Zum Zither Maxl nach Bayrischzell

Schön und traditionell sehen die Bauernhäuser immer noch aus.
Doch wo einst der Kuhstall war, ist eine Küche, die Platz für eine ganze Kochbrigade bereit hält.
Wo einst die ausladenden Familientische aus Eiche standen, sind riesige Gastzimmer entstanden.
Bauern, die in den 80ern oder 90ern schlau waren, konnten sich ein noch größeres Haus erkochen.

Mehrgenerationenhäuser sind das nicht mehr. In den Zimmern der Opa-Omas, der Kinder-Kindeskinder, der Mägde-und-Knechte schlafen heute Touristen aus aller Herren Länder.

Schlaubauernhäuser

Schlaubauernhäuser

Töchter und Sohn helfen nur aus, wenn sie mal selbst ein Wochenende im Elternhaus verbringen.
Die Bedienungen mittlerweile international.

Nur: Deutsch müssen sie sprechen können. Wie Edda es tut! Fast akzentfrei.

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Edda – so erzählte sie mir gestern Abend – stammt aus Siebenbürgen. Sie spricht rumänisch und italienisch. Und natürlich Hochdeutsch. Vor drei Jahren verließ sie Rumänien. Erst jobbte sie in Italien. Die Wirtschaftskrise dort verschlug sie schließlich nach Bayern. Viele Deutsch sprechende Rumänen und Bulgaren arbeiteten heute als Servicekräfte in der bayerischen Gastronomie.

Edda hatte mitbekommen, dass ich nach Österreich gehen wollte. Sie fragte, ob ich sie mitnehmen könnte. In den Tiroler Feriengebieten würde man noch besser als hier verdienen.
Ich packte sie in meinen Rucksack und zog los.

Mein Tagesziel heute: Bayrischzell. Ca. 22 km zu laufen. Nahe an der österreichischen Grenze.

GPS-184-Rottach-Egern

GPS-Gesamtstrecke bis 184

Der schweißtreibende Anstieg gleich zu Beginn: 500 Höhenmeter hochgekämpft und sofort wieder die Höhe verloren. Runter bis zu den Fischerhäuschen am Schliersee.

Privatsteg

Privatsteg

Augenblicklich Hunger und Durst gestillt.
Zu Weißwürsten mit Brez’n ein anständiges Hefeweizen.
Es schmeckte saugut. (Wenn ich es richtig auf dem Bierdeckel gelesen habe, geht die Brautradition von Arco auf das Jahr 1630 zurück!)

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Dann wieder hoch (beliebtes Alpenspiel). Schöne Weiler. Oder Aussiedlerhöfe. Einsam jedenfalls.

Grün-Idyll

Grün-Idyll

Wäre ich Pilzkundler, würde ich unterwegs nicht verhungern.

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Edda hatte beim Anblick eines Fliegenpilzes eine Idee. Sie würde gerne Dirndl im Fliegenpilzmuster entwerfen. Das sei sicher ein gutes Geschäft, da ja heute alle jungen Mädels Dirndl als Partykleidung kauften.
Ich ließ sie träumen.

Drugs, Alcohol and Dirndl

Drugs, Alcohol and Dirndl

Am Wegrand Bildstöcke. Mit Maria in einem rotweißen fliegenpilzähnlichen Tuch.
„Siehst Du!“ rief Edda.

Drugs, Religion and Dirndl

Drugs, Religion and Dirndl

Stele

Stele

Ziemlich genau gegenüber eine Gedenktafel für den 1878 verunglückten Dorfpfarrer. Hatte er zu viel rotweißen Röcken nachgeschaut, statt auf den Weg zu achten?

Gottes Zorn trifft auch die Frommen

Gottes Zorn trifft auch die Frommen

Wer hat heute noch Erinnerung an diesen Gottesdiener? Und warum wird immer noch seiner gedacht? Nach 140 Jahren.
Niemand antwortete mir.

Es regnete. Mal stark, mal schwach. Der Wendelstein befreite sich kurz von den Wolken und simulierte Sonnenherbst.

Zeig Dich!

Zeig Dich!

In den Dörfern trieben Bäuerinnen derweil die Kühe von der Weide in den Stall.

Cows and Cowgirl

Cows and Cowgirl

Der Tag graute mächtig.
Nach 7 Stunden in Bayrischzell eingelaufen. Langweiliges Kaff.

Der verlorene Charme der bayerischen Bourgeoisie

Der verlorene Charme der bayerischen Bourgeoisie

Riesenhunger:
Kraftbrühe mit Brätnockerl. Klasse! 3,50 Euro.

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Schweinsleber in Majoransauce mit Salz-Kartoffeln. Sensationell gut. 9,50 Euro. (Und verdammt viel.)

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Die Bedienung outete sch als nostalgischer Verehrer von Prinzregent Luitpold, der um die Jahrhundertwende (1900) das Schicksal Bayerns bestimmte.

Offenbar gibt es immer noch Monarchisten in diesem bayerischen Winkel.

Zum Essen gab’s Stub’nmusi. Genialer Zitherspieler. Er erfüllte mir den Wunsch: „Hary-Lime-Thema“ von Anton Karas. „Der Dritte Mann“.
Er ließ sich in Euro, aber noch lieber in Naturalien zahlen. Vorzugsweise Averna oder ein lokaler Kräuterschnaps.

Der Dritte Mann

Der Dritte Mann

Danach gab er mir einen Volkshochschulkurs: Herzog Maximilian von Bayern war einst ein großer Förderer des Zitherspielens. Zither-Maxl nannte ihn der Volksmund.

Der Mann an der Zither spielte besser als er erzählen konnte.
Was für ein Abend!

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Edda kümmerte sich in der Nacht rührend um die gebrochene Hand von Paule.

Wahre Liebe ist ....

Wahre Liebe ist ….

Japanische Stille an bayerischen Seen und auf dem Weg nach Unterammergau

Füssen ist ein babylonischer Ort. Vielfältige Sprachen in den Straßen.
Sicher kommen die Touristen nicht aus der weiten Welt hierher, um sich das eher langweilige Städtchen anzuschauen. Es gibt schönere in Bayern.

Rote Kapelle

Rote Kapelle

Füssen ist Ausgangspunkt für die Tour zu den Königsschlössern des verrückten Ludwig II.

Und genau das hatte ich mir heute auch vorgenommen: eine Wanderung zu zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands.
Die Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein. Danach wollte ich noch ein wenig weiterlaufen. Es wurde schließlich ein sehr langer Tag und rund 40 Kilometer, die ich marschieren musste.

GPS-179-Fuessen

GPS-Gesamtstrecke bis 179

Um 9 Uhr hatte ich Füssen verlassen und mich über einen kleinen bewaldeten Hügel zum Schwansee aufgemacht.

Märchenwald

Märchenwald

Der Nebel sollte den ganzen Tag mein Begleiter sein.

Swansee

Swansee

„Japanische“ Stille um den Teich.

Variation von Swansee

Variation von Swansee

Schilf, Gras, Seerosen meditierten und bewegten sich dabei nicht.

Sweet Rose of Bayern

Sweet Rose of Bayern

Windlose Stille.

KeinVorgartenteich

Kein Vorgartenteich

Von der Ruhe zum Tumult war es jedoch nicht weit. Eine halbe Stunde nur bis zu den Burganlagen. Und das babylonische Sprachgewirr schwoll orkanartig an. Tausende Menschen hatten sich an diesem kalten und grauen Sonntagmorgen aufgemacht, Traumfotos in ihre digitalen Tagebücher zu kleben.
Nur: Zu sehen bekamen sie fast nichts.

Hohenschwangau in Nebel gehüllt.

Fog Castle

Fog Castle

Neuschwanstein fast unsichtbar.

