Alle Wege führen in den Nebel, nur einer nach Kufstein

Der heutige Tag begann wie der gestrige: der steile Anstieg sofort. Fünfhundert schweißtreibende Meter hoch gleich nach Frühstück. Dann ging es auf dem Bergkamm weiter.

Herbstalm

Herbstalm

Das Ziel: Österreich erreichen. Kufstein lag am nächsten. 25 Kilometer entfernt.

GPS-185-Bayrischzell

GPS-Gesamtstrecke bis 185

Um halb zehn aufgebrochen. Der Schlechtwettergott war aber früher aufgewacht und hatte den Wald schon eingenebelt. Er schickte mir Nieselregen als Dauerbegleiter.

Die Bauernhöfe am Berg massiv. Wie Trutzburgen. Aber doch auch elegant, stilvoll.

Wetterburg

Wetterburg

Alle Wege führten direkt in den Nebel hinein.

Nieselnebel

Nieselnebel

Egal, ob ich Berg hoch oder Berg runter lief.

Graunebel

Graunebel

Reichlich durchweicht erreichte ich eine (nicht sehr hoch liegende) Berghütte.
Der Kamin war bereits eingeheizt. Ich konnte meine Klamotten trocknen.
Die Wirtin servierte mir eine Flädle-Suppe. Das Fett schwamm in der Rindsbrühe. Schmeckte aber großartig.

In der Bauernstube wollten diesen Abend einige Volksmusiker eine Session veranstalten.

Bauernstube

Bauernstube

Ich bedauerte nicht dabei sein zu können.
Bei der wortkargen Stuben-Dame erkundigte ich mich, was das für ein merkwürdiges Instrument im Eck der Bauernstube sei.
„Teufelsgeige“ – die viersilbige Antwort.

Ich durfte sie fotografieren.

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Teufelsgeige, Bettelgeige, Bumbass

Ein Gaudi-Instrument, an dem gute Musiker allerdings verzweifeln. Bratpfanne, Blechbüchse, Ratsche, Becken, Schellen und sonstiger Kleinkram schicken ziemlich krachlederne Töne hinaus.

Den Berg hatte ich inzwischen überquert und ich stieg durch Wald nach Kiefersfelden ab. Die Baumkronen waren gegen Regen imprägniert und hielten ihn fern von mir.

Regendach

Regendach

Und plötzlich hatte ich ihn vor mir: den Inn!

Wie fotografiert man Luft?

Wie fotografiert man Luft?

Ich freute mich. Ein bisschen war es wie Heimkommen. Auf der allerersten Etappe meiner Grenzwanderung war ich dem Inn bereits ein gutes Stück gefolgt.

Verhüllter Zuckerhut

Verhüllter Zuckerhut

Der Kreis begann sich zu schließen. Ich war nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt, Deutschland einmal zu umrunden.
7, 8 Tage fehlten jetzt noch.

Ich freute mich auch auf Österreich.

Beim Grenzübertritt begrüßte mich ein Kilometerstein mit einer Null.

Kilometer-Eichung

Kilometer-Eichung

Ziemlich genau um 17 Uhr überquerte ich den Fluss und betrat Kufstein.

Finde die Brücke

Finde die Brücke

Durst: Grüner Veltliner.
Hunger: Ochsenfleisch mit Kren, Kartoffeln und Gemüseallerlei. Ordentlich (aber nicht fein). 12,50 Euro.

T185-Essen-01

Meine einzigen Begleiter bis nach Breitenberg sind Wegkreuze

Früh aufgestanden, aber spät gestartet. Das geht so zusammen:

Gestern, als ich Wegscheid betreten hatte, war mir ein Schild aufgefallen: „Handweberei“. Seit langem sammle ich schönes Kunsthandwerk.
Also ging ich heute morgen sehr früh zur Werkstatt. Und fand ein lebendiges Museum.
Wohl die letzte nicht industrielle Weberei im Bayerischen Wald.

Ein überaus sympathischer Kerl (einer der Brüder, die das Unternehmen leiten) gab mir eine kurze Einführung in die Weberei-Geschichte der Region.

Vor Jahren wurde in der Gemarkung in (fast) jedem Bauernhof gewebt. Das Wegscheider Leinen war europaweit begehrt. Nach dem Krieg starb das Handwerk praktisch aus. Bis auf diese Weberei. (Es gibt nur noch zwei, drei Frauen in der Gegend, die per Hand spinnen und auch privat weben.) In der Webfabrik arbeiten neben BruderUndBruder ein halbes Dutzend angelernter Frauen aus Wegscheid (halbtags). Sie produzieren fantastische Stoffe.

Weberinnen in Wegscheid

Fingerfertigkeit am Handwebstuhl

Feinste Handarbeit in Wegscheid

In der Weberei habe ich mir übrigens einen Kissenbezug (Schwedenstern-Muster) und einen Tischläufer gekauft. Faire Preise.

(Habe das Video mit meiner neuen Spiegelreflex gedreht, bekomm’s aber nicht gescheit konvertiert. Werde mich damit beschäftigen, wenn ich mal Pause mache.)

Mehr zur Geschichte der Webkunst auf der Webseite der Handweberei:

http://www.handweberei-moser.de/startseite.html

Hatte mir vorgenommen, heute bis nach Breitenberg zu gehen. Ca. 17 km. Halb zehn spazierte ich los. Der Weg führte größtenteils parallel zur österreichischen Grenze.

GPS-Gesamtstrecke bis 010

Mieses Wetter. Konnte sich nicht entscheiden zu regnen oder zu schneien. Ziemliches Rumgerutsche. Immer wieder Glatteis. Hatte ab und zu Angst um meine Fotoausrüstung (bei einem Sturz).

Nur selten kam mal etwas Sonne durch. Dann aber prächtige Stimmungen.

Blaue Flecken in Wolkenwand

Die treuesten Wegbegleiter – wie immer – Wegkreuze. Diesmal gab es ganz besondere Exemplare. Kunsthandwerklich anspruchsvoll.

Die ganze Bibel in einem Kreuz

(Wenn ich es recht verstehe, stehen all die Werkzeuge, die hier rund um den Gekreuzigten modelliert sind, für die Instrumente, mit denen Jesus gefoltert (Geißel), nach Golgotha geschleppt (Kette), ans Kreuz geschlagen (Leiter, Hammer) und gemeuchelt wurde (Schwert, Lanze). Plus die gesamte Verrats-Geschichte.

Kunstfertige Schnitzereien am Wegrand

Schön arrangiertes Wegkreuz mit Birken

Werde auf meinem Blog demnächst eine Seite (unter „Galerie“) einrichten, nur mit den Wegkreuzen, die ich passiere. Es sind viele und ich nehme jedes einzelne auf. Habe kaum Zeit, sie besonders abzulichten. Schnappschüsse, aber sie erzählen genug über die Volksfrömmigkeit in dieser Gegend.

Zur Abwechslung (wenn schon keine Menschen auf den Wegen) mal ein paar Viecher.

WeissBraunes Paar

Zahnpflegewerbung

Paartanz

Langsam wurde es Abend. Eine Polizeistreife hielt mich kurz vor Breitenberg auf. Ich machte mich durch bloßes Wandern verdächtig. Ist ja sonst niemand zu Fuß unterwegs. Die Beamten waren reichlich unhöflich, ließen mich aber wieder laufen – Pass war gültig und deutsch.

Noch einmal grandioses Landschaftsbild mit Häuserdach.

Weiss in Weiss mit Grau

15:30 Uhr Ankunft in Breitenberg.

Durst:
Erstes Bier ein Hutthurmer Helles (Brauerei im Bayerischen Wald, gegründet 1557!!!!). 2,40 Euro.

War gut. (Hab‘ allerdings langsam den Verdacht, dass in manchen Gasthäusern nicht richtig gezapft wird. Oft wirken die Biere abgestanden. Wissen die Wirte eigentlich, welchen Frevel sie begehen?)

Hunger:
Wildteller (Keule vom Wildkaninchen, Wildschwein- und Rehfleisch) mit Kroketten und Salat.

War okay. (Ich werd langsam bescheiden oder ich bin zu anspruchsvoll. Was könnte man nicht alles aus diesem Fleisch machen!) (16,90 Euro)

Dazu ein Wolferstetter Hefeweizen. (2,40 Euro.) Bitte Etikett beachten!!

Unterkunft: 38 Euro (mit Frühstück).