Heul wie ’ne Wuzz und du kommst nach Ludwigswinkel

Herrliche Wege durch die Pfalz.

Pälzer Sunn

Pälzer Sunn

Ich wollte den Sonnentag auskosten, lief bereits Viertel vor 9 los. Ungefähres Ziel: Ludwigswinkel. 35 km entfernt.

GPS-152-Hornbach

GPS-Gesamtstrecke bis 152

Gestern Abend hatte ich mir noch schnell meine Wäsche gewaschen und mich rasiert. Ich hatte das Gefühl, „ordentlich“ durch meine Heimat laufen zu müssen.

Kleine Dörfer mit imposanten Häusern.

massiv

massiv

Mit alten steinernen Wegkreuzen.

was war nochmal 1763?

was war nochmal 1739?

Mit witzigen Hausnummern.

Hausnummer

Hausnummer

Endlose Höhenstrassen. Von denen einige leider auch gerade „verspargelt“ werden.

Don't let it be

Don’t let it be

Kurz vor dem Horizont hielt ein Nahverkehrsbus neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich ein Stückchen mitfahren möchte. („Willsch a Sticksche mit?“) Ich verneinte und bedankte mich.
Der Chauffeur tuckerte mit seinem leeren Bus noch eine Weile neben mir her und wir unterhielten uns angeregt, fast berauscht, über die Schönheiten der Pfalz. Dann brauste er los.

Ich hatte die Aussicht für mich allein.

Blick nach links

Blick nach links

Gleich in welche Richtung ich schaute, ob nach Frankreich oder ins Pfälzer Hinterland: eine überwältigende Landschaft.

Nie hatte ich das Gefühl eine Grenze entlang zu laufen.

Blick nach rechts

Blick nach rechts

Auch ein Postbote hielt mit seinem gelben VW und wollte mich mitnehmen. Erneut lehnte ich ab.
In der Pfalz wirst du schneller angesprochen als du „Guten Tag“ sagen kannst.
Die Menschen sind neugierig.

Es ging auf und ab. Es wurde anstrengend.

Bergdorf

Bergdorf

Diesem Dorf sieht man nicht an, dass ich – aus dem Wald kommend – erst einmal 150 Höhenmeter runter und dann das Gleiche sofort wieder hochsteigen musste.

Von nun an ging das stetig so. Nach einigen Stunden lag das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas vor mir: der Pfälzer Wald.
Von oben wirkte er fast unheimlich und unbewohnt. Würde ich dort wieder herausfinden?

Soll ich da rein ?

Soll ich da rein ?

Mal waren die Forstwege gut ausgebaut, mal schmal und mit vielen Stolperfallen.

Noch der einfachere Weg

Noch der einfachere Weg

Bevor ich in den Wald hinabstieg, hatte ich mich in einer Wirtschaft erkundigt, ob es Abkürzungen zu meinem Ziel gebe. Ein Gast meinte ja, aber dass sie einigermaßen schwer zu finden seien und ich mich leicht verirren könne. Ein zweiter sagte, das würde nichts machen. Ich solle mich an einer Straße in die Kurve stellen und „heulen wie ne Wuzz“ (weinen wie die Sau). Dann würde sich schon jemand erbarmen und mich im Auto mit nach Ludwigswinkel nehmen.
Auch eine Möglichkeit.

Ich liebe meine Pfälzer und deren Gosch!

Bunt-Sand-Stein

Bunt-Sand-Stein

Ich fand die Abkürzung. Und erreichte nach 9 Stunden mühsamen Wanderns die ersten Teiche im Seengebiet Ludwigswinkel.

Grünteich

Grünteich

Durst: Park-Bier (Pils). Pirmasenser Brauerei. Schmeckte gut, hopfig. 2,70 Euro (0,5 l).

T152-Bier-01

Hunger: Markklößchensuppe. (3,80 Euro). Gut.

T152-Essen-01

Pfälzer Saumagen mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. (9,60 Euro). Deftige Hausmannskost.

T152-Essen-02

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

T145-Essen-02

Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).

Mit William Christ beschwingt nach Ter Apel

„Ruiten A Kanaal Ost II“ sollte mir den Weg weisen.
Das hatte ich am Abend zuvor über Google Maps ausgeschnapst.

Kanal voll

Kanal voll

Ich konnte nicht erkennen, ob irgendetwas den Kanaal Ost II bewegte, außer der Wind, der die Wasseroberfläche aufraute. Das Kanalwasser stand ansonsten still, floss mir weder davon noch entgegen. Brackwasser.

