Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze

Welch Riesen-Monument in einem Kleinstädtchen.

Konkurrenzlos

Konkurrenzlos

Den Toten der Kriege gewidmet, die mit den Deutschen geführt wurden. Erst 1870/71, dann 1914 und schließlich 1939.
In 70 Jahren 3 Verwüstungskriege. Und jetzt bald 7 Jahrzehnte in Freundschaft.
Wie hat sich dieses Europa gewandelt!

Um 9 Uhr in Sarreguemines losgewandert. Das Ziel: Hornbach in der Pfalz. 30 km zu laufen.

GPS-151-Sarreguemines

GPS-Gesamtstrecke bis 151

In Frauenberg von Frankreich nach Deutschland gewechselt. Aber eigentlich spürte ich den Grenzübertritt nicht.

Wo Frau? Wo Berg ?

Wo Frau? Wo Berg ?

Ländlich lieblich die Gegend jetzt. Zu ersten Mal seit langem wieder ein Sonnentag.

I look forward to ...

I look forward to …

Ich lief gemächlich. Hatte Muse nachzudenken.

Über 800 Kilometer war ich bisher entlang der Westgrenze Deutschlands gewandert. Hatte in alle Nachbarländer hineingeschnuppert. Im Gegensatz zur Ostgrenze war dies keine Kulturgrenze. Auch keine Sprachgrenze.
Für mich war es überraschend, wie breitflächig das Deutsche in die Nachbarregionen hinüberschwappte. Sei es Belgien, Luxemburg oder jetzt sogar Lothringen.

Ich fragte mich, warum es keine französischen Sprachinseln in Deutschland gab.
Klar, seit der napoleonischen Zeit haben sich einzelne französische Wörter im Deutschen behauptet. Vor allem in der Pfalz.
Noch immer reden dort die Menschen von Chaussee, Trottoir, Portemonnaie, Chaiselongue, wenn sie Straße, Gehsteig, Geldbeutel und Sofa meinen. „Retour gehen“ wird genauso selbstverständlich benutzt wie die Ortsbeschreibung „vis a vis“. Jemand ist „malade“ (krank) oder macht „Visematente“ (Blödsinn – von „visite ma tente“): Das ist Umgangssprache.
Mein Großvater hieß Johann, wurde aber von der ganzen Familie nur Jean gerufen.
Und trotzdem, ich kenne keinen Ort, keine Region, in der sich ein französischer Dialekt als Ganzes in Deutschland erhalten hat. Umgekehrt sehr wohl.

Im Moment fiel mir nur die dänische Minderheit im Norden Deutschlands ein, die sich ihre Sprache mit über die Grenze genommen hat.

Aber was bedeutete das, dass das Deutsche so in die Nachbarländer hinüberreichte. Drückte sich da noch irgendetwas Imperiales aus? Oder ist das einfach die 70jährige Freiheit und Friedfertigkeit entlang der Westgrenze? Während an der Ostgrenze durch Krieg und Vertreibung kulturell und sprachlich ein eisernen Vorhang aufgebaut worden war?

Ich fand im Moment keine Antwort.

Noch immer bewegte ich mich im Saarland. Wenn auch die Landschaft schon sehr der Pfalz glich.
Nicht umsonst nannte sich die Gegend verwaltungstechnisch „Saarpfalz-Kreis“.

Roll on

Roll on

Holzfäller zogen schwere Baumstämme mit kräftigen Pferden aus dem Wald.

Heißer Kaltblütler

Heißer Kaltblütler

In einem Dorf stand ein einzigartiges Wegkreuz: Errichtet, um Gott zu bitten, die Cholera am Ort vorbeizuleiten.
1854!

Kein Amtsarzt konnte helfen

Kein Amtsarzt konnte helfen

Endlich die Pfalz erreicht! Mein Navi zeigte die Grenze vom Saarland in meine Heimat an. Ich blieb andächtig stehen und saugte Pfälzer Luft ein. Selbstverständlich ist sie frischer als irgendwo sonst.

It's here

It’s here

Der Himmel ist für Pfälzer keine Grenze.

Home sweet home

Home sweet home

Nach 8 Stunden, in denen es quer durch sumpfige Wiesen und matschige Wälder und manchmal auch entlang kaum befahrener Landstraßen ging, erreichte ich das erste pfälzische Dorf: Hornbach.

Bedeutung sieht man nicht

Bedeutung sieht man nicht

Erst am Abend las ich mir im Internet an, dass dies ein äußerst geschichtsträchtiger Ort ist. 741 (!) gründete ein Pirminius das Kloster Hornach, das im Mittelalter einen herausragenden kulturellen Einfluss auf Lothringen hatte.
Durch Reformation und Säkularisierung bedeutungslos geworden, wurde es schließlich aufgelöst.
In den Abteiruinen hat sich heute ein Hotel breitgemacht.

Blue sky

Blue sky

Hornbach an zwei drei Stellen herausgeputzt.

Dorf One

Dorf One

Man kann die alte Bedeutung des Winzortes mit Stadtrechten erahnen.

Dorf Two

Dorf Two

Aber nicht zu übersehen ist auch der heutige Zerfall. Nur von der Vergangenheit lässt sich schlecht leben.

Dorf Three

Dorf Three

Hunger: Gepökelte Jungschweinebäckchen auf Linsengemüse mit Rotweinessig und Frühlingslauch. (16 Euro.)
Köstlich. Das Linsengemüse hervorragend und dezent gewürzt.

T151-Essen-01

Dazu eine Auswahl meiner Pfälzer Lieblingsweine (von Knipser über Becker bis Rebholz).
Das war kein guter Abend für mein Sparbuch.

Unterkunft: teuer.

Jo, geh doch fort nach Schengen!

Die paar Tropfen, die morgens vom Himmel fielen, konnte ich fast zählen. Also ließ ich meine Regenkleidung im Rucksack und zog um halb 10 los. Mit schwerem Kopf (zu viel Moselwein) und heute auch zu schwerem Gepäck.

