Der Horizontdurchbruch bei Neuenburg am Rhein

Trüb der Morgenhimmel über Breisach.

Himmelspforte

Himmelspforte

Nass das Städtchen zu Füßen des Münsters.

Aufgetürmt

Aufgetürmt

Eifrig kauften die Bewohner den kleinen Markt leer. Um schnell in ihre warmen Stuben zurückzukehren. Der Herbst drohte mächtig.

Zupackende Hände

Zupackende Hände

Ich hatte lange geschlafen, brach erst um 10 Uhr auf. Ins 29 km entfernte Neuenburg am Rhein.

GPS-164-Breisach

GPS-Gesamtstrecke bis 164

Bevor ich losging, stärkte ich mich in einem Café mit einer Schwarzwälder Kirschtorte. Serviert von einem bezaubernden Schwarzwaldmädel. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Sie stellte sich mit „Fräulein Himmelsbach“ vor.
„Schöner Name“, log ich.
„Himmelsbach heißen fast alle im Schwarzwald“, entgegnete sie spitz.

T164-Mädel-04-imp

Heute im Café, gestern im Restaurant: Überall tragen die Bedienungen wieder Tracht.
Die Bayern vermarkten sich seit jeher genial – mit Dirndl und Lederhosen. Die Schwarzwälder sind dabei, im Vermarktungswettbewerb mächtig aufzuholen: Bollenhut, Trachtenschürze, Schwarzwälder Kirsch und Kuckucksuhr.

Ich zog los und hatte Glück. Die Wolkendecke riss immer wieder mal auf. Ließ einen silbrigen Schimmer Licht durch.

Kraftvoll

Kraftvoll

Ich nahm mir Zeit nichts zu tun. Dem Rhein nachzuschauen.

Nah fokussieren

Nah fokussieren

Wildwuchs am Ufer.

Uferbewuchs

Uferbewuchs

Meist war das Ufer so dicht bewachsen, dass der Fluss hinter Bäumen, Gebüsch und Gestrüpp gänzlich verschwand.

Wege mit Grünstich

Wege mit Grünstich

Der Dammweg krümmte sich nur manchmal, führte meist geradeaus, Kilometer für Kilometer, durchbrach irgendwann den Horizont und ließ mich nach 8 Stunden Wanderung in Neuenburg ankommen. Ich hatte mich müde und in eine dämmrige Stimmung gelaufen.

Durst: Lasser Pils. Hopfiger Geschmack. 3,30 Euro (0,4l). Gut. Privatbrauerei aus Lörrach. Seit 1850.

T164-Bier-01

Hunger:
Flädlesuppe. 3,50 Euro. So lala.

T164-Essen-01

Forelle in Butter gebraten, mit Mandeln. Fett – sowohl Fisch als auch die Butter. Zu fett. Schade. 19,50 Euro. Überteuert.

T164-Essen-02

Ich verließ das Traditions-Gasthaus und sucht mir am Abend in Neuenburg eine nette Kneipe.
Und traf Fräulein Himmelsbach wieder. Morgens jobte sie einem Café in Breisach. Abends kellnerte sie ihrem Heimatstädtchen Neuenburg.

T164-Mädel-02-imp

Sie empfahl mir einige lokale Weine. Aus dem Markgräflerland. Es wurde ein langer und redseliger Abend.

Unterkunft: 56 Euro (mit Frühstück).

053

Eine Kirche wieder aufgebaut, die andere als Denkmalruine: Gubin.

sky scrapers

Gubin liegt auf der östlichen Neiße-Seite, also auf polnischem Boden, und war früher das Zentrum von Guben, das auf der westlichen Neiße Seite, also auf deutschem Boden, liegt.
Alles klar?
Eben. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber nicht mehr des EINUNDZWANZIGSTEN!

Die Grenze ist offen. Und ehemaliges Zentrum und ehemalige Peripherie wachsen sich wieder aneinander an.
Die amtliche deutsch-polnische Grenze ist nur noch mit Adleraugen wahrzunehmen.

Wer sieht die Grenze ?

Ich ging gut gelaunt um 10 Uhr aus Gubin wieder heraus, wechselte auf die deutsche Seite und lief Richtung Einsenhüttenstadt, das, 29 km entfernt, auf mich wartete.

GPS-Gesamtstrecke bis 053

Die Neiße wie immer: ruhig, fast romantisch schön.
Inzwischen allerdings mit weniger Auenlandschaft, dafür mit mehr und mehr Feldern.
In ihnen standen im Abstand von ein paar Hundert Metern mobile Hochsitze.

