Von Alt nach Jung und Jung nach Alt und schlussendlich in Großschönau angekommen

Hier herrschen nicht die Gerechten. In Sebnitz regiert die Gerontokratie.

Zumindest fand ich eine Erklärung dafür, dass gestern Abend nach 19 Uhr niemand mehr in Straßen oder Gaststätten war.

In dieser Stadt leben nur Alte!

Ich verließ mein Hotel gegen 9 Uhr in der Früh, um meine Wanderung fortzusetzen. Ein wunderschöner Tag. Kaiserwetter!
Dann stockte ich, es war Markttag. Auf dem zentralen Platz ein paar Stände: Textilien, Kräuter, Wurst, Kunstblumen und Haushaltswaren. Nicht viel.

Aber zum ersten Mal sah ich Menschen in der Stadt, wenn auch keine jungen. Um präziser zu sein: Ich sah nur über 70 (oder 80?)jährige. Kein junges Wesen, das den Schnitt hätte senken können.

Time is on their side

Ich wusste nicht, was ich denken sollte oder (politisch korrekt) denken durfte.
Ich fühlte mich verloren. Ist das meine Zukunft? Die Zukunft unserer Gesellschaft?

Big Time Rush

Dieses auflehnungslose Warten, dass die Zeit gekommen sei.

Time? who cares ?

Sebnitz ist die Stadt der Kunstblumen. Immer noch gibt es einige wenige Manufakturen, die die Wende überlebt haben. Aber ich hatte das Gefühl: Es die Stadt der weißen Lilien.

Klar, höllisch ungerecht den Lebenden gegenüber.

Ein Ort, in dem der wesentliche Stress darin besteht, rechtzeitig über die Straße zu kommen und nicht von einem Autofahrer angefahren zu werden, der nicht mehr in der Lage ist schnell zu bremsen.

Time passes slowly up in the mountains

Warum werden in einer solchen Stadt nicht hundertfach junge Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, Thailand angesiedelt?
Warum wird nicht alles getan, um zu verjüngen. Warum überhaupt sind alle Jungen weg? Die Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel?

Warum bleiben die Rentner allein? Mit ihrer Zeit im Überfluss?

Time to go

Ich war verstört und ich wollte eilig weg von hier. Ich lief los. 38 Kilometer weit bis Großschönau in der Oberlausitz. Die meiste Zeit durch den „Schluckenauer Zipfel“ in Tschechien.

Unterwegs summte ich ein Lied Hannes Waders: Ich will „als ururalter Greis, Haar und Bart greisgrau, in meiner Badewanne sterben, in den Armen einer schönen Frau„.

So sei es – meine Götter!

Sebnitz, Stadt der Kunstblumen. Die gab es billiger direkt über der tschechischen Grenze (nicht einmal 1 km entfernt). Asia Markt natürlich. Auch er hat sich längst auf den „Friedhofsmarkt“ eingestellt. Alle Grabblumen dieser Welt stehen in den Auslagen.

Rosen für den Grabstein

Weiter, ich lief weiter. Ich wollte es nicht sehen.

Unterwegs viele kleine Ortschaften. Kaum eine besaß eine „Mitte“, lud zum Verweilen ein. Aber viele junge Menschen waren in den Straßen. Die junge und mittlere Generation, die auf der deutschen Seite fast vollständig fehlt, hier (ein paar Kilometer weiter) war sie: Asiaten, Tschechen, Roma, Slawen.

Unterwegs wieder unzählige Wegkreuze.
Der Schluckenauer Zipfel war einst beinahe vollständig von Deutschböhmen besiedelt. Bekannte katholische Wallfahrtsorte reihten sich aneinander.

Heute sind die Kapellen und Kreuze ungepflegt. Manche unfassbar in ihrer grausamen Schönheit.

Nie habe ich ein dermaßen „wildes“, ein „verstörtes“ Gesicht Jesu gesehen:

Ungestüm, wild, grimmig, fast barbarisch der Blick

Ein Kreuz wie ein Gemälde

Die Füße taten mir von dem ewigen bergauf, bergab schon lange weh. Aber wie getrieben marschierte ich weiter.