Um halb zehn hatte ich das Hotel verlassen und folgte dem Gewässer. Fast die gesamten 24 km bis zum Dorf Ter Apel.

GPS-116-Bourtange

GPS-Gesamtstrecke bis 115

Am Kanalrand ein kilometerlanger Schattenspender: Ein Trampelpfad gesäumt von Baumpalisaden.

Schattenhüpfen

Schattenhüpfen

Es war wie immer: Am Beginn einer neuen Etappe fehlt mir noch der Rhythmus. Die Gedanken schwirrten, pulsten und surrten in meinem Kopf. Der entleerte sich einfach nicht. Da half auch die Monotonie der niederländischen Landschaft nicht.

Aus dem Bild gerutscht

Aus dem Bild gerutscht

Ausgedehnte Felder mit Kanal. Kanal mit ausgedehnten Feldern. Und stets ein Gehöft in Blickweite.
Ich fragte mich, ob es einen Punkt in den Niederlanden gab, von dem aus man kein Haus sehen und keine Straße hören konnte? Eindeutig übervölkert das Land.

Ich konzentrierte mich auf die Details. Ganz selten eine Blume am Wegrand (alles weggespritzt).
Ganz im Gegensatz zu den Vorgärten. Blütenreiche.

In einem Bündel Osterglocken entdeckte ich einen kleinen Jungen.
Seinen Namen wollte ich wissen?
„William Christ!“

Williams Christ Rosen (auch Osterglocken genannt)

Williams Christ Rosen (auch Osterglocken genannt)

Warum er denn in mittelalterlichen Klamotten herumliefe?
Du hast mich doch gestern in Bourtange gesehen. Ich gehöre zur Historien-Schauspielertruppe.
Was er dann hier wolle?
Ich habe auf dich gewartet. Ich kann für dich übersetzen„.

Ich hatte mir vom Hotel eine Tageszeitung mitgenommen, in der Hoffnung, dass das Niederländisch irgendwie zu entziffern wäre. Ich hatte falsch gelegen. Kaum ein gedrucktes Wort verstand ich.
Ich nahm den Kleinen dankbar mit.

Unterwegs das immer gleiche Bild: Kanal mit Feldern. Felder mit Kanal.
Nur ab und zu ein Blickfang: Angler.

Schirmbewehrt

Schirmbewehrt

Mit Schirm und Schürze

Mit Schirm und Schürze

FrischFischFürDenAbend

FrischFischFürDenAbend

Gegen 15 Uhr 30 erreichte ich Ter Apel. Eigentlich ein Dorf. Aber mit ein paar schönen (und alten) Villen.

Nicht Unnützes drumrum

Nicht Unnützes drumrum

Viel drumrum

Viel drumrum

Einen Dorfkern gibt es nicht. Die Hauptstraße mit gesichtslosen Geschäftsfassaden zieht sich (einem Straßendorf ähnelnd) entlang des Kanalufers.

Liebloses Arrangement

Liebloses Arrangement

Ich setzte mich erst einmal auf eine Uferbank und las mit Hilfe meines kleinen Freundes die Tageszeitung. Der Hauptartikel ging um die Krönungsvorbereitungen Prinz Willem Alexanders und um allerlei Krönungs-Tand für die Souvenirläden. Beliebtestes Motiv: Der trinkfreudige Königsanwärter (von seinen Landsleuten Prinz Pils genannt) zusammen mit seiner glückstrunkenen (aber nie torkelnden) Prinzgemahlin um die Wette strahlend.

William Christ  übersetzt  Prinz Pils

William Christ übersetzt Prinz Pils

Immerhin gab es in Ter Apel ein nettes schön eingerichtetes Hotel.

Durst: Hertog Jan Pils. Süffig, aber ohne Nachhall. (Relativ junge niederländische Brauerei.)

T116-Essen-01

Hunger:
Safransuppe mit geräuchertem Fisch (gut) und Kalbslende mit Pilzsauce und Bratkartoffeln (ohne Pfiff).

T116-Essen-02a

William Christ wollte lediglich ein wenig Olivenöl, um sein Brot zu tunken.

T116-William-Christ-04

Unterkunft: 57 Euro.

Leuchtfeuerträger, Mandrenken und in Bremerhaven Arbeit suchende Harz IV Jungs

„Seezeichen“ – grandioses Wort.

130 Jahre schon bohrt sich dieser „Leuchtfeuerträger“ in den Wattboden. Jahrzehntelang ließ er höchstens „Leuchtfeuerwärter“ an sich heran, aber niemals Touristen.