Mein Ziel: Schengen im Dreiländereck. 25 km entfernt.

GPS-145-Nittel

GPS-Gesamtstrecke bis 144

Ein unspektakulärer Tag.
Mosel, Weinberge und grauer Himmel.
Keine Sonne, die der Landschaft Farbe hätte geben können.

Selten nahm ich die Kamera aus der Tasche.

Patchwork Weine

Patchwork Weine

Ich hatte es nicht eilig.

Auf Wasser gebaut

Auf Wasser gebaut

Am gegenüberliegenden Ufer ab und zu ein kleines verschlafenes luxemburgisches Winzerdorf.

Braune Brühe

Braune Brühe

In Remich wechselte ich ins Nachbarland. Trank einen Espresso im alten Ortskern. Die Bedienung portugiesisch wie in so vielen Gaststätten des Landes.
Weit über 100.000 Portugiesen sollen in Luxemburg leben. Ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Im Alter ist jeder Hügel eine Herkulesarbeit

Passierte ich kleine Fabriken, Kiesgruben oder größere Baufirmen, sah ich in den Innenhöfen fast ausschließlich Autos mit deutschen Kennzeichen.
Die Löhne sind in Luxemburg gut ein Drittel höher, die Sozialleistungen und das Arbeitsrecht gut. Das lockt Hunderttausende Deutsche, Franzosen und Belgier als Pendler ins Land.

Der kleine Nachbar gibt Europa Arbeit!

Was für ein selbstbewusstes und erfolgreiches Völkchen, die Luxemburger.
Lëtzebuerger nennen sie sich in ihrem Dialekt.

Gegen 16 Uhr lag Schengen vor mir.
Kaum mehr als dreihundert Seelen bevölkern den Ort.

Europas Kaff

Europas Kaff

Dazu ein Schloss, in dem europäische Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde einst der Schengener Vertrag unterzeichnet, der es mir auf meiner Grenzwanderung ermöglicht hatte, ohne Pass Ländergrenzen zu wechseln.

Ich verneigte mich dankbar.

Das Reisebüro Europas

Das Reisebüro Europas

Es gab einen alten Turm und eine Kirche.

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Und es gab einen zentralen Platz, der sich „Europaplatz“ nannte.
Aber Europas Herz, das hatte ich auf meiner Wanderung gespürt, ist größer als dieser Winzling.

Europas Platz ist klein

Europas Platz ist klein

Und es gab eine Brücke, die von Luxemburg nach Deutschland und Frankreich führte.

(Die Brücke im übrigen mächtig befahren. In Schengen hatten immer noch 8 Tankstellen geöffnet, im deutschen Perl jede Menge Supermärkte. Die Deutschen tankten sich die Autobäuche mit billigem Benelux-Öl voll und die Luxemburger stopften sich die Kofferräume mit billiger Lidl, Aldi, Rewe Ware aus. So verdienten die Steuerbehörden beider Länder an den offenen Grenzen!)

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Wie kann 1 Brücke in 3 Länder führen?

Ich war im Dreiländereck gelandet.

735 km lang hatte ich auf dieser Etappe die Niederlande, Belgien und Luxemburg abgewandert.
Benelux lag jetzt hinter mir, ein neues Abenteuer vor mir: Frankreich und das Saarland.

Da in Schengen keine Pension und kein Hotel geöffnet hatte und schon überhaupt kein Restaurant (Dienstag = Ruhetag), wechselte ich nach Perl auf der deutschen Seite.

Auf saarländisch die Speisekarte.

Hunger: Moschterbrod vum klengen Schwein. (Hausgemachter Rollbraten mit Monschauer Senf, Zwiebeln, Bratkartoffeln und Speckwirsing). 15,90 Euro. Ausgezeichnet zubereitet. Sehr gut gewürzt.

T145-Essen-01

Nachspeise: Mirabellensorbet mit lothringischem Mirabellenschnaps (2,50 Euro). Gut.

T145-Essen-02

Durst: 1 Glas Auxerrois (Weingut Bertel). Leicht, süffig. Alltagswein.

Unterkunft: 49 Euro (mit Frühstück).

Road 139 to Dasburg

Es war das Gefühl tiefer Einsamkeit.

Winterspelt lag hinter mir, auf Seitengassen hatte ich das Dörfchen verlassen. Wolken drückten die Täler noch tiefer in den Waldgrund. Häuser auf Bergkuppen drängten sich dicht an die Pfarrkirchen, in der Hoffnung vom Dauerregen nicht weggeschwemmt zu werden.

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Nur der Kirchturm, der schaut raus

Hatte ich einmal nicht Wald sondern freies Feld vor mir, walzte am Horizont die nächste Regenwand heran.

Es wird nicht besser

Es wird nicht besser

Ich war in Winterspelt gegen halb 9 aufgebrochen. 31 Kilometer lagen vor mir bis Dasburg an der deutsch-luxemburgischen Grenze.

GPS-139-Winterspelt

GPS-Gesamtstrecke bis 139

Schüttete es besonders heftig, suchte ich Schutz unter Laubbäumen.

Ich erdachte mir Bauernregeln für Regenwetter:

Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses los. Der nächste kommt sofort.
Lauf nicht unmittelbar nach Ende eines heftigen Regengusses in den Wald. Der regnet sich gleich wieder ab.

Aber eigentlich war es egal. Nass wurde ich unterm Baum, im Wald, im freien Feld.

Endlich einmal eine Pause: Ein Walddörfchen zog kurz sein Regenkleid aus und zeigte seinen Frühlingskörper.