Ich passierte einfache Bauern-Häuser, die einmal aufregend schön gewesen sein mussten.

Pittoresker Verfall

Pittoresk Teil 2

Der Straßen, die in die Dörfer hineinführten, führten an brökelden Fassaden vorbei.

In den meisten dieser heruntergekommenen Häuserzeilen wohnen Roma. Sie wurden gezielt hier angesiedelt, weil „man“ (wer ist dieses „man“? Regierung? Bevölkerung?) sie in den zentralen Städten Tschechiens nicht mehr haben wollte.

Wieder am "Rand" (selbst im Dorf) die Romasiedlungen

Im Schluckenauer Zipfel kam es letztes Jahr zu schweren rassistischen Ausschreitungen. Neonazis belagerten regelrecht wochenlang die Roma-Viertel. Lange schritt die Polizei nicht ein. Heute zumindest patrouilliert sie regelmäßig und der Spuk ist für erste vorbei.

Scheinbar friedlich das Zentrum von Varnhalt, in dem die größten Auseinandersetzungen stattfanden.

In Varnsdorf gibt es viele Schranken

Wie in einem Brennglas zeigen sich im Schluckender Zipfel die Probleme des ehemaligen Sudetenlandes.
Die alteingesessene Bevölkerung wurde vertrieben. Tschechen und Slawen neu angesiedelt, die keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat hatten. Schließlich wurden und werden Roma in großer Zahl hierher gebracht, was wiederum viele Tschechen veranlasst, abzuwandern. Zurück bleibt eine Region, der ihre Wurzeln ausgerissen wurden und die auch keine neuen Wurzeln schlägt.

Ich weiß nicht, was die tschechische Regierung unternimmt, aber es müsste doch dringend so etwas wie eine „Verheimatung“ der Menschen hier stattfinden.

Am Stadtausgang Varnhalts wieder riesige Roma-Siedlungen.

Und für mich eine freundliche Verabschiedung. Zwei Mädchen winkten mir zu.

Strahlende Gesichter

Gegen 18 Uhr 30 erreichte ich endlich Großschönau an der Grenze. Das Dorf ist das Tor zur Oberlausitz. Das Erzgebirge lag nun endgültig hinter mehr. Viel gab es in Großschönau nicht. Aber ein freundliches (wenn auch menschenleeres) Gasthaus.

Und wieder bekam ich eine Deutschstunde. Diesmal von der sympathischen Wirtin.
(In Wahrheit waren es zwei Stunden. Bis der letzte Krümel meines Abendessen verputzt war.)

  • Ich befände mich in der Gegend  mit der ältesten Bevölkerung Sachsens, bestätigte sie mir. Grund sei aber nicht die Wende. Schon zu DDR Zeiten hätten hier Zehntausende Ausreiseanträge gestellt. Vor allem die gut ausgebildeten 30 bis 40jährigen. Da die meisten nicht der Partei angehörten, hätten sie keine Aufstiegschancen mehr gehabt. Den Bonzen galten die Oberlausitzer als potentiell aufmüpfig und deswegen gefährlich, weswegen man sie in den Westen ziehen ließ. Nach der Wende zogen dann auch  die BisherNochdaGebliebenen weg.
  • Dass so viele schon zu DDR Zeiten von hier nur fort wollten, hing auch damit zusammen, dass die meisten selbst Vertriebene waren. (In der DDR hieß das allerdings „Umgesiedelte“). Sie hatten meist Verwandtschaft im Westen.
  • Die Probleme jenseits der Grenze kämen von der Geschichtslosigkeit. Niemand im tschechischen Grenzgebiet könne auf „Generationen“ verweisen. Etwa sagen, hier wohnte mein Großvater, dort starb meine Tante,  hier arbeitete schon immer meine Familie. Diese Geschichtslosigkeit erschwere den sozialen Zusammenhalt.
  • Andererseits liegt die Zukunft dort: weil jung. Ihr eigenes Dorf wird mit den letzten Alten, die irgendwann sterben, sich selbst auflösen.