Gespenstersteg

Jetzt gibt es Navis und ausgewiesene Fahrrinnen. Ausgedient hat das „Leuchtturmbauwerk“!
„Eversand-Oberfeuer“ ist sein Name. Bezirzend.

Gruselturm

Eigentlich wollte ich um 9 Uhr losmarschieren. Der Leuchtturm in Dorum Neufeld hielt mich zurück.
Um halb zehn brach ich dann endlich auf. Ziel: Bremerhaven. Etwa 27 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 101

Auf dem Deich ein Denkmal für die vielen Deichgrafen und Deichretter der Nordsee.

Heldendenkmal

Als Südlandbewohner sind die verheerenden Sturmfluten der letzten Jahrhunderte nicht in meinem kollektiven (hab ich das?) Bewusstsein vorhanden.

Die Inschrift der Gedenktafel:
„Zum Gedenken an all die Menschen, die Deiche erbauten, für ihre Sicherheit im Einsatz waren oder bei schweren Orkanfluten ihr Leben ließen.
1362 Große Mandrenke
1570 Allerheiligenflut. Mehr als 100.000 Tote
1717 Weihnachtsflut (3 Tage Voller Orkan). 15.000 Tote
1825 Johannisflut. 789 Tote
1962 Schwerste Flut seit 1.825. 512 Tote
1976 Schwere Sturmfluten“

Wie friedliebend dagegen heute das Wattenmeer. Die Nordsee hatte sich wohl nach England zurückgezogen. (Stürmte es jetzt dort?)
Der Meergrund harmlos. Nie würde er Menschen verschlingen können.

Harmloses Ungeheuer

Meist lief ich an der See zugeneigten Unterkante des Deiches. Streckenweise war der Deichfuß betoniert. Die Maurer hatten (abstrakten) Kunstsinn besessen.

War Hundertwasser hier ?

Oben auf dem Deichkamm ab und zu regennasse Bänke, jeweils garniert mit industriegrauen Papierkörben.
Ich bemerkte Eike. Er suchte offenbar etwas Verwert- oder Essbares. Ich sprach ihn an.

Eike sammelt Mül

Es war Eike peinlich, so erwischt zu werden.
Der Junge (wieso hatte er ein so feminines Gesicht?) war von zu Hause ausgebüchst. Harz IV Eltern, Schläge, Fernseher kaputt (oder aus dem Fenster geworfen), keine Klamotten, nur immer dieses Matrosenzeug; kurzum: Eike wollte in Bremerhaven anheuern. Egal auf welchem Schiff, egal in welchem Betrieb.

Ich nahm ihn mit.

Ich hatte Hunger. Unterwegs gab es aber nichts. Nur kleine Dörfer ohne Krämerladen, Dorfkneipe oder Menschen (ich sah jedenfalls keine).

Höchstens Kirchen. Zumindest die Aussegnungskapellen waren gebaut, jeder Sturmflut zu widerstehen. Selbst im schnellen Vorbeiwandern spürte ich hier Ewigkeit.

Trutzburg Kirche

Auf halbem Weg nach Bremerhaven ein kleiner Kutterhafen: Wremen.

Schönwetter Kutter

Leere Boote schwammen kopfüber im klitschigen Schlick.

Abgesoffen

Abgesoffen 2

Abgesoffen 3

Gegen vier Uhr erreichten wir (Eike und ich) die Grenze des Bundeslandes Bremen.
Der Containerhafen im Nebelkleid.

Nebelriesen

Den ganzen Tag hatte ich nichts zu hören bekommen. Nicht einmal Meeresrauschen. Kein Windgejaule. Kein Straßen- oder Autolärm.
Jetzt brummten, krachten, knallten und echoten technische Ungeheuer mit riesigen Greifarmen, die Godzilla gleich überdimensionierte Container von links nach rechts wuppten.

Nebelriesen 2

Noch 10 km bis ins Zentrum Bremerhavens. Entlang einer nicht enden wollenden Containerlandschaft mit trostlosen Straßen.

Industriegebiet.

Kalter Weg

Eike lachte zum ersten Mal. Hier würde er Arbeit finden, schwadronierte er.
Ich wollte ihm nicht sagen, dass in Bremerhaven gefühlt 40% der Menschen arbeitslos sind.

Eke klettert

Auch wenn es in den Werften und Entladestellen hämmerte, quietschte, flexte, dumpf hallte und es nach frischen Schweißnähten roch.

Nachtarbeit

Um 18 Uhr ein Hotel gefunden.

