Zur Befreiung der Bratwurst nach Lottstetten

Waldshut mit Sonnenstrahlen im Kreuz verlassen.

Tor zur kleinen Welt

Tor zur kleinen Welt

Halb zehn durch das (untere? oder obere?) Stadttor geschritten. Ziel: weit kommen. Dass es 38 km werden würden und ich in Lottstetten Rast machen würde, konnte ich nicht wissen.

GPS-169-Waldshut

GPS-Gesamtstrecke bis 169

Der Rhein hatte sich noch nicht dem Wetterumschwung angepasst, führte statt himmelblauem Wasser immer noch eine wolkentrübe Brühe mit sich.

Nicht rein der Rhein

Nicht rein der Rhein

Meist folgte ich einem kleinen Trampelpfad am deutschen Ufer. Nicht allzu häufig durchwanderte ich kleine Ortschaften.
Manche mit beeindruckenden Häusern.

Mächtig

Mächtig

Einige mit alemannischen Narrenbrunnen.

Schalk

Schalk

Der Rhein übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus, so träge wie er mir entgegen floss. Stunden konnte ich laufen, ohne mich in Gedanken zu verlieren.

Gegen drei Uhr zeigte sich am Schweizer Ufer die Rheinsiedlung Kaiserstuhl.

Rheinuferbeherrscher

Rheinuferbeherrscher

Mächtige Patrizierhäuser. Nicht alle restauriert.

Glanz der alten Tage

Glanz der alten Tage

Der Ort war menschenleer. Ebenso das Ausflugsboot am Ufer.

Dichterboot

Dichterboot

Nicht einmal das alte Zollhaus auf der deutschen Seite war besetzt. Wie oft sich wohl Touristen in diese Kulissen verirren?

Zoll-Burg

Zoll-Burg

Weinberge auf der deutschen Seite kündeten den Weiler Hohentengen an. Das südlichste Weingebiet Deutschlands.
Eigentlich wollte ich hier meine Etappe beenden und testen, ob der Wein auch trinkbar ist. Halb vier war es mittlerweile geworden.

In Hohentengen gibt es aber keine Pension und kein Hotel, nur private Ferienwohnungen. Darauf hatte ich heute keine Lust.
Obwohl schon reichlich müde, setzte ich meinen Weg fort.

Ob der gut ist ?

Ob der gut ist ?

Noch einmal mindestens 3 Stunden!

Ich entfernte mich ein wenig vom Flusslauf, suchte jetzt den direkten Weg nach Lottstetten, in dem es Unterkünfte geben sollte.
Die kaum befahrene Straße führte durch die Schweiz.

Unaufgeregte Landschaft

Unaufgeregte Landschaft

Unterwegs immer wieder Plakate, die zu einer Volksabstimmung aufriefen.
„Bratwürste legalisieren!“

Völker hört die Signale. Die Schweiz befindet sich offenbar im letzten Gefecht! Oder war das ein feiner, versteckter Kommentar zur zeitgleich (22. September) stattfindenden Bundestagswahl in Deutschland?

Ich konnte mir jedenfalls keinen Reim drauf machen.

Hört die Signale!

Hört die Signale!

Mit brennenden Fußsohlen und von der Last des Rucksacks reichlich buckel-krumm erreichte ich in der Dämmerung gegen halb acht endlich Lottstetten.

Hunger: Schweinegeschnetzeltes. 14 Euro. Versalzen.

T169-Essen-01

Der Koch war ein in die Jahre gekommener Freak, mit Zwirbel-Ziegen-Bart und voller Tattoos.
Ich fragte ihn nach der merkwürdigen Bratwurst-Abstimmung. Er wusste auch nichts darüber, kam aber sehr schnell auf das Thema „Legalize it!“ und damit auf sein Lieblingsthema: Ami-Bashing! Die Amis hatten es ihm seit seinem letzten Urlaub angetan. Sie waren selbstverständlich an allem schuld. Weltweit. Dabei seien sie völlig „kulturlos“ – und das war noch der harmloseste Ausdruck.
Des Kochs Erweckungserlebnis: Er hatte irgendwo in den Staaten gesehen, wie ein Autofahrer nach dem anderen in eine Seitenstraße abbog und an einer Kasse 2 Dollar bezahlte. Das hatte seine Neugier geweckt, er hatte sich gefragt, was es da wohl zu sehen gäbe und war der Autoschlange gefolgt. Kaum bezahlt, sah er einen gigantischen Mammutbaum vor sich, aus dem ein ebenso riesiges Loch herausgehauen worden war, durch das die Straße durchführte.
Die Besucher zahlten also 2 Dollar dafür, um mit ihrem Auto durch einen Baum durchzufahren.
Der Koch konnte sich kaum noch beruhigen.