Durst:
Feldschlößchen-Pils 2,60 Euro (0,4l).  Dresdner Brauerei (seit 1838). (Wurde von Carlsberger übernommen?)
Das Bier hat einen eigenen charakteristischen Geschmack, das es heraushebt aus der Masse der ähnlich schmeckenden Erzgebirgsbieren. Herb, nicht zu weich, gut!

Hunger:
Bachsaibling in Mandelkruste mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (10,80 Euro).

Klasse gekocht. Sehr feine Aromen. Fisch wurde mit Fenchel, wenig Peterle, Zitronenscheiben und Zwiebeln gefüllt. Die Zwiebeln wurden während des Bratens immer wieder mit der Brat-Butter begossen. Das gab den Zwiebeln und dem Fisch eine schöne Note. Kompliment.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Oskar bläst mir den Geburtstagsmarsch bis Breitenbrunn

Gottseidank liegt das Trommelfell einigermaßen geschützt

Das war unsanft, wenn auch gut gemeint. Schlag 7 in der Früh hatte sich Oskar an mein Ohr geschlichen und mir ein Ständchen trompetet. Oskar war, wenn auch reichlich jung, ein Erzgebirgs-Bergmann der alten honorigen Schule. Er wünschte mir zum Geburtstag „Glück auf!“

Was für ein schöner Gruß! Ich erinnerte mich, dass mir in den USA die Begrüßungsformel „You’re welcome“ das Land für immer sympathisch gemacht hat. (Egal wie oberflächlich es auch gewesen sein mag.)

Erster Blick nach draußen: Die protestantische Dorfkirche von Carlsfeld in Nebel und Sprühregen. (Obwohl der Wetterdienst anderes versprochen hatte!) Kein Geburtstagswetter.

Viele Kirchen sehen so zwiebelig aus - was ist das für ein Stil ?

Welch ein Unterschied die einfache Ansprache macht. In den katholischen Kirchen ist auf Latein ins Portal gemeißelt: „Tue Buße!“ Da kann man nur gebückt über die Schwelle schleichen. Auf den Portalen der griechischen Tempeln wird der Eintretende mit den Worten umschmeichelt: „Du bist willkommen!„. Was für ein Versprechen, das sofort gute Laune macht!

Glück auf“ – Ein GuteLauneGruß!

Er klang mir nach, noch als ich nach ausgiebigem Frühstück nach draußen aufbrach und den Kampf mit den (kleinen) Naturgewalten wieder aufnahm.

GPS-Gesamtstrecke bis 034

24 km war die heutige Strecke.

Erzgebirge: Aber es wird kaum noch Erz abgebaut. Die meisten Zechen sind geschlossen.

"Glück auf" wird hier nicht mehr gesagt

Oskar war ein wenig älter als 20. Seit seiner Kindheit hatte er in einem Bergmanns-Orchester gespielt. Er trug gerne die Parade-Uniform, auch wenn er in seinem zivilen Leben Klempner war. Er war Fan von Erzgebirge Aue und fand zur Zeit keinen Job. Er lebte von Hartz IV und Gelegenheitsarbeiten. Und er sprach nicht gerne. Er zeigte mir dafür ein Foto von sich: Er habe auch einmal für den Lafontaine ein Ständchen geblasen!

Ist das wirklich "der" Oskar?

Auf dem Rücken des Fastenberges: Johanngeorgenstadt. Nach dem Krieg wurde hier Uran abgebaut und die Umwelt ziemlich kaputt gemacht. Nach der Wende haben viele Betriebe schließen müssen, wer konnte, hat das Städtchen verlassen.

Plattenbauten verschönert

Auch ich wollte bloß schnell durch. Nur: Das Städtchen zog sich und zog sich. Die letzten Ausläufer in einem kleinen Tal.

Stadt ohne Herz

Direkt an der tschechischen Grenze.

First Exit: Asia Market

Vor dem Kreisel ist Deutschland. Hinter dem Kreisel beginnt Asien.

Der perfekte Supermarkt

Unfassbar, was diese Vietnamesen auf sich nehmen, um aus jedem noch so kleinen Grenzübergang einen großen Asia-Markt zu machen. Mit dem immer gleichen Sortiment.

Es gibt nur das, was der (deutsche) Kunde wünscht

Ich war froh, als ich endlich aus Johanngeorgenstadt draußen war.