Durst: Ducksteiner Bier. 3,80 Euro (0,5l). Bleibender Geschmack. Leicht rauchig. Sehr angenehm. (Gibt es schon seit dem Mittelalter. Marke gehört heute der Holsten-Brauerei.)

Hunger: Grünkohl mit Mettenden und Bratkartoffeln. Bodenständig, deftig und gut. 6,90 Euro.

Für Eike, der zwei Portionen Grünkohl bestellte, orderte ich noch einen Calvados.

Unterkunft: 48 Euro (mit Frühstück). Zimmer äußerst einfach, aber sauber.

Mit dem Vogelzug nach Bongsiel

Paradiesisches Geschnatter

Winterquartier suche ich nicht, folge aber trotzdem den Vögeln nach Süden. Ein paar Kilometer. Ab jetzt – vom nördlichsten Eck Deutschlands aus.

Die 5. Etappe meiner Heimat-Umwanderung wird kurz sein: eine gute Woche, nicht mehr.

In Klanxbüll – Sylt beinahe in Sichtweite (gäbe es da nicht Deiche!) – verließ ich morgens um Viertel nach 9 den Bahnhof und schnürte meine Schuhe fest.
32 km lagen vor mir bis Bongsiel.

GPS-Gesamtstrecke bis 091

Sonnigkalter Herbsttag.

Ich folge dem Deich, mal steuerbord dem Meer zugewandt, mal backbord dem platten Land.

Keinen Schimmelreiter aufm Deich getroffen

Eigenartig stumm ist das Wattenmeer: kaum Wellen, die plätschern, keine Gischt, die donnert, kein Kies, der beim Zurückrollen knirscht.

Aber Vögel schnattern, spotten, kreischen unentwegt.

Himmelsenten

Die Urlaubszeit ist vorbei. Kaum eine Menschenseele unterwegs. Stundenlang kann ich ungestört sinnieren.
Deicheinsamkeit hält mich in ihrem Bann.

(„Deicheinsamkeit“ hat es noch nicht in den Duden geschafft. „Waldeinsamkeit“ dagegen seit gefühlten Jahrhunderten.
Welch urdeutsches Wort! „Wald“: ein Sehnsuchtsort für jeden feinfühligen Deutschen. Wald: fernab jeglicher Zivilisation – mit wölfischem Schrecken.

Aber ist das hier nicht ebenso ein Ort des romantischen Grauens? Das nordfriesische Meer, das dich jederzeit in einer GROTEN MANDRENKE verschlingen kann, um dich wenig später wieder auszuspucken?
Außerdem: Deutlich weniger Menschen sind heute auf dem Deich unterwegs als auf einem x-beliebigen Forstweg voller Waldvereins-Wanderer.)

Okay – das war jetzt umständlich. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass mich die Wanderlust gepackt hatte und ich das Alleinsein genoss.

Dicht überm Horizont unwirklich schwarze Tupfer.

Überm Horizont

Halligen! Kleine verwüstbare Inselchen! Naturwunder!

Hallig

Nach einigen Stunden baute sich Dagebüll vor mir auf. Kaum mehr als ein erstaunlich großer Fährhafen zu den Wattenmeerinseln.

Dicke Schiffe für dünne Inselchen

Ab Dagebüll führt ein Schmalspurgleis zur Hallig Oland. Seit wenigen Jahren rattern wieder altertümliche Geräte den Lorendamm entlang zur Insel. Sie bringen Post, Lebensmittel und hin und wieder Touristen. Manchmal wollen die Insulaner wohl auch nur unter Leuten (Menschen?) sein.

Lore tuckert

Lore schnauft, rattert, rumpelt, lärmt!

Lore nimmt zwei Burschen mit

Wo haben die nur diese alten Schrottkisten her?

Lore ist ein Mann

Brauchen die Insulaner dafür einen Führerschein?

Grandiose Welt! (Wir schreiben das 21. Cyber-Jahrhundert!)

Zu Schiff, Zu Zug, Zu Flug auf die Nordseeinseln

Ich lief weiter und weiter. Sonne, Regen, Sturm, Windstille wechselten im Minutentakt.
Ich versteckte meine Kamera in einem Regencape und verpasste es, einen unbeschreiblichen 5-Sekunden-Regenbogen zu knipsen.

Satte Gewitterwiesen!

Waschechte Farben

Ich lief und lief und verlief mich prompt.
Musste den Weg weg vom Deich nach Bongsiel suchen. Es dämmerte bereits.
Die Nacht brach schneller herein als gedacht.
Seaside hatte sich das Meer bereits zur Nachtruhe verzogen und Wattenmatsch zurückgelassen.