Edgar Wallace was here

Edgar Wallace was here

Ich hätte heute in vielen Sprachen das Wort „Scheiße“ lernen können. Hatte aber nicht die Geduld, mir die enttäuschten Schnappschüssler länger anzuschauen und zog weiter.

Ludwig II war Japaner!

Ludwig II war Japaner!

Ausgesprochen schöne Herbst-Wanderwege durch die bayerische Provinz.

All along the ...

All along the …

Die Dörfer kompakt, nicht zersiedelt.

Bavaria

Bavaria

Manche mit wunderschönen alten Bauernhäusern.

Bavaria Ausschnitt 1

Bavaria Ausschnitt 1

Bavaria Ausschnitt 2

Bavaria Ausschnitt 2

Bauern bekam ich nicht zu Gesicht weder in den Straßen noch auf den Feldern.
Nur ein paar verspielte Kinder auf Fassaden.
Bayern weiß sich zu inszenieren!

Bavaria Ausschnitt 3

Bavaria Ausschnitt 3

Erstaunlicherweise fiel mir das Gehen leicht heute. Nicht einmal Pausen brauchte ich. Sehr gleichmäßig mein Schritt.

Alle Wege führen zum Kreuz

Alle Wege führen zum Kreuz

Ich genoss die Ruhe. Der Nebel nahm der Landschaft die Akzente.

Kein weg net ohne Vieh

Kein weg net ohne Viech

Kontrastarm auch meine Gedanken. Sie marschierten so mit meinen Füßen mit. Irgendetwas dachte in mir, aber schon im nächsten Moment konnte ich mich daran nicht mehr erinnern.

Manchmal eine seichte Furt und ein kleiner Zweifel: Which way to go?

Which way?

Which way?

Es wurde spät und dunkel.

Finsternis sah mit Hundert schwarzen Augen aus den Tannenbäumen. (Frei nach Goethe.)

Wegmarke

Wegmarke

Das Hochmoor glühte sich noch einmal warm für die kalte Nacht, die jetzt hereinbrach.

Lieber Herbst

Lieber Herbst

Nach 11 Stunden und in ziemlicher Dunkelheit erreichte ich Unterammergau.

Durst: Paulaner Bier. (Nicht gerade meine Lieblingssorte.)

Hunger:
Brätsuppe: 3,50 Euro. Deftig und schmackhaft.

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Allgäuer Kässpätzle. 7,50 Euro, Preis gut. Essen leider nicht.

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Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).
(Mit dem Zug war ich ins 4 km entfernte Oberammergau gefahren und hatte mir dort ein Quartier gesucht.)

Spät saß ich noch in einer Wirtschaft und sah den heimischen Stammtischbrüdern beim Watten zu.
Ein ziemlich schlitzohriges Kartenspiel.

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Lauf,lauf,lauf bis Immenstadt

Lingenau im Tiefschlaf.
So früh war ich doch gar nicht aufgebrochen. Halb neun. Und doch hatte ich das Gefühl, das ganze Dorf sei noch beim Frühstück.
Kein Bauer im Hof oder im Feld, keine Magd Milch schleppend, keine verrotzten Kinder auf dem Schulweg. Nicht mal Touristen, die ihre Autos warm laufen ließen.

Selige Stille.

Nur manchmal hatte ich das Gefühl, die Luft knirsche. Ich musste mich getäuscht haben.

Schlafende Häuser

Schläfrige Häuser

Mein Tagesziel: irgendein Dorf in Bayern erreichen. Es wurde lang und weit. 41 km am Ende – bis ich Immenstadt erreichen sollte.

GPS-176-Lingenau

GPS-Gesamtstrecke bis 176

Regen war angesagt. Gewitterwarnung. An Bergbesteigungen nicht zu denken. Bisweilen packte es doch ein Sonnenstrahl Täler und Bergkämme zu verschönern.

Schläfrige Dörfer

Schläfrige Dörfer

Wie laut ein harmloser Bach sein kann, wenn er nur über ein paar größere Kieselsteine holpert.

Permanentes Spülgeräusch

Permanentes Spülgeräusch

Die meisten Häuser im Bregenzer Wald im traditionellen Schindel-Stil.
Die neuen waren hellbraun, die älteren bevorzugten runzeliges Schwarzbraun als Farbton.

Würd gern die Schindeln zählen

Würd‘ gern die Schindeln zählen

Malerwinkel zuhauf.

Kirchturm als Wolkenpiekser

Kirchturm als Wolkenpiekser

Ich lief Wirtschafts- und Feldwege entlang. Und trotzdem erklomm ich wieder Serpentinen folgend Bergpässe. Einmal, kurz vor der Grenze zu Deutschland, zeigte meine höhenmessende Uhr 1.050 Meter an.

Mitten auf einer Almwiese das güldene Hoheitszeichen der Bundesrepublik D.

Orange-Gold

Orange-Gold

Die Dörfer auf der bayerischen Seite nicht anders als die auf der österreichischen. Irgendwann waren die ja auch mal eins.

Dampftäler

Dampftäler

Mittlerweile regnete es stark. Es hörte erst auf, als ich gegen Viertel vor zwei Oberstaufen erreichte. Das Zentrum leer, die Touristen saßen beim Mittagsmahl. Vorwiegend Senioren-Paare, die sich verständnisvoll anschwiegen.

So sind Zentren halt

So sind Zentren halt

In und um Oberstaufen zeigten zahlreiche Gebäude wie kreuzkatholisch deren Besitzer waren. Prachtvolle und fast schon genüsslich ausmodellierte Kreuzigungsszenen knapp unterhalb der Hausgiebel. (Jetzt erst verstand ich den Sinn des Wortes „Kreuz“-Katholisch!)

Verspielt

Verspielt

Seriös

Seriös

Irgendetwas trieb mich weiter. Schon seit zwei, drei Tagen hatte ich an (in?) mir eine innere Unruhe bemerkt. Ich war nicht mehr aufmerksam den Menschen gegenüber, denen ich begegnete, aber auch nicht mehr mir gegenüber. Ich hatte kaum Geduld, einen Gedanken weiter zu spinnen, ein wenig vor mich hin zu träumen. Es schien, als sei alles in mir darauf gerichtet, endlich anzukommen, meine Grenzwanderung zu beenden. Viel fehlte ja auch nicht mehr. Noch zwei Wochen, 350 Kilometer vielleicht. Meine ganze Energie war darauf gerichtet, meinen Körper lauffähig zu halten. Und ich lief und lief und lief.

Schöne Wanderwege.

Aussichtsreich

Aussichtsreich

Kurz hielt ich inne an einem kleinen Wasserfall.

Kein Spülgeräusch - klingt eher nach Rieseln

Kein Spülgeräusch – klingt eher nach Rieseln

Kurz vor 18 Uhr erreichte ich den Alpsee. Hundemüde schon, aber die Wolkendecke brach gerade auf. Die Sonne legte für einige Sekunden ein surreales Milchlicht über die Landschaft.

Vision-Art 1

Vision-Art 1

Vision Art 2

Vision Art 2

Am liebsten wäre ich hier geblieben, hätte mir gerne eine Unterkunft in Bühl am Alpsee genommen.
Fehlanzeige.

Don't be afraid

Don’t be afraid

Bis Immenstadt musste ich gehen, um ein Hotel zu finden. Halb acht unterschrieb ich den Gast-Zettel. Knallte mich in die Gaststube und ließ mich verwöhnen.

Durst: Allgäuer Büble Bier. Schmackhaft. Ging runter wie nix! (Allgäuer Brauhaus – seit 1888 / mittlerweile zur Radeberger Gruppe gehörend.)

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Hunger.
Vorspeise: Tafelspitz-Suppe mit Brätstrudel. Ging auch runter wie nix! 3,50 Euro.

