut sich noch niemand.
Nicht mal alte Stasi-FKKler.
(Und ich bilde mir ein, sie doch in ihren pepita-verdrucksten und dann wieder großkotzigen Abendgesprächen zu erkennen.)

Bekleidete-, Nackte-, Hunde – Apartheid

Der Strand akkurat unterteilt.

  • Textil:     Mondäner Gründerzeit-Hintergrund mit Strandpromenade
  • FKK:      Dünenlandschaft als Schutzwall
  • Hunde:  Richtung Polen

Polen war tatsächlich in Spuckweite: Den Strand entlang und schon öffnete sich die Bucht von Świnoujście (Swinemünde).

Nur oben an der Straße war noch so etwas wie „alte Grenze“ zu sehen.

Eine Art Andacht ergriff mich.
Als stünde ich vor einem historischen Schlachtfeld.
Ich setzte mich an den Rand und schaute und bohrte mich minutenlang in dieses Bild hinein.

Wie aus fernen Zeiten

An der Demarkationslinie zwischen den einstigen Bruderstaaten DDR und Polen gab es keine Toten (vermute ich). Aber es gab auch keine „Froindschaft“ (wie Honecker so gern haspelte).

Noch heute herrscht an der Grenze ziemliches gegenseitiges Unverständnis.
Die deutschen Udesdom-Touristen kommen in Scharen, um billig zu shoppen, billig zu essen und noch billiger zu trinken.
Kaum in ihren Bettenburgen zurück, lästern sie über den „unfertigen“ Nachbarn, dem die deutsche Gründlichkeit und Sauberkeit abgehe.

Polnische Freiheiten

Wie langweilig und spießig und überaltert Ahlbeck.

Wie frisch, lebendig und fast schon exotisch bunt dagegen die Promenade und der Polen-Markt in Świnoujście (Swinemünde).

Miss Amercia

Gutes Bier für 1, 20 Euro! Und viel Sonne.

Entspannt

Ebenfalls entspannt

Und plötzlich war sie doch da: die, die ich die letzten zwei Wochen schmerzlich vermisst hatte.
Natalia. Schöne blaue Augen.

Polnisch Blau

Ich machte ihr Vorwürfe, dass sie erst jetzt auftauchte und mich um ein Bier bat.
Wie gerne hätte ich sie auf meiner Etappe dabeigehabt und über Polen ausgefragt.

Warum auf der deutschen Seite ihre Landsleute einen so schlechten Leumund hätten?
Wie oft hatte ich auf meiner Grenzwanderung im deutschen Grenzland gehört: „Tschechen klauen Buntmetall und Polen stehlen Autos“. (Als sei das das Unterscheidungsmerkmal der beiden Völker.)

Ich fragte Natalia, was sie denn Ehrrühriges über ihre deutschen Nachbarn zu erzählen hätte.
Natalia verrollte ihre Augen und schwieg.

Ich nahm sie mit nach Ahlbeck.
Setzte mich dort in ein kleinen Fischimbiss.

Trank ein gutes Bier (Lübzer Pils). (3,20 Euro.)
(Endlich mal wieder eine Regionalbrauerei. Die mecklenburgische Brauerei wurde 1877 gegründet.)

Aß hervorragenden gebratenen Hering (fangfrisch). (9 Euro.)

Ich freute mich jetzt schon auf die nächste Etappe.
Wenn ich beginnen würde, Deutschland ganz oben zu queren.
Im Spätsommer!

Götter ist das schön! Der Dammweg nach Hohenwutzen!

30 Grad! In Tropenkleidung unterwegs! 4. Mai!

So far away so close to home

Mein Tagesziel: Hohenwutzen. 29 km entfernt. Immer auf dem Damm entlang. Gegen 9 Uhr aufgebrochen.

(Was für ein Ortsname: Hohenwutzen!
„Wutz“ bedeutet im Pfälzischen „Sau“ – auch im Märkischen? Also ein Dorf, das die „Hohe Sau“ ehrt? Bin ja schließlich gestern auch schon durch „Kuhbrücke“ gelaufen.)

Auf polnischer Seite geschützte Auenlandschaft, auf deutscher ebenfalls.

Natur als Gemälde

Zwei Nationen im ökologischen Gleichschritt. Ein gemeinsamer Nationalpark? Grenzüberschreitend? Zweinationenpark? Das wäre europäisch!

Die Tiere sind jedenfalls den Menschen schon voraus. Haben sich hüben und drüben heimisch gemacht.