Gottseidank leuchtete mir der Mond den Trampelpfad durchs Marschland aus. Keine Laterne, kein Straßenschild, nichts zeigte mir den Weg durchs Hinterland. Eine Taschenlampe hatte ich nicht im Gepäck.
Kurz nach sieben dann den Gasthof erreicht.

Erst mal ein Bier (Flensburger Pils), dann den Schlüssel fürs Zimmer, Rucksack abgestellt und sofort zurück ins Restaurant. Hunger!

Aalsuppe mit Sahnehaube und Dill. Ausgesprochen fein! 4,90 Euro.

Danach: Rumpsteak vom nordfriesischen Rind mit Meerrettich und Bratkartoffeln. 17,80 Euro.
Das Geld wert! Selten so ein zartes Steak gegessen. Die Wirtin erklärte mir, dass sie das tote Rind sehr lange abhängen.

Klasse Lokal am Bongsieler Kanal.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Pause in Flensburg

Namenlose Möwe

Trotz Sündenregister und Punktedatei: Flensburg ist ein schönes Städtchen. Es könnte allerdings noch interessanter sein. Überall ist große Vergangenheit zu riechen. Herrliche Fassaden, Privathäuser aus dem 14. (!!) Jahrhundert, bezaubernde Innenhöfe.

Und doch hat der Kommerz gesiegt. die historische Altstadt eine einzige Einkaufsmeile. Fast überall habe ich das Gefühl in einer großen Open-Air-Mall zu sitzen. Respekt vor Geschichte sieht anders aus.

Einzige Ausnahme: das Hafengebiet. Hier gibt es noch Inseln der Urwüchsigkeit.

Hunger:
Grillhaxe mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. 14,90 Euro.
Ich wurde satt. Gut war die Haxe aber nicht. Viel zu trocken. (Bayern können das besser.)

Durst:
Hansen Bier. (0,4 l) 3,70 Euro. Naturtrüb, würzig. Überraschend schmackhaft. Brauhaus wurde erst 1990 in Flensburg gegründet.

Flensburger Pils: (0,5 l) 4 Euro. Durchschnittspils. (Brauerei seit 1888.)

Dazu einen Flensburger Rum („1878“). Sehr scharf, mit einer leicht süßlichen Note. Nicht wirklich eine Entdeckung.

(Flensburg hat eine über 200 Jahre alte Rum-Tradition. Sind allerdings Verschnitte.)

Pause in Kiel

Kiel ist nicht schön.
Im Krieg zerstört, schrecklich wieder aufgebaut. Die Bausünden schrecken heutige Architekten immer noch nicht ab. Es geht gerade so weiter.

Den ganzen Tag nichts anderes getan als Wunden pflegen, Sohlen heilen, Blasen-Pflaster kaufen, Wäsche mit Rei in der Tube waschen (Wundermittel!), Schleswig-Holstein Führer in Büchereien durchblättern, Zeitung zerpflücken, Kaffee trinken und möglichst wenig gehen!

Am Abend kurz das Kieler Bier getestet in einem Brauhaus (sah innen dem Münchner Hofbäuhaus ähnlich). Brauhaus gibt es seit 1980 (wie auch das dazugehörige Bier).
Busladungen von Touristen kamen rein und fingen gleich an Shanties und Seemannslieder zu grölen.
(Grölen eigentlich nur Touristen oder manchmal auch Einheimische?)

Kieler Bier: naturtrüb, leicht süßlicher Ton (sehr malzig), aber geschmacksstark. 3,00 Euro (0,4 ).

Hunger: Holsteiner Sauerfleisch mit Remoulade und Bratkartoffeln, 12,90 Euro.
Große Portion, ordentlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Im beschleunigten Schneckengang bis nach Kiel

Abrupter Wechsel ins Grau!
Schon als ich vor die schmucklose Tür des Hotels trat, sprühte mir Regen ins Gesicht.
Halb neun Uhr morgens fühlte sich an wie 19 Uhr abends.
Tristesse.

Ich ging den Fahrradweg, der die Landstraße bis Kiel begleitete.
Es sollte ein langer Tag werden.

Grau

Mir war kar, dass ich es zu Fuß nicht ganz bis Kiel schaffen würde. Knapp 60 Kilometer.
Ich wollte aber wenigstens bis in die Vororte kommen.

GPS-Gesamtstrecke bis 082

Stoisches Gehen. Ab und zu, wenn der Himmel mal aufhellte, zeichnete sich (fast kontrastlos) am Horizont etwas ab. Diesmal eine Holländer-Mühle.