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Hauptspeise: Zwiebelrostbraten mit Allgäuer Spätzle. Fleisch war vom heimischen Weiderind. Sehr schmackhaft. Spätzle gut. Ging ebenfalls runter wie nix! 18,90 Euro.

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Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück). Sehr anständig.

Uneingeschränkt zufrieden erreiche ich Konstanz und noch mehr

Kalt! Aber Frühsonne. Halb neun.

Im Mittel ziemlich alt

Im Mittel ziemlich alt

Ich beschloss von Stein aus auf der nördlichen Rheinseite weiterzulaufen. Also zuerst auf der deutschen Seite.
Ich wollte bis Konstanz kommen. 24 km. Nicht so weit.

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GPS-Gesamtstrecke bis 171

In Null Komma Nix die Schweiz wieder verlassen und Deutschland betreten. (Hätte ich meinen Pass stempeln lassen müssen, wäre er nur auf dieser Tour voll geworden. So viele Grenzübertritte an zwei, drei Tagen. Aber Pässe – was war das nochmal in Europa?)

Der Rhein gab sich unnahbar.

Fern und doch nah

Fern und doch nah

Und der Rheinuferweg entfernte sich immer mehr vom Ufer. „KEIN DUCHGANG!“, „PRIVAT!“.
Deutschland! Zugebaut! 90 Prozent des Ufervermögens befinden sich in der Hand von 5 Prozent der Uferlos-Vermögenden!
Da wird man noch wider Willen zum Marxisten!
Kampf für den Freien Uferblick!

Nah und doch so fern

Nah und doch so fern

Villa nach Villa mit exklusivem Strandzugang.
Die Zweitwagen passen nicht mehr in die Garagen.

Nahverkehr der Anlieger

Nahverkehr der Anlieger

Öffentlichen Zugang zum Rhein gab es auf dieser Strecke nur, wo es auch eine öffentliche Toilette gab.
Anyway – nicht so kleinkariert denken! Dort, wo der Rhein sich für die Sterblichen blicken ließ, zeigte er sich von seiner malerischen Seite.

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Dabei zweifelte ich manchmal, ob das noch der Rhein oder schon der Bodensee war.

(H)öffentlich

(H)öffentlich

Sicher war nur: Auf der gegenüberliegenden Seite lag die Schweiz und ich lief in Deutschland umher.

On the other side

On the other side

Aber war dieser Fischer jetzt Schweizer oder Deutscher? War er Bodensee- oder Rheinfischer? Was sagte die Europäische Union dazu?

Fischt nicht im Trüben

Fischt nicht im Trüben

Wie auch immer. Ein Zeppelin zeigte mir an, dass ich mich in Bodenseenähe bewegte.

brennt nicht

brennt nicht

In Hemmenhofen bestieg ich eine Fähre, um mich auf die Schweizer Seite zu beamen. Zum einen, um mich anständig von den Eidgenossen zu verabschieden. Zum anderen war es der einzige Weg, um heute noch Konstanz zu Fuß zu erreichen.

Im Rheindörfchen Steckborn könnte man gut Venedig Filme doubeln.

Canale Grande

Canale Grande

Spätestens bei Berlingen weitete sich der Rhein zum Bodensee. Grandios! Schwäbisches Meer!

Blick weiten

Blick weiten

Ich beobachtete einen älteren Herren mit weißem knautschigen Schlapphut, wie er locker ein Speedboot zu sich heranzog und zum Ausflug sattelte.

„Gute Fahrt“ rief ich ihm hinterher. Er drehte sich um und öffnete sein Herz:

Maurer habe er gelernt. Dann habe er sich spezialisiert und sich selbständig gemacht. 35 Jahre habe er so malocht.
Jetzt, mit 73 sei es Zeit zu genießen.

Satisfy your mind

Satisfy your mind

Mit einer Hand wies er zum Ufer und zeigte mir sein Haus, auf dessen Balkon seine Frau stand und ihm zuwinkte.

Kein schöner Land als hier!

Mit seinem Speedboot fuhr er zu seinem eigentlichen Schiff, das weiter draußen im Wind schaukelte.

Ein herzliches "Auf Wiedersehen!"

Ein herzliches „Auf Wiedersehen!“

Die uneingeschränkte Zufriedenheit dieses Mannes mit sich und seinem Leben beeindruckte mich.

Das Schweizer Ufer – anders als in Deutschland – öffentlich zugänglich. Der Uferweg meist dicht am Wasser, nur ganz am Schluss entfernte er sich und führte durch Bio-Äcker zur deutschen Grenze.

Bio bis zum Horizont

Bio bis zum Horizont

Moderne Kartoffelbauern haben keine Schwielen mehr an den Händen.

Kartoffelgräber

Kartoffelgräber

An der Stadtgrenze zu Konstanz: ein verlassenes Zollhaus.
Wie liebe ich Schengen!

Exit Schweiz

Exit Schweiz

Nach 7 Stunden das Zentrum Konstanz‘ erreicht.

Die Stadt wegen Überfüllung geschlossen.

Have fun

Have fun

Messen, Indian Summer Wochenende, Oktoberfest.

Hicks

Hicks

Kein Zimmer! Zig Hotels besucht. Zigzig Hotels angerufen. Nix!
Ich musste die schöne Konstanzer Kurtisane Imperia verlassen!

Big breasted woman

Big breasted woman

Mit dem superschnellen Katamaran setzte ich ans andere Ufer über.

I'd rathe go wild

She’d rather go wild

Nach Friedrichshafen. Dort fand ich Quartier.

Hunger: Wildgulasch. Richtig klasse!

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Angenehme Unterkunft. Gasthof von Familie in 4. Generation geführt.

65 Euro (mit (super) Früstück).

Ein grenzenlos schöner Tag bis Heinsberg

Glück gehabt gestern! Gelaufen, bis der ganze Körper nicht mehr konnte, und dann diese wunderschöne Unterkunft gefunden. Mit Ausblick zur Maas.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Mit Rücktür zur Burg.
Ein alter Wachturm aus dem 10. Jahrhundert ist der Kern der Anlage.
(Gibt es neben Wachtürmen auch Schlaftürme?)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zur Ruine geschossen.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Von der Frühstücksterrasse zum Ufer sind es ein paar Stufen.

Frühstücksblick

Frühstücksblick

Kurz nach 9 Uhr aufgebrochen. Mein heutiges Ziel: zurück nach Deutschland, nach Heinsberg.
33 Kilometer Fußweg.

GPS-130-Kessel

GPS-Gesamtstrecke bis 130

Die Maas wieder mit einer Fähre gequert (1 Euro).

Ping Pong Fähre

Ping Pong Fähre

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass dieser niederländische Fluss so pittoresk sein konnte.

Maas Romantik

Maas Romantik

Am anderen Ufer umschloss mich die Farbe Weiß.

Weite Wege Weite Felder

Weite Wege Weite Felder

Kilometerlange Blütenallee.

Die Farbe der Reinheit

Die Farbe der Reinheit

Nichts machen die Niederländer „klein“. Alles ist „big“!

Gigantische Spargelfelder, nicht enden wollende Obstplantagen, Tulpengewächshäuser, die in den Horizont hineinwachsen, Kuhställe so groß wie Flugzeugterminals, Einkaufszentren mit mehr Fläche als Kleinstädte.

Die Niederlande ist ein Masse-Land.
Small is beautiful, but small is not here.
(Habe z.B. nirgendwo einen kleinen Biohof gesehen.)

Den Menschen, denen ich in den Dörfern begegnete, sah man keine bäuerliche Herkunft an, auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiteten. Das war mir eigentlich in der ganzen Region Limburg aufgefallen. Die Bewohner wirkten eher wie Kaufleute, Angestellte von mittelständischen Unternehmen, Dienstleister, nicht aber wie Ackerer, Landwirte, Knechte. Schwielen an den Händen sah ich keine.