Heckhalenfeld

Heckhalenfeld

Die Schneeeifel ist so dünn besiedelt, dass es äußerst schwierig ist, sich auf einer Wanderung zu versorgen. Gasthäuser öffnen nur zur Hochsaison, Tante Emma hat längst die Dörfer verlassen, Tankstellen gibt es überhaupt nicht.
Ich war also ohne Trinkwasser und ohne irgendetwas zu knabbern losgezogen und fand unterwegs nirgends Proviant.

Hellte sich der Himmel ein wenig auf, schöpfte ich Hoffnung. Die Südeifel ist landschaftlich grandios.

Highlands

Highlands

Immer wieder werde ich unterwegs gefragt, ob es nicht langweilig sei, so ganz allein zu wandern.
Ist es nicht!
Dann folgt die nächste Frage: Warum ich das mache, ob ich den Sinn des Lebens suche?
Nein, das Gegenteil ist der Fall.
Ich versuche manchmal es zu erklären, gebe aber schnell auf.

Also was machte ich denn den langen Tag?
Nichts! Nicht einmal meditieren. Höchsten ein paar Gedanken spinnen.

Sicher, die Sinne schärfen sich in der Natur.
Sicher, ich sehe, rieche und spüre Kleinigkeiten, die mir im Alltag nicht auffallen würden. Eine Ameise, die sich an ihrer Traglast überhebt und sich überschlägt. Ein Grashalm, der sich unter der Last eines einzigen Wassertropfens verbiegt und fast bricht.

Aber welchen Sinn machen solche Beobachtungen? Keinen! Es ist völlig unerheblich.

Sinnsucher finden nicht einmal sich selbst.

Und ich stellte mir die wichtigere Frage, ob Kühe nicht doch gänzlich dumm sind!

Dumme Kühe

Dumme Kühe

Immer wenn ich an einer eingezäunten Kuhwiese vorbeilief, rotteten sich die Viecher zur Herde zusammen, trotteten zum Zaun und glotzen mich fragend an.
Offensichtlich können Kühe nicht wie Hunde ihr Herrchen (oder Melker) erkennen. Sie verwechselten mich ganz offensichtlich.

Was bedeutete das? Für die Kuh ist ein Mensch ein Mensch ein Mensch ein Mensch – und keine Person!

Damit hatte ich für heute die Sinnfrage geklärt und marschierte weiter.

Nichts für weiche Knie

Nichts für weiche Knie

Es ging nun ganz schön bergab. Ich spürte meine Knie.

Als der Wald sich kurz auftat, konnte ich auf die andere Seite des Tals blicken, in das ich gerade hinabstieg. Ein luxemburgisches Dorf signalisierte mir, dass ich nicht mehr weit von der Grenze entfernt war.

lieblich

lieblich

Noch eine Viertel Stunde und meinen Zwischenziel war erreicht: das Dreiländereck aus Belgien, Luxemburg und Deutschland.

Wahre Europabrücke!

Wahre Europabrücke!

Auf der Seite, auf der ich fotografierte, war Deutschland. Über der Brücke rechts lag Belgien. Links der Brücke wartete Luxemburg auf meinen Besuch.

Rund 135 Kilometer war ich der belgischen Grenze gefolgt, jetzt lagen wahrscheinlich ebenso viele Kilometer entlang der luxemburgischen Grenze vor mir.

Die Our trennt Luxemburg von Deutschland.

Nicht größer als die Oos

Nicht größer als die Oos

Bewusst lief ich auf der deutschen Seite des Grenzflüsschens. Luxemburg wollte ich mir noch ein wenig aufsparen. So schnell kann ich nicht von belgisch auf luxemburgisch umschalten.

Ein Flüsschen, das an Fahrt aufnahm und mit kleinen Stromschnellen ganz schön Lärm machte.

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Grenzen sind manchmal schwer zu überschreiten

Ich hatte mir vorgestellt, gemütlich entlang des Uferweges der Our nach Dasburg zu wandern. Es kam aber völlig anders.
Zu tief hatte sich der Fluss in den Wald gegraben, zu steil waren die Hänge, zu zahlreich die Zuflüsse und Zwischentäler, dass die Wanderwege immer wieder in Serpentinen den Berg hinaufführten und sich gefährlich an Hänge schmiegten.

Halt!

Halt!

Aber welche Ausblicke! Und die Sonne gratulierte mir für meine Ausdauer!

Hochsitz

Hochsitz

Was für eine Grenze zwischen zwei Ländern!

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Es wurde der bisher anstrengendste Tag dieser Etappe, die nun schon lange dauerte. Auf und ab ging es. Am 139. Tag meiner Grenzwanderung sammelte ich Höhenmeter wie andere Flugmeilen. Ich war froh (und am Ende meiner Kräfte), als ich endlich das Dörfchen Dasburg erreichte. Auch wenn es im Regen schier ersoff.

Am Ziel

Am Ziel

In dieser Ortschaft mit kaum mehr als ein paar Dutzend Häusern gab es immerhin zwei Pensionen.
Ich würfelte innerlich und betrat einen skurrilen Harley-Davidson-Driver Treffpunkt.

Rocker trifft Rocker

Rocker trifft Rocker

Geführt wurde das Hotelchen von einem holländischen Pärchen. Direkt über der luxemburgisch-deutschen Grenze.

Hunger: Schweinespieß in Erdnusssoße mit Reis. (Harte Jungs Kost!)

T139-Essen-01

Unterkunft: 28 Euro (ohne Frühstück).

Auf Erinnerungswegen nach Winterspelt

Es waren keine konkreten Kindheitserinnerungen, aber beständig pulste ein Gefühl des Bekannten in mir.
Ich war hier schon einmal!

Durchblick

Durchblick

Gestern, als ich abgekämpft durch den Torbogen der Burganlage zum Hotel gegangen war, hatte mich diese Ahnung beschlichen.

Nicht dass ich mich an diese fantastischen Türheiligen erinnerte.