Holländer in Holstein ?

Die einzigen Lebewesen, die sich bei diesem Wetter wohlfühlten, waren Nacktschnecken.

Was ist schön ?

Regelrecht Slalom musste ich laufen, um keine Schnecke mit meinen Sohlen zu zerquetschen.

Was trieb diese Kreaturen überhaupt dazu, von der einen Wiesenseite über den asphaltierten Fahrradweg auf den anderen begrünten Streifen zu wechseln?
Todessehnsucht? Oder wussten sie, dass heute kaum Fußgänger und noch weniger Fahrradfahrer vorbeikommen würden. Der Mensch ist ein Schönwettermensch!

Was ist hässlich ?

Sind Schnecken eigentlich Kannibalen? Immer wieder sah ich mehrere dieser Langsamkriecher, wie sie sich an einem Kadaver zu schaffen machten.
Sah ekelig aus.

Aber war das ekeliger als das, was die Schneckenmörder täglich in ihren Salat-Gärten anrichten: Wie sie Schnecken zerhäckseln, mit der Schere zerschneiden (angeblich die beste Methode), zermanschen, zerstückeln, ersäufen, erschlagen.

Und überhaupt. Sind Schnecken ekelig?
Sie haben auch etwas schaurig urwüchsig Schönes.

Schneckentanz in Regenpfütze

Der Regen drang langsam durch meine (angeblich) wetterfeste Kleidung. In Lütjeburg flüchtete ich mich in ein Café, um mich notdürftig zu trocknen.

Der Selenter See erst ein farbloses Loch Ness, dann für einen kurzen Moment etwas Licht und wie unschuldig präsentierte sich ein kleines Fischerdorf am Binnensee: Bellin.

Holsteinische Schweiz ? Wieso eigentlich ?

Dann wieder Traufe. Irgendwo, nach 42, 43 km gab ich auf, als ich eine Bushaltestelle sah mit Regelverkehr zum Zentrum Kiels. Ich zog meine Schuhe aus, auch wenn ich muffelte, und rieb mir meine wunden Sohlen.

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung hatte ich einen Bus genommen, um die Etappe zu vollenden. Ich hatte es mir verdient. Fahrt durch graue, öde Stadtautobahnlandschaften bis zum Zentrum.

Plötzlich riss die Wolkendecke auf und die Landeshauptstadt Schleswig Holsteins präsentierte sich kurz nach Sonnenuntergang ansehnlich. (Ich ließ mich täuschen.)

Hunger:
Neben meinem Hotel war ein Bayerisches Restaurant. (Ich wollte nicht mehr laufen!).
Krustenbraten mit Kraut und Bratkartoffeln. War ordentlich und die Portion reichlich.
8,90 Euro.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Back West – bis nach Neustadt in Holstein

Zuerst dachte ich, ein Herde Rehe auf dem Feld zu sehen. Dann entdeckte ich im Kameraokular den Widder (oder ist es ein Mufflon?). Also Schafe?

Wär‘ ich bloß ein wenig zoologisch geschult

War das das „Grüne Band“, der ehemalige Grenzstreifen, in dem Tiere während des Kalten Krieges überlebten, Menschen aber nicht?

Um 9 Uhr die Pension verlassen.
Mein Tagesziel: Neustadt in Holstein. Drüben im ehemaligen Westen. 35 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 080

Die ersten zwei Stunden: ungestörtes Wandern entlang der Landstraße. Kaum ein Auto. Pötenitz, das nordwestlichste Dorf der DDR, ruhte noch im weichen Morgenlicht. Kein Haus ohne ein neues Dach. Schmuck und bieder.

Fast hätte ich den den Gedenkstein übersehen. Hier verlief vor etwas mehr als 20 Jahren die Innerdeutsche Grenze. Schluss mit lustig!

Zaun, Wachturm alles abgerissen.

Dann fiel die Mauer!

So long ago

Die freien Bürger konnten, wie ich heute, einfach den Weg (oder den Strand) weiterlaufen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten.

Noch 1 km bis zum Hafen von Priwall. Von dort geht eine Fähre ins schöne Städtchen Travemünde.

back in the west

Backsteinidylle.

West meets East

Natürlich hab‘ ich sofort nachgedacht: Sehe ich einen Unterschied zwischen Ost und West?
Ich bildete mir ein: ja! ein wenig!