Vielleicht hängt dies auch mit der Größe der Höfe zusammen, die eher wie Industriebetriebe geführt werden.

Eine eingezäunt Mühle aus dem 17.Jahrhundert. Erbaut 1604!

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Letzte Mühle vor der Ausfahrt

Die Ortsdurchfahrten in den Niederlanden sind oft durch „Drempels“ geschützt.

Sprachschön

Sprachschön

In deutscher Behördensprache sind das „Bremsschwellen“ oder „Fahrbahnschwellen“.
Die schönste Bezeichnung stammt aus Belize: „sleeping policeman“.
In Frankreich: „dos d’âne“: Eselsrücken.
In Mexiko: „tope“.
In den USA: „Mexican bumps“.
In Peru: „rompe muela“: Backenzahnbrecher.
Im Westfälischen: „Bremshuppel“.
In der Bundeshauptstadt: „Berliner Kissen“.

In manchen Ortschaften fühlte ich mich beobachtet.

Wer hat Angst vor Virginia ?

Wer hat Angst vor Virginia ?

Zwischenstation in der Stadt Roermond.

Hier mündet die Rur (Roer) in die Maas. Roermond ist ein Einkaufszentrum mit einem enorm großen Outlet-Center. 2,8 Millionen Besucher kommen jährlich zum Shoppen. Die meisten aus dem nahen Deutschland.

Die Straßen wirken britisch.

Is it british?

Is it british?

Durst: Heineken. Stolzer Preis am Marktplatz: 4,70 Euro.

T130-Bier-01

Habe mir sämtlich erreichbaren Biere beim Nachbarn durch die Kehle laufen lassen: Heineken, Amstel, Grolsch, Brand.
Fast alle schmecken sehr ähnlich. Süffig, leicht konsumierbar. Wenig Nachhall. Kaum eigener Charakter. Auf Massengeschmack getrimmt.
Einzige Ausnahme: Jan Hertog!

Wegheilige und Wegkreuze hätte ich in den eigentlich calvinistischen Niederlanden nicht erwartet.
Aber sie gab es überall, in den Dörfern und besonders auch in den Städten.

Katholische Niederlande

Katholische Niederlande

(Ich hatte mich mal wieder geirrt. Die Katholiken bilden mittlerweile die größte Religionsgemeinschaft im Land.)

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Marienkult

Sint Odilienberg. Eine Abtei (aus dem 11. Jahrhundert !), von der aus die Christianisierung der Niederlande betrieben wurde.

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Klosterplätze werden immer von Fotografen ausgesucht

Kurz hinter Posterholt: die Grenze war erreicht.
Antje saß auf einer großen Fritten-Tüte, ziemlich genau auf der Grenzlinie.
Sie sagte, sie käme vom niederländischen Tourismusverband und wolle von mir gerne wissen, wie mir das Land gefallen habe. Jetzt, da ich es verließe.

Antje will's wissen

Antje will’s wissen

Ich erzählte Antje, dass ich mich entschieden hätte ihre Landleute wirklich zu mögen!
Ich hätte ausnahmslos nette, aufmerksame, kommunikative und sehr hilfsbereite Menschen erlebt.
Von Vorurteilen und Vorbehalten hätte ich nichts gespürt.

Ob mich denn wirklich gar nichts gestört hätte?

„Doch“, antwortete ich: „Eine Sache gab es! Die Rudelbildung. Wenn du alleine an einem Tisch im Biergarten oder auf einer Restaurant-Terasse sitzt, kann es sehr schnell passieren, dass du ungefragt von einer Herde gut gelaunter und sich laut unterhaltender Menschen umzingelt wirst. Sie nehmen einfach an deinem Tisch Platz. Etwas, was in Deutschland, Spanien oder Frankreich nie geschehen würde.“
Am Anfang hätte ich das rücksichtslos gefunden, mich dann aber gefragt, ob meine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht ist das einfach nur „unkompliziert“.
Antje lachte.

„Ich finde Euch cool!“ schmeichelte ich ihr und verabschiedete mich.

Zwei Stunden fehlten noch bis Heinsberg.
Meine Fußsohlen brannten und ich hätte Lust gehabt, meine Füße in einem der vielen Baggerseen abzukühlen.

Der Maianfang fühlte sich bereits wie Sommer an.

Sommer im Frühling

Sommer im Frühling

Spring in the city

Spring in the city

Ankunft nach 9 1/2 Stunden. Erschöpft.

Die Auswahl der Restaurants in Heinsberg schwankt zwischen türkisch, griechisch, italienisch und italienisch griechisch, türkisch.

Ich wählte griechisch.

Hunger: Gegrillter Schafskäse (in Flüssigform). Pikant gewürzt. Gut.

T130-Essen-02

Dazu etliche Biere (Veltins), um mich herunter zu kühlen.

Unterkunft: 47 Euro.

Mit einem alt gewordenen Lassie nach Emmerich am Rhein

Ich vermute, es war der Schlossherr höchst persönlich, der in der Früh etwas schlaftrunken, aber freundlich grüßend, an mir vorbei geschritten war. Groß gewachsen, mattweiße Haare, Seniorität ausstrahlender Blick, karamellfarbene Cordhose (grober Ripp), förster-grünes Wams, italienische Lederschuhe.
Die Aufmachung sah sehr nach der Standes-Tracht der Adligen aus.

Wunderschön gelegen: die Wasserburg Anholt (eigentlich ein Schloss). Stammsitz des Fürstengeschlechts der Salms.

Stein tanzt auf Wasser

Stein tanzt auf Wasser

Das gewöhnliche Publikum darf nicht die Innenräume der Burg (außer Museum und Waffensaal), sondern nur die Parkanlagen betreten. Und das erst ab 10 Uhr.
Ich stand jedoch schon um 9 Uhr vor der Anlage. Ich war extra früh aufgestanden und schon um kurz nach 8 Uhr in Isselburg losmarschiert.
Das Tagesziel: Emmerich am Rhein: Ziemlich genau 20 km entfernt.

GPS-123-Isselburg

GPS-Gesamtstrecke bis 123

Der Himmel färbte sich dunkelschwarz ein, dass ich nicht länger warten wollte, bis die Gartentore aufgeschlossen werden würden.

Ich begab mich auf den Grenzweg (so hieß der geteerte Feldweg tatsächlich). Meist duckte er sich flach unter dem Kommando niederländischer Verkehrsschilder. Aber tatsächlich wusste ich oft nicht, auf welcher Länder-Seite ich mich nun befand. Zu gleich die Landschaft, die Felderwirtschaft, die Bauernhöfe, die Gesichter der wenigen Menschen, die mir unterwegs begegneten. (Am „Hallo“ spürte ich dann doch den Unterschied. Die Niederländer betonen den Gruß auf der letzten Silbe!)

Ziemlich häufig ging es schnurstracks „Gerade aus!“.

Schnörkellos

Schnörkellos

Ich weiß nicht, warum: Aber ich freute mich riesig, heute Nachmittag den Rhein zu sehen, als wartete dort der Nibelungenschatz auf mich.
„Vater Rhein“: Seltsam, wie sich das Mythische in einem festgefressen hat.

Plötzlich ein Schatten neben mir. Zuerst erschrak ich mich, dass ein Hund sich so lautlos an meine Beine herangeschlichen hatte. Schnell war klar, dass er ein herrenloser Streuner war. Mich hatte er als sein neues Herrchen adoptiert und begleitete mich über fast zwei Stunden. Obwohl ich ihm mit heftigen Gesten mehrmals bedeutet hatte, sich davon zu trollen. Er ignorierte einfach meine Aufgeregtheit und wich nicht von meiner Seite.