Ich fragte Oskar, ob er wisse, warum so viele Städtchen, die ich im Vogtländischen und im Erzgebirge durchwandert hatte, kein wirkliches Zentrum hätten.
Er verstand meine Frage nicht.

Ich erklärte es ihm: Wenn ich in Ober- oder Niederbayern eine Unterkunft suche, steuere ich zielsicher den schon von weiten sichtbaren Kirchturm an. Daneben ist
a) der Marktplatz und
b) ein Landgasthaus. Das wichtigste Gasthaus des Dorfes.
In der Gaststätte gibt es immer einen Stammtisch und ich kann damit rechnen, wenigstens mit ein zwei Menschen sprechen zu können. Hier aber gab es das nicht. Die Kirchen weit weg von der Ortsmitte. Neben der Kirche kein Gasthaus. Und einen Stammtisch suchte ich bisher auch vergebens.

Ich wollte von Oskar wissen, ob das mit der Religion zusammenhänge. Ob die Protestanten nach der Messe (zumindest früher) nicht ein Bier trinken wollten?
Oskar schaute mich einigermaßen konsterniert an. Er hatte keine Ahnung.

Oder – bohrte ich weiter – hatte es mit der DDR zu tun? Stammtische sind politisch, sind manchmal wie kleine Versammlungen. War das nicht gewünscht?
Oskar war zu jung, um darüber reden zu können und wurde langsam auch mürrisch.

Oder war es eine Mischung aus allem: Protestantismus, die Deutsche Demokratisch Republik, der „freie“ Menschenansammlungen suspekt waren, und eigenbrötlerisches Bergvolk?
Ja„, sagte Oskar plötzlich, wie um die einseitige Diskussion zu beenden: „Bergvolk!“ „Die Erzgebirgler sind knausrig, sie geben nicht gerne Geld aus. Deswegen gehen sie auch nicht in die Wirtschaft„.

Wäre zumindest eine Erklärung, warum die wenige Kneipen, die es gibt, auch noch leer sind.

Ich bog von der Straße ab in einen Waldweg. Seit langer Zeit konnte ich endlich wieder einen richtigen Wanderweg begehen. Obwohl fast 700m hoch, lag hier überraschenderweise kein Schnee mehr.

Schland undenkbar ohne Wald

Nach einigen Kilometern sah ich meinen Zielort: Breitenbrunn. Herrlich an einem Hang gelegen.

Ankunft gegen 16 Uhr.

würd' das gerne mal im Sommer sehen

Durst: Mauritius-Pils (2,40 Euro (0,5l). Schmackhaft, sehr süffig. (Zwickauer Privatbrauerei. Seit 1859.)

Hunger: Die Speisekarte gab leider kein wirkliches Geburtstagsmenu her. Also wählte ich das Typischste: Rindsroulade mit Rotkohl und Kartoffelklößen. (8,50 Euro.) War so „la la“. Immerhin spielte mir Oskar noch einmal auf. Das entschädigte mich. Zum Schluss schmiss ich eine Blutwurz-Runde für meine Rasselbande.

Unterkunft: 35 Euro (mit Frühstück).

Sie waren hellwach und verlangten nach mehr Kräuterschnaps

Die Hüterin des Misthaufens erwartete mich an der innerdeutschen Grenze

In der Nacht hatte es überraschend geschneit, nicht viel, aber die Straßen waren weiß gepudert. Es war lausig kalt, als ich das Hotel in Aš verließ. Halb 9. Nicht gefrühstückt und noch nichts offen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus Aš. Die Stadt bedrückte mich.

Sowohl das Hotelpersonal als auch die Bedienung in der angeschlossenen Gaststätte waren außerordentlich unfreundlich. Überhaupt war es das erste Mal auf meinem Grenzgang, dass mir jemand mit so offener Ablehnung gegenübertrat. Okay. Geschluckt. Passiert.

Mein Ziel war Bad Elster auf der deutschen Seite. Eigentlich ein Katzensprung, kaum mehr als 16 km (nach Osten). Ich wollte aber einen anderen Weg gehen (nach Westen).
Ich wollte unbedingt die ehemalige innerdeutsche Grenze (oder hieß das damals „deutsch-deutsche“ Grenze?) überqueren. Also von Bayern nach Sachsen wechseln. Das bedeutete aber mehr als 20 km zusätzlich. Egal.