Shivering outside

Shivering outside

Mit 6,7 Jahren sind einem solche Verzierungen ziemlich Wurst.

never shivers

never shivers

Und auch die kunstvolle Art Jesus immer wieder aufs Neue an Stein zu nageln, um die Kreuze dann an den schönsten Plätzen der Anlage aufzurichten, interessiert einen Erstklässler reichlich wenig.

always on the bright side of life

always on the bright side of life

Woran ich mich erinnerte war, dass ich vor über 50 Jahren einige Male mit meinem Patenonkel, meiner Tante und meinem zwei Jahre jüngeren Cousin Ferien in der Eifel verbracht hatte. Seitdem war ich nie wieder in die Eifel zurückgekehrt.
Gestern Abend rief ich meine (inzwischen über 80jährige) Tante an und fragte sie aus, wo wir denn damals gewesen seien.
Es war Kronenburg.

Meine Tante war hier geboren und durch diese Tür sind wir damals in das Haus ihrer Familie gegangen.

1603 !!!

1603 !!!

Der Onkel meiner Tante wohnte hier im Haus mit den rosa Türen.

Shivering inside

Shivering inside

Und gleich nebenan dessen Schwester. In diesem Garten tollte ich als Kind 3 Wochen lang!

Mein Ferienhaus

Mein Ferienhaus

Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr an diese Zeit. Eigentlich nur noch eine konkrete: Ich hatte damals meinem jüngeren und staunenden Cousin nachdrücklich versichert, dass es weder einen wirklichen Nikolaus gäbe noch einen realen Osterhasen der Geschenke brächte. Und für diese Desillusionierung seines Sprösslings hat mir mein Onkel eine ziemlich schmerzhafte Ohrfeige verpasst.
Dieser Vorfall hat mir die Eifel für lange unsympathisch gemacht.

Die Tante meiner Tante wurde übrigens gesegnete 105 Jahre alt. Die letzten lange Jahre musste sie in einem Pflegeheim verbringen, was ihr Vermögen auffraß, das im Wesentlichen aus dem Haus bestand.
Auch die restlichen Häuser der Familie meiner Tante (alle in der Burganlage) sind längst verkauft.

Die Neu-Besitzer: vermögende Unternehmer aus Bonn, Köln oder Aachen. Sie haben Kronenburg zu einer Wochenend-Ferien-Residenz gemacht.

Jetzt verstand ich auch, warum in den Straßen dieser wunderschönen Anlage keine Bewohner zu sehen waren.
Kein Wochenende!

Museumsstille!

Mehr als ein Hügel

Mehr als ein Hügel

Es hatte mich am Morgen einige Zeit gekostet, eine Einheimische aufzutreiben, die sich an meine Tante und die Geschichte ihrer Familie in Kronenburg erinnerte und die mir auch die Häuser zeigen konnte, dich ich natürlich nicht mehr kannte.
Eine freundliche zufriedene Frau, die so gar nicht zu meinem Vorurteil der knorrigen, ruppigen und in sich gekehrten Eifeler passte.

Um halb 11 verabschiedete ich mich von ihr und nahm mein eigentliches Tagesziel ins Visier: Winterspelt. 32 km entfernt.

GPS-138-Kronenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 138

Der kürzeste Weg nach Winterspelt führte über Belgien.

Auf dem Weg dahin kein Horizont ohne Windspargel. Sie machten ziemlich Lärm!

Wind Wind, lautes Kind!

Wind Wind, lautes Kind!

Kurz hinter Kronenburg war es vorbei mit Nordrhein-Westfalen. RHEINLAND PFALZ begann. Meine Heimat! (Wenn ich mich auch mehr als Pfälzer fühle denn als Rheinlandpfälzer (mit den Rheinländern habe ich wenig am Hut).)

Der erste Ort: Hallschlag. Unwirtlich, rau, kalt, abweisend.

Schläge hallen

Schläge hallen

Abgekoppelt von der Welt. Selbst die Eisenbahnschienen wurden entfernt.

Ausrangiert

Ausrangiert

Früher, das heißt vor dem Schengener Abkommen, gab es außerhalb Hallschlags Zollhäuser, direkt an der belgischen Grenze.
In einem arbeitete (und wohnte) mein Patenonkel, dem ich meinen zweiten Vornamen verdanke: „Alois“ (pfälzisch ausgesprochen und auf dem ersten Vokal betont: „Allwis“).

Von seinem Arbeitsplatz konnte er sein Einsatzgebiet ins Visier nehmen. Das deutsch-belgische Grenzgebiet.

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Mir klingen noch seine Erzählungen im Ohr, wie er hier heldenhaft Schmuggler gejagt und bis 1985 (Schengen!) hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Nur was genau damals geschmuggelt wurde, das wusste ich nicht mehr.

Zum letzten Mal durchquerte ich auf meiner Grenzwanderung kleine belgische Dörfer. Allesamt mehrheitlich bewohnt von der deutschsprachigen Minderheit.

Ganz unten im Tal sprang ich von Belgien nach Deutschland zurück.

Über Brücken musst du geh'n

Über Brücken musst du geh’n

Ob mein Onkel auch auf diesem Brückchen Schmuggel-Halunken gejagt hatte?

Eine halbe Stunde weiter oben – auf einem (ziemlich mühsam zu bewältigenden) Hügel – lag Auw.
Hungrig und durstig betrat ich die Dorfgaststube. Ich bat um Wasser (Sprudel) und Bier (Bitburger) und um eine Suppe.

Die Wirtin fragte, ob ich ihre Brennnesselsuppe probieren möchte. Die habe sie eigentlich nur für die Familie gekocht.
Warum nicht.

T138-Essen-02

„Geschnitten, nicht püriert“!

Das, so erklärte mir die Wirtin, sei extrem wichtig für den guten Geschmack! Sie schneide die jungen Brennnesseln mit der Schere in die Brühe. Püriert schmecke das ganz anders und längst nicht so intensiv.

