An des Kaisers Nacktem Arsch vorbei nach Waidring

Der Wilde Kaiser zeigte sein altes Wolkenkleid. Ich hätte es ihm gerne ausgezogen, um seine nackte Pracht zu sehen.
Er sträubte sich – fast den ganzen Tag.

Dabei sieht der blanke Fels mit den markanten Zacken so großartig aus.
„Bergsteigers Grab“ wird ein Aufstieg genannt. Am Nackten rutschen viele aus.

Go Pink

Go Pink

Zufrieden hatte ich um 10 Uhr meine Unterkunft verlassen. „Glückshotel“ hatte sich der Betrieb genannt. Eine bleistiftschlanke Empfangsdame hatte mir gestern Abend einen Sonderpreis gemacht (Doppelzimmer ohne Einzelzimmerzuschlag) und sofort die Endorphinausschüttung in mir verdreifacht.
Am Frühstückstisch fand ich heute zudem einen Korb mit Wanderproviant vor (Flasche Sprudel, Snacks, vier Minitüten Gummibärchen und etwas Obst).
Ich merkte mit Erschrecken: Ich war emotional bestechlich.

Mein heutiges Ziel: Waidring. Ungefähr 26 Kilometer zu laufen.

GPS-187-Ellmau

GPS-Gesamtstrecke bis 187

Den zweiten Tag durchwanderte ich jetzt schon dieses Tal. Die meisten Häuser: reine Fassaden-Idyllen. Außen Bauernromantik. Innen Tourismusindustrie.

Und dennoch: Es gab die Erinnerung daran, wie es einmal war.
Blütenpracht auf den Balkonen.

Fleurop war hier

Fleurop war hier

Viele stattliche Häuser mit Giebelkreuz, Giebelhahn und Giebelglocke geschmückt.

Besser ein Hahn auf dem Dach

Besser ein Hahn auf dem Dach

Sogar noch bewirtschaftete Heuschober wirkten museal.

Alt geworden

Alt geworden

Was für ein Gefühl wäre es, so ein Haus das ganze Jahr zu bewohnen?

Balkonien

Balkonien

Oder so eines?

Sunny Side

Sunny Side

Oder vielleicht hier?

Traumlage

Traumlage

Wäre das Glück? Ein bisschen? (Oder ist Glück immer nur absolut und nie „ein bisschen“?)

Der Herbst schmierte seine Leuchtfarben verschwenderisch in die Blätterlandschaft.

Fallende Blätter = Fall

Fallende Blätter = Fall

„Blätter weg – Winter kommt“ sagte Wastl lakonisch. Fast hätte ich ihn überhört und ich war auch nicht sicher, ob er zu mir oder zu seiner Braut gesprochen hatte. Wastl war ein Tiroler Wetterfrosch, der aus allerlei kruden Anzeichen eine Klimaprognose erstellen konnte. Für übermorgen sagte er Schnee in den höheren Berglagen voraus und pustete aus vollen Backen schon mal ein paar Flocken hinaus.

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Ich packte Wastl samt Freundin in den Rucksack.Vielleicht konnte er mir noch nützlich sein.

Nach zweieinhalb Stunden stand ich im Zentrum von St. Johann in Tirol. Pittoresk.

Stadt-Bild

Stadt-Bild

Häuser wie Theaterkulissen.

Kunstvoll

Kunstvoll

Ich trank einen Grünen Veltliner und sah bestiefelten Damen zu, wie sie sich für den Winter präparierten (Mützenkauf!).

Danach erneut auf die Walz. Berg rauf, Tal runter. Aber meist einfaches Gehen.

Bequemer Weg

Bequemer Weg

Ab und zu fühlte ich mich beobachtet.

Big Cow is watching you

Big Cow is watching you

Mit der Landschaft war ich nun vertraut. Es gab kaum Abwechslung. Umso mehr weckten kleine „Kulturgüter“ mein Interesse. Wegkreuze. Oder Schilder wie dieses:

Gedenken

Gedenken

„Anno 1809, den 12. Mai, wurden Simon Stöckl, Witwer zu Bergstett,
Wofgang Oberhauser, Wirt zu Brixen, Christian Telfer,
Stefan Koller, Schickenlapp, Getraud Kogler, Dirn
am Weizenbichl, von Feindeshand hingemordet u. hier bestattet.
Vor der Geißel des Krieges bewahre uns o Herr! R.I.P.“

Einen Steinwurf weiter: Eine Kleinstkapelle mitten auf einer Wiese.

Gedenken 2

Gedenken 2

Erst als ich eintrat, entdeckte ich, dass sie den loalen Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet war.

Ist diese Art von namentlicher Erinnerung an die Toten aus 2 Jahrhunderten mehr als nur Warnung vor dem Blutzoll eines Krieges?

Gedenken-3

Gedenken-3

Ich wollte Wastl nach dieser Art der Tiroler Vergangenheitskultur befragen, aber Wastl war in neckische Spiele mit seiner Braut vertieft. Er funktionierte mein volles Bierglas zu einem Spiegelkabinett um.

Breites Grinsen

Breites Grinsen

Ärgerlich zog ich den Wetterfrosch hinter dem Glas hervor und sah erst jetzt, dass er ein Paradetiroler war. Hosenlatz, feste Bergschuhe, Tiroler Hut.
Mir wurde klar, dass die Tiroler vielleicht noch bessere Image-Vermarkter sind als die Oberbayern.
Das Besondere an den Tirolern. Sie pflegen ihr Bild eines rebellischen Bergvolkes.

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„Alles Quatsch“ – hörte ich Wastl murmeln.

Kaiserwetter am Nachmittag. Wohl der letzte Sonnentag für längere Zeit.

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Hinter jedem Hügel ein Kirchturm

Von der Ferne konnte ich plötzlich den Wilden Kaiser sehen. Er zeigte mir die Rückseite. Den nackten Arsch sozusagen. (Auf der Vorderseite war er war er wohl immer noch schamhaft verhüllt.)

Backside

Backside

Wiesen wie Meere, aus denen bewaldete Inseln aufstiegen.

Greenland

Greenland

Nach 7 1/2 Stunden erreichte ich Waidring. Das Dorf umgeben von Retortensiedlungen im Tiroler Landhausstil.

Retorten Dorf

Retorten Dorf

Durst: Ich blieb beim Grünen Veltliner.

Hunger: Geschmorter Wildschweinbraten mit Serviettenknödel, Rotkraut und Speckchips. Sehr gut. 12,90 Euro.

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Unterkunft: 55 Euro (mit Frühstück).

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