Lassie, etwas gealtert

Lassie, etwas gealtert

Ich wußte nicht einmal, ob das Viech niederländisch oder deutsch verstand. Jedenfalls – es folgte folgte keiner meiner Anweisungen.

In meinem Blickfeld nur Felder. Und ab und zu Landwirte, die mit großen Traktoren irgendetwas bewerkstelligten.

Nicht immer verstand ich, was sie mit ihren Hochleistungsgeräten eigentlich machten.

Hochleistungstraktor

Hochleistungstraktor

So wie Lassie gekommen war, so verschwand er auch. In einem Vorort von Emmerich hatte ich kurz einen Supermarkt aufgesucht, um mir etwas Wasser zu kaufen. Prompt hatte sich mein hündischer Begleiter etwas von einem anderen Kunden erbettelt (Wurst?) und war – ohne mich eines Blickes zu würdigen oder sich gar von mir zu verabschieden – auf dem Hof des Supermarktes geblieben.

Emmerich ist nicht groß, hat dafür aber ein erstaunlich ausgedehntes Industriegebiet. Mehr als eine halbe Stunde brauchte ich, bis ich in das Zentrum des Kleinstädtchens vordrang und endlich! endlich! den Rhein erblickte.

Leere Promenade

Leere Promenade

„Warum ist es am Rhein so schön?“
Nun gut: Ganz stimmte das in Emmerich nicht. Das Städtchen mit seinen dunklen Klinkerbauten – das im Krieg fast vollständig zerstört und danach fast vollständig hässlich wieder aufgebaut wurde – ist nicht wirklich einladend.
Schon als ich den Stadtrand betrat, bin ich erst einmal durch Straßenzüge gelaufen, die ziemlich prekär wirkten. Vernachlässigt auf jeden Fall.

Mit dem Regen hatte sich zudem ein melancholischer Grauschleier über das Zentrum gelegt. Die Rheinpromenade völlig menschenleer.

Der Eindruck von Tristesse trog allerdings. Bald merkte ich, dass hinter den nüchternen Mauern ein ziemlich lebenslustiges und fröhliches Völkchen hauste.

Am Abend riss die Wolkendecke auf. Ich setzte mich auf die Rheinpromenade und sah dem unendlichen Strom der Frachtschiffe zu.

I will follow you

I will follow you

Zuvor war ich in einem menschenleeren Café versackt, dessen Inhaber mir nicht nur mehrere Gläser eines ausgezeichneten Weins kredenzte (Zitat: „Den verlangt eigentlich keiner mehr“), sondern mir auch noch eine Geschichtslektion in Sachen Verödung von Innenstädten hielt:

  • Mit dem Schengener Abkommen habe  Emmerich auf einen Schlag Hunderte von Zöllner verloren, die einst den Grenzverkehr (zu Schiff und auf dem Land) in die Niederlande kontrolliert hatten. Dann sei auch noch der Bundeswehrstandort und eine Kaserne aufgelöst worden. Konsequenz: Die Kaufkraft sei dramatisch zurückgegangen.
  • Gut ausgebildete Jugendliche verließen zudem die Stadt. Auch wenn es in in der Kleinstadt viele mittelständische Industriebetriebe gäbe, für Führungskräfte sei das Job-Angebot zu gering.
  • Der Ausländeranteil Emmerichs steige dafür drastisch. In der Regel seien es Arbeiter aus muslimisch geprägten Ländern. Deren Kaufkraft sei meist gering. Zudem stammten diese aus einem anderen Kulturkreis. („Die kommen nicht mal eben, um ein Viertel Wein bei mir zu trinken“.) Deren Kaufverhalten mache es den einheimischen Geschäftsleuten sehr schwer. Es gäbe z.B. im  Stadtgebiet eine Menge mongolischer, türkischer, griechischer, chinesischer Lokale, in denen der Teller ordentlich voll und für Gäste mit kleinem Budget bezahlbar sei. Restaurants mit einem guten Angebot an regionalen Spezialitäten gäbe es praktisch nicht mehr.
  • Immer weniger gelänge es Emmerich Touristen in die Innenstadt zu locken. Was sollten diese dort auch kaufen, was es nicht  in jeder Stadt schon bis zum Überdruss gäbe: Tschibo, C&A, H&M, Lidl, DM und so weiter. Regionales, gar Lokales: Fehlanzeige. Noch 2 Familienbetriebe existierten in der Innenstadt. Schon lange hätten die letzten Käsegeschäfte, Fischläden, Kaffeeröstereien …. geschlossen.
  • Wie raus aus dem Teufelskreis?  „Eigentlich bleibt als Lösung nur: Wegziehen“.

Hunger: Französische Crêpe mit Spinat gefüllt und mit Käse überbacken. O.k.

T123-Essen-01

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Robben und der Kleine Bär weinen bis nach Büsum um die Wette

Dies + ig = Diesig.
Wo bloß dieses Wort herkommt?
Diesig war es, als ich in der Früh aus dem Hotelfenster schaute, diesig blieb es, als ich mit dem Deich kämpfte und Sankt Peter Ording verließ.
Nicht mal der Leuchtturm hatte ordentlich Kraft, sich farbenfroh zu präsentieren.

Dunst

Die Salzwiesen ohne Kontrast. Im stürmischen Wind nicht scharf zu bekommen. (Wieso sehe ich alles bereits durch das Kameraokular, bevor ich die Kamera überhaupt zum Auge hochgezogen habe?)

Diesig-Wiesen

Sankt-Peter-Ording gegen 9 Uhr verlassen. Das Ziel: Büsum. 41 km entfernt. 44 km sollten es werden, weil ich mich (in dunkelster Dunkelheit) mehrmals verirren werden würde.

GPS-Gesamtstrecke bis 096

11 Stunden lagen vor mir. Bereits die erste tat weh. Der Wind war nicht mehr harmlos, für mich war es ein Sturm. Und wie immer blies er von vorne. Ich kämpfte.

Die Deichwiesen: Killing Fields. Überfüllt mit Tierkadavern. Skelettierte Vögel (Gänse? Enten? Möwen?) noch in Federpracht. Federn modern einfach nicht.

Fand keinen Seebestatter

In einiger Entfernung flatterte ein Greifvogel auf, offenbar durch mich gestört, obwohl ich noch weit weg war. Auf der Wiese leuchtete etwas rot. Ein blutiger Tierkadaver. Eine Möwe machte sich an ihm zu schaffen. Auch sie huschte davon, als ich zu ihrem Leichenschmaus hinzutrat. Zuerst konnte ich das Tier nicht identifizieren. Ein mutterloser Heuler? Eine Robbe? Jedenfalls fachgerecht ausgenommen. Die Rippen sauber abgelutscht. Die Därme (Dutzende von Meter lang) über die ganze Wiese verstreut.

Fachgerecht ausgenommen

(Das Originalbild wäre für jeden Tierliebhaber unerträglich. Selten so ein leuchtendes BlutRot gesehen. Sehr frisch das Ganze!!)

War der Greifvogel, den ich gesehen hatte, nur ein Aasfresser ? Aber wer hatte den Heuler dann erlegt? Doch ein Seeadler?
Wer sonst sind die natürlichen Feinde dieser kleinen Zoo- und Tierfilmlieblinge?

Ich bemerkte, dass mich jemand von weitem beobachtete. Wieder konnte ich nicht genau erkennen, was es war. Ein Mensch? Im Friesennerz? Vor seinem Auto auf der Deichstraße?

Als ich endlich vor ihn trat, stellte ich mich freundlich vor und fragte, was er hier tue.
Nichts!
Die ganze Körperhaltung, die gesenkten Schultern, die fehlende Spannung: Hier trauerte jemand!
Und täuschte ich mich, hatten seine Gesichtszüge nicht Ähnlichkeiten mit diesen niedlichen Heulern?