Ich fragte sie, ob sie die Brennnesseln selbst ernte und wie sie das mache ohne sich ständig zu verätzen.
Sie meinte, sie fasse die Pflanzen mit bloßen Händen an, das mache ihr überhaupt nichts.
Mutig!

Ich fragte sie, ob sie sich an die Schmugglerzeiten hier erinnere?
Und wie!

Geschmuggelt wurde in den 50er und 60er Jahren vor allem Kaffee! Die Männer aus den Dörfern gingen in das nahe Belgien und kauften dort säckeweise Kaffee, der in Deutschland als extremer Luxus galt.
Wie oft waren sie von den unbarmherzigen Zöllnern ertappt worden und hatten ihre vollen Kaffe-Säcke in das Grenzbächlein werfen müssen.
Geschmuggelt wurde damals auch viel Tabak. Überwiegend Pfeifentabak, den man noch selbst zurecht schneiden musste.

Später kamen dann Zigaretten und Alkohol dazu.

Sie hatte feuchte Augen als sie von der Vergangenheit sprach.

Ich bezahlte, bedankte mich für Suppe und Auskunft und ging meinen Weg weiter.

Schneifelhaus

Schneifelhaus

Ich durchlief die Schnee-Eifel. Berühmt dafür, dass man hier auch im Sommer friert. Die Häuser robust. Der Wind schob die Wolken über die Bergdörfer. Dort hatten sie Gelegenheit sich auszuregnen.

Himmel drückt

Himmel drückt

Selbst steinerne Wegkreuze hingen windschief in den Feldern.

Windschief

Windschief

Die Höhe hatte mich ausgekühlt und die gelegentliche Sonne vermochte mich nicht aufzuwärmen. Nach bald 9 Stunden Wandern sehnte ich mich nach einer Unterkunft!

Welch eine Gemeinheit, dass ich noch einmal – kurz vor Schluss – einen heftigen Anstieg vor mir hatte.

Es gibt kein Ende!

Es gibt kein Ende!

Selbst Straßentunnel mussten in der Schnee-Eifel massiv gebaut werden, um nicht vom Wind weggeweht zu werden.

Door to what ?

Door to what ?

Winterspelt um halb acht erreicht.

Am Schluss gibt's immer 'ne Kirche

Am Schluss gibt’s immer ’ne Kirche

Hunger: Wiener Schnitzel mit Pommes. (Ich war in einem gutbürgerlichen Restaurant gelandet. Ich hätte auch noch Jäger-Schnitzel oder Schnitzel Hawaii wählen können). 9 Euro.

T138-Essen-01

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Muttertagsmänner stillen meinen Durst auf dem Weg nach Hellenthal

Ich konnte es nicht lassen. Beim Verlassen Monschaus musste ich noch einmal den Auslöser drücken.

Grandioses Fachwerk

Grandioses Fachwerk

Um 9 Uhr 30 dem Städtchen endgültig den Rücken zugekehrt. Über Wanderwege wollte ich nach Kronenburg, sollte unterwegs aber merken, dass das kaum zu schaffen war. Also änderte ich mein Tagesziel: Jetzt war es Hellenthal, mit Wanderumwegen ca. 25 km weit weg.

GPS-136-Monschau

GPS-Gesamtstrecke bis 136

Ein steiler Pfad quälte sich das Rur-Ufer in den Wald hoch.

Junggrün die dominierende Farbe

Junggrün die dominierende Farbe

Der Regen hatte mich in der Früh aufgeweckt und Regenschauer begleiteten mich den ganzen Tag. Aber sie stimulierten den Wald noch intensiver nach Moos, Kompost, Rinde und Holz zu riechen. Auch die Farben klarer und nicht morgenmüde – so wie ich.

Was wäre, wenn Bäume keine Wurzeln hätten?

Was wäre, wenn Bäume keine Wurzeln hätten?

Steinwurzeln

Steinwurzeln

Ich musste mich konzentrieren. Der schmale Pfad war rutschig.

Eifelsteig

Eifelsteig

Einige Zeit folgte ich dem Eifelsteig, einer schönen Route um das Mittelgebirge zu erkunden.
Immer wieder kleine Felsformationen. Und immer wieder minutenkurze Sonnendurchbrüche.

Markant

Markant

Nach einer Stunde Höhenwanderung stieg ich ins Tal ab, um dem Perlenbach zu folgen, der kurz vor Monschau zu einem langgezogenen See gestaut ist.

Indian Sumer im Frühling

Indian Sumer im Frühling

Statt steinig und glitschig war der Weg jetzt sumpfig und morastig.
Der Bach lärmte und ließ Vogelstimmen kaum eine Chance.

Bäche sind laut

Bäche sind laut

Für Stunden das gleiche Panorama: rechts Bach, links Wald mit zum Teil steilen Hängen.
Viele Wege kreuzten sich und ich hatte Mühe, Kurs zu halten. Hier unten im Tal hatte ich keine Telefonverbindung mehr und mein Handy-Navi war nutzlos geworden.
Wegschilder gaben mir meist mehr Rätsel auf, als dass sie mich orientierten.
Ohne gutes Kartenmaterial war es schwierig.

Ich hatte mittlerweile meinen Wasservorrat geleert und seit dem Morgen nichts mehr gegessen.
Eine Waldkneipe gab es hier nirgends.

Ich war so sehr damit beschäftigt, mich im Wegenetz zurechtzufinden und meinen leeren Magen mit ein paar TicTacs zu beruhigen, dass ich eigentlich an nichts dachte. Nur: Hoffentlich ist es nicht mehr zu weit!

Plötzlich hörte ich Männerstimmen.

Eine Gruppe älterer Herren hatte sich vor einer Schutzhütte versammelt. Neben der Hütte eine große Pferdekutsche mit 2 angespannten Brauereigäulen. Im Wagen war Platz für mindestens 12 Personen. Ich zählte 6 Kisten Bier und sah jede Menge Essbares.

