Oma Gerda verliert die Orientierung und ich bringe sie bis nach Annaberg

Das erste Schneeglöckchen auf meiner Wanderung.

Tränenreicher Abschied von Breitenbrunn

Der Frühling kommt doch. Auch im Erzgebirge!

Aber welch eine Täuschung. Ich war um 9 Uhr aus Breitenbrunn losgelaufen. Richtung Rittersgrün. Und schon nach einer Stunde war ich wieder von Schnee umgeben. (Gar nicht zu reden vom Nebel und Sprühregen.)

Plötzlich sah ich Gerda. Sie saß am Wegrand und schien zu vespern. Auf jeden Fall hatte sie Kaffee und eine Brotzeit dabei.

Oma Gerda vespert

Sie machte einen etwas verwirrten Eindruck. Ich fragte, wie sie denn hierher gekommen sei. Sie erinnerte sich nicht recht daran, flüsterte nur, dass sie ihre Senioren-Reisegruppe verlassen habe und spazieren gegangen sei und nun nicht mehr zu ihrem Hotel zurückfände. Es gäbe ja auch keine Wegkreuze hier, wo sie sich orientieren könne. Das sei alles zu „protestantisch“ hier und überhaupt auch zu teuer.

Ich gab ihr recht. Ich hatte ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass zumindest Unterkunft und Bier deutlich höherpreisiger waren als in der Oberpfalz oder in Niederbayern etwa.

Gerda fragte mich, ob ich sie nicht in ihr Hotel zurückbringen könnte. Ich wollte keine Zeit verlieren und bot ihr an, sie bis Oberwiesenthal mitzunehmen und sie von dort mit dem Bus nach Breitenbrunn zurück zu schicken. Sie war einverstanden.

Es sollte meine bislang längste Wanderung werden. 43 km lagen vor mir.

GPS-Gesamtstrecke bis 035

Schon nach wenigen gemeinsamen Schritten mit Gerda fing diese an zu reden (und hörte nicht mehr auf bis….).

Ob ich wisse, dass hierzulande alle Kinder mit blauen Augen geboren würden?
Und dass Sterbende auch wieder blaue Augen bekämen?
Erst vor kurzem habe sie bei ihrer siechen Schwester gesehen, dass auch diese ihre Augenfarbe geändert habe – ins Blau. Kurz vor dem Tod.
Sie, Gerda, sei auch schon über 80.
Ob ihre Augen denn jetzt auch blau seien?
„Nein“, entgegnete ich, „Sie haben braune Augen!“
Das beruhigte sie ein wenig.

Ob ich wisse, fuhr sie fort, dass die Seele eine Haut habe? Diese Haut könne Narben bilden, bei Verletzungen. Sie fühle ihre Narben ganz deutlich.

Ich versuchte mir das vorstellen: Seele mit Akne, mit Neurodermitis, mit Geschwüren und kleinen Warzen, mit Hornhaut. Welche Berufsfelder, Industriezweige und Produkte könnten neu entstehen: Seelen-Dermatologe, Seelenhautcremes (für Tag und Nacht), Seelen-Sonnenschirme, Seelenhautkuren. Man könnte aus der Seelenhaut Stammzellen gewinnen, um ganze Seelen zu klonen.

Wir liefen zusammen philosophierend immer weiter in den dichten Nebel hinein.

Road to nowhere

Gerda gefiel meine Armbanduhr. Vor allem der Höhenmesser. Ich gab sie ihr, damit sie genauer die Anzeige studieren konnte, immerhin waren wir schon auf 1.093m Höhe angelangt.

Keine Schleichwerbung! Es geht um die Höhenanzeige!

Und es ging immer noch weiter bergauf. Wir waren am Fichtelberg. Der höchsten Erhebung des Erzgebirges.

Auf dem Pass imposante Schneeverwehungen.

Als wär

Unterwegs ein Berghof. Ein Junge hackte Brennholz und meinte lapidar: Auch wenn es im Tal schon 15 Grad habe, bis hier hoch komme der Frühling nicht so schnell.

Mit der Axt lässt sich kein Winter vertreiben

Schließlich erreichten wir Oberwiesenthal, die höchst gelegene Stadt Deutschlands. Berühmter Ski-Ort. DDR-Helden wurden hier geboren/berühmt. Ich sagte Oma Gerda, dass ich sie jetzt zum Bus zu bringen würde, mit dem sie zu ihrer Seniorengruppe zurück fahren könne. Aber Gerda fand mich nett, wollte bei mir bleiben.
So legten wir eine kleine Pause in einem schönen Café, das schon zu DDR Zeiten für seine Konditor-Kunst berühmt war, ein. Ich trank einen Grog und Gerda naschte den berühmten Spitzkuchen (Mandeln). „Wenigstens das können sie hier, die Protestanten!„, schnaufte sie.

Gerda knabbert sich wie ein Biber durch den Kuchen durch

Noch lag der anstrengendste Teil des Tages vor mir: 23 km bis Annaberg. Überwiegend an der tschechischen Grenze entlang. Sie war nur ein paar Meter entfernt. Ich packte Gerda in den Rucksack zu meinen anderen Gästen und marschierte los.

Ich hörte noch, wie Gerda Kuno fragte, ob er wisse ….

Ich schaltete innerlich ab und konzentrierte mich, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es gab keine andere Möglichkeit, als an der Bundesstraße entlang zu laufen.

Unterwegs ein paar Straßendörfer und (erstaunlicherweise) immer wieder mittelständische Betriebe. Anscheinend rappelt sich die Gegend wirtschaftlich doch etwas auf.
Auch wenn man es vielen Fassaden nicht ansieht.

Alte Propaganda

Keine Ahnung, was da für ein ausgestopftes Tier rechts unten in der Garage stand. Auch bei näherem Hinschauen konnte ich es nicht identifizieren.

Wolpertinger ?

Um 19 Uhr traf ich endlich im ziemlich dunklen Annaberg ein. Obwohl nicht kalt, war so gut wie niemand in den Straßen.
Ein Hotel war schnell gefunden.

Durst: Pils von Braustolz (2,80 Euro (0,5 l)). Gut. Oma Gerda fand es sogar „ziemlich“ gut.
Brauerei aus Chemnitz (seit 1868). Mittlerweile von Kulmbacher übernommen.

Oma Gerda genießt gerade das Leben

Hunger:
Vorspeise: Mit Thymianhonig gratinierter Ziegenkäse auf Rucola-Tomate (6,50 Euro).

Hauptgang: Erzgebirgische Pilzpfanne mit Zwiebel und Knoblauch. Dazu Böhmische Knödel (8,50 Euro). Sehr schmackhaft.

Unterkunft: 65 Euro (mit Frühstück).

Die Nächte werden langsam zu lebhaft – komm

(Ras-Pudding nähert sich langsam der Hüterin an, Kristyna ist erzürnt, Oma Gerda belabert Kuno und Oskar und Erika flöten sich an.)

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