Indigniert

Wir quälten uns eine Zeitlang mit Schweigen, nebeneinander auf dem Deich. Schließlich fragte ich meinen stummen Begleiter, wie er denn eigentlich von seinen Freunden genannt werde?
„Robben“, die Antwort.

Ich packte den Kleinen samt seinem blauen Mini-Mercedes in meinen Rucksack und setzte den Kampf mit dem Gegenwind fort.

Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwann erreichte ich das Eider-Sperrwerk.
Eine Autobrücke wie eine Kinnlade, die hoch und runterklappt.

what goes auf must go zu

Ich hab’s ja gesagt

Beachtliches Küsten-Schutz-Bauwerk. Mit Krabbenkuttern im Hintergrund.

Rot Grün Blau

Erst jetzt bekam ich mit, dass ich Nordfriesland verlassen und Dithmarschen betreten hatte.
Etwas Gravierendes veränderte sich: Die Landschaft wurde noch platter und bäuerlicher. Ein K. und K. und K. Land! Kartoffeln und Kohl und Karotten.

Dithmarschen = Bauernland

Sympathische Bauernhofläden. Direktverkauf.

Nur jetzt potenzierten sich meine Probleme.
Der Tag graute bereits, ich hatte noch mindestens eine Stunde zu gehen. Und mein Handy-Navi schickte mich ins Nirwana.
Ich suchte eine Abkürzung und landete im Nachtdunkel und in Feldwegen, die sich labyrinthisch stets als Sackgassen erwiesen.

Der aufgehende Mond wies mir schließlich die Richtung.

Kinderrätsel: Es ist klein, manchmal rund, manchmal rot und ist manchmal am Himmel. Was ist das ?

Es müsen schöne Dörfer gewesen sein, durch die ich in völliger Dunkelheit irrte. (Wieso haben die nicht einmal ausreichend Straßenbeleuchtungen?)

Der Mond sandte mir Blitze hinterher.

Mondblitz

Stellenweise riss die Wolkendecke und einmal konnte ich das Sternbild des Großen und Kleinen Bären erkennen.
Mir war, als kullerten winzige Sternschnuppen aus den Augen des Kleinen Bären? Weinte er etwa? Um seinen kleinen Robben-Bruder?

Ziemlich genau um 20 Uhr Büsum erreicht. Schnell ein nettes Hotel gefunden.
Aber so gut wie alle Restaurants zu!
Ich musste mich penetrant durchfragen, um noch etwas Essbares aufzutreiben.

Eine Bierkneipe (die einzige?) hatte noch aufgewärmte Pizza im Angebot.

Schwamm drüber. Schmeckte schrecklich. Robben rührte nichts an.

Unterkunft: 45 Euro (mit Frühstück).

Robben wirkte (neben Meike und den beiden Polen) noch im Schlaf erschöpft.

Aus Schnaps ist der eine Pol und aus Grog der andere. „Moin Moin!“

Endlich mal wieder ein richtiges Dorf mit einem schönen Marktplatz!
Garding liegt nur einen Katzensprung vom Meer und der Nordsee-Top-Adresse Sankt Peter Ording entfernt, aber Touristen machen (zusammen mit der Landesstraße) einen großen Bogen um den Ort.
Zum Glück.

Authentisch geblieben

Mir war gar nicht klar, wie sehr hier im Norden die Kartoffel geehrt wird (ich dachte immer, wir Pfälzer bewohnen das wichtigste Grumbeerland!).

Kartoffel-Land

Bäuerlich langsam altern die Menschen hier.

Stammtisch im Freien

Garding behauptet ein Kleinstädtchen zu sein. Isses aber nicht. Ein Dorf durch und durch. Die engen Straßen gewienert (gibt es hier auch Kehrwochen?).

Sauber

Heute hatte ich mir Zeit gelassen. Mein Tagesziel Sankt-Peter-Ording war 14 Kilometer nah. Eine Sache von höchstens 3 Stunden. Um 10 Uhr verabschiedete ich mich vom Hotelwirt. Ein älterer Herr im reifen Pensionsalter, der morgens in einem Nebenraum weiteren Dorf-Pensionären das Frühstück servierte und kräftig mitschnackte. (Ich war übrigens der einzige Hotelgast gewesen.)

GPS-Gesamtstrecke bis 095

Unterwegs – entlang dem Fahrradweg, entlang der Hauptstraße – wie auf eine Schnur gereiht: Auto nach Auto, das Kurs auf Sankt-Peter-Ording nahm.

Als Fußgänger hatte ich immerhin Muse, an einer imposanten Dorfkirche am Wegrand zu verweilen.

Gewaltige Dorfkirche

Um 1 Uhr eine kleine Pension in Sankt-Peter-Ording gefunden. Gepäck abgeladen und sofort Richtung Meer aufgebrochen.

Unter Wasser

Lange Holzstege führen auf den (bei Ebbe) noch längeren Strand.

Steg ins Meer

Gewitter kämpfte gegen Sonne. Noch stand es unentschieden.

Uferlos

Über dem Meer ergossen sich bereits himmlische Wasserfälle.
Fußaufwärts hatte ich es aber noch trocken.

Gewitter, das bedrohlich nah kommt

Die Nordsee zog sich immer weiter gen England zurück. So schnell konnte ich gar nicht zum Wasser-Horizont laufen, wie er zurückwich.

Vorsicht! Welch urdeutscher Ausruf!

An der Trennlinie zwischen Nass und Trocken (im norddeutschen Waterkant genannt), suchten Bestiefelte Kinder Muscheln und Krebse.

Strandkrebse

Auch ich bückte mich ab und an, fand aber nur ein seltsames Trinkerpaar, das mir mit einem schnapsigen Atem ein „Moin Moin“ entgegen schleuderte.

Was sie hier machten, fragte ich.
Siehst du doch – Muscheln sammeln!
Sie zeigten auf ihr Fischernetz und rülpsten beide auf.
Pole – nannte sich der eine.
Und Pole hieß auch der andere.

Pole hat sich verirrt

Plötzlich prasselte Regen auf uns herunter, ich schnappte die beiden Pole und hastete ins nächste Strandlokal, das auf hohen dicken Stelzen thronte.

Grog für alle!“ schrie Pole.
Grog für alle!“ schrie der zweite Pole.
Ich bestellte auch einen für mich.

Pole im Groghimmel

Ich nutzte die Gelegenheit und fragte die beiden, ob sie vielleicht aus einem der zahlreichen Souvenirshops in Sankt-Peter-Ording stammten. Ob sie wüssten, warum es an der gesamten Ostsee- und Nordseeküste immer den gleichen Kitsch zu kaufen gäbe: Kapitäne mit oder ohne Pfeife, mit oder ohne Steuerrad, Piraten in allen Variationen, angeheiterte Matrosen.
Was für ein Klischee zeichnete da die Souvenir-Industrie von den kühlen Norddeutschen, wollte ich wissen.

Schnaps!“ grölte Pole.
Und bevor der zweite einstimmte, packte ich das Paar, packte es in meinen Rucksack und lief wieder nach draußen. Der Regen hatte aufgehört.

Natur malt

Ich wusste nicht wohin ich rennen sollte. Die Nordsee: Ein einziger Motiv-Shop, in dem wunderbare Fotos kostenlos verschleudert wurden. Ein Marketing-Gag!

Natur hört nicht auf zu malen

Risenstelzen

I’m impressed

Eine gefühlte Ewigkeit kämpfte der Horizont mit der Sonne, bis er sie verschlang. Schlagartig wurde es dunkel. Die Silhouette von Sankt-Peter-Ording lud nicht wirklich zur Rückkehr ein.

Berufsverbot für Architekte!