Rollbarer Hochsitz für Jäger-Nomaden ?

Was für eine Art Jagd ist das? Wenn man den Hirsch schon nicht herrollen kann, dann wenigstens den Weidmann?

Hochsitz-Rollstühle für gealterte Jäger ?

Beim vierten oder fünften dieser seltsamen Rollstuhl-Hochsitze überholte mich ein Radfahrer. Ein 75jähriger Herr, aufgewachsen in Norddeutschland, ehemaliger Ingenieur, seit 15 Jahren in der Lausitz Zuhause, verheiratet mit einer jüngeren polnischen Frau. Sonntags wird er zum bird spotter, radelt immer ins Feld um Rote Milane zu beobachten. Jetzt hatte er statt Vögel mich gespottet.

Er verlangsamte seine Fahrt, blieb parallel zu mir (ich auf dem Damm, er unten auf dem Fahrradweg) und quasselte drauf los.
Es gäbe gute und schlechte Polen.
Spätestens da wusste ich, was folgen würde.
Zweimal schon wurden seine Autos geklaut, dem Nachbarn hatte man den 60.000 Euro teuren Traktor entwendet. Er wusste also nur Schlechtes über die Polen zu sagen.

Ich unterbrach ihn und fragte, ob er denn nicht mit seiner Frau ab und zu nach Polen reisen würde?
Doch entgegnete er, er habe sogar Land in Polen. Aber dort würde er sehr oft von Nachbarn beschimpft, er solle die „heilige polnische Erde“ sofort verlassen.

Es war ein seltsamer Alter, denn gleichzeitig mit seinen Anti-Polen-Tiraden (warum hatte er eine polnische Frau?), legte er gegen die Neonazis los. Von denen gäbe es eine Menge. Sie hätten in seinem Dorf einen Ausländer totgeschlagen.
Es stellte sich heraus, dass er jüdische Vorfahren hatte und allergisch gegen alles Rechte war.

Ich wurde nicht schlau aus ihm. Aber eines begriff ich. In dieser Region hatte ich es fast ausschließlich mit alten Menschen zu tun, die immer noch von Krieg und Vertreibung traumatisiert waren. Versöhnung, Aussöhnung, Vergeben und Sühne, Einsicht und Weitsicht: All das konnte ich nicht von ihnen erwarten.
Die junge Generation gab es hier nicht mehr. Sie ist (sie muss) definitiv anders (sein). Die Grenzöffnung wird erst in der nächsten Generation anfangen zu heilen.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg allein fort.

Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von der Neiße, der ich so lange gefolgt war. Fast wurde ich ein wenig sentimental.
So unspektakulär (dennoch lieblich) sie sich durch die Landschaft mäandriert hatte, so klaglos ging sie im Oderwasser auf.
(Ich hab sie aber so fotografiert, als sei sie der größere Fluss!!!)

Time to say goodbye

Der Wind frischte auf und blies bisweilen heftig, sodass ich eine gute Strecke am Deichfuß entlang wanderte.

Einer kann stundenlang am Damm gehen und sieht das Wasser nie.

Immer, wenn es der Wind zuließ, wechselte ich wieder nach oben auf den Deichkamm.

Immer auf'm Damm !

Die Oder war ein herrlicher Fluss. Breit, gemächlich und ohne Aufregung strömte sie mit Grandezza Richtung Ostsee.

Majestätischer kann der Mississippi auch nicht sein

Es war Erster April und das Wetter schlug heftige Kapriolen. Sturm, Flaute, Regenguss, Sonne, Hagel, Schneeflocken und dann wieder Frühlingsgefühle wechselten sich wild ab. Das kostete Kraft. Endlich, nach 8 Stunden erreichte ich mein Ziel. Das, was von der Altstadt Eisenhüttenstadts übrig geblieben war, lag pittoresk am Fluss. (Besser gesagt: am Oder-Spree-Kanal.)

Stadt am Wasser

Durst: Wieder Becks-Bier. (Wie schon erwähnt: Hier gibt es keine eigenen Brauereien.)

Hunger:
Altfürstenberger Bierstubenpfanne (Rumpsteak, Putensteak, Schweinesteak – mit Bratkatoffeln, Gemüse und Soße). 16,30 Euro.
Das Beste, was sich sagen lässt: Es sättigte.

Unterkunft völlig überteuert: 68 Euro (mit Frühstück). Es war die einzig offene Pension.