Aber es fiel mir schwer, den Unterschied zu benennen. Ich sah es an den Vorgärten. Dort, wo ich gerade herkam, strahlten sie eine Biederkeit aus, etwas Kleinbürgerliches, fast Spießiges. Hier, wo ich gerade lief, war es auch bürgerlich, aber es hatte einen Stich ins Großbürgerliche. Die Gärten nicht so akkurat und auf den Millimeter gepflegt, eher nonchalant mit Wildwuchs dazwischen. Hier wohnten Bürger, die es sich leisten konnten, in den Bioladen zu gehen, um ihre Grundnahrungsmittel zu kaufen.

Hier wurde seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten Geld akkumuliert und nicht erst seit 20 Jahren.

Aber es war zu heiß (fast 30 Grad), um mir noch mehr den Kopf zu zerbrechen.

Ab jetzt lief ich immer den weißen Strand entlang. Richtung Norden, Richtung Dänemark. Bald würde ich auf meiner Wanderung wieder eine Grenze haben und nicht nur Meer!

Abertausende Sonnenhungrige in den Strandkörben.

Freiheit auf einem halben Quadratmeter

Altherrensommer!

Summertime 1

Altweibersommer!

Summertime 2

Spätsommer!

summertime 3

Gigolosommer!

summertime 4

Monroesommer!

summergirl

Oder gefällt mir Marilyn so besser?

summergirl 2

Ich konnte gar nicht so viel trinken wie ich herausschwitzte. An jeder Strandbar blieb ich hängen und schüttete eine Apfelschorle (ich schwör’s!) in mich hinein.

Am Timmendorfer Strand gab Udo ein kurzes, aber lautes Konzert.

An der Silhouete sollst du ihn erkennen

Am liebsten wär‘ ich auch diese Wasserrutsche hinunter geschleudert.
Witzig der Aufstiegsturm zur Rutsche. War es ein ehemaliger DDR-Wachturm? Ich fragte Kellner in den umliegenden Kneipen, keiner konnte mir dazu etwas sagen.

Wachturm mit Gedärm

Beinahe dehydriert (trotz Unmengen von Flüssigkeit, die ich zu mir genommen hatte), erreichte ich gegen halb acht Neustadt (Holstein).

Hunger: Gebratene Silbermaränen in Oliven-Tomaten-Sugo mit Bratkartoffeln und Salat. 14,50 Euro.
Guter Speisefisch. Festes und schmackhaftes Fleisch. Portion war reichlich.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Kai sucht den Teich der „Wandernden Augen“ und träumt sich durch bis Rostock

Gleich hinter Ahrenshoop, dem Nepp-Dorf, beginnt das Paradies.
Wie schnell war ich wieder versöhnt, wie rasend schossen mir Glückshormone durchs Blut, als ich das freie Feld betrat.
Unterwegs sah ich ein junges Pärchen, das wohl die Nacht zuvor den Feldweg zur Küste hinaufgefahren war und auf den Auto-Rücksitzen übernachtet hatte.
Sie, jetzt ziemlich verstruwwelt, putzte sich die Zähne. Er, ebenfalls ein wenig derangiert, versuchte Kleidungsstücke in einen Koffer zu stopfen.

Gleich danach: die Liliput-Steilküste.

stairways to beach

Auf dem Brückengeländer stand Kai. Schwer zu schätzen, wie alt er war. Ein Kind jedenfalls mit einem Eierkopf und blitzgescheiten Augen.

Komm mit mir kleiner Kapitän

Wenn du mich mitnimmst„, sprach er mich an, „zeige ich dir die Stelle, wo die Hirsche ins Meer gehen„.

Ich schaute ihn belämmert an, er errötete, versicherte jedoch: „Glaube mir, ich kenne die Stelle, ich habe sie markiert. Ich habe schon viele Hirsche im Meer gesehen.

Ich nahm ihn mit.
So ein Foto von einem Hirsch (blauer Hirsch?) in der Ostsee hatte wahrscheinlich noch kein Fotograf geschossen.

Gegen 9 Uhr hatte ich Kai vorsichtig in den Rucksack gesetzt. Ein aberwitziges Pensum lag vor mir. 45 km!
So weit war es bis Rostock. Ich wollte ausprobieren, ob meine Knie und meine Kondition dafür taugten.
Anders gesagt, ich hatte Lust mich zu quälen.

GPS-Gesamtstrecke bis 074.

Ein leichter Wind landeinwärts ließ die Strandhaferfelder im frühen Sonnenlicht zittern. Mich mit.

Strandhafer

Welch eine Wonne (warum gefallen mir alte Formulierungen so gut?), übers menschenleere Sandufer zu laufen. Immer dicht an der Wasserkante.