Muttertagsmänner

Muttertagsmänner

Ich näherte mich der Gruppe und bat um ein Bier.
Es war kein Problem.

Die Herren feierten „Muttertag“. Der Chef der Truppe erklärte mir: Sie seien Aachener Jecken und seien diesen Rosenmontag als Mamis verkleidet im Zug gelaufen. Das gäbe ihnen jetzt das Recht auch den Muttertag anständig zu begehen.
Sie luden mich noch zu einer Portion Gulasch ein, was ich aber dankend ablehnte. Ich wollte nicht unverschämt sein. Außerdem hätte mich ein voller Bauch ziemlich gehmüde gemacht.

Ich zog weiter. Ziemlich dicht an der belgischen Grenze (unsichtbar) entlang, bis ich wieder eine lange Talsperre erreichte. Die Oleftalsperre.

Wie so heißt das Talsperre und nicht Flusssperre?

Wie so heißt das Talsperre und nicht Flusssperre?

6 km fehlten noch bis Hellenthal, am Fuß des sehr hohen Wehrs.

Auf der anderen Seite

Auf der anderen Seite

Um halb 5 eine offene Pension gefunden. Ich war der einzige Gast.

Hunger: Spargel mit Hühnchenbrust und einer Orangen-Hollandaise. (Gut bürgerlich, fantasielos). 14,50 Euro.

T136-Essen-01

Unterkunft: 28 Euro (ohne Frühstück).

Was für eins? Bitte eine präzise Bestellung in Eupen!

Schöner wurde ich noch nie aus einer Stadt geleitet.

Parkstadt

Parkstadt

Mit einer prächtigen Allee komplimentierte mich Aachen kurz nach 10 Uhr morgens aus dem Zentrum hinaus.

Ein alter Grenzstein markiert die Stadtgrenze.

Stein mit Flügeln

Stein mit Flügeln

20 km entfernt mein Tagesziel: Eupen in Belgien.

GPS-133-Aachen

GPS-Gesamtstrecke bis 133

Die Landesgrenze war bald erreicht, nicht aber die Sprachgrenze.
Auch als ich die Wallonie betrat, wurde ich auf Deutsch (Französisch und Flämisch) begrüßt.

Dreisprachig

Dreisprachig

Es änderte sich dennoch einiges: die Briefkästen plötzlich rot statt gelb.

Einfarbig

Einfarbig

Die Landschaft endlich bergig statt platt.

Ausladend

Ausladend

Das Hohe Venn und die Eifel servierten bereits ein paar landschaftliche „Amuse Gueules“. Ausläufer kündeten das Mittelgebirge an.

On Top

On Top

Wie an einer Schnur reihten sich kleine deutschsprachige Dörfchen auf meinem Weg auf.
Auch die Dorfnamen deutsch, z.B.: „Hergenrath“. Dessen Ortsmitte bestand aus einem Kriegerdenkmal.

Heldenverehrung

Heldenverehrung

Ein „Kriegerverein“ hat es vor etwas mehr als 100 Jahren den lokalen Toten des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gewidmet. Für die Erbauer des Monuments starben sie „Den Heldentod„.

Mich würde brennend interessieren, ob noch ein Uropa oder eine Uroma in irgendeiner Familie dieses Dorfes Erinnerungen an diese Zeit in sich trägt. Ob sie sich noch an Erzählungen ihrer Großeltern über diesen großen Bruderkrieg vor 140 Jahren erinnern?
Ob diese Geschichte noch in irgendeiner Form lebt – oder längst museal (zu Stein) geworden ist.

Was sich im übrigen mit dem Grenzübertritt noch änderte: die meisten Häuser nun nicht mehr aus dunklem Klinker, sondern aus massivem Granit.

Schluss mit Klinker

Schluss mit Klinker

Wunderschöne Gehöfte.

Door wide open

Door wide open

Das Tor zu Belgien stand weit offen.

Arc de triomphe

Arc de triomphe

Ein bisschen nachkoloriert und rumgepinselt sieht das Motiv so aus:

Arc de triomphe

Arc de triomphe

Nach 5 1/2 Stunden Eupen erreicht. Das Zentrum der deutschsprachigen Minderheit Belgiens.
75.000 Einwohner umfasst die Gemeinschaft.
Ich hatte eigentlich erwartet, dass hier eine Art rheinisches Platt gesprochen würde.
Weit gefehlt. In den Straßen vernahm ich nur reinstes Hochdeutsch.
(Später erfuhr ich allerdings, dass die Älteren Zuhause in der Tat noch einen ziemlich unverständlichen Dialekt pflegen.)

Um die Kirche schart sich

Um die Kirche schart sich

Eupen ist nicht wirklich schön, aber sehr belebt.

Sonnenschirme sollte werbefrei sein!

Sonnenschirme sollte werbefrei sein!

Als ich in einem Terrassenrestaurant am Marktplatz etwas zum Trinken bestellte, lernte ich schnell, dass man in Belgien nicht einfach sagt: „Ein Bier bitte!“
Unweigerlich kommt die Antwort: „Was für eins?“
Ab dann wird es schwierig.
Keine Kneipe ohne zumindest ein Dutzend verschiedener Sorten im Angebot.

Ich probierte einige aus:

T133-Bier-06

Ein Dorfbewohner erklärte mir in schönstem Hochdeutsch, dass in Belgien rund 500 verschiedene Sorten gebraut werden. (Sorten! Nicht Marken!)
Jeder Gerstensaft schmeckt anders. Manche leicht süßlich, andere wieder deftig herb, manche sogar pikant (leicht scharf).

Ein Bierwunderland!

Ich wurde langsam präziser in meinen Bestellungen.

Wovor mich aber niemand gewarnt hatte: Besonders die Trappistenbiere (die ausschließlich von Mönchen in Trappistenklöstern gebraut werden) sind enorm stark. Manche haben über 12 % Alkoholgehalt.