Verlassen die Straßen, kaum besucht die Restaurants (Wo aßen all die Touristen, die sich heute hierher bewegt hatten?).

Der Strand grandios, das so berühmte Sankt-Peter-Ording allerdings ein Ausbund an Hässlichkeit.

Hunger: Fangfrische Nordseescholle Büsumer Art (gebraten mit Krabben). Dazu Salzkartoffeln und Salat.
17,90 Euro.

Die Scholle war nie im Leben frisch, total wässrig (gerade aufgetaut). Fad im Geschmack. Überteuert. Ich hätte mich beschweren sollen (tat es aber nicht).

Berufsverbot für Köche!

Unterkunft: 44 Euro (mit Frühstück und sehr netter unterkühlter norddeutscher Pensionswirtin!).

Frontberichte entlang der Neiße verfolgen mich bis Guben

Beim Frühstück kam mein Herbergsvater aufs Thema: „Hier stand die Front!
Ich hatte ihn eigentlich nur danach gefragt, warum Forst so ausgesprochen hässlich aussah.

Forst hatte vor dem Krieg einen Stadtteil (7 000 Einwohner) östlich der Neiße. Zu Kriegsende verschanzten sich dort die Russen und feuerten auf die Kernstadt.
Dort saß wiederum die Wehrmacht und ballerte zurück.
Das Ergebnis: Der Stadtteil, der heute auf polnischem Gebiet läge, existiert nicht mehr. Er wurde von der Wehrmacht dem Boden gleich gebombt.

Brückenruinen im Neiße-Bett:

Brücken sind dafür gedacht zu verbinden

Das alte Zentrum von Forst ist heute eine grässliche Ansammlung von Plattenbauten.

Mein Herbergsvater gab mir dazu und zu den polnischen Nachbarn folgende Erläuterungen:

  • Die DDR hat nie Interesse an Wiederaufbau gehabt. Im Gegenteil, sie hat immer hemmungslos weiter abgerissen und dafür die Plattenbauten hingerotzt.
  • Auf polnischer Seite war das im Landesinnern zumindest völlig anders. Da wurden vormals deutsche Städte wieder aufgebaut.
  • Nur im direkten Grenzstreifen zu Deutschland wurde nichts investiert. Alle glaubten, die vertriebenen Deutschen kämen irgendwann zurück. Das änderte sich erst mit dem Kniefall Willy Brandts. Ab da gewannen die Polen Vertrauen, dass sie das Land dauerhaft besitzen und bewirtschaften konnten. Langsam, ganz langsam begännen die Polen nun auch auf ihrer Neiße Seite zu investieren. Trotzdem sähe es da an manchen Orten immer noch aus wie direkt nach 1945.
  • Mittlerweile kauften wohlhabende Polen sogar einige der noch existierenden Gründerzeitvillen in Forst und restaurierten sie. Die Jugend und die gut Ausgebildeten seien schon lang aus Forst weg in den Westen. Damit auch das Geld. Wobei – gerade herrsche hier wieder Mangel an Arbeitskräften.

Ich dankte ihm für die kurze Einführung in die Geschichte Forsts. An den Grenzen sind die Narben der Geschichte besonders hässlich. Wieder wurde mir das drastisch vor Augen geführt.

Ich machte mich um 9 Uhr auf den Weg nach Guben. 34 km lagen vor mir.

Die Neiße änderte einfach nicht ihr Gesicht. Fast jeder Kilometer sah gleich aus.

Wer zweimal in den selben Fluss guckt, sieht doch immer denselben

Rote Milane am Himmel und in den Wiesen gefiederte Stelzengänger.

Kraniche (?) fischen im Schwarm

Auch Schwäne suchten nach etwas Essbarem.

Ich hab' noch nie Schwäne singen hören

Ab und zu eine Gruppe plaudernder Birken.

Bäume stehen im Rudel

Manchmal seltsame Rindviecher auf den Wiesen.

Bullen sind einsam

Es begann zu regnen. Aprilwetter. Ein alter Bauer (zumindest roch er danach) radelte an mir vorbei, grüßte und verlangte Auskunft, was ich hier herumlaufe. Ich erklärte es ihm.
Er fragte mich, ob ich keine Arbeit hätte, dass ich so viel Zeit zum Herumlungern verschwenden würde, ob ich keine Frau und keine Kinder versorgen müsste?
Ich schilderte das Notwendigste.

Dann fing er ohne Vorwarnung an von der Front zu sprechen.

Acht Wochen seien die Russen hier an der Neiße gestanden. Sein Dorf sei da drüben (im jetzigen Polen) gewesen. Sie seien vor den Russen geflohen. Schon am 2. Mai 1945 – bevor der Krieg offiziell vorbei gewesen war – sei er wieder zurück in sein Haus, das noch stand. Am 17. Mai sei dann die polnische Armee eingerückt. Innerhalb von Minuten habe er alles verloren. Nicht einmal einen Löffel habe er mitnehmen können. Am 17. Juni sei seine Cousine dort drüben erschossen worden.

Er schaute zu Boden, als er mit mir sprach. Er wirkte fast scheu. Er wollte reden. Dann kam der ganze Hass heraus, den er empfand. Er schimpfte über die Polen. Dann über die Alliierten, die sie im Stich gelassen hätten. 15 Millionen Vertriebene, die sich eine neue Heimat hätten aufbauen müssen. Ein Unrecht, dass nie wieder gut zu machen sei. Er hörte gar nicht mehr auf.

In den alten BRD-Ländern hätte man ihn einen Revanchisten genannt, in der DDR war er vermutlich ein Schweiger, heute ist er wahrscheinlich NPD-Wähler.

Und doch tat der Alte mir leid. Er stand vor mir, ungepflegt, seine weißen Brusthaare quollen aus dem blauen Hemdausschnitt, seine buschigen Augenbrauen ließen kaum seine traurigen Augen erkennen. Er erzählte mit gesenktem Blick seine persönliche Geschichte und zitterte in seiner Erinnerung. Alles hätten sie in seinem Dorf gehabt: 2 Bäcker, 1 Tischler, 1 Schlachterei, 1 Schule. Alles sei gut gewesen.

Als ich ihn fragte, ob er manchmal nach drüben ginge, die Grenze sei doch offen, giftete er mich an: Niemals!

Was dieser Krieg und diese verdammte Nazi-Gesellschaft angerichtet haben! Wieder lief ich durch schwieriges Terrain. Und mir wurde klar, dass ich bald auf der polnischen Seite weiter wandern musste.

Um 5 Uhr nachmittags erreichte ich Guben. Ich hatte zwei Stunden Kampf gegen Regen, Sturmböen, Hagel und jetzt auch noch Schnee hinter mir und war erschöpft.

Schnee im April gehört amtlich abgeschafft

Durst: Becks-Bier (Es gibt offensichtlich keine Regionalbrauereien in diesem Teil von Brandenburg).

Hunger: Ich war zu müde mir ein Restaurant zu suchen. Im Hotel war eine von Einheimischen gut besuchte Cocktail-Bar und ich aß ein paar Snacks. U.a. Kartoffelpuffer mit Graved Lachs. War okay.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Kristyna hüpft tanzend mit mir nach Aš

Trotz Nieselregen farbenfroh

Das musste noch einmal sein – zum Abschied aus einer menschenleeren Stadt: ein Panoramafoto des Marktplatzes!

Das kleine historische Zentrum von Cheb: Eine Augenweide. In den Auslagen: Internationaler Puppenstuben-Kitsch mit einem Hauch von Tschechisch.

Souvenir-Auslagen gleichen sich in jeder Stadt

Die Stadt außerhalb des Zentrums: Gesichtslos. An zu vielen Stellen heruntergekommen. Prekariats-Gesichter in den Straßen. Um Cheb herum immerhin ein kleiner Mittelstands-Industrie-Gürtel (sehr löchrig). Viele deutsche Firmennamen.

