Auf Erinnerungswegen nach Winterspelt

Es waren keine konkreten Kindheitserinnerungen, aber beständig pulste ein Gefühl des Bekannten in mir.
Ich war hier schon einmal!

Durchblick

Durchblick

Gestern, als ich abgekämpft durch den Torbogen der Burganlage zum Hotel gegangen war, hatte mich diese Ahnung beschlichen.

Nicht dass ich mich an diese fantastischen Türheiligen erinnerte.

Shivering outside

Shivering outside

Mit 6,7 Jahren sind einem solche Verzierungen ziemlich Wurst.

never shivers

never shivers

Und auch die kunstvolle Art Jesus immer wieder aufs Neue an Stein zu nageln, um die Kreuze dann an den schönsten Plätzen der Anlage aufzurichten, interessiert einen Erstklässler reichlich wenig.

always on the bright side of life

always on the bright side of life

Woran ich mich erinnerte war, dass ich vor über 50 Jahren einige Male mit meinem Patenonkel, meiner Tante und meinem zwei Jahre jüngeren Cousin Ferien in der Eifel verbracht hatte. Seitdem war ich nie wieder in die Eifel zurückgekehrt.
Gestern Abend rief ich meine (inzwischen über 80jährige) Tante an und fragte sie aus, wo wir denn damals gewesen seien.
Es war Kronenburg.

Meine Tante war hier geboren und durch diese Tür sind wir damals in das Haus ihrer Familie gegangen.

1603 !!!

1603 !!!

Der Onkel meiner Tante wohnte hier im Haus mit den rosa Türen.

Shivering inside

Shivering inside

Und gleich nebenan dessen Schwester. In diesem Garten tollte ich als Kind 3 Wochen lang!

Mein Ferienhaus

Mein Ferienhaus

Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr an diese Zeit. Eigentlich nur noch eine konkrete: Ich hatte damals meinem jüngeren und staunenden Cousin nachdrücklich versichert, dass es weder einen wirklichen Nikolaus gäbe noch einen realen Osterhasen der Geschenke brächte. Und für diese Desillusionierung seines Sprösslings hat mir mein Onkel eine ziemlich schmerzhafte Ohrfeige verpasst.
Dieser Vorfall hat mir die Eifel für lange unsympathisch gemacht.

Die Tante meiner Tante wurde übrigens gesegnete 105 Jahre alt. Die letzten lange Jahre musste sie in einem Pflegeheim verbringen, was ihr Vermögen auffraß, das im Wesentlichen aus dem Haus bestand.
Auch die restlichen Häuser der Familie meiner Tante (alle in der Burganlage) sind längst verkauft.

Die Neu-Besitzer: vermögende Unternehmer aus Bonn, Köln oder Aachen. Sie haben Kronenburg zu einer Wochenend-Ferien-Residenz gemacht.

Jetzt verstand ich auch, warum in den Straßen dieser wunderschönen Anlage keine Bewohner zu sehen waren.
Kein Wochenende!

Museumsstille!

Mehr als ein Hügel

Mehr als ein Hügel

Es hatte mich am Morgen einige Zeit gekostet, eine Einheimische aufzutreiben, die sich an meine Tante und die Geschichte ihrer Familie in Kronenburg erinnerte und die mir auch die Häuser zeigen konnte, dich ich natürlich nicht mehr kannte.
Eine freundliche zufriedene Frau, die so gar nicht zu meinem Vorurteil der knorrigen, ruppigen und in sich gekehrten Eifeler passte.

Um halb 11 verabschiedete ich mich von ihr und nahm mein eigentliches Tagesziel ins Visier: Winterspelt. 32 km entfernt.

GPS-138-Kronenburg

GPS-Gesamtstrecke bis 138

Der kürzeste Weg nach Winterspelt führte über Belgien.

Auf dem Weg dahin kein Horizont ohne Windspargel. Sie machten ziemlich Lärm!

Wind Wind, lautes Kind!

Wind Wind, lautes Kind!

Kurz hinter Kronenburg war es vorbei mit Nordrhein-Westfalen. RHEINLAND PFALZ begann. Meine Heimat! (Wenn ich mich auch mehr als Pfälzer fühle denn als Rheinlandpfälzer (mit den Rheinländern habe ich wenig am Hut).)

Der erste Ort: Hallschlag. Unwirtlich, rau, kalt, abweisend.

Schläge hallen

Schläge hallen

Abgekoppelt von der Welt. Selbst die Eisenbahnschienen wurden entfernt.

Ausrangiert

Ausrangiert

Früher, das heißt vor dem Schengener Abkommen, gab es außerhalb Hallschlags Zollhäuser, direkt an der belgischen Grenze.
In einem arbeitete (und wohnte) mein Patenonkel, dem ich meinen zweiten Vornamen verdanke: „Alois“ (pfälzisch ausgesprochen und auf dem ersten Vokal betont: „Allwis“).