Meine Zunge wurde am frühen Abend schon reichlich schwer.

Hunger: Crêpe mit Hähnchen in Senfsoße (8,50 Euro). So lala.

T133-Essen-01

Unterkunft: Da alle Hotels ausgebucht waren, habe ich mir eine Privatunterkunft (Bed and Breakfast) genommen. Außerordentlich schön, aber teuer.

Vergeltungswaffen, Zwiebelsuppe und Deutsche Soldatenfriedhöfe zum Abendessen in Dassow

Brüder zur Sonne zum Bier!

Richtig geärgert habe ich mich. Über mich selbst! Den ganzen gestrigen Tag bin ich durch die Altstadt Wismars geschlendert, habe bei Trödlern und Souvenirhändlern nachgefragt, ob nicht irgendwer ein DDR-Andenken, eine Plakette, eine Honecker-Büste, eine FDJ-Devotionalie oder ein Geldschein im Angebot habe. Nichts!

Wie verschwunden das DDR-Andenken.

Und dann laufe ich beim Verlassen Wismars an einer Kneipe mit dem Namen „Volkskammer“ vorbei, die bis an die Decke mit allem Tand zugekleistert war, den der DDR-Sozialismus je hervorgebracht hat.
Niemand hatte mir einen Tipp gegeben.

Fluchtkoffer mit DDR-Währung

Ab 9 Uhr war Wandern angesagt. Ziel war, in die Nähe von Travemünde zu kommen. Gepackt habe ich es bis Dassau. 41 km entfernt.

GPS-Gesamtstrecke bis 079

Mir war klar, dass es mein vorletzter Tag auf ehemaligem DDR Gebiet war. Ich wollte ein wenig über die Wiedervereinigung nachdenken, über immer noch bestehende Unterschiede, Missverständnisse, Unverständliches, Narben. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, es gelang mir aber nicht. Meine Knie, meine Beine funktionierten, mein Kopf keineswegs. Er kam nicht in Gang.

Ich marschierte größtenteils auf Fahrradwegen, die wenig befahrene Straßen begleiteten. Ich wunderte mich, dass immer wieder getunte Opels an mir vorbei rauschten.

tiefer gelegt

Als ich Wohlenhagen an der Ostsee erreichte, wusste ich warum: Jahrestreffen der Opel-Fan-Vereine!
Tausende (im Ernst: Tausende) Mantas und Opel-Popel waren wie auf einem riesigen Campingplatz wie glitzernde Blech-Perlen nebeneinander aufgereiht.

Das Chassis niemals höher als die Grasnarbe

Die Fahrer und Beifahrer teils tiefer gelegt als ihre Karren.

Gemeinsam durch Dick und DÜnn

Der Aufbau Ost floss bei diesen Jugendlichen ausschließlich in das Tuning.
Einen Manta (war das ein Manta?) mit Flügeltüren hatte ich jedenfalls noch nicht gesehen.

Opel verleiht Flügel

Radkappen, Ablagen und Steuerknüppel aus Katzengold.

Golden Trophy

Schade, dass ich Musik nicht fotografieren kann. Aus diversen Lautsprechern dröhnte prollige Tussi-Busen-Arsch-Musik. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Fans damit nicht selbst verballhornten oder ob das das tatsächliche Niveau beschrieb. Assi-Toni lässt grüßen.

Deswegen gibt es Keinohrhasen, weil Opelaner die Löffel geklaut haben.

Ich verließ jetzt die Küste und lief landeinwärts Richtung Klütz. Mein Reiseführer versprach einen Ort der Ruhe und die schönste Barockanlage Norddeutschlands.
Mag stimmen, aber als ich ankam, war das Schloss komplett eingerüstet, ein Teil des Parkes umgegraben. Pech.

Entschädigt wurde ich auf dem weiteren Weg durch schöne, fast liebliche Kulturlandschaft.

Kultur=Landschaft

Landschaft=Kultur

KUH-Ltur

Als ich die Kühe auf mein digitales Zelluloid bannen wollte und nach einem Filter wühlte, entdeckte ich IHN in meiner Hosentasche!

Alle Alte Schweden heißen „Alter Schwede“

Ich fragte den Alten Schweden, was das solle, wieso er sich in meiner Hosentasche versteckt hatte?
„Wie soll ich mich sonst aus Wismar fortbewegen. Ich habe ja schließlich keine Beine!“
Er benutzte mich also als sein Wirtstier, das ihn durch die Welt tragen sollte.

Ich packte ihn wieder ein und lief noch stundenlang weiter bis die Sonne verschwand.

Hin und wieder wollte der Alte Schwede raus aus der Tasche. Nörgelte schrecklich. Hatte einen Kommandoton, wie ihn nur ein Alter Schwede haben konnte. Ich setzt ihn daraufhin auf eine Schnecke und drohte ihm, ihn mit seinem Transporttier allein zu lassen. Vielleicht käme er so in einigen Jahren an sein Ziel.

Mein Ziel Dassau erreichte ich gegen halb acht Uhr. Ein kleiner Ort in einer winzigen Bucht, an dem der Ostseeboom bisher vollständig vorbeigegangen ist.
Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Pension. Und auch ein offenes Restaurant. Das einzige.

Hunger: Dassauer Fischsüppchen. 5,90 Euro.
Ausgesprochen feiner Geschmack.

Das Hauptgericht Steak (ich hatte zum ersten Mal wieder Fleischhunger) war nicht der Rede wert.

Als ich das Gasthaus fast schon verlassen wollte, hatte ich eine ungewöhnliche Begegnung.

Ein älterer Herr, der sich trotz Gehstock sehr wackelig bewegte, fragte, ob ich er sich an meinen Tisch setzen könnte.
Er hieß Jan. Er war Belgier, 84 Jahre alt, sprach ausgezeichnet Deutsch, lebte seit zwei Jahren in einem Altersheim in Antwerpen und hatte sich vor zwei Tagen kurzentschlossen ein Auto gemietet, um nach Peenemünde in Usedom aufzubrechen. Er wollte unbedingt das Museum mit der V1 und V2 Rakete besuchen.