Es war getan, fast eh gedacht. (Goethe hätte seine Freude an der Formulierung!)

GPS-Gesamtstrecke bis 030

Am Stadtausgang von Aš, kurz vor der deutschen Grenze, hatte ein Asia-Markt gerade seine Tore geöffnet. Ein Fußballfeld großes Areal vollgestellt mit kleinen Holzbuden. Die ersten Autos mit deutschen Nummernschildern hatten schon eingeparkt. Es war noch nicht einmal 9 in der Früh.

Minus 4 Grad / 15 Minuten vor Neun / Der Asia Markt hat schon auf

Jeder zweite Klamotten-Laden bot in der Auslage T-Shirts an für die braune Kundschaft aus dem deutschen Grenzgebiet. Landser und Wehrmachtsverherrrlichung gemischt mit Musik von den Böhsen Onkelz.

Als wär’s ein touristisches Andenken

Gott sei Dank lief die Musik nicht (die CDs gab’s aber auch)

Maschinengewehr-Attrappen, Springmesser: Alles zu haben.

Ich wurde sehr schnell vertrieben (unter viel Geschrei und Gefuchtel), kaum hatte ich die Kamera gezückt. Die Hintermänner der Asia-Märkte (meist Vietnamesen) lieben einfach keine Öffentlichkeit.

500 Meter vor dem Grenzübergang noch einmal kleinere Asia-Läden. Gartenzwerg-Zentren.

Wenn daraus mal ’ne Wut-Zwergen-Bewegung wird …

Gut – ich verstehe. Hier wird (wie auch im großen Asia-Markt) nur angeboten, was der deutsche Kunde nachfragt.

Was sind sie nun? Weise ? Schneewittchen-Retter ? Zwergen-Mafia ? Wieso gibt es keine Zwergen-Killer-Bande ?

Was erfahre ich in diesen Läden über mein eigenes Land ? Eher zum Schütteln! Auto nach Auto kam angefahren. Dickbäuche, Spindeldürre, schlecht Rasierte und Akkurate schleppten Zwerge, gefälschte Markentaschen, geschmuggelte Zigraretten, gepanschten Alkohol und ich weiß nicht was noch ab.

Ich überquerte die Grenze. Aš lag bald hinter mir und voraus erwarteten mich kleine Landwege im ehemaligen bayerischen Zonenrandgebiet.

Ich bog zügig von der Hauptstraße Richtung Dreiländereck ab.

Der erste Bauernhof, den ich passierte, hatte seine Zwerge mit Deutschland-Flaggen bestückt. (Hoffentlich nur Vorfreude auf die Fußball-EM im Frühsommer.)

Ist das noch Idyll ? Oder schon Spießertum ? Oder eben gerade beides ?

Der Bauer interessierte sich dafür, was ich auf seinem Anwesen fotografierte. Ich konnte ihn beruhigen.
Als er ein wenig auftaute, erzählte er mir, dass bisweilen sehr „seltsame Typen“ vorbeikämen. Auf den Asia Märkten würde allerlei Mist „unter der Theke“ verkauft – neuerdings eine synthetische Droge, „Crystal“, die recht billig und verheerend sei. Die Polizei führe auf deutscher Seite ständig Razzien durch: „Keine schöne Zeit gerade bei uns“.

Ich zog grübelnd weiter. Schwierig die Befindlichkeit einer Gegend einzuschätzen, die jahrelang am Tropf der Zonenrandförderung hing und sich nun nicht nur materiell vergessen fühlt.

Langsam verließ ich den Oberpfälzer Wald, die Landschaft nicht mehr bergig, sondern wellig. Kaum noch Schnee.

Ein Mittelgebirge (Oberpfalz) geschafft, das nächste (Erzgebirge) wartet bereits

Nicht unweit von hier machte ich kurz Rast – in einer kleinen Gatswirtschaft mit dem schönen Namen: „Hygienischer Garten“ (Wirtschaft eines Vereins für Körperkultur (vor über 100 Jahren gegründet)).  (Die Wirtin sagte mir, das sei Sport für „Nackig Angezogene„.)