Ich ging noch ein Bier trinken. Vielleicht waren es auch zwei oder drei.

T169-Bier-01

Fürstenberg ist neben Rothaus (Tannenzäpfle) mein Favorit in Sachen Bier aus Ba-Wü. Ganz nebenbei einer der ältesten Gerstensäfte Deutschlands. Unternehmen 1283 gegründet!!!! Werde das tausendjährige Jubiläum leider nicht mehr erleben.

Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

Durch den Seniorensommer nach Bad Säckingen

Weil am Rhein ist eine eigenartig unwirtliche Stadt. Das Zentrum wie ein lang gezogenes Straßendorf mit Einkaufszentren.
Die Restaurant-Dichte ist erstaunlich, aber es gibt fast ausschließlich Imbiss-Fast-Food. Türkisch, Chinesisch, Italienisch (alles zum Mitnehmen). Dazu eine Auswahl an 1 Euro Läden.

Viele Migrationshintergrund-Gesichter in den Straßen.
Viele Arbeiter-Gesichter. Gesichter, die andeuten, dass die Menschen nur kurz hierher kommen wollten und dann doch geblieben sind. Seit Jahrzehnten schon.
Sie haben Weil zur Grenzstadt gemacht. Unfreiwillig Deutschgewordene. Bald wohl die einzigen Sprecher des lokalen Dialektes. Herrlich ihr Badisch! Sie beherrschen selbst den kehligen Krachlaut der Schweizer.

Vom Zentrum Weils zur eidgenössischen Grenze ist es ein Katzensprung.

Seit die Schweizer ebenfalls Schengener geworden sind, gehören auch Zollhäuser zu den Immobilienleerständen.

Nutzlos

Nutzlos

Um 8 Uhr den Rucksack geschultert. 33 km lang war die Tagesetappe. Das Ziel: Bad Säckingen.

GPS-167-Weil

GPS-Gesamtstrecke bis 167

Der Grenzverlauf in der Weiler Gegend ist reichlich zickzackig.

Schon bald verließ ich wieder die Schweiz. Das letzte Haus vor der Grenze in Riehen: ein Museum, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte.
Eigentlich eine Gedenkstätte. Für Juden, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet und von dort wieder nach Hitler-Deutschland zurückgeschickt worden waren.

Sehr spät bekennt sich die Schweiz zu ihrer Schuld am Tod von jüdischen Bürgern.

Sinnvoll

Sinnvoll

Das Museum hatte so früh am Morgen noch nicht geöffnet. Schade. Ich zog weiter Richtung Rhein.

Die Landschaft wurde hügelig. Basel und Weil verschmolzen aus der Ferne zu einer Stadt.

Nah und Fern

Nah und Fern

Obwohl nur 500 m hoch, fühlte ich mich manchmal wie auf Almen.

Der Berg ruft

Der Berg ruft

Der Schwarzwald ächzte unter der Last der Gewitterwolken.

Schwarzer Wald

Schwarzer Wald

Wieder im Tal, machte ich eine kurze Pause im Garten des Beuggener Wasser-Schlosses.

Sinksicher

Unsinkbar

Im Dorf Schilder vor Bäckerläden, die ich nicht verstand.
Was um Himmelswillen sind Waie? Oder Ziebele?

Ist das Alemannisch?

Ich versteh kein Ausländisch

Ich versteh kein Ausländisch

Auf dem Weg zum Rhein ein außergewöhnliches Kriegsdenkmal.
Aus dem Jahr 1815!

Martialisch

Martialisch

„Hier ruhen 3000 tapfere österreichische Krieger der Schwarzenbergischen Armee, zusammen mit Bayern, Sachsen, Preussen, Württembergern. Welche nach ruhmvollen Kämpfen in den Befreiungskriegen 1813-1815 im K.K. Feldspital Beuggen an ihren Wunden und am Nervenfieber den Heldentod starben.
Wer so wie wir den grossen Schwur gelöst! Wer so für Gott und Vaterland gefallen, der lebt im Herzen seines Volkes fort.“

Grenzgebiet! Und die Narben werden sichtbar! Auch hier an der Grenze mit der Schweiz.