Je länger der Tag, umso unfassbarer (für einen Städter!) war, was mir im Oderbruch vor die Kameraflinte kam. Auch wenn meine Optik nicht für Tierfotografie ausgelegt ist, habe ich einfach den Auslöser gedrückt. Erst mit Verzögerung begriff ich, dass ich nicht im Zoo war, sondern den Viechern in freier Wildbahn unglaublich nah kam.

Was für ein Lippenstiftrot, selbst die Fußnägel im gleichen Ton! Ist das eine Störchin ?

Störche sind einfach schöne Vögel. Sie staksen auch nicht, sie flanieren stolz. Ihr Flug ist atemberaubend.

Anmutiger als der lauernde, gleichförmige und bedrohliche Schatten werfende Flug der Greifvögel.

Ein Fischadler erschrak sich vor mir und flüchtete aus einem Baum, an dem ich kurz Rast machen wollte.
Die Kamera konnte ich gerade noch hochreißen. Schon war er weg.

Habe einigen Einheimischen später das Foto gezeigt. Sie versicherten mir, dass ich tatsächlich einen Fischadler auf Zelluloid (klingt komisch im digitalen Zeitalter) gebannt hätte. Dann wollten sie wissen, ob ich auch den Seeadler gesehen hätte, den größten Greifvogel Europas. Ich musste passen. Selbst wenn, ich hätte ihn nicht erkannt.

Isses nun ein Fischadler ?

Kiebitze schossen pfeilschnell an mir vorbei.

bulletproof

Und Schwärme von Schwänen. Schwanschwärme. Schwanschwemme. Wie jetzt?

Schwäne ohne Wagnermusik geht überhaupt nicht

Nicht nur in der Luft ging’s zu wie in einem Taubenschlag. Auch am Boden.

Hätt' ich heute Abend gern' auf der Speisekarte!

Götter, hätt‘ ich nur ’ne Flinte statt ’ner Spiegelreflex, ich hätt‘ mir um mein Abendessen keine Sorgen machen müssen.

Mit Thymian und Knoblauch ? Oder doch eher klassisch ?

Dann gab es ja auch noch den Mikrobereich. Den ich nur in einer Laufpause wahrnehme, wenn ich meine müden Füße im Gras ausstrecke.

69er Stellung ?

Ob die beiden Schmetterlinge eine Kamasutra-Stellung ausprobierten?

Welch schöner Politik freier Tag, dachte (und genoss) ich – bis ich ein paar Fischer traf.

Ich such' nach dem Wort: Prollige Lusuxusfischer? (Bin noch nicht zufrieden.)

Eigentlich sah ich die fishermen fast in jeder Flussbiegung. Egal, ob auf polnischer oder brandenburgischer Seite. Wo es ein wenig seicht und sandig wurde, saßen sie, meist in Tarnuniform. (Muss das Belegfoto unbedingt noch nachliefern!) Ich fragte einen, was die militärische Tarnung sollte, die Fische würden ja schließlich nicht zurückschießen? Er verstand den Witz nicht so richtig und meinte nur, dass sie eben nicht von „außen“ erkannt werden könnten (Polizei? FischScheinÜberPrüfer?)
Und dann legte er richtig los.

1) Dass seit der Wende alles bürokratischer geworden sei. Jetzt müssten sie fürs Angeln überall bezahlen – Lizenzen kaufen und so weiter.

2) Dass die Wessis überhaupt keine Ahnung hätten, wie paradiesisch es hier sei. Und auch schon gewesen war. „Alles eine Familie“!

3) Dass es viele gute Dinge gab in der DDR.

4) Dass die Polen – na ja (auf einmal wurde er vorsichtig) – eben so seien wie sie seien. (Welchen Reim soll ich mir darauf machen?)

5) Und überhaupt!

Jetzt hatte ich ihn doch noch einmal getroffen: Den Jammerossi! Ich hatte ihn schon lange vermisst.

Es war nicht mehr weit zu meinem Zielort.
Das Laufen tat mir mittlerweile weh. Bei irgendeinem fotoshooting mit vorbeifliegendem Vogel hatte ich mir das Knie verdreht.

Ich schaffte es aber noch bis Hohenwutzen.
(Muss unbedingt mal googlen, woher dieser Name kommt!)

Gegen 17 Uhr bekam ich mein erstes Berliner Kindl für 3,50 Euro. (Es gibt einfach keine regionalen Brauereien in diesem Landstrich, wie schade.)

Hunger: Heringsplatte mit Bratkartoffeln. (Rollmops, Brathering, Rotweinheringsfilet). 13,90 Euro.
Preis reichlich übertrieben. Aber die Heringe waren gut. Die Bratkartoffeln allerdings zu fettig (fast triefend).

Unterkunft: 50 Euro (mit Frühstück).

(Jungs (und Mädels) – der Osten ist teuer!)