Es war wirklich sauber

Nach einer weiteren Stunde erreichte ich eine kleine Ansiedlung mit einem verstörenden unbehausten Anwesen.

Ein ehemaliger Gasthof. Zerfallen und angeschimmelt.

Wie ein verblasste Cinema-Inschrift

Neben der Tür in Stein gemeißelt:

Was für ein geschichtlicher Bogen! Vom liebestollen, kurenden Goethe zu den Todesmärschen in der Endphase der NS-Zeit!

Diese Wanderung hatte es in sich.

Auf dem Weg zur alten Grenze musste ich das bayerische Oberprex durchqueren. Einen Kilometer vor dem Ortsschild raste ein VW-Bus an mir vorbei, voll mit Skinheads (4 oder 5?) in ihren Bomberjacken. In Oberprex haben sie vor ein zwei Jahren eine aufgegebene Wirtschaft aufgekauft und zu einem Neo-Nazi Zentrum ausgebaut. Von außen deutet wenig darauf hin – so normal wirkt das Haus. Nur die verrammelten Fenster und Türen (in einem Winzdorf!) und zwei Schilder in altdeutscher Schrift ! („Vorsicht – Videoaufnahmen“ und „Betreten streng verboten“) deuten an, wer die Besitzer sind.

Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern, Sachsen, Tschechien.

Wild Wild East

Das Dörfchen links unten ist Mittelhammer.
Ein paar Meter weiter verlief die ehemalige Grenze (Mauer? / Grenzstreifen? Stacheldraht? Selbstschussanlagen?) mit der noch ehemaligeren DDR (wie vermisse ich Honeckers „Doitsche Demogratische Reblik“).

Hinter dem letzten Bauernhof pestete ein ziemlich großer Misthaufen die letzten Meter bis zur Grenze nach Sachsen ein. Ich näherte mich, um zu sehen, was so infernalisch stinken konnte. Auf dem Gipfel des stinkenden Ungeheuers: ein Frauenkopf stoisch dreinblickend.

Hinter der Hüterin des Misthaufens dampft derselbige

Ich fragte sie nach ihrem Namen. Schweigen.
Also nannte ich sie fürderhin die „Hüterin des Misthaufens“ (Peter Rühmkorf verzeiht mir hoffentlich das Titel-Plagiat – Ich habe in diesem Blog keine Fußnoten!)

Ach, was soll dieser Blick bedeuten ?

Kaum wanderten wir zusammen, berichtigte sie mich schon. Nicht ich nähme sie mit, sie habe hier auf mich gewartet, um mir das wahre Deutschland und nicht das „gefühlte“ zu zeigen. Wo sie denn wohne, wenn sie nicht gerade auf Misthaufen throne, wollte ich wissen. Sie sei, wie so viele in diesen Zeiten, Pendlerin. Nur an manchen Wochenenden verlasse sie ihren Misthaufen um in Meckpomm zu privatisieren. Was sie denn die ganze Woche auf ihrem Misthaufen mache, fragte ich sie. „Ausmisten“ entgegnete sie – das Dumme sei nur, je mehr sie ausmiste, umso mehr wachse das Ganze an.
Okay.Ganz schön kryptisch.

Ganz nebenbei – sie stank entsetzlich (Sie sollte es mal mit einem Deodorant versuchen – so kommt sie nicht noch einmal nach Bayreuth in die Götterdämmerung!).

Als wir die (ehemalige) Grenze überquerten, schwieg die Hüterin. Sie wirkte nachdenklich.

Dabei war der Schritt ziemlich unspektakulär. Nichts mehr zu sehen von Zäunen, Mauern und Grenzzaun-Touristen. Alles ruhig und frühlingsgrün hier.

Irgendjemand hatte ein einsames rachitisches Bäumchen genau an der Stelle gepflanzt, wo vor über 2 Jahrzehnten noch eine Mauer Bayern von Sachsen trennte.

Noch blüht die Landschaft nicht überall

Ein paar Hundert Meter: dann doch noch ein Relikt. Ein alter DDR-Grenzturm – okkupiert von Privatfunkern.