Der Rhein trennt (und vereint) beide Nationen.

Uferbebauung

Uferbebauung

Endlich hatte ich wieder den Grenzfluss erreicht.
Ein Süßwasserkapitän steuerte sein Ausflugsboot genau auf der Grenzlinie.

Grenzdampfer

Grenzdampfer

Bis hierhin war der Rhein beidseitig dicht bebaut. Hinter Rheinfelden dann immer wieder kurze Naturufer-Einsprengsel.

Klein der Weg, groß der Fluss

Klein der Weg, groß der Fluss

Der Fluss wurde richtig schön.
Schwäne haben ihn kolonialisiert und Mensch und Schiff vertrieben.

Schwanengesang 1

Schwanengesang 1

Schwanengesang 2

Schwanengesang 2

Schwanengesang 4

Schwanengesang 3

Schwanengesang 4

Schwanengesang 4

Abgekämpft und reichlich durstig erreichte ich um halb sieben Bad Säckingen.

Die längste überdachte Holzbrücke Europas überspannt den Rhein nach Stein in der Schweiz.

bridge over water

bridge over water

Über die Brücke kamen auch diese wilden Kerle und machten mir gleich Probleme.
Gerade hatte ich dieses Foto geschossen, kam ihr Anführer auf mich zu und belehrte mich über das Presserecht. Kein Foto ohne Einwilligung!
Aber er ließ mir einen Ausweg: Mit einem „kleinen“ Beitrag könnte ich das Copyright am Foto erwerben.

I'm a hobo

I’m a hobo

Ich kaufte mich mit einer Spende und später mit einer Runde Bier frei und die Gesellen ließen mich noch zwei weitere Schnappschüsse machen.

Me hobo too

Me hobo too

Mindestens – so erklärten mit die jungen Dachdecker – drei Jahre und 1 Tag müsse man auf die Walz. Wenigstens einen Tag länger als die Ausbildung dauere. Das sei Tradition.

  • Auch Frauen zögen immer häufiger mit. Unterwegs hätten sie Schäferinnen, Kirchenmalerinnen, Steinmetze getroffen.
  • Die meisten seien mittlerweile weltweit auf der Walz. Ein Flugticket lasse man sich vom Arbeitgeber statt Lohn bezahlen.
  • Geschlafen hätten sie letzte Nacht im Eingang eines Supermarktes. Nicht immer finde man Meister oder Menschen, die einem Unterschlupf böten. Geld hätten sie eigentlich nie.
  • Dass Dachdecker und andere Berufsgruppen auf die Walz gingen, hinge damit zusammen, dass früher die Meister nicht genügend Arbeit für ihre Lehrlinge hatten und diese daraufhin in der Region herumschickten. Daraus sei diese Wanderbewegung entstanden.

Während wir uns unterhielten, kritzelten einige etwas in sehr dicke Tagebücher.
Wanderbuch“ stand auf den Klappen. Ich fragte, ob ich mir eines einmal anschauen könnte. Sie waren entsetzt. Das ist das Heiligste was sie hatten und das Intimste.
In den Wanderbüchern führen sie die Zeugnisse, Empfehlungen, Widmungen ihrer vielen Arbeitgeber mit. Auf den Buchseiten verewigen sie aber auch ihre Liebschaften, ihren Kummer und ihre Dummheiten.

Als ich mich von der Gruppe verabschiedete, bekam ich gerade noch mit, wie zwei miteinander ernsthaft verhandelten und dann etwas tauschten: eine fast leere Zahnpastatube gegen einen großen Wamsknopf.

Über das Gespräch mit den bunten Vögeln hatte ich fast vergessen, mir eine Unterkunft zu besorgen. Als ich von Hotel zu Hotel zog, wurde mir klar, dass diese Stadt völlig überbucht war.
Mit viel Glück fand ich doch noch ein freies Zimmer. Ich fragte den Portier was denn heute los sei?
„Wieso heute?“ antwortete er. Die Schul-Ferien seien zwar vorbei, aber jetzt habe eine andere Saison begonnen: der Seniorensommer!

Durst. Eines meiner Lieblingsbiere: Tannenzäpfle der Rothausbrauerei Freiburg. Nur Klasse!

T168-Bier-01

Hunger: Gebratene Forelle mit Couscous- und Kartoffelsalat. 12 Euro. Naja!

T168-Essen-01

Unterkunft: 69 Euro (mit Frühstück).