Frontberichte entlang der Neiße verfolgen mich bis Guben

Beim Frühstück kam mein Herbergsvater aufs Thema: „Hier stand die Front!
Ich hatte ihn eigentlich nur danach gefragt, warum Forst so ausgesprochen hässlich aussah.

Forst hatte vor dem Krieg einen Stadtteil (7 000 Einwohner) östlich der Neiße. Zu Kriegsende verschanzten sich dort die Russen und feuerten auf die Kernstadt.
Dort saß wiederum die Wehrmacht und ballerte zurück.
Das Ergebnis: Der Stadtteil, der heute auf polnischem Gebiet läge, existiert nicht mehr. Er wurde von der Wehrmacht dem Boden gleich gebombt.

Brückenruinen im Neiße-Bett:

Brücken sind dafür gedacht zu verbinden

Das alte Zentrum von Forst ist heute eine grässliche Ansammlung von Plattenbauten.

Mein Herbergsvater gab mir dazu und zu den polnischen Nachbarn folgende Erläuterungen:

  • Die DDR hat nie Interesse an Wiederaufbau gehabt. Im Gegenteil, sie hat immer hemmungslos weiter abgerissen und dafür die Plattenbauten hingerotzt.
  • Auf polnischer Seite war das im Landesinnern zumindest völlig anders. Da wurden vormals deutsche Städte wieder aufgebaut.
  • Nur im direkten Grenzstreifen zu Deutschland wurde nichts investiert. Alle glaubten, die vertriebenen Deutschen kämen irgendwann zurück. Das änderte sich erst mit dem Kniefall Willy Brandts. Ab da gewannen die Polen Vertrauen, dass sie das Land dauerhaft besitzen und bewirtschaften konnten. Langsam, ganz langsam begännen die Polen nun auch auf ihrer Neiße Seite zu investieren. Trotzdem sähe es da an manchen Orten immer noch aus wie direkt nach 1945.
  • Mittlerweile kauften wohlhabende Polen sogar einige der noch existierenden Gründerzeitvillen in Forst und restaurierten sie. Die Jugend und die gut Ausgebildeten seien schon lang aus Forst weg in den Westen. Damit auch das Geld. Wobei – gerade herrsche hier wieder Mangel an Arbeitskräften.

Ich dankte ihm für die kurze Einführung in die Geschichte Forsts. An den Grenzen sind die Narben der Geschichte besonders hässlich. Wieder wurde mir das drastisch vor Augen geführt.

Ich machte mich um 9 Uhr auf den Weg nach Guben. 34 km lagen vor mir.

Die Neiße änderte einfach nicht ihr Gesicht. Fast jeder Kilometer sah gleich aus.

Wer zweimal in den selben Fluss guckt, sieht doch immer denselben

Rote Milane am Himmel und in den Wiesen gefiederte Stelzengänger.

Kraniche (?) fischen im Schwarm

Auch Schwäne suchten nach etwas Essbarem.

Ich hab' noch nie Schwäne singen hören

Ab und zu eine Gruppe plaudernder Birken.

Bäume stehen im Rudel

Manchmal seltsame Rindviecher auf den Wiesen.

Bullen sind einsam

Es begann zu regnen. Aprilwetter. Ein alter Bauer (zumindest roch er danach) radelte an mir vorbei, grüßte und verlangte Auskunft, was ich hier herumlaufe. Ich erklärte es ihm.
Er fragte mich, ob ich keine Arbeit hätte, dass ich so viel Zeit zum Herumlungern verschwenden würde, ob ich keine Frau und keine Kinder versorgen müsste?
Ich schilderte das Notwendigste.

Dann fing er ohne Vorwarnung an von der Front zu sprechen.

Acht Wochen seien die Russen hier an der Neiße gestanden. Sein Dorf sei da drüben (im jetzigen Polen) gewesen. Sie seien vor den Russen geflohen. Schon am 2. Mai 1945 – bevor der Krieg offiziell vorbei gewesen war – sei er wieder zurück in sein Haus, das noch stand. Am 17. Mai sei dann die polnische Armee eingerückt. Innerhalb von Minuten habe er alles verloren. Nicht einmal einen Löffel habe er mitnehmen können. Am 17. Juni sei seine Cousine dort drüben erschossen worden.

Er schaute zu Boden, als er mit mir sprach. Er wirkte fast scheu. Er wollte reden. Dann kam der ganze Hass heraus, den er empfand. Er schimpfte über die Polen. Dann über die Alliierten, die sie im Stich gelassen hätten. 15 Millionen Vertriebene, die sich eine neue Heimat hätten aufbauen müssen. Ein Unrecht, dass nie wieder gut zu machen sei. Er hörte gar nicht mehr auf.

In den alten BRD-Ländern hätte man ihn einen Revanchisten genannt, in der DDR war er vermutlich ein Schweiger, heute ist er wahrscheinlich NPD-Wähler.

Und doch tat der Alte mir leid. Er stand vor mir, ungepflegt, seine weißen Brusthaare quollen aus dem blauen Hemdausschnitt, seine buschigen Augenbrauen ließen kaum seine traurigen Augen erkennen. Er erzählte mit gesenktem Blick seine persönliche Geschichte und zitterte in seiner Erinnerung. Alles hätten sie in seinem Dorf gehabt: 2 Bäcker, 1 Tischler, 1 Schlachterei, 1 Schule. Alles sei gut gewesen.

Als ich ihn fragte, ob er manchmal nach drüben ginge, die Grenze sei doch offen, giftete er mich an: Niemals!

Was dieser Krieg und diese verdammte Nazi-Gesellschaft angerichtet haben! Wieder lief ich durch schwieriges Terrain. Und mir wurde klar, dass ich bald auf der polnischen Seite weiter wandern musste.

Um 5 Uhr nachmittags erreichte ich Guben. Ich hatte zwei Stunden Kampf gegen Regen, Sturmböen, Hagel und jetzt auch noch Schnee hinter mir und war erschöpft.

Schnee im April gehört amtlich abgeschafft

Durst: Becks-Bier (Es gibt offensichtlich keine Regionalbrauereien in diesem Teil von Brandenburg).

Hunger: Ich war zu müde mir ein Restaurant zu suchen. Im Hotel war eine von Einheimischen gut besuchte Cocktail-Bar und ich aß ein paar Snacks. U.a. Kartoffelpuffer mit Graved Lachs. War okay.

Unterkunft: 60 Euro (mit Frühstück).

Ein Gedanke zu „Frontberichte entlang der Neiße verfolgen mich bis Guben

  1. Oh je, der alte Mann tut mir Leid…Die Wunden sitzen echt tief…

    Also ich stelle fest, Du versuchst deine Ernährung umzustellen?! Find´ich gut…Deine Ärtzin sieht irgendwie aus, als hätte sie die letzten Jahre als Viehdoktor im australischen Dschungel gearbeitet :-)
    Ich empfehle Dir Umschläge mit „Retterspitz“…

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