Wie schön Freiheit aussieht

ICH WAR IN SACHSEN !!!!

Endlich! (Ich vergaß sogar für einen Moment die Gestankswolke neben mir).

Was für ein Kaiserwetter und was für ein Empfang.

Die Bäume warfen lange Schatten.

Die geometrischen Figuren: Ein Fall für Däniken

Dazwischen: Ich

Ich, der Schatten

Erst jetzt spürte ich meine Füße. Sie brannten. Besser gesagt, sie fühlten sich wie Eisklumpen an. Irgendwie fing mein Empfindungsvermögen an zu spinnen. Aber eins war klar, ich war, nach 37km Spazieren, hundemüde.

Obwohl ich über die (nahe) Tschechei eine Abkürzung nach Bad Elster fand: Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Bis ich endlich gegen 19 Uhr im Zentrum eintraf und ein (fast leeres) Hotel fand. Und wenig später (ungeduscht, aber Zähne geputzt) ein Restaurant.

Vorher hatte ich allerdings noch ein paar Minuten investiert, um die Hüterin des Misthaufens gründlich mit Seife abzuwaschen. Sonst hätte ich sie nicht mit in eine Gaststätte nehmen können.

Wasser und Seife statt Deodorant

Durst: Sternquell Pils (3,50 Euro) (Brauerei aus Plauen / über 150 Jahre alt). Nicht wirklich gut. Kaum nachwirkender Geschmack.

Hunger: Sauerbraten auf vogtländische Art mit Apfelrotkohl und Klößen (11,90 Euro). Dagegen sehr gut.

Der Hüterin des Misthaufens band ich ein Lätzchen um

Unterkunft: 30 Euro (mit Frühstück).

Ras-Pudding bemüht sich immer noch

Hosenlatztiroler Karl geht nur mit Keuschheitsgürtel nach Zelezna Ruda

Karl nannte ich ihn. Weiß nicht warum. Er sah auch nicht aus wie ein Bayer. Der Tracht nach zu urteilen (aber da kenne ich mich nicht wirklich aus), konnte er aus dem Schwarzwald stammen oder auch aus Tirol. Und Tiroler, die Lederhosen tragen, heißen nun mal Hosenlatztiroler.

Karl hat sich schick gemacht für die tschechischen Mädels

Auf die andere Seite zu gehen, war weniger als ein Katzensprung. Zelezna Ruda wird auch „Böhmisches Eisenstein“ genannt und liegt rund 3 1/2 km Fußweg von „Bayerisch Eisenstein“ entfernt. Eine Stunde gemütliches Schlurfen.

GPS-Gesamtstrecke bis 019

Der Grenzbahnhof: Ein bisschen wie ein Museum. Auf deutscher Seite: Ausrangierte Nostalgie-Waggons.

Nostalgie in Betrieb

Auf tschechischer Seite: Alte Loks noch in Betrieb.

Deutsch-Tschechische Grenze

Dass hier einmal der eiserne Vorhang herunter gelassen war, kann man kaum noch glauben. Ein kurzer Schritt und schon ist man „drüben“. Klasse dieses Europa.

Ich war vor rund 40 Jahren das erste und einzige Mal in der damaligen Tschechoslowakei. Ich gestehe, dass ich auch über das neue, moderne europäische Tschechien erschreckend wenig weiß. Mein nicht ganz vorurteilsfreies Basis(halb)Wissen: Roma-Diskriminierung, Rechtsextreme in Parlament und Verwaltung, ein einigermaßen skurriler Präsident (Klaus), der ab und zu beim Kugelschreiber-Klauen erwischt wird (kein Witz – es gibt Youtube-Videos!) und der längste Rotstrich der Welt entlang der deutschen/tschechischen Grenze.

Aus letzterem Grund war mein Klaus gekommen. Ich hatte ihn aber gewarnt, er solle sich benehmen!

Nach der Grenze zuerst ein Schild mit deutsch-tschechischem Sprachkurs!

Praktisches Wörterbuch für unterwegs

Dann gleich in voller Größe die Einstimmung für diesen Samstag.

100 Meter auf tschechische Gebiet

Ich machte mir Sorgen um Karl.