Von seinem Arbeitsplatz konnte er sein Einsatzgebiet ins Visier nehmen. Das deutsch-belgische Grenzgebiet.

Grenzen sind schön

Grenzen sind schön

Mir klingen noch seine Erzählungen im Ohr, wie er hier heldenhaft Schmuggler gejagt und bis 1985 (Schengen!) hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Nur was genau damals geschmuggelt wurde, das wusste ich nicht mehr.

Zum letzten Mal durchquerte ich auf meiner Grenzwanderung kleine belgische Dörfer. Allesamt mehrheitlich bewohnt von der deutschsprachigen Minderheit.

Ganz unten im Tal sprang ich von Belgien nach Deutschland zurück.

Über Brücken musst du geh'n

Über Brücken musst du geh’n

Ob mein Onkel auch auf diesem Brückchen Schmuggel-Halunken gejagt hatte?

Eine halbe Stunde weiter oben – auf einem (ziemlich mühsam zu bewältigenden) Hügel – lag Auw.
Hungrig und durstig betrat ich die Dorfgaststube. Ich bat um Wasser (Sprudel) und Bier (Bitburger) und um eine Suppe.

Die Wirtin fragte, ob ich ihre Brennnesselsuppe probieren möchte. Die habe sie eigentlich nur für die Familie gekocht.
Warum nicht.

T138-Essen-02

„Geschnitten, nicht püriert“!

Das, so erklärte mir die Wirtin, sei extrem wichtig für den guten Geschmack! Sie schneide die jungen Brennnesseln mit der Schere in die Brühe. Püriert schmecke das ganz anders und längst nicht so intensiv.

Ich fragte sie, ob sie die Brennnesseln selbst ernte und wie sie das mache ohne sich ständig zu verätzen.
Sie meinte, sie fasse die Pflanzen mit bloßen Händen an, das mache ihr überhaupt nichts.
Mutig!

Ich fragte sie, ob sie sich an die Schmugglerzeiten hier erinnere?
Und wie!

Geschmuggelt wurde in den 50er und 60er Jahren vor allem Kaffee! Die Männer aus den Dörfern gingen in das nahe Belgien und kauften dort säckeweise Kaffee, der in Deutschland als extremer Luxus galt.
Wie oft waren sie von den unbarmherzigen Zöllnern ertappt worden und hatten ihre vollen Kaffe-Säcke in das Grenzbächlein werfen müssen.
Geschmuggelt wurde damals auch viel Tabak. Überwiegend Pfeifentabak, den man noch selbst zurecht schneiden musste.

Später kamen dann Zigaretten und Alkohol dazu.

Sie hatte feuchte Augen als sie von der Vergangenheit sprach.

Ich bezahlte, bedankte mich für Suppe und Auskunft und ging meinen Weg weiter.

Schneifelhaus

Schneifelhaus

Ich durchlief die Schnee-Eifel. Berühmt dafür, dass man hier auch im Sommer friert. Die Häuser robust. Der Wind schob die Wolken über die Bergdörfer. Dort hatten sie Gelegenheit sich auszuregnen.

Himmel drückt

Himmel drückt

Selbst steinerne Wegkreuze hingen windschief in den Feldern.

Windschief

Windschief

Die Höhe hatte mich ausgekühlt und die gelegentliche Sonne vermochte mich nicht aufzuwärmen. Nach bald 9 Stunden Wandern sehnte ich mich nach einer Unterkunft!

Welch eine Gemeinheit, dass ich noch einmal – kurz vor Schluss – einen heftigen Anstieg vor mir hatte.

Es gibt kein Ende!

Es gibt kein Ende!

Selbst Straßentunnel mussten in der Schnee-Eifel massiv gebaut werden, um nicht vom Wind weggeweht zu werden.

Door to what ?

Door to what ?

Winterspelt um halb acht erreicht.

Am Schluss gibt's immer 'ne Kirche

Am Schluss gibt’s immer ’ne Kirche

Hunger: Wiener Schnitzel mit Pommes. (Ich war in einem gutbürgerlichen Restaurant gelandet. Ich hätte auch noch Jäger-Schnitzel oder Schnitzel Hawaii wählen können). 9 Euro.

T138-Essen-01

Unterkunft: 40 Euro (mit Frühstück).

Ein Gedanke zu „Auf Erinnerungswegen nach Winterspelt

  1. Gestern mit Paps noch über die „Schneifel“, Kronenburg und Hallschlag geschwätzt. „Vielleicht erinnert er sich noch?“
    Saukalte Eifel – eigentlich immer. Fuchs und Haas‘ sagen sich da gute Nacht.
    Die Fröhlichkeit der Pälzer aus der Vorderpfalz fehlt da ganz.
    Bei uns ist aber im Moment das Wetter auch net besser.

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