Der Hirsch war ich selber

Kai machte sich in meinem Rucksack bemerkbar. Ich holte ihn raus.
Hier, hier ist die Stelle„, behauptete er.
Eine Vogelfeder (Möwe?) hatte er in die Buhne gesteckt.

Kai an der Zauberbuhne

Ich versuchte ihm zu glauben, ich strengte meine Augen an, ich setzte mich hin und wartete. Aber es erschien kein Hirsch.

Gott sei Dank sahen uns nicht allzu viele Urlauber zu. Der Strand bereits herbstleer.

Der nahende Herbst leert die Strände

Du hattest eben einen Traum, tröstete ich Kai.
Nein!
Du siehst Nachtgespenster wie viele Kinder, behauptete ich.
Nein!

Wir verließen den Strand und entfernten uns immer mehr vom Meer. Hinein in den Wald. Richtung Rostock.
Noch 8 Stunden Marschieren vor uns.

Kai sagte, dass er den Wald gut kenne. Wenn ich wollte, könnte er mich zum Teich der „Wandernden Augen“ führen.
Lass das Gespinne vom Märchenwald, wies ich ihn an.
Aber es interessierte mich doch, was er damit meinte.

Er hub an (wieder so eine alte Formulierung, die mich sofort fesselt):

Jeder Urlauber hier bestellt sich Flunder, meist gebraten. Aber kaum jemand weiß, dass Flunderaugen wandern! Im Larvenalter wandert ein Auge auf die andere Körperseite, denn Flunder leben auf dem Meeresboden. Nur ihn müssen sie mit beiden Augen (auf einer Seite!) anschauen!

Bei dieser Augen-Wanderung fällt manchmal ein Auge aus der Spur und geht verloren. All diese verlorenen Flunderaugen treffen sich aber wieder an einem geheimen salzigen Tümpel im strandnahen Wald. So wie sich früher die Einäugigen und Blinden in Höhlen zu Diebesbanden zusammengerottet haben, so bilden die verlorenen Flunderaugen eine geheime Gesellschaft.

Mir reichte es, trotzdem folgte ich Kai immer tiefer in den Wald.

Nur: Einen salzigen Tümpel konnte ich nicht finden, lediglich knorrige Bäume in feuchten Wiesen.

Kais Zauberbaum

Wenn du willst …“ Ich stoppte Kai schon beim Versuch, mir eine neue Geschichte aufzutischen.

Ab jetzt war stures Laufen angesagt. Stunde für Stunde. Überwiegend einen asphaltierten Radweg entlang, vorbei an endlosen Maisfeldern, gezackerten Böden und irgendwelcher Wintersaat. Oder war es doch etwas anderes?

Flurschaden

Es scheinen nur Großbauern zu überleben hier. War ich noch in Vorpommern oder schon in Mecklenburg? Ich hatte mangelhafte Ost-Geografie-Kenntnisse.

Der Erschöpfung nah (die Sonne ebenfalls), erreichte ich Rostock.
Eintritt in eine Platte-Welt.
Aber statt Kälte, strahlte sie Heimatgefühle aus. Bunt selbst die Mülleimeranlage.

Bunte Platte

Ich verirrte mich beinahe in diesem Platten-Gestrüpp.

Futuristische Platte

Aufgehübschte Platte

Halb acht fand ich ein Hotel. Halb neun saß ich in einer der wenigen Montags-Offen-Restaurants und war dankbar für alles.

Das Tagesgericht: Frische Pfifferlinge mit Schweinemedaillons und Bratkartoffeln. 16,50 Euro.
Wie ein Staubsauger alles weggeputzt.

Zwar passte nichts zusammen. Nicht Pilz mit Fleisch und noch viel weniger mit den gekochten Kartoffeln. Und schon gar nicht die Soße. Für sich genommen, schmeckten aber die Einzelteile. Und genau so verdrückte ich sie, einzeln und nacheinander. 12,90 Euro.

Durst: Rostocker Pils. Ich weiß nicht ob es an meinem Durst lag. Aber es schmeckte mir ausgezeichnet. Ich bestellte ständig nach. 2,90 Euro (0,5 l).
(Rostocker Brauerei wurde 1878 gegründet, aber schon ab dem 13 Jahrhundert gab es in Rostock Bierlizenzen!)
Nur als Kai anfing „Willst du, dass …„, wurde ich kurz ungehalten. Laß uns morgen weiter träumen, meinte ich, und jag mir bitte heute keinen Nachtschreck in meinen Schlaf!

Unterkunft: 51 Euro (ohne Frühstück).