Das waren Waffen, die mich fast getötet hätten!

Jan war ehemaliger Architekt. „Kein Künstler“, sagte er, „ich bin praktisch. Zuerst der Zweck, dann die Schönheit!

Seine Tochter fand, er sei zu alt und gebrechlich, um so eine lange Reise allein zu unternehmen. Mehr als 900 km.

Doch Jan hatte sich durchgesetzt. Er wollte ihr und sich beweisen, dass
er das noch konnte. Außerdem wartete er noch auf die Antwort auf eine Frage, die er sich seit bald 70 Jahren stellte.

„Vergeltungswaffen“

Ich habe sie fliegen gesehen, wie ein Mini-Flugzeug sah sie aus: die Vergeltungswaffe 1. Als sie das erste Mal in Antwerpen einschlug (1943?), wusste niemand woher sie kam. Wie kann eine Bombe auf die Stadt niedergehen, über die kein deutsches Flugzeug geflogen war?
Erst langsam lernten wir, dass das eine neue Waffe der Deutschen war, ein unbemanntes Flugzeug, das gleichzeitig Bombe war. Immer und immer wieder schlug sie in Antwerpen ein.
Ich war 16 Jahre. Trotz der Gefahr, die von der V1 ausging, ich wollte sie fliegen sehen. Fasziniert habe ich ihren Lauf verfolgt.
Beinahe hätte sie mir den Tod gebracht. Ich wollte in keinen Bunker und wenige hundert Meter von meinem Platz entfernt, von dem ich den Himmel beobachtete, schlug sie wieder ein. Splitter, Steine, ein Knall. Mir war nichts passiert.

Später kam die Vergeltungswaffe 2 dazu. Eine Rakete. Mit ungleich höherer Sprengkraft. Meine Schwester ist richtig traumatisiert von ihr. Heute noch. Die V2 erzeugte immer zwei Explosionen.
Die erste, wenn der Sprengkopf mit aller Wucht einschlug und detonierte. Die zweite unmittelbar danach. Sie kam aus der Luft, aus dem Himmel. Die Treibstofftanks der Rakete explodierten über der Stadt. Dieses Geräusch war es, das meine Schwester hysterisch werden ließ.

Bis heute stelle ich mir die Frage, wie schafften es die deutschen Ingenieure damals, mit einfachen Mitteln erst die fliegende Bombe V1 und dann die Rakete V2 ins Ziel zu steuern?

Deswegen wollte Jan also ins Museum nach Peenemünde. Er wollte sich Gewissheit verschaffen, auf welch technischem Niveau die Ingenieure um Wernher von Braun 1943/44 gewesen waren.

Ich fragte ihn, ob er die Deutschen hasse?

Nein“, seine knappe Antwort, „aber das ist eine lange Geschichte“.

„Schwäbische Zwiebelsuppe“

Als die Deutschen sich in Belgien auf die Angriffe der britischen Invasionsarmee vorbereiteten, gruben sie sich in unseren Feldern ein. Kilometerlang buddelten sie Schützengräben aus.

Das Haus meiner Schwester war von den Deutschen beschlagnahmt worden und meine Schwester musste für sie kochen. Unter den Deutschen befand sich ein Schwabe, er kam aus Stuttgart. Beim Ausheben der Schützengräben hatte er immer und immer wieder reife Zwiebeln auf seiner Schippe. Er brachte es nicht fertig, sie alle wegzuwerfen.

So kam er eines Tages mit einer Tasche voller frischer Zwiebeln zu meiner Schwester und bat sie, für ihn eine Zwiebelsuppe zu kochen. Wir kennen das eigentlich nicht in Belgien. Aber er brachte es meiner Schwester bei.
Seitdem isst unsere gesamte Familie immer wieder Zwiebelsuppe.

Wenn meine Schwester vom Ursprung dieses leckeren Gerichtes erzählt, muss sie stets weinen – heute noch. Wir wissen nicht, ob sie wegen des Schwaben weint oder wegen des Zwiebelschneidens. Sie verrät es uns nicht.

Ich fragte Jan, ob er Flame sei.
Ja“ antwortete er, „aber das tut nichts zur Sache. Die Flamen standen damals auf der falschen Seite.

Jan erzählte einfach weiter.

„Deutsche Soldatenfriedhöfe“

Dort, wo ich wohne, gibt es viele Soldatenfriedhöfe. Der britische ist sehr pompös. Jedes Jahr kommen englische Veteranen, blasen Trompete, machen Zinnober.
Wir haben einen französischen und belgischen Soldatenfriedhof. Der schönste aber ist der deutsche. Ich glaube sogar, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof außerhalb Deutschlands. Ein ästhetischer Ort. Einfach, direkt, würdig, sehr gut gepflegt.

Jedes Jahr im Herbst laufe ich durch die Anlage. Ich will dann in Ruhe über den Krieg nachdenken. Krieg ist schrecklich. Immer.

Ich sah Jan lange ins Gesicht: Schöne wache Augen, eine Stirn mit erstaunlich wenig Falten, die Mundwinkel spöttisch angezogen, die Lippen schmal. Ein Mann, der viel Sympathie aussandte.

Ich fragte Jan noch einmal, warum er denn die Deutschen nicht hasse?
Er antwortete nicht.

Stattdessen verabschiedete er sich von mir, griff mit der rechten Hand seine Gehhilfe und stützte sich mit der Linken auf den Stuhllehnen, um die Balance beim Gehen nicht zu verlieren.

In den folgenden Tagen kaufte ich die Ostsee-Zeitung und las aufmerksam die lokalen Unfall-Nachrichten. Keine Meldung über einen verunglückten Belgier!
Ich atmete auf.

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).