Das Dörfchen Zelezna Ruda deutlich belebter als sein bayerisches Pendant.
Cafés waren geöffnet, an jeder Ecke ein Spielkasino und überall Asia-Läden als kleine wilde Straßenmärkte. Und wie immer, egal wo auf der Welt, kaum ist der Fotoapparat gezückt, verschwinden die asiatischen Verkäufer als seien sie nur Schatten, die sich im Licht sofort auflösen. Die (AllerWeltsSehrBillig)Ware scheint wohl nicht ganz legal zu sein. (Weiter drin immer Zigaretten und Alkohol!)

Eigentlich waren hier 4 - 5 Vietnamesen (?), als ich die Kamera zückte

Zweitausend Einwohner bevölkern das Grenzstädtchen und, soweit ich gezählt habe, mindestens ein halbes Dutzend Puffs.

Erwerbszweig Tourismus

Ich fragte Karl wie viele Synonyme er für „Huren“ kenne.
Nutte, Prostituierte, Strichmädchen, Damen des horizontalen Gewerbes, Flittchen, leichtes Mädchen: Es sprudelte nur so aus ihm heraus.
Ich fragte ihn dann, wie viele Bezeichnungen er für „Freier“ kenne.
Schweigen.

Wir brachen das Gespräch ab.

Die Nacht graute. Frühe Ausgehzeit. Karl und ich beschlossen, einige der Etablissements zu besuchen. Aber zur Sicherheit band ich Karl einen rot-weißen (Tiroler !!!!) Keuschheitsgürtel um. Sein Protest nutzte nichts! Hinten zugeschweißt!

Unglücklicher Karl

Der Abend verlief wie so viele solcher Abende verlaufen. Warten, dass etwas geschieht.

Karl wurde immer unruhiger. Die Mädchen boten sich an. Die Hälfte von ihnen kamen aus der Ukraine. Ein Viertel irgendwo aus dem ferneren Osten und das andere Viertel aus Pilsen. Ungewöhnlich viele hatten schon einmal in Deutschland gearbeitet: München, Nürnberg, Stuttgart, Köln. Aber die Konkurrenz dort war zu stark, immer mehr jüngere zogen nach. Die, die in diesen Clubs waren, waren wieder zurück gezogen. Sie wurden älter. Hatten Kinder zu versorgen.

Die Freier: Ausschließlich Deutsche. Einige ältere Herren. Manch kleine Jugendgruppe, die mal schnell den Trip über die (nicht vorhandene) Grenze gemacht hatte. Diskos und Clubs gab es in ihren gottesfürchtigen niederbayerischen Dörfern ja nicht. Nur Tankstellen (selten) zum Vor- und Ausglühen.

Erst fiel der Eiserne Vorhang und dann die deutsche Hose!

Später in der Nacht wechselten Karl (frustriert) und ich in die einzige offene Kneipe, die
a) kein Casino und
b) kein Striplokal war.
Hier saßen nur Einheimische. Und nur tschechische Jugendliche und so gut wie nur Jungs.
Karl fiel auf, dass sie körperbetonter waren als seine deutschen Freunde. Ständig drückten sie sich an die Brust, küssten sich auf die Backe, kippten einen unbekannten Schnaps und lachten und grölten.
Manchmal warfen sich zwei von ihnen zwischen den Tischen mit dem Rücken auf den Boden und versuchten sich in Fußhakeln. Was in Bayern Armdrücken ist, ist in Zelezna Ruda anscheinend Beindrücken. Die Haxn werden ineinander verhakt und dann versucht einer des anderen Extremität auf den Boden zu drücken. Gegröle, Geschrei, noch ein Schnaps und noch ein Backenkuss mit einem Klitschko-Lächeln.

Durst: Pilsener Urquell (scheint landesweit Identitäts-stiftend zu sein). Gezapft. Süffig. 1,50 Euro.

Hunger: 1/4 gebratene Ente mit Knödelvariation (meinen ersten Brotknödel gegessen) und Rot- und Weißkraut. Gut. 6,50 Euro.

Unterkunft: 24 Euro (inkl. Frühstück – Rührei mit Speck).