Um 9 Uhr brach ich auf. Mein Ziel: Aš (Asch). Ca.24 km.

Bildschirmfoto 2013-10-21 um 19.22.16

Die ersten Stunden lief ich gegen den Wind. Er war nicht stark, aber zermürbend. Die Ortschaften, die ich durchquerte, wurden immer kleiner ( ich hatte den Eindruck, sie waren auch immer weniger besiedelt). Ich hatte auf den Frühling gehofft und auf Menschen in den Straßen. Aber Wärme und Leute ließen auf sich warten.

Nach einiger Zeit: Das Dörfchen Ostroh / Seeberg. Zwischen Ästen sah ich Egerländer Fachwerk und näherte mich. Eine Burg ragte über einer tiefen Schlucht, die ein winziges Bächlein gegraben hatte.

Düsteres Mittelalterwetter empfing mich

Die Anlage fein restauriert, aber geschlossen.

Symphonie in Weiss und Braun

Am Eingang wartete Kristyna auf Einlass.

Rotbäckchen Kristyna

Kristyna suchte eine Anstellung als Haushaltsgehilfin. Auch in Tschechien, das in den letzten Jahren geboomt hatte, macht sich mehr und mehr die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar. Kristyna brauchte dringend eine Anstellung. Deswegen war sie aus dem Landesinnern bis hierher an die Grenze gekommen.

Ich sprach sie an, ob ich sie nicht kürzlich in einem Souvenirladen in Cheb gesehen hätte. Sie stritt es ab. Seit Tagen sei sie hier, aber der Burgherr tauche nicht auf.

Ich fragte sie, was sie denn mit ihrer netten Verkleidung bezwecke. Sie meinte, das sei ihre traditionelle Sonntagstracht. Außerdem trete sie mit ihrer Tanzgruppe in Hotels auf und vor allem den Deutschen gefiele das sehr. Nur verdiene sie damit kaum etwas.

Sie fragte mich, ob es vielleicht Arbeit in Aš gäbe und schon hatte ich wieder ein Problem am Hals. (Ganz nebenbei wollte auch noch Kuno aus dem Rucksack, irgendwie hatte er mitbekommen, dass wir vor mittelalterlichen Gemäuern standen. Ich ließ ihn aber nicht entweichen. (Keine Lust auf Ärger!))

Also weiter durch das Egerland.

Lange Alleen. Alle 2, 3 Kilometer ein Kreuz oder ein Gedenkstein.

Noch nach Jahren gebühren ihm Blumen

Hier fuhr sich die tschechische Jugend zu Tode. Kaum ein Baum, an dem nicht ein Auto zerschellt war. Verrückte Jungs, die alle wie James Dean enden wollen.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends.

Gewitterwolken wie gemalt

Am Horizont wieder Grenzlandtürme.

Dunkler Grenzlandturm vor dunklem Hintergrund

Schließlich wollte mir auch Kristyna noch zeigen, wie gut sie tanzen konnte. Sie war soundso die ganze Zeit übertrieben gut gelaunt und sprach mit einer piepsigen Stimme (was mich ziemlich nervt).

Oder war das eine Marilyn Mornroe Pose?

Am frühen Nachtmittag erreichte ich Polná (Hirschfeld). Halb leeres Dorf. Heruntergekommen. Erkennbar ohne Seele.

Immerhin ein kickender Junge

Das halbe Dorf sieht so aus

Aber in all der Tristesse: ein paar schöne Winkel.

Besitzer scheint Ladas zu sammeln

So schön können bäuerliche Anwesen sein

Ich fragte Kristyna, ob sie wisse, wer hinter diesen Renovierungen stecke. Zurückgekehrte Sudetendeutsche, die das eigentlich gar nicht dürfen. Strohmänner? Wohlhabende Tschechen mit Sinn für Ästhehik und ohne Angst vor der Geschichte? Der Staat? Kulturvereine? Versöhnungs-Organisationen?

Kristyna hatte darauf keine Antwort. Sie war zu jung. Zu Zeiten der alten Tschechoslowakei war das Grenzland Sperrgebiet. Dann wurden in den leerstehenden Häusern und menschenleeren Dörfern Tschechen angesiedelt, für die in den Städten (angeblich) kein Platz mehr war. Aber nie wurde darüber gesprochen, auch nicht in ihrer Familie. Sie wusste also nichts.

Ich war angefressen. Ich hatte mir von meiner Begleitung wenigstens einige Erläuterungen versprochen (wenn ich schon kein Tschechisch sprach, um selbst nachfragen zu können).

Weiter auf dem Weg immer wieder fantastisch (offenbar erst kürzlich) hergerichtete Höfe.

Restaurierte Volksfrömmigkeit.
(Was ist das eigentlich? Volks?Frömmigkeit?)

Wechen Namen trägt Maria hier ? Die Gnadenvolle ?

Maria die Liebevolle ?

Hinter Lipná sah ich einen Bauern vor seiner Hütte an irgendetwas herumgrabend. Ich sprach ihn an und er antwortete mir in akzentfreiem Deutsch.

Sympathischer Kerl

1948 wurde er (als junger Bursche) mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben. Sie strandeten schließlich hier im Sudetenland. Seine Familie konnte bleiben, weil man sie mehr oder weniger für Polen und nicht für Deutsche hielt. Außerdem hätten sie alle sehr schnell tschechisch gelernt. Deutsch habe man nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Es sei sehr hart gewesen zu Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt sei es vergleichbar einfach. Das Sudetenland – so sagte er – sei nun seine Heimat geworden. Er wolle weder zurück nach Schlesien (dort würde man ihn als Fremden behandeln), noch wolle er nach Deutschland. Dafür sei er zu alt. Schade sei nur, dass die Dörfer so leer seien. Die wenigen jungen Tschechen, die hier einmal gesiedelt hatten, seien inzwischen alle nach Deutschland emigriert. Dort gebe es Arbeit. Auch wenn es dort schwieriger werde, wegen der vielen Griechen und Spaniern, die auch der Arbeit nachziehen würden.

Er erzählte mir von einer alten Frau, die weit mehr als 80 Jahre auf dem Buckel habe. Sie sei die einzige Sudetendeutsche in dieser Region, die nicht vertrieben worden war. Ich hätte sie gerne besucht, aber dafür hätte ich einige Kilometer zurücklaufen müssen. Ich war einfach zu müde. Und noch immer fehlten mir zwei Stunden bis Aš.

Ankunft: 18 Uhr 30 in Aš: eine trostlose Stadt. Kurz vor der Ankunft begegnete mir der erste tschechische Skinhead. Bomberjacke und schwere Stiefel. Er wirkte angetrunken. Prekariats-Gesicht: Pockig, vernarbt, ausgemergelt, latent aggressiv.

In Aš habe ich dann keine Skins mehr gesehen, aber viele ähnliche heimatlose Gesichter.

Ich musste fast eine Stunde suchen, bis ich ein Hotel fand. Aš empfängt kaum Gäste und wenn sind die nur „auf dem Sprung“ am Rande der Stadt. Dort gibt es unzählige teils riesige Bordelle für die Quicky-Deutschen. Die Grenze ist nah.

Durst: Budweiser (wieso gibt es kaum ein anderes Bier, auch wenn es sehr gut ist?)

Hunger: Böhmische Platte. (Gebratene Ente, Schweinebraten, gepökeltes Schweinefleisch, Knödel). Gut.

Die Entenverzierung könnte auch als Trachtenhut herhalten

Tot ins Bett gefallen.

Jetzt hat Ras-Pudding schon Zweie im Arm

Unterkunft: 21 Euro (